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Gustav Willgeroth/Notizen zur Geschichte Wismars 1901-1910

 

Nicht weit davon ist ein hoch gewachsener Baum verschwunden. Die alte mächtige
Schwarzpappel, die unmittelbar am Wasser neben der Rolandsbrücke gegenüber
dem Wasserturm stand, ist Febr. 1909 von der Axt gefällt. Über diesen Veteranen
des Lindengartens erzählt die von Mund zu Mund, vom Vater auf den Sohn
überlieferte Stadtchronik dem M. T. zufolge die nachstehende Geschichte.
Es mag wohl an die 170 Jahre her sein, als der Urgroßvater des vor eine Reihe von
Jahren in hohem Alter verstorbenen Schuhmachermeisters L. in der Altböterstraße
als munterer Wanderbursche in die Stadt einzog. Bei Kritzowburg hatte er sich von
einer Pappel ein Zweiglein geschnitten, das er als Handstock benutzte. Beim
Herannahen an die Stadt dachte der junge Schuhmacher darüber nach, ob er in
Wismar eine bleibende Stätte finden werde, wo er sein Glück machen könne. Da
kam ihm der Einfall, seinen frisch geschnittenen Handstock als Orakel zu verwerten.
Dicht an der damals noch stehenden Stadtmauer steckte er den Pappelzweig in die
Erde und sagte sich: „Wächst der Baum an, so bedeutet das Glück für mich und ich
bleibe hier, andernfalls werde ich wohl weiter wandern müssen" Und siehe da, das
Zweiglein wuchs und gedieh und es wurde ein stattlicher Pappelbaum daraus, der
vier Generationen der Familie L. in gutem Wohlstand aufwachsen sah. Nachdem
jedoch der letzte L. ohne männlichen Nachfolger gestorben ist, hat auch der alte
Pappelbaum seine Äste mehr und mehr hängen lassen und von sich geworfen. Und
weil er jetzt schon gar zu kahl und trübselig dreinschaute, ist er gefällt worden. (So
das M. T. vom 26. Febr. 1909. Die Geschichte ist hübsch, und ich habe sie darum
hier wiedergegeben. Sie könnte ja auch wahr sein. Allein in dieser Fassung
wenigstens begegnet sie doch schwerwiegenden Bedenken. Denn auch nach der
Erinnerung der so genannten ältesten Leute hat es in der Altböterstraße niemals
einen Schuhmachermeister L. gegeben. Seit 1872 steht dies einwandfrei fest; der L.
müßte also zum mindesten schon vor 1872 gestorben sein; dann wäre aber doch
nicht anzunehmen, daß der alte Pappelbaum jetzt erst, nach annähernd 40 Jahren,
seine Äste trauernd von sich geworfen hätte. Man hat die Geschichte deshalb auf
den im Jahre 1902 verstorbenen, in der ABC-Straße wohnhaften
Schuhmachermeister Karl Lorenz beziehen wollen, auf den sie im übrigen auch sehr
gut passen würde; nur schade, daß er selbst erst von auswärts nach Wismar kam!
Übrigens soll es um die alte Pappel noch gar nicht so trauermäßig bestellt gewesen sein.)

Auch die allen Lindengarten-Spaziergängern wohlbekannte riesige alte Pappel, die
in der Nähe der nach der Müllerschen Drahtwarenfabrik hinüberführenden Brücke
schräg über das Wasser gewachsen war, ist nicht mehr. Sie war durch die
Winterstürme 1905 geborsten und mußte im Februar d. Js. niedergelegt werden.
Gewonnen hat der Lindengarten gegen früher durch den jetzt weit mehr gepflegten gärtnerischen Schmuck.

Eine mit Freuden zu begrüßende Neuerung ist ferner die aus letzter Zeit stammende
Anlage eines Spielplatzes gegenüber der Bauhofsstraße. Hatte die Gegend hier
durch die Wegnahme der Stadtmauer von ihrem früheren Reiz vieles, wenn nicht
alles eingebüßt, so mochte wenigstens die Jugend davon den Vorteil haben.
 

Auch mit der im Juli 1907 erfolgten Anbringung von Drahtkörben zur Aufnahme von
Papier usw. ist man einem Bedürfnis entgegengekommen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine andere Reminiszenz festhalten, die freilich
jüngeren Datums ist. Als Anno 1872 die Stadtmauer vom Wasserturm bis zur Mühle
abgebrochen wurde, da ward deß zur Erinnerung an dem Bogen neben der
Rolandsbrücke die Inschrift eingemeißelt:

Der Umgebung zur Zier
Abbruch der Mauer hier
November 1872 im Jahr,
Als die Sturmflut war.

Diese nicht gerade sehr gelungene Reimerei weckte alsbald die Spottlust der
Wismarer, die nachstehende Fortsetzung dazu schufen:

Dies Gedicht hat ausgeheckt
Puße-Brunswig, Architekt;
Ausgehau'n hat's Louis Rusch,
vor dem Tor im grünen Busch.
 

So wenigstens die ursprüngliche Fassung, die dann später etwas umgemodelt sein
mag. Wer der Autor war, kann ich nicht sagen; ich vermute Dr. Rentsch oder auch
Advokat Franz Ziehl; jedenfalls war der Geburtsort der Verse die Schalck'sche
Bierstube. Von den Genannten weilt heute keiner mehr unter den Lebenden; so
mochten die Verse denn zu bleibendem Gedächtnis hier aufgezeichnet werden. Es
gäbe derartiger Wismariensien noch manche zu sammeln. Vielleicht später mehr davon.

Die Gasbeleuchtung an der Hauptpromenade des Lindengartens (anstelle der
früheren Petroleumlampen) datiert vom Jahre 1906; mit der Legung der Rohre
wurde Ende Juli d. Js. begonnen.

Vor dem Altwismartor hat sich das Bild stellenweise so sehr verändert, daß die
Gegend kaum wieder zuerkennen ist. Am wenigsten allerdings noch auf der Strecke
vom Tor bis zum Bahnübergang. Hier ging das Briesemannsche Gehöft, früher zur
Waggonfabrik gehörig, 1902 Mai 1 mit allen Gebäuden, Anschlußgeleisen, Hebekran
und Brücke zum Lindengarten in den Besitz der Firma Wilh. Müller über, die noch in
demselben Jahre dort ihre Drahtwarenfabrik errichtete. Die unweit davon belegene,
früher Aug. Kampz'sche Villa erwarb Wilh. Müller Ostern 1904. Der an diese Villa
grenzende vierstöckige Erweiterungsbau stammt aus dem Jahre 1905. Längs des
Lindengartenwassers wurde ein umfangreicher Lagerschuppen im Jahre 1907
aufgeführt; ein größerer Teil der Fabrik ist hier dann neu erbaut worden, nachdem
dieselbe in der Nacht zum 25. März 1908 von einer Feuersbrunst heimgesucht worden war.

Das den Lindengarten vom Offizierskasino bis zur Mühlenteichbrücke abschließende
Gitter wurde im Frühling 1906 errichtet. Mit Klinkertrottoir wurde der Weg vom Tor
bis zum Bahnübergang 1901 versehen.
Von der Waggonfabrik am Bleicherweg soll gleich nachher die Rede sein. Wandern
wir zunächst weiter. Zwar sind die Barrieren wieder einmal Rangierens halber
geschlossen, doch das hindert uns nicht mehr: seit 1909 führt für Fußgänger ein
Tunnel links von der Chaussee unter den Bahngeleisen hindurch.

Mit dem Bau des Tunnels, zu dessen Herstellungskosten die Stadt einen Zuschuß
von 10.000 Mark bewilligte (B.-A.-S. v. 27. Juli 1908) wurde im August 1909
begonnen; fertig wurde derselbe Mitte November d. Js. „Der Tunnel vor dem
Altwismartor," so lesen wir unterm 20. Nov. 1909 im M. T. „ist vollendet, und man
kann ihn zu jeder Zeit benutzen, nicht allein am Tage, sondern auch am Abend, wo
er durch Dauerlicht hell erleuchtet ist. Man steigt auf 21 Stufen in die Tiefe, geht 15
kurze Schritte durch den Tunnel und steigt 21 Stufen aufwärts und ist wieder oben.
Der Fußboden des Tunnels ist zementiert, an den Seiten sind glasierte Wandplatten."
Eine Überdachung der Tunneleingänge hat bisher nicht stattfinden können, da die
Firma Wilh. Müller hiergegen Widerspruch erhebt und diesbezügliche
Vergleichsverhandlungen einstweilen gescheitert sind.

Beim Ausschachten der Erde zum Bau des Tunnels stieß man auf ein starkes
Mauerwerk. Dasselbe erstreckte sich von der Drahtwarenfabrik bis quer unter das
Bahngeleise, war unten fast 2 Meter breit, verjüngte sich nach oben etwas und
bestand aus großen Mauersteinen, wie man sie vor Jahrhunderten zum Bau der
Kirchen formte und wie man sie auch noch in den Resten der alten Stadtmauer
sehen kann. Die Steine waren durch Mörtel so verbunden, daß die einzelnen Stücke
abgekeilt werden mußten und dadurch der Fortgang der Arbeiten erschwert ward.

Über Zeit und Zweck des freigelegten Mauerwerks ließ sich Näheres nicht eruieren
Vielleicht gehörte es zu einer der älteren Mühlen, deren in dieser Gegend
verschiedene vorhanden waren; diese Vermutung würde auch durch die Tatsache
gestützt werden, daß ehedem von der Nordwestseite des Mühlenteichs ein Abfluß
zur Grube führte.

Verlassen wir den Tunnel, so erblicken wir rechts an der Chaussee, wo sich früher
der Eingang zum Dettmannschen Garten befand, zwei villenartige Häuser, von
denen das eine freilich noch unfertig ist, wenngleich es schon eine Nummer (7d)
trägt. Daneben sind, nach der Straße am Plattenkamp zu, mehrere Bauplätze
teilweise ausgeschachtet, doch ruht die Arbeit hier seit längerer Zeit.

Diese Plätze haben ihre eigene Geschichte. „An der Ecke der Altwismartorchaussee
und des Platten Kamps will," so heißt es in dem Bericht über die B.-A.-S. vom 28.
Juli 1909, „der Rechtsanwalt Schlottmann hierselbst zum Zwecke der Bebauung
eine Fläche von 1.060 Quadratmetern von der Stadtkämmerei erwerben. Der
Ausschuß genehmigt den Verkauf." Das angrenzende, dem Gärtner Dettmann zu
Eigen gehörende Terrain hatte Schlottmann bereits im April 1909 erworben. In der
Folge begann hier dann die Bautätigkeit, um im Frühling 1910 das sattsam bekannte
Ende mit Schrecken zu nehmen. Mai 6 wurde über das Vermögen des flüchtig
gewordenen Rechtsanwalts Schlottmann der Konkurs eröffnet; seither liegen die
Plätze hier wüste; auch das Haus Nr. 7d blieb, wie schon gesagt, vorläufig unvollendet.

Zwischen dem Gärtner Dettmann'schen Grundstück und der Malzfabrik entstanden
1905/06 fünf neue Häuser. Aus derselben Zeit stammt der am Mühlenteich erbaute
Eiskeller der Brauerei Schall & Schwencke - Schwerin. Das in der Nähe am Wasser
belegene (früher Kruse'sche) Wohnhaus wurde im Jahre 1901 errichtet. Dasselbe
hatte, was der Kuriosität halber erwähnt werden mag, eine Zeitlang weder Haustür
noch Fenster, da diese - ursprünglich nach der Straße zu belegen - auf Grund der
baupolizeilichen Vorschriften wieder zugemauert werden mußten. Später wurden die
Öffnungen dann an der Seite angebracht.

Die Straße wurde bis zur Malzfabrik im Jahre 1901 gepflastert und mit Trottoir
versehen. Der Name „Platter Kamp" wurde ihr 1906 Juli 3 beigelegt. Richtiger wäre
„Platenkamp" gewesen, da der Kamp, auf den die Straße zuführt, nach seinem
ehemaligen Besitzer Jürgen Plate benannt wurde.

Zur Linken der Chaussee ist die Große Bleiche, die freilich als solche nur noch
ausnahmsweise benutzt ward, jetzt auch verschwunden. Auf dem Terrain derselben
erhebt sich die neue Drahtzieherei der Firma Wilh. Müller, die gegen Ende 1909 in
Betrieb gesetzt ward. An der Straße ist das einst so idyllisch belegene kleine
Häuschen (zuletzt von Th. Abrie bewohnt, der hier bis Johannis 1907 seine
Gärtnerei hatte) zwar noch vorhanden; einen idyllischen Eindruck macht es indessen
nicht mehr. Zwischen ihm und dem Mühlenbach dehnt sich längs des ziemlich weit
zurückliegenden Fabrikgebäudes morastiges Land, das zum Schuttabladen dient.

Haben wir die Mühlenbachbrücke überschritten und sind an der noch vorhandenen
Lohgerberei und einem Stückchen Gartenland vorübergegangen, so befinden wir
uns in der eigentlichen Altwismartor - Vorstadt. Wo zu Beginn des verflossenen
Jahrzehnts noch ein einsames Gehöft - Schwarzkopfenhof - unten im Grunde lag,
erhebt sich heute ein Häuserviertel, das fünf Straßen umfaßt. Die Namen dieser
Straßen sind: Vor dem Altwismartor (längs der Chaussee), Schwarzkopfenhof (längs
der WismarRostocker Eisenbahn), Gerberhof (erste Querstraße), Grothusenschanze
(zweite Querstraße) und Philosophenweg (längs des schon früher so bezeichneten
Weges bis zum Bahnübergang).

„vor dem Altwismartor" (so seit 1906; bis dahin „Schwarzkopfenhof; übrigens dient
erstere Bezeichnung seit 1906 für sämtliche an der Chaussee belegenen Häuser vor
dem Altwismartor) entstanden die ersten Häuser, fünf an der Zahl, im Jahre 1901
Das Gehöft Schwarzkopfenhof, in dem zuletzt noch Gemüsegärtnerei betrieben
ward, wurde im Jahre 1902 abgebrochen. Dann ruhte die Bautätigkeit hier längere Zeit.

Die weitere planmäßige Bebauung des Blocks datiert seit 1906 (vom B.-A.
genehmigt März 20); Ende 1908 war dieselbe vollendet. Der Name
„Philosophenweg" für die Straße stammt gleichfalls aus dem Jahre 1906 (Bauplätze
wurden hier Juli 1906 verkauft); die Namen „Schwarzkopfenhof `, „Gerberhof ` und
„Grothusenschanze" wurden den neu erbauten Straßen 1907 April 26 beigelegt. Die
letztere Bezeichnung trug das von den Schweden gegen Ende des 17. Jahrhunderts
vor dem Altwismartor erbaute, mit einem Wallgraben versehene Außenwerk. Die
Schanze wurde bei der allgemeinen Zerstörung der Festungswerke 1717/18 geschleift.

Das Klinkertrottoir vom Bahnübergang bis zur Zuckerfabrik wurde Mai 1905 gelegt.

Etwas später wurde diese Gegend auch postalisch mit Wismar vereinigt: seit 1905

Aug. 8 gehören Gerberhof, Schwarzkopfenhof, Schlachthof und Zuckerfabrik nicht

mehr zum Land, sondern zum Stadtbestellbezirk.

Auf dem städtischen Schlachthofe wurde ein Freibankgebäude im Herbst 1903

errichtet, nachdem die erste Freibank April 25 desselben Jahres dort abgehalten

war. Dem Schlachthausinspektor (Schultz; seit 1898) wurde Juni 1908 vom Rat die

Amtsbezeichnung „Schlachthofdirektor" beigelegt.

Die Zuckerfabrik ließ auf ihrem Grundstück eine Reihe von Neubzw. Umbauten

vornehmen; so wurde im Jahre 1904 unweit des Philosophenweges ein Gebäude

errichtet, welches die Schnitzeldarre enthält; 1905 ein zweites Beamtenhaus usw.

Direktor der Zuckerfabrik ist seit 1907 Juli 1 Heitzsch (bis dahin Direktor der

Zuckerfabrik in Hadmersleben bei Magdeburg). Sein Vorgänger war Metge (seit

1895).

Beim Militärfriedhofe wurde die Hecke nach der Chaussee zu Aug. 1907

fortgenommen und durch eine Zement-Betonmauer ersetzt, die freilich mehr

praktisch als schön sein dürfte. Der Friedhof wurde übrigens, nach freundlicher

Mitteilung des Herrn Dr. Techen, bereits im Jahre 1698 angelegt.

In dem gegenüberliegenden Carlsdorf wurde 1901 eine Maschinenfabrik (zuerst

unter der Firma Böckler & Co., seit 1905 F. Krüger) begründet.

Das Hobel- und Sägewerk auf dem Lehmberg (früher Lundwall, seit 1892 Hein &

Co.) wurde 1901 mit den Wismarschen Hobelwerken A.G. vereinigt.

Neben dem Weißen Stein ist am Wege nach Hornstorf im Jahre 1909 ein neues

Wohnhaus erbaut. Da es mit seinem weithin leuchtenden roten Dach der Gegend

ein verändertes Gepräge gibt, so mochte es hier miterwähnt werden.

Der Erbpachthof Rüggow ging 1904 März durch Kauf auf den jetzigen Besitzer,

Dreßler, über. Der gleichfalls zu Wismar gehörende (1756 für Bantow und Pepelow

eingetauschte) Erbpachthof Warkstorf war Johannis 1909 hundert Jahre im Besitz

der Familie Unruh. 16

Auf dem Gute Rohlstorf - das freilich nicht mehr zu Wismar gehört - wurden 1910

Mai 23 das Viehhaus, der Schafstall und vier Scheunen durch Großfeuer

eingeäschert. Die übrigen Gebäude, unter andern das wertvolle

Konservierungsgebäude für Kohl - dessen Bau auf den v. d. Lüheschen Gütern seit

einigen Jahren in ausgedehntestem Maße betrieben wird - konnte gerettet werden.

Wir wenden uns zurück zu der Gegend vor dem Altwismartor und setzen unsern

Rundgang nun durch den Bleicherweg fort. Zu seiner Linken ist das Terrain völlig

umgestaltet durch die Waggonfabrik, die im Jahre 1902 ganz hierher verlegt ward,

und die heute das gesamte Gebiet zwischen Bleicherweg, Bahndamm und dem aus

dem Mühlenteich kommenden Kanal einnimmt. 1909 Aug. wurde ihr dann auch noch

ein Stück jenseits des Kanals zugelegt: die halbe Wiese zwischen dem Bahndamm

und dem Gelände des neuen Stadtkrankenhauses, die die Waggonfabrik auf eine

Reihe von Jahren gepachtet hat, wurde teilweise aufgeholt und zum Holzlagerplatz

umgestaltet. Die Verbindung ist durch eine starke Brücke über den Kanal hergestellt.

Noch an einer anderen Stelle ist durch eine Brücke über den Kanal eine neue

Verbindung geschaffen: eben am Ende des Bleicherwegs, oder vielmehr da, wo

früher das Ende war, denn heute erstreckt sich der Bleicherweg noch ein paar

Häuser über die Brücke hinaus.

Wir betreten, wenn wir diese Brücke überschreiten, einen neuen Stadtteil, von dem

vor zehn Jahren noch kein Stein vorhanden war! Durch dicht aneinander gereihte

Gärten führte eine Allee - der 1886/87 angelegte Verbindungsweg - von dem

jetzigen Eingang zur Kanalstraße auf den (1897 erbauten) Wasserturm zu; Gärten

und Äcker umgaben den Turnplatz und zogen sich von da bis zum Kanal hinunter;

ein großer - der Harnack'sche - Garten bildete die Ecke der zum Turnplatz führenden

Allee (des heutigen Turnerwegs) und der Lindenstraße; Gärten säumten die letztere

bis zur Eisengießerei und jenseits derselben bis zum jetzigen Eingang zur

Kanalstraße.

Mit den Vorarbeiten zum Bau der Brücke wurde 1903 Juli 24 begonnen; vollendet

ward dieselbe 1904. Im Februar des letzteren Jahres wurde der Bau der Straße

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26 Der Verkauf (an Georg Ludwig Unruh) erfolgte 1809 Mai 13; vgl. das Proklama im

22. Stück der Wism. Zeitung vom 15. März 1810.

von der Brücke her in Angriff genommen; die hier stehenden Alleebäume wurden

ausgerodet, und es wurden Faschinen angefahren, um das Terrain vor der Brücke,

das erheblich niedriger lag, mit dem Bleicherweg in gleiche Höhe zu bringen.

Der Verkauf der 9 Bauplätze „auf der Gartenfläche zwischen der Eisengießerei und

dem zum Rondeel (Turnplatz) führenden Gartenwege" geschah 1904 Jan. 4. Nicht

lange danach begann man mit dem Bau dieser Häuserreihe an der Lindenstraße

(Nr. 6, 8 usw. bis 22), von denen die meisten noch im Jahre 1904 fertig gestellt

wurden. Die Villa links vom Eingange zur Kanalstraße (Lindenstraße Nr. 4) sowie die

zwischen der Eisengießerei und dem Turnerweg errichteten Villen Nr. 26, 28 und 30

stammen gleichfalls aus diesem Jahre.

1905 Juni 13 nahmen die Pflasterungsarbeiten an der neuen Straße von der Brücke

her ihren Anfang, und im Oktober d. Js. setzte dann hier an der Kanalstraße (so seit

1905 Dez. 14) die Bautätigkeit ein. Der Ausbau der Straße, vorläufig bis zu dem

Hause Nr. 19 (doch mit Ausnahme des Stücks an der Westseite zwischen Brücke

und Lindenstraße; s. unten) erfolgte im Laufe des Jahres 1906; gleichzeitig wurde

auch die nach Westen von der Kanalstraße abzweigende, bei der Eisengießerei in

die Lindenstraße mündende Rundestraße (ebenfalls von 1905 Dez. 14) an- und

ausgebaut.

Gegen Ende 1907 begann man mit der Verlängerung der Kanalstraße in der

Richtung auf das Krankenhaus zu, und 1908/09 folgte die Bebauung auch dieses

Teils der Straße.

Die Anlage der in südwestlicher Richtung von der Kanalstraße sich abtrennenden

und beim städtischen Wasserwerk in den Turnplatz einmündenden Podeusstraße

erfolgte im Jahre 1907; das erste Haus in dieser Straße, die Rudolf Kobow-Stiftung,

stammt aus dem ebengenannten Jahre. Ihren Namen erhielt die Straße - nach dem

verstorbenen Geh. Kommerzienrat Podeus - bereits 1906 März 29.

1907 Sept. 10 wurde auch das Rauls'sche Fabrikgrundstück (Lindenstraße Nr. 2) zu

Neubauten verkauft, und es entstanden nun, nachdem man die hier noch

vorhandenen Gebäude (Wohnhaus und Maschinenfabrik) abgebrochen hatte, im

Jahre 1908 auch an der bisher noch unbebauten Seite der Kanalstraße bzw. des

Bleicherwegs zwischen Brücke und Lindenstraße acht Reihenhäuser, während die

Bauplätze an der Lindenstraße mit den Villen 2 und 2a besetzt wurden.

Nicht ohne Interesse ist es, daß diese letzten Neubauten an der Lindenstraße sich

just auf dem Grund und Boden erheben, auf dem vor nahezu hundert Jahren das

erste und einzige Haus an dem Wege zwischen Altwismar- und Mecklenburgertor

erbaut ward! (Voigts Gartenhaus; vgl. B.a.W.V. pag. 147. Ob der Kollmorgen'sche

(später Stiegmann'sche) Garten damals schon vorhanden war, kann ich freilich nicht

sagen. An der gegenüberliegenden Seite der Lindenstraße wurde, was hier

berichtigend angemerkt sein mag, die Marsmann'sche Villa (Nr. 7) erst im Jahre

1901 erbaut. Alle übrigen Bauten auf dieser Seite der Straße datieren vor 1901.)

Das erste Klinkertrottoir wurde in der Lindenstraße (zwischen Neuem und

Altwismartor) Aug. 1901 gelegt; dasselbe erstreckte sich von der Gartenstraße bis

etwa zur Dr. Böhm'schen Villa (Nr. 5). Das Stück von hier bis zum Tor erhielt erst

Aug. 1906 einen Klinkerweg. An der gegenüberliegenden Seite wurde mit der

Legung eines Trottoirs Okt. 1905 begonnen.

Zur Eisengießerei sei noch registriert, daß ein Teil derselben 1904 März 18 durch

Feuer zerstört ward. Der zweistöckige Bau, der die Kontorräume enthält, wurde im

Jahre 1903 aufgeführt. Das Werk hat sich im verflossenen Jahrzehnt bedeutend

vergrößert; seit 1907 wird auch der Bau von Automobilen darin betrieben, mit denen

die Firma (vormals F. Crull & Co.; seit 1906 Paul Heinrich Podeus) bereits die besten

Erfolge erzielt hat. Eine Neuheit für Wismar war, um auch das hier noch zu

erwähnen, der Motorlastwagen, den die Firma Dez. 1906 für ihren Betrieb

anschaffte. Freilich waren damals die Kraftwagen überhaupt noch etwas Neues für

uns Wismarer; seither haben auch wir in unserer einst so stillen Stadt uns an die

Automobilhupen längst gewöhnt ... Die Firma Paul Heinrich Podeus baut jetzt auch

selbst Lastwagen. Ein solches von ihr geliefertes Automobil befand sich unter den

Armeelastzügen, die, auf der Prüfungsfahrt durch Deutschland begriffen, Dez. 7

dieses Jahres (1910) auch Wismar berührten.

In der Gartenstraße ist 1909/10 auch an der Südseite, in dem früher Gärtner

Ruth'schen Garten, eine Villa erbaut worden.

Am Turnplatz ist das älteste Gebäude das der Höheren Töchterschule oder, wie man

seit 1910 Aug. 18 27 offiziell sagt, „Höheren Mädchenschule".

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27 Unter diesem Datum machen Bürgermeister und Rat bekannt, daß, nachdem die

Höhere Töchterschule und das mit derselben verbundene Lehrerinnenseminar nach

Maßgabe der Landesverordnung vom 7. März dieses Jahres, betreffend das höhere

Mädchenschulwesen, umgestaltet sei und die staatliche Anerkennung als „Höhere

Mädchenschule" gefunden habe, stadtverfassungsmäßiger Beschlußnahme zufolge

das jährliche Schulgeld von Michaelis dieses Jahres ab für alle Klassen der höheren

Mädchenschule auf 140 Mark und für die Seminarklassen auf 200 Mark festgesetzt

worden sei.

28 Vgl. B.a.W.V. pag. 146

Der erste Spatenstich zum Bau dieser Schule wurde am Mittag des 29. Jan. 1906

getan. Am 18. Aug. d. Js. konnte das Richtfest gefeiert werden. Bezogen wurde die

Schule Michaelis 1907; die feierliche Einweihung fand Okt. 8 d. Js. statt. Direktor der

höheren Mädchenschule ist seit Aug. 1906 Mayr (Oberlehrer an der Anstalt seit

1901); sein Vorgänger war Ackermann (seit Ostern 1900; gest. 1906 Juli 17).

Mit dem Bau der ersten Villen am Turnplatz wurde neben dem Eggertschen

Grundstück Nov. 1906 begonnen. Die im Jahre 1907 fertig gestellten Häuser tragen

die Nummern 1, 2 und 3.

1908 wurden auch Fürstengarten und Dahlberg (links und rechts vom Eingange zur

Schützenallee) für die Bebauung in Angriff genommen; 1909 folgten die Villen neben

der Höheren Töchterschule, und in dem 1910 Mai 6 ausgegebenen, des öfteren

schon zitierten Bericht über die Verwaltung der Stadt im Jahre 1909 konnte es

heißen: „Der Turnplatz ist nunmehr rings von Gebäuden umschlossen".

Die Namen „Fürstengarten" und „Dahlberg" datieren von 1908 Okt. 22. Ersterer ist

ohne weiteres verständlich; das Gelände hier war Fürstengartenreservat bis in die

90er Jahre des vorigen Jahrhunderts." Zum „Dahlberg" hat der schwedische Graf

Erik Dahlberg Pate gestanden, der dieser Gegend schon einmal, in der zweiten

Hälfte des 17. Jahrhunderts, den Namen gab, wo sie einen wichtigen Punkt der

schwedischen Befestigung bildete.

Etwa ein Jahr, nachdem man mit dem Bau der Töchterschule begonnen hatte,

wurde - Anfang 1907 - unweit des Turnplatzes an der rechten Seite des Weges, der

zwischen Äckern auf den Bahndamm zuführte, der Bau des städtischen

Krankenhauses und der Nebenbauten - Wasch-, Leichen- und Desinfektionshaus

unter einem Dach und Sonderhaus für Patienten mit ansteckenden Krankheiten - in

Angriff genommen.

Der Neubau der Desinfektionsanstalt wurde bereits im Mai 1907 vollendet; die erste

Desinfektion darin fand am 30. d. Mts. statt. Die alte Desinfektionsanstalt, die

ebenfalls hier hinter dem Turnplatze (rechts von der jetzigen höheren Töchterschule)

lag, wurde Ende März 1907 abgebrochen.

1909 Mai 26 konnte das neue Stadtkrankenhaus in Benutzung genommen werden.

„In aller Stille hat sich" so schreibt das M. T. unter diesem Datum, „gestern unter

fachkundiger Leitung der Ärzte die Übersiedelung vom alten Krankenhaus in das

neue Heim unserer städtischen Krankenpflege vollzogen. Es mußten hierbei 25

Kranke überführt werden. Unter ihnen befanden sich neun Schwerkranke, zu deren

Transport, der sich in Tragkörben vollzog, die Krankenträger der hiesigen

Sanitätskolonnen verwendet wurden. Die übrigen 16 Kranken wurden in Droschken

befördert. Der ganze Umzug ging gut von statten. Heute vormittag fand in dem einen

großen Krankensaal eine von Herrn Pastor Müller abgehaltene Andacht statt, an der

außer den Kranken sämtliche Angestellte, Herr Medizinalrat Dr. Unruh, die Anstaltsärzte

und Schwestern, sowie das Direktorium des Stadtkrankenhauses unter

Führung des Herrn Senator Sohm teilnahmen."

In der Leichenhalle wurden 1910 April ein Altar mit schwarzen Paramenten in

Silberstickerei, Kruzifix und Leuchtern, sowie zwei Bänke aufgestellt; die hierfür

erforderlichen Mittel wurden durch eine von Pastor Müller veranstaltete Sammlung

aufgebracht.

Der Bau des Krankenhauses kostete rund 320.000 Mark, wovon die Jordan'sche

Stiftung 30.000 Mark trug.

Mit Anlagen und Promenadenwegen in den Wiesen von der Schützenallee nach

dem neuen Krankenhause und um dasselbe herum begann man im Jahre 1908.

Dieselben sind jetzt größtenteils fertig. Ein direkter Fahrweg nach dem Friedhofe ist

geplant.

Am Turnerweg wurde mit den Arbeiten zum Bau der katholischen Kirche im Herbst

1901 begonnen. Die feierliche Grundsteinlegung durch den Pastor Husmann -

Schwerin erfolgte 1902 März 12; die Richtfeier Juni 11, nachdem am Tage vorher

das (von der Firma Wilh. Müller gelieferte) 3 Meter hohe Turmkreuz aufgebracht war.

(Das kleinere Kreuz ist aus der Schlosserwerkstatt von C. Ehlers hervorgegangen.)

Das Probeläuten der drei, in Hemelingen bei Bremen gegossenen Glocken fand

Aug. 8 statt, und am Sonntag, den 12. Oktober Morgens 7 Uhr wurde die Weihe der

Kirche zu Ehren des hl. Laurentius als Patron und des hl. Hubertus und des hl.

Ferdinand als Compatrone durch den Bischof Dr. Hubertus Voß aus Osnabrück

vollzogen. Um 10 Uhr riefen die Glocken zum ersten Mal zum Gottesdienst.

Zum Pastor an der neuerbauten Kirche wurde Manuel von Ondarza, früher

Missionsgeistlicher zu Gelting in Schleswig-Holstein, vom Bischof zu Osnabrück

ernannt und von der mecklenburgischen Regierung bestätigt. Er trat sein Amt 1903

Juni an; bis dahin hielt ein Geistlicher aus Schwerin zweimal monatlich Gottesdienst

in der Kirche.

Mit dem Bau der Villen am Turnerweg wurde im Jahre 1901 der Anfang gemacht. In

diesem Jahre entstand die Vieth'sche Villa (Nr. 8); zwei Jahre später die daneben -

nach der Kirche zu - belegene Villa Nr. 10. Das katholische Pfarrhaus (Nr. 12) wurde

1903/04 erbaut und Joh. 1904 bezogen Aus dem letzteren Jahre stammt auch die -

am meisten nach der Lindenstraße zu belegene - Villa Nr. 6.

Im Jahre 1905 bekam der Turnerweg dann auch auf der rechten Seite ein anderes

Aussehen. Auf dem Gärtner Köhler'schen Grundstück verschwand das kleine

Wohnhaus nebst der angrenzenden Reit bahn (beide 1850 erbaut) und an ihrer

Stelle wurden die Villen Nr. 3, 5, 7 und 9 am Turnerweg errichtet, während

gleichzeitig auf dem von der Lindenstraße begrenzten Teile des Köhler'schen

Grundstücks die Villa Lindenstraße 32, sowie das jetzige Wohnhaus des Gärtners

Köhler (Nr. 34a) entstanden. Das hier noch belegene (lange Zeit von Dr. Leysath

bewohnte) Köhler'sche Haus Nr. 34 wurde Okt. 1906 abgebrochen, um einem

Neubau Platz zu machen.

Das Trottoir am Turnerweg wurde 1909 fertig. Von dem Jahre datiert die Belegung

der rechtsseitigen Leiste (vom Nolte'schen Grundstück her), während die linke schon

früher ein Trottoir erhielt.

Damit haben wir unseren Gang vor die Tore beendet. Wir waren „vor den Toren":

alles, was wir hier sahen lag außerhalb des Bereiches, den einst Tore und Mauern

der Hansestadt Wismar einschlossen. Und doch waren wir oft in der Stadt, die in

diesem verflossenen Dezennium über sich selbst hinausgewachsen ist. Tore und

Mauer - von der vor zehn Jahren doch noch ein gut Stück stand - sind bis auf ganz

wenige Reste verschwunden und vieles aus der früheren Umgebung Wismars mit

ihnen. Es ist hier vieles neu geworden, und wenn wir, will's Gott, nach abermals

zehn Jahren hier wandern werden, dann haben wir vielleicht schon vergessen, wo

einst das Alte aufhörte und das Neue anfing...

NOTIZEN

(Rat und Bürgerausschuß - Verordnungen, Steuern etc. - Kommunale Einrichtungen

- Kirche und Schule - Milde Stiftungen - Vereinswesen - Statistisches.)

Der Rat der Stadt Wismar bestand zu Beginn des neuen Jahrhunderts aus

nachstehenden Mitgliedern:

Bürgermeister: Jörges Davids.

Senatoren: Dr. Wildfang, Dr. König, Sohm, Fenger, Witte, Lembke.

Im verflossenen Jahrzehnt traten neu in das Ratskollegium ein:

für Senator Lembke (+ 1902 Mai 27): Senator Krull (bis dahin Stadtsekretär zu

Wismar) 1902 Juni 24. Derselbe wurde auf Antrag des B.-A. in Anerkennung seiner

verdienstvollen Amtsführung zum Ratsherrn ernannt; eine Wahl fand nicht statt;

für Bürgermeister Davids29 (mit Ende 1902 in den Ruhestand getreten):

Bürgermeister Krull 1902 Dez. 27; für letzteren: Senator (Kaufmann) Pufpaff 1902

Dez. 27 (mit ihm zur engeren Wahl aufgestellt: Kaufmann Gustav Michaelis,

Hofbäckermeister Bärwinkel, Kaufmann Hoppenrath);

für Senator Fenger (seither Direktor der Vereinsbank): Senator (Kaufmann) Wilde

1903 April 14 (mitaufgestellt: Schiffsmakler Tiede, Hofbäckermeister Bärwinkel,

Ziegeleibesitzer Stoffer);

für Bürgermeister Geh. Hofrat Jörges30 (1907 April 1 in den Ruhestand getreten):

Bürgermeister Dr. Wildfang (seit 1906 Nov. 13 bereits dritter Bürgermeister31); für

ihn: Senator Dr. Altvater (bis dahin Amtsassessor in Güstrow)

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29 Ratsmitglied seit 1878 Dez. 24; Bürgermeister 1895 Okt. 8

30 J. gehörte dem Ratskollegium seit Ostern 1868 an. 1897 Juli 1 wurde er in

Veranlassung der Aufnahme Wismars in den ständischen Verband dritter

Bürgermeister. Von den städtischen Einrichtungen und Werken, die unter seiner

Leitung ausgeführt bzw. ins Leben gerufen wurden, oder an denen er hervorragend

beteiligt war, seien hier genannt: Durchführung der Kanalisation und der

Neupflasterung in der ganzen Stadt, Bau und Einrichtung der beiden städtischen

Quartierhäuser, Herrichtung des Großen Exerzierplatzes, Erwerb und Umbau der

Gasanstalt, Gründung und Erbauung des städtischen Schlachthofes, Beseitigung

der Privattöchterschulen und Errichtung einer städtischen höheren Töchterschule,

Errichtung der Allgemeinen Ortskrankenkasse, Bau des Neuen Hafens, Errichtung

der Stadtkasse usw. Seit Johannis 1900, wo Bürgermeister Geh. Hofrat Fabricius in

den Ruhestand trat, war J. erster Bürgermeister der Stadt. Zu Ehren des aus dem

Amte Geschiedenen fand 1907 April 18 im Hotel Stadt Hamburg ein Essen statt, das

von etwa 100 Personen aus allen Kreisen der Bürgerschaft besucht war; bei

demselben hielt der - inzwischen verstorbene - Gymnasialdirektor Dr. Bolle die

Festrede.

31 Zur Vervollkommnung der Nachprüfung der städtischen Rechnungen machte der

Rat Okt. 1906 den Vorschlag, zwecks Entlastung des Revisionsdepartements eine

dritte Bürgermeisterstelle zu begrün den und für dieselbe zunächst den Senator Dr.

Wildfang zu berufen. (B.-A.-S. v. 9. Okt. 1906). Der B.-A. nahm den Vorschlag

jedoch nur insoweit an, als er sich mit dieser einverstanden erklärte (Nov. 6.).

1907 April 8 (mit aufgestellt: Gerichtsassessoren Dr. Albrecht- Schwerin und

Schultetus- Rostock);

für Senator Dr. Altvater (zum Senator in Rostock gewählt): Senator Dr. Rosenow (bis

dahin Rechtsanwalt in Rostock) 1909 Nov. 18 (mit aufgestellt: Gerichtsassessor Dr.

Sprenger- Rostock und Bürgermeister Dr. Berg- Wesenberg).

Das Ratskollegium besteht mithin zur Zeit (Ende 1910) aus folgenden Mitgliedern:

Bürgermeister: Dr. Wildfang, Krull;

Senatoren: Dr. König, Sohm, Dr. Rosenow, Witte, Pufpaff, Wilde.

Nach einem Vorschlage des Rates vom Juni 1910 sollte künftig die Neubesetzung

der Ratsstellen, sowohl der rechtsgelehrten als der nicht rechtsgelehrten, in der

Weise geschehen, daß der Rat dem B.-A. drei Bewerber in Vorschlag bringt, aus

denen der B.-A. wählt, während jetzt umgekehrt der B.-A. vorschlägt und der Rat

wählt. Der Ausschuß lehnte diesen Vorschlag jedoch ab (Juni 14 ).

Zum Stadtsekretär wurde 1902 Juni 18 Schutte (bis dahin Stadtkassierer) gewählt.

Seit kurzem gibt es übrigens in Wismar keinen Stadtsekretär mehr; 1910 Nov. 3

wurde dieser Titel in „Ratssekretär" umgewandelt. Über die Gründe hierfür vermag

ich nichts mitzuteilen.

Als Ratsarchivar wurde Dr. Friedrich Techen 1904 Okt. auf Lebenszeit angestellt.

Die Schaffung dieses Amtes lehnte der B.-A. ab. (Okt. 25.)

Von Interesse dürfte es sein, daß einzelne Ratsmitglieder, sowie andere städtische

Angestellte heute noch Naturaleinkünfte erhalten, die allerdings nicht so wesentlich

sind, daß eine Gehaltsaufbesserung dadurch überflüssig geworden wäre. So bezieht

bei der Stadtkämmerei jedes rätliche Mitglied noch von Dammhusen jährlich zwei

lebende fette Gänse und von jedem der drei Hauswirte zu Vor-Wendorf einen

Hasen; ferner am Karfreitag Reihensemmel, zu Weihnachten einen Kringel und

Kuchen vom hiesigen Bäckeramt; sämtliche Provisoren und Deputierte, sowie der

Sekretär erhalten Karfreitag Reihensemmel. Außerdem werden den Hebungen auf

Grund von Stiftungen Reihensemmel, Stollen, Holz und Wein für ihre Angestellten

geliefert.

Die im Jahre 1905 vom B.-A. beantragte Umwandlung dieser Einkünfte in

Geldzahlungen lehnte der Rat um so mehr ab, als die Beteiligten ihre Zustimmung

dazu nicht gegeben hatten.(B.-A.-S. v.16. Febr. 1905)

Das unterm 19. Aug. 1874, 12. April 1876 und 24. Sept. 1985 veröffentlichte Statut

betreffend die Bildung des hiesigen Bürgerausschusses hat 1910 Sept. 22 mehrere

Veränderungen und eine Ergänzung erhalten.

Zunächst sind von den früher nicht wählbaren, weil mit Pensionsberechtigung

angestellten Beamten jetzt die Lehrer, denen auch die Schulleiter zuzurechnen sind,

ausgenommen. Ebenso sind pensionsberechtigte Beamte, welche nur auf Gebühren

angewiesen sind, sowie pensionierte Beamte jetzt wählbar. Diese Änderung wurde,

in ähnlicher Form wenigstens, vom Rat bereits Febr. 1902 und Febr. 1905 beantragt,

beide Male jedoch vom B.-A. abgelehnt. Zu der jetzigen Änderung erteilte der B.-A.

1910 Juni 14 seine Zustimmung.

Sodann bilden die erste Klasse jetzt alle Bürger, welche zu 3.500 Mark und darüber,

die zweite alle, die zu 1.500 Mark bis 3.500 Mark ausschließlich eingeschätzt sind;

die dritte alle übrigen wahlberechtigten Bürger. Bis dahin war die Grenze: 3.000 bzw.

1.200 Mark.

Neu angefügt ist folgende Vorschrift:

Der Rat hat das Recht, aus seiner Mitte Deputierte zu jeder Sitzung des

Bürgerausschusses abzuordnen, welche befugt sind, sich an den Verhandlungen zu

beteiligen und gehört zu werden, wenn und so oft sie es verlangen. Die Person und

Zahl seiner Deputierten bestimmt der Rat. Die Deputierten sind berechtigt,

städtische Beamte als Sachverständige zuzuziehen, welche gehört werden müssen,

wenn und so oft die Ratsdeputierten dies verlangen. In gleicher Weise können auch

zu Sitzungen von Kommissionen, welche aus der Bürgervertretung gebildet werden,

Deputierte des Rates abgeordnet werden. Auch der Bürgerausschuß kann die

Anwesenheit von Ratsdeputierten bei seinen Sitzungen und bei den Sitzungen von

Kommissionen, welche aus dem Bürgerausschusse gebildet werden, begehren.

Ein Paragraph über die Öffentlichkeit der Bürgerausschußsitzungen ist in das neue

Statut nicht hineingekommen. Zwar wäre ein Widerstand seitens des

Großherzoglichen Ministeriums - mit dem der Rat 1902 Okt. die Ablehnung eines

diesbezüglichen Antrages begründete - jetzt kaum mehr zu erwarten gewesen. Allein

der Rat lehnte die im Prinzip von beiden Seiten - Rat und Bürgerausschuß - bereits

genehmigte Öffentlichkeit in letzter Stunde ab, weil er sich mit der vom Ausschuß

bedungenen Verfügungsfreiheit über die Zulassung von Berichterstattern der

Zeitungen nicht einverstanden erklären konnte.

1909 Okt. 1 beschloß der B.-A., da die Mitglieder in neuerer Zeit durch zu häufige

Sitzungen in ihrem privaten Geschäftsbetrieb beeinträchtigt würden künftig tunlichst

nur zwei Sitzungen im Monat zu halten, und zwar Dienstag nach jedem 1. und 15.

Dieser Beschluß wurde indessen bereits in der Sitzung vom 19. Okt. als

unausführbar wieder aufgehoben.

Vorsitzender des Bürgerausschusses war Rechtsanwalt Haupt (seit 1878) bis Ende

1903; seither Rechtsanwalt Thormann. Stellvertretender Vorsitzender war (seit 1887)

Brunnckow bis Ende 1901; Rechtsanwalt Thormann 1902 bis 1903;

Hofmaschinenfabrikant Wilh. Brandt 1904 bis 1906; seither Hofbäckermeister

Bärwinkel. Konsulent ist Oldenburg seit 1896 Aug. 1.

Von den Verordnungen, die Rat und Bürgerausschuß im verflossenen Jahrzehnt

beschlossen, sind die bemerkenswertesten bei anderer Gelegenheit schon erwähnt

bzw. noch zu erwähnen. Hier mag die Verordnung über die Lustbarkeitssteuer

registriert werden, die 1909 Okt. 1 in Kraft trat; ferner die Zusätze zur

Wochenmarktsordnung von 1905 Sept. 5, nach welchen Lebensmittel und Blumen in

einer bestimmten Höhe vom Erdboden ausgelegt werden müssen und das

Schlachten, Ausnehmen und Zubereiten von Tieren auf dem Markte verboten wird.

Der Achtuhr-Ladenschluß trat - um das bei dieser Gelegenheit mit zu notieren - für

die Sommermonate 1901 April 1, für das ganze Jahr 1904 Dez. 1 in Kraft.

Ausgenommen hiervon waren die Tabak- und Zigarrengeschäfte und die

Bäckereiläden; seit Dez. 1 dieses Jahres (1910) sind erstere ebenfalls in die

Verordnung mit hineinbezogen. Eine Reihe von Ausnahmetagen sind durch das

Polizeiamt festgesetzt.

Die Polizeioffizianten erhielten ihre jetzige Uniform nebst dem Schutzmannshelm mit

dem Wismarschen Wappen 1901 Sept./Oktober. Uniformiert überhaupt wurden sie

1896; vordem trugen die „Stadtsoldaten" als Zeichen ihrer Würde einen - Krückstock.

Die reitenden Ratsdiener tragen seit 1908 Uniform. Polizeikommissar war Schultz

(seit 1870 Nov. 12) bis 1901 Okt. 1. Der Titel wurde ihm freilich erst Monate vor

seinem Scheiden aus dem Dienste beigelegt (Juli 9); bis dahin war er

Polizeisergeant. Sein Nachfolger ist Zimmermann.

Polizeisekretär war (seit 1875) bis Febr. 1904 Danehl; dann Zogmann bis 1908.

Seither ist die Stelle unbesetzt.

Neue deutsche Bezeichnungen für die verschiedenen Zweige der Verwaltung führte

der Rat 1903 Juli ein. Hafendepartement wurde in „Hafenamt" geändert;

Stadtkassen-Departement in „Stadtkassenamt` ; Departement für Straßen und

Wasserleitung in „Straßen- und Wasserleitungs-Amt` ; Quartierkammer in „Steuer-

Behörde"; Gottesacker-Departement in „Friedhofs-Verwaltung", Lindengarten-

Departement in "Park-Verwaltung"; Ratsdeputation für Gewerbesachen in „Rats-

Gewerbebehörde"; Schulkommission in „Schulaufsichtsbehörde"; Hebungs-

Departement in „Geistliche Hebungen" usw.

Gleichzeitig zeigte der Rat dem B.-A. (Juli 17) an, daß er in ihrem gegenseitigen

Verkehr künftig von allen Kurialien abzusehen wünsche. Die Stadtkasse ist seit 1901

Juli 4 täglich zu bestimmten Stunden zur Entgegennahme und Auszahlung von

Geldern geöffnet. Bis dahin war dies nur an zwei Tagen in der Woche der Fall.

Zum Stadtkassierer wurde 1902 Juli 15 Voigt (bis dahin Zahlmeister-Aspirant beim

hiesigen Bataillon) vom Rat gewählt. Sein Vorgänger war der jetzige Ratssekretär

Schutte.

Das Grundbuch für die Stadt Wismar und deren Gebiet war laut Bekanntmachung

des Großh. Justizministeriums vom 21. Okt. 1901 (Regierungsblatt Nr. 38) mit dem

1. November 1901 als angelegt anzusehen. Die Zahl der seither bis 1910 April 1 neu

eingerichteten Grundbuchblätter betrug 1.225.

Grundbuchführer ist Haensgen (Ratsregistrator seit 1902 Jan. 1).

Für die städtische Ersparnisanstalt traten mit dem 1. April 1909 neue Satzungen in

Kraft. Danach ist die Kasse jetzt am Montag, Mittwoch und Sonnabend jeder Woche

vormittags von 10-12 Uhr, sowie am letzten Werktage eines jeden Monats abends

von 6-7 Uhr geöffnet; dagegen bleibt sie an Sonn- und Festtagen geschlossen. Bis

dahin wurden die Kassenstunden am Mittwoch, Sonnabend und Sonntag abgehalten.

Deputierte aus der Bürgerschaft, die früher regelmäßig auf der Sparkasse

(wie es ehedem hieß) beschäftigt waren, werden jetzt nur noch im Termin

zugezogen, wo natürlich auch die Kassenzeit eine erweiterte ist.

An städtischen Steuern wurden im verflossenen Jahrzehnt erhoben:

an Gebäude und Mietssteuer im Jahre 1901: 140 Prozent eines Simplums nach der

unterm 13. April 1897 publizierten Verordnung; in den folgenden Jahren: 130, 129,

118, 118, 124, 124, 126, 130, 130 Prozent;

an Einkommensteuer im Jahre 1901: 3 Proz. der eingeschätzten steuerpflichtigen

Einkommensumme nach derselben Verordnung; in den folgenden Jahren: 2 4/10, 2

8/10, 3 1/10, 3 3/20, 4 1/10, 4 2/10, 4, 4, 4 Prozent an Wegesteuer 1 1/2 Simpla

nach der Verordnung vom 28. Okt. 1878;

das Wassergeld mit 50% Aufschlag nach der Verordnung vom 19. Dez. 1868 bis

1906; nach derselben V. O. und dem Zusatz vom 13. Nov. 1906 in den Jahren 1907

und 1908; seit 1909 nach den Verordnungen 18. Mai 1908, 12. Nov. 1908 und 18.

Juli 1909.

Die Passiven der Stadt betrugen nach dem Bericht über die Verwaltung der Stadt im

Jahre 1909 zu Ende d. Js. nach Abzug der belegten Kapitalien und der Barbestände

4.157.000 Mark. Ohne Berücksichtigung der ausstehenden Kapitalien und der

Barbestände betrugen die Schulden am Ende des Jahres 1909 4.355.000 Mark.

Davon entfielen auf den Hafen 1.750.000 Mark, auf das Gaswerk 375.000 Mark, das

Elektrizitätswerk 292.000 Mark, das Schlachthaus 210.000 Mark, Militärgebäude

300.000 Mark, die Knabenvolksschule und die Höhere Töchterschule 337.900 Mark,

die Ingenieur-Akademie 40.850 Mark, das Stadtkrankenhaus 284.480 Mark, die

Sielbauschuld 180.900 Mark, Chausseen- und Straßenbau 151.860 Mark, die alte

unverzinsliche aus Kriegszeiten herstammende Akzisezinsenschuld 172.360 Mark,

sonstige Schulden 259.650 Mark. Getilgt wurde in 1909 die Anleihe für den

Bürgerpark, die im Vorjahre noch 38.800 Mark betrug.

Das Stadtbauamt ist neu begründet; es trat mit dem 15. August 1906 in Wirksamkeit.

Demselben sind zugewiesen: alle Neubauten, die Geschäfte der Baupolizeibehörde;

die Geschäfte des Straßen- und Wasserleitungsamts, das als solches aufgelöst

ward; die Geschäfte der Löschanstalt; die Straßenbeleuchtung mit Einschluß der

Verwaltung der Gas- und Elektrizitätswerke; die Aufsicht über Prüfung von

Dampfkesseln; das Aichamt. Außerdem gehörten zum Ressort des Stadtbauamts

anfänglich noch die Hafenbauten, soweit sie Bollwerke, Hafenmauern, Pfähle und

Brücken betreffen, mit Einschluß der Baggerei. Diese wurden später jedoch wieder

abgetrennt und dem Hafenamte zugewiesen.

Das Stadtbauamt wird von drei Ratsmitgliedern (darunter mindestens ein

rechtsgelehrtes) und sechs bürgerschaftlichen Mitgliedern gebildet, von welchen

zwei der B.-A. direkt wählt, und vier, bei Vorschlag der doppelten Zahl durch den B.-

A., vom Rat gewählt werden. Der Stadtbaumeister wohnt mit beratender Stimme den

Sitzungen bei.

Den Antrag des Rats auf Anstellung eines Stadtbaumeisters hatte der B.-A.

wiederholt abgelehnt. Das Großh. Ministerium entschied jedoch, daß dieser

Widerspruch des B.-A. nicht im städtischen Interesse liege, und daß deshalb gemäß

den Vorschlägen des Rates zu verfahren sei. Der Rat teilte daraufhin 1905 Aug. IS

dem B.-A. mit, daß er die Stelle zu Michaelis d. J. ausgeschrieben habe. Eine

dieserhalb beim Großh. Staatsministerium angebrachte Beschwerde des

Ausschusses wurde abschlägig beschieden (B.-A. v. 5. Dez. 1905). Stadtbaumeister

Zeroch (bis dahin Regierungsbaumeister in Kassel) trat sein Amt 1906 März 16 an.

Die Räume des Stadtbauamts befanden sich bis 1909 März 30 im Schulgebäude an

St. Georg; seither, wie schon erwähnt, im zweiten Stockwerk des Rathauses.

Eine städtische Enteignungs-Verordnung trat 1903 Mai 20 in Kraft. Auf Grund

derselben wurde im Jahre 1906 durch eine gemeinschaftliche rätliche und

bürgerschaftliche Kommission ein Plan festgestellt, nach welchem die

Straßenbaufluchtlinien unter Beschränkung auf das Notwendigste im

Enteignungswege gerade gelegt werden sollten. Der B.-A. erklärte sich mit dieser

Vorlage Sept. 11 einverstanden. Das Verbot, Neu-, Um- und Ausbauten über die in

diesem Plane festgesetzten Straßen- und Baufluchtlinien hinaus künftig

auszuführen, wurde 1907 Mai 25 publiziert; gleichzeitig wurden die Straßen

öffentlich bekannt gegeben, in denen Grundstücke von der erwähnten Rechtslage

betroffen wurden bzw. werden.

Die Einnahmen aus dem Verkauf an städtischem Gelände, Bauplätzen usw.

betrugen - um das hier noch anzuschließen - im letzten Jahre (1909) 124.000 Mark.

Eine neue Verordnung über das Abfuhrwesen trat 1903 Okt. 5 in Kraft. Aus ihr ist die

obligatorische Einführung der Verschlußeimer hervorzuheben. Die gesonderte

Scherbenabfuhr findet seit April 1903 statt.

Der Straßenkehrapparat „Lutokar" ist seit 1906 Dez. 5 in Tätigkeit. Ein Sprengwagen

wurde Juli 1901 angeschafft, ein zweiter Juni 1907. Von den Neuerungen in der

Straßenbeleuchtung ist im Einzelnen gelegentlich schon die Rede gewesen..

Mit Fernzündern an den Laternen wurde 1906 der erste größere Versuch gemacht;

es wurden in diesem Jahre 120 und im Jahre darauf noch 60 Straßenlaternen,

vorwiegend in den entlegeneren Stadtteilen, damit versehen. Eine weitere

Ausdehnung der Fernzündung ist, nachdem dieselbe sich durchaus bewährt und als

betriebssicher erwiesen hat, in dem Maße geplant, als die noch im Dienst

befindlichen Laternenwärter diese Beschäftigung aufgeben werden.

Der Gebrauch der Leitern beim Laternenanstecken hat übrigens bereits seit

Einführung des Gasglühlichts 1892 endgültig aufgehört.

Die Zahl der Straßenlaternen war Ende 1909 auf 610 angewachsen. Über die

Zunahme des Gasverbrauchs in Wismar enthält die anläßlich des 50jährigen

Bestehens des Gaswerks im Jahre 1907 vom Direktor Lindekugel herausgegebene

Denkschrift interessante Daten. Danach betrug der Konsum im Jahre 1858: 95.000

cbm; im Jahre 1897 (wo die Stadt die Gasanstalt übernahm): 489.000 cbm; 1906:

1.172.000 cbm.32

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32 Die Beleuchtung der Stadt durch Gas datiert, was wenigstens die

Straßenbeleuchtung anlangt, nicht vom 1. Mai, sondern vom 1. Sept. 1857. Das

erste Steinkohlengas überhaupt wurde am 3. Mai 1857, einem Sonntage, mittags 12

Uhr in die Stadt geleitet; vgl. Lindekugel a.a.O. Die Straßenbeleuchtung wurde mit

83 Flammen begonnen; daneben blieben einstweilen noch 103 Oellampen in Betrieb

(Witte a.a.O. pag. 124).

Zur Errichtung des städtischen Elektrizitätswerks erteilte der B.-A. 1901 April 19

seine definitive Zustimmung. Mit der Kabellegung wurde Anfang Juli begonnen;

unter Spannung gesetzt wurde das Kabelnetz Okt. 15.

Der Vorschlag des Rats wegen Erweiterung des Elektrizitätswerks wurde vom B.-A.

1910 Aug. 6 genehmigt. Hiernach ward von einem Ausbau des Werkes, welcher

zunächst 140.000 Mark und nach drei Jahren etwa weitere 85.000 Mark kosten

würde, Abstand genommen und ein Vertrag mit der Lübecker Überlandzentrale

wegen Stromlieferung abgeschlossen. Die Kosten des Anschlusses an die Zentrale

betragen etwa 32.000 Mark und nach 3 Jahren weitere 15.000 Mark. Die Leitung

nach Lübeck (über Dammhusen, Gr. Woltersdorf, Barnekow usw.) wird eine

oberirdische; die Lübecker Überlandzentrale hat eine zweite Leitung zu legen,

sobald Wismar mindestens 500.000 kw.-Stunden bzw. für 40.000 Mark Strom

jährlich abnimmt, unter allen Umständen jedoch bis Ende des fünften Betriebsjahres,

widrigenfalls die Stadt Wismar vom Vertrage zurücktreten kann. Wismar erhält bei

Neuerungen in der Technik dieselben Vergütungen wie Lübeck. Innerhalb des

jeweiligen städtischen Baupolizeibezirks darf nur die Stadt Strom abgeben, im

übrigen Stadtgebiet auch die Überlandzentrale, doch erhält Wismar dann von der

Bruttoeinnahme 3 Prozent. Der Vertrag ist auf 25 Jahre abgeschlossen; während

dieser Zeit darf Wismar sein Elektrizitätswerk nicht vergrößern, mit Ausnahme der

Akkumulatoren.

Die Inbetriebnahme der Überlandzentrale dürfte Anfang 1911 erfolgen.

Die Wasserversorgung der Stadt hat im verflossenen Jahrzehnt mancherlei

Schwierigkeiten bereitet. Die Metelsdorfer Quellen gaben schon seit längerer Zeit

nicht mehr genügend Wasser, und dort angestellte neue Bohrungen hatten nicht den

gewünschten Erfolg. Die Quellen der Lübschentorweide, die 1899 (nachdem der

Gewerbeverein den Professor Geinitz - Rostock für diese Angelegenheit gewonnen

hatte) erschlossen waren, fließen zwar reichlich, allein das Wasser ist chlorhaltig,

und es kann infolgedessen nur ein bestimmter Prozentsatz davon zu dem

Metelsdorfer Leitungswasser hinzugenommen werden. Die Klagen über

Wassermangel dauerten fort, und so schritt man im Jahre 1907 zu weiteren

Bohrversuchen.

Es wurden solche in der Niederung bei der Papiermühle, sowie an der Kritzowburger

Grenze auf dem großen Exerzierplatz vorgenommen, indessen ohne befriedigenden

Erfolg. Dagegen fand man am Wege nach Gr. Flöte, hinter dem Grundstück

Friedrichshof, in der Tiefe bis zu 76 Meter eine Ader, die 12 Kubikmeter in der

Sekunde gibt. Das erbohrte Wasser steigt jedoch nur bis auf zirka 75 Zentimeter

unter dem Wasserspiegel des Mühlenteichs, müßte also, wenn es für die

Wasserversorgung der Stadt nutzbar gemacht werden sollte, aufgepumpt werden.

Inzwischen hatte Nov. 1906 der B.-A. sich damit einverstanden erklärt, daß

probeweise 70-90 Wassermesser angeschafft würden, um damit bei Wasser

verbrauchenden gewerblichen Anlagen einen Versuch zu machen. Indessen lag zu

Ende des nächstfolgenden Jahres über die beschlossenen Probeversuche nur erst

der Bericht über einen einzigen Monat vor; auch waren erst in 38 Betriebe

Wassermesser eingebaut. Der B.-A. erwiderte daher auf den Vorschlag des Rats,

die Anwendung von Wassermessern nunmehr zu beschließen und eine

entsprechende Verordnung zu erlassen, 1907 Dez. 3 mit der Erklärung, er halte die

Sache noch nicht für spruchreif. Auch in der Folge verhielt sich der B.-A. ablehnend,

dann im Mai 1908 die Angelegenheit zu Gunsten des Rats entschieden ward.

Durch die Verordnung über die Erhebung des Wassergeldes vom 18. Mai 1908, die

1909 Jan. 1 in Kraft trat, wurden die Wassermesser obligatorisch eingeführt für

Grundstücke mit gewerblichen Betrieben, sowie für solche an die städtische

Wasserleitung angeschlossenen Grundstücke, auf denen Wasser aus der Leitung

zur Speisung von Springbrunnen, Besprengung von Gärten usw. benutzt wird.

Außerdem kann jeder Eigentümer eines an die städtische Leitung angeschlossenen

Grundstücks die Anbringung eines Wassermessers verlangen.

Durch den Einbau der Wassermesser stellten sich alsbald Schäden in den Leitungen

heraus, die sonst kaum zu finden gewesen wären, und andererseits wurde die

Wasserverschwendung dadurch ganz wesentlich herabgesetzt, so daß der

Wasserverbrauch seitdem erheblich zurückgegangen ist. Bis Ende 1909 waren 668

Wassermesser eingebaut.

Da die aus älterer Zeit stammenden Freipfosten bei dem jetzigen hohen Druck im

Rohrleitungsnetz nicht zu halten sind und infolgedessen unverhältnismäßig große

Kosten verursachen, so begann man Aug. 1907 mit der Wegnahme derselben (vor

der Ratsapotheke und anderswo). Der B.-A. hielt jedoch das Fortbestehen der Freipfosten

für ein Bedürfnis derjenigen Häuser, welche keine Hausleitung haben; auch

dienen die Pföste den Landbewohnern und zum Tränken des Viehs. Er verweigerte

deshalb seine Zustimmung zu dieser Maßnahme und verlangte die

Wiederherstellung der Freipfosten „auf Kosten desjenigen, der die Fortnahme

angeordnet hat". (B.-A.-S. v. 13. Aug. und 8. Okt. 1907.) Später erklärte sich der B.A.

dann mit der Beseitigung einiger Pfosten und deren Ersetzung durch neue

Ventilbrunnen einverstanden. Doch sind zur Zeit noch 18 alte Freipfosten in

Benutzung.

Die technische Leitung der Wasserwerke ist seit 1906 Aug. 18 mit der des Gas- und

Elektrizitätswerks (Direktor Lindekugel) verbunden. Eine Unterstation des

städtischen Wasserwerks befindet sich bei der Gasanstalt seit 1899; das Pumpwerk

derselben wurde 1903 erweitert.

Das Feuerlöschwesen ist im verflossenen Jahrzehnt ebenfalls sehr verbessert

worden.

Von der heutigen Ausrüstung der städtischen Feuerwehr ist in dem gleich nachher

wiederzugebenden Bericht die Rede.

Die Unterflurhydranten sind seit Juli 1901 an einer Reihe von Stellen durch

Überflurhydranten ersetzt, da jene von den Feuerwehrleuten oft nur schwer

gefunden werden können. Die Zahl der Hydranten überhaupt ist beträchtlich

vermehrt worden.

Durch rote Schilder kenntlich gemachte Feuermelderstellen sind gleichfalls im Jahre

1901 in unserer Stadt eingerichtet worden.

Zur Anschaffung eines Transportdreirades für den im Jahre 1903 in Gebrauch

genommenen Feuerlöschapparat „Minimax" bewilligte der B.-A. 1906 Dez. 13 die

Mittel. Das Dreirad ist auf der Rathausdiele aufgestellt, damit die Polizei bei

Feuermeldungen möglichst schnell die erste Hülfe leisten kann.

Dagegen muß die zur Alarmierung der Feuerwehr Sept. 1908 im Wasserwerk

angebrachte Sirene eher als eine Verböserung bezeichnet werden. Die

Neueinrichtung wurde getroffen, weil häufig bemerkt worden sei, daß die

Feuerwehrmannschaften die Feuerglocke nicht gehört haben. Allein die Sirene hörte

man wirklich nicht! Mit Recht genehmigte der B.-A. 1910 Mai 6 den Vorschlag seiner

Kommission: die Feuersirene ist tunlichst durch ein anderes Signal zu ersetzen. Seit

kurzem haben wir denn auch eine Dreiklang-Orgelpfeife, die am Mittag des 3.

Dezember aus dem Wasserwerk zum ersten Male probeweise in Betrieb gesetzt

wurde. Ob sie besser ist, bleibt abzuwarten. Nach dem Urteil der Presse machte sie

sich innerhalb der Stadt nur wenig bemerkbar, und nach der Westseite zu war der

Dreiklang überhaupt kaum zu unterscheiden; man wußte nicht, ob ein Dampfer oder

irgend eine Fabrik ihr Signal abgab.

Gut ist es jedenfalls, daß daneben das bisherige Feuersignal durch die Glocken

beibehalten ist; gut, daß nachts wenigstens der Turmwächter aus St. Marien noch

wacht und es uns durch sein halbstündiges Blasen" ankündet: „Die Stadt ist noch in

guter Ruh"...

Ein Feuerwehrdepot sollte bereits im Jahre 1905 neben dem Wasserwerk erbaut

werden, nachdem der Oberbaurat Stübben diesen Platz als geeignet dafür befunden

hatte. In seiner Sitzung vom 16. Mai d. Js. erklärte sich der B.-A. mit den sämtlichen

hierauf bezüglichen Vorschlägen des Rats einverstanden. Dabei behielt es dann

indessen sein Bewenden, bis 1908 Okt. 2 der B.-A. auf erneuten Antrag des Rats die

Errichtung eines Feuerwehrdepots zur Zeit für unnötig erklärte. Doch sollte der Platz

dafür reserviert bleiben. Die Feuerlöschgerätschaften werden infolgedessen noch

immer teils in dem Raume hinter der Hauptwache, teils in der Turmhalle der St.

Marienkirche aufbewahrt.

Die städtische Feuerwehr beging 1909 Juni 18 das Fest ihres 50jährigen Bestehens.

Der Rückblick, den das M. T. bei dieser Gelegenheit gab, mag hier ungekürzt seine

Stelle finden:

Unsere jetzige städtische Feuerwehr ist bekanntlich aus der alten Bürgerfeuerwehr

hervorgegangen. Bis vor fünfzig Jahren war jeder Bürger der Stadt Wismar

verpflichtet, bei Ausbruch eines Feuers Löschdienste zu tun. Wer nicht erschien,

mußte 8 Schilling Strafe bezahlen. Diese Einrichtung hatte natürlich mancherlei

Nachteile. So zahlten die Arbeitgeber zum Beispiel gerne die 8 Schilling für ihre

Arbeiter, wenn sie dieselben nur im Geschäft zurückbehalten konnten. Um dem

abzuhelfen, schritt man im Jahre 1859 unter der umsichtigen Leitung des Herrn

Senator Strempel zur Gründung unserer jetzigen Feuerwehr, die sich noch heute

aus Handwerkern unserer Stadt rekrutiert. Als erster Leiter der neuen städtischen

Feuerwehr fungierte der Maurermeister Gaster, ihm folgten dann

Schornsteinfegermeister Böhncke und Schiffsbaumeister Barmann. Jetzt liegt die

Leitung in den bewährten Händen des Reifermeister Holtz und Schornsteinfegermeister

Schultz. Zu Anfang der Gründung verfügte die Feuerwehr über zehn

Handspritzen, heute sind davon nur noch vier in Gebrauch. Sie dienen hauptsächlich

für den Dienst außerhalb der Stadt. In der Stadt kommen sie nur für den Notfall in

Betracht, oder zum Auspumpen von Kellern usw. bei Hochwasser oder

Regenkatastrophen. Da jede Straße in Wismar mit Hydranten versehen ist, sind die

Handspritzen überflüssig geworden. Unsere Feuerwehr ist auch gegen früher mit

allen Errungenschaften der Neuzeit auf dem Gebiete des Feuerlöschwesens

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33 In unserer Nachbarstadt Rostock ist dieser alte Brauch gleichzeitig mit dem

Turmwächter Ende Juli 1901 abgeschafft. Schade drum!

ausgerüstet. So ist sie im Besitz einer großen mechanischen Steigeleiter und verfügt

über Rauchhelm, Sprungtuch, Rettungssack, Hakenleitern usw. Alles in Allem ist

unsere städtische Feuerwehr auf der Höhe der Zeit, um ihrem Zweck, ein Schutz

des Bürgerfleißes zu sein, entsprechen zu können.

In unsern Kirchen hat ein jahrhundertelanger Brauch mit Ende des vorigen Jahres

aufgehört: am zweiten Weihnachtstage 1909 wurden Klingelbeutel und Klappen zum

letzten Mal herumgetragen... Über ihr Alter lassen sich genaue Daten zwar nicht

geben, doch sind die Klingelbeutel ohne Zweifel die Fortsetzung einer

mittelalterlichen Einrichtung. Das Umtragen speziell des Armenbeutels in Wismar

dürfte auf die Armenordnung von 1586 Juli 5 zurückgehen.

Die ebenfalls wohl seit Jahrhunderten an den Freitag Nachmittagen in den drei

Hauptkirchen von 3-3 1/2 Uhr (als in der Todesstunde Christi) abgehaltenen

Betstunden wurden Oktober 1901 aufgehoben, da der Besuch immer mehr

abgenommen hatte und zuletzt fast ganz ausgeblieben war.

In den, abwechselnd in den drei Kirchen stattfindenden Abendgottesdiensten wird

seit Nov. 1901 auch das Abendmahl ausgeteilt. Die erste Abendmahlsfeier im

Anschluß an einen Abendgottesdienst fand in St. Georgen am 23. n. Trin., 10. Nov.

1901 statt. Die Abendgottesdienste überhaupt datieren seit Ende 1896; der erste

wurde am Reformationsfeste d. Js. in St. Nicolai abgehalten. Mit dem Fortfall der

Beckensammlungen zur Bestreitung der Beleuchtungskosten in diesen

Gottesdiensten erklärte sich der B.-A. 1901 Dez. 17 einverstanden.

Der Beginn der Abendgottesdienste wurde durch amtliche Bekanntmachung vom 7.

Juli 1910 auf den ersten Sonntag im Oktober festgesetzt, an welchem seither das

Erntedankfest gefeiert wird (früher am 18. Okt. bzw. dem auf diesen folgenden

Sonntage). Die Frühgottesdienste hören mit diesem Tage auf; der Hauptgottesdienst

beginnt von da ab bis zum Trinitatissonntage (seit 1900 bis Judika inkl.) um 10 Uhr.

Seit 1908 Juli 12 (3. n. Trin.) wird in derjenigen Kirche, in welcher der

Frühgottesdienst gehalten wird, kein Nachmittagsgottesdienst mehr abgehalten. Bis

1892 inkl. Fanden Frühgottesdienste in allen drei Kirche statt.

Der Buß- und Bettag vor Advent wurde (wie in ganz Mecklenburg) 1905 zum letzten

Male am Freitag vor Advent gefeiert; seither nach preußischem Muster am Mittwoch

vor dem letzten Trinitatissonntage.

Die Christvesper findet seit Weihnachten 1906 in allen drei Hauptkirchen statt (früher

nur in einer).

Am Gründonnerstage wird seit 1908 ein Beicht- und Abendmahlsgottesdienst in

allen drei Kirchen gehalten.

Der Militärgottesdienst in St. Marien, der bis dahin mit dem Hauptgottesdienste

verbunden war, und an dem infolgedessen nur kleinere Abteilungen teilnehmen

konnten, findet seit 1907 Okt. 13 nach dem Hauptgottesdienst monatlich einmal für

das ganze Bataillon statt. Zum Garnisonsprediger wurde Pastor Schlettwein

gleichzeitig berufen.

Eine Neuordnung der bisherigen Beichtstuhlverhältnisse trat mit dem 1. Januar 1904

in Kraft. Danach ist für die Gemeindezugehörigkeit grundleglich entscheidend die

Wohnung. Sowohl Hausbesitzer als Mieter haben bei Eingehung eines

beichtväterlichen Verhältnisses nur die Wahl zwischen den Pastoren der Gemeinde,

in welcher sie wohnen, und sind an den Gewählten gebunden solange dieser seine

Pfarrstelle behält und sie selber nicht aus der Gemeinde verziehen. Die Taufen

vollzieht nach wie vor der Geistliche, in dessen Amtswoche das Kind geboren ist;

alle anderen Amtshandlungen (Konfirmation, Trauungen, Beerdigungen) dagegen

der Beichtvater. Ausgenommen von diesen Bestimmungen sind die Eximierten,34

die sich auch fernerhin ihren Beichtvater außerhalb des Kirchspiels, in dem sie

wohnen, wählen können.

Die bisherige städtische Superintendentur ging 1909 Okt. 1 in eine

Landessuperintendentur mit dem Sitze Wismar auf. Zu derselben gehören außer

den früheren Bezirken (Wismar, Poel und Neukloster) die Präposituren Gadebusch,

Grevesmühlen, Klütz, Lübow, Mecklenburg und Sternberg. Zugleich wurde an St.

Marien eine dritte Predigerstelle eingerichtet, leider jedoch das erste Pfarrhaus - wie

es scheint, für alle Zeiten - dem Landessuperintendenten belassen.

Die Frage der Heizung unserer Kirchen ist seit Ende vorigen Jahres wieder in den

Vordergrund getreten. Nachdem Dez. 10 im Hotel Stadt Hamburg eine allgemeine

Besprechung darüber stattgefunden hatte, bildete sich 1910 Jan. 20 unter dem

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34 Zu den Eximierten gehören nach § 10 des Regulativs vom 18. März 1829: die

Adeligen, die landesherrlichen Beamten, die Ratspersonen, Doktoren,

charakterisierte Personen von gleichem Range, die kein bürgerliches Gewerbe

betreiben, sowie alle, welche in der Stadt nur einen temporären Aufenthalt nehmen.

Um Härten beim Übergang von der alten zur neuen Ordnung zu vermeiden, wurde

es gestattet, daß die zu Neujahr 1904 bestehenden außerparochialen Beichtverhältnisse

auf Wunsch der Betreffenden auch ferner von Bestand bleiben, solange der

Beichtvater derselben seine Stelle innehat.

Vorsitz des Pastors Schlettwein eine Kirchenheizungskommission, der aus jedem

der drei Kirchspiele 12, im Ganzen also 36 Herren angehören. Es wurde

beschlossen, einen Aufruf an die Einwohnerschaft der Stadt zu erlassen und

dadurch eine Sammlung von Beiträgen für das Projekt einzuleiten. Bis 1910 Dez. 17

waren 6.381 Mark hierfür eingegangen; die Kosten für die Einrichtung werden auf

zirka 100.000 Mark veranschlagt. Unterstützt wurde die Sammlung unter anderm

durch ein Konzert des Lübecker Lehrergesangvereins im großen Sonnensaal (1910

Sept. 29), dessen Reinertrag dem Kirchenheizungsfonds zufloß. Ebenso fand, wie

früher schon erwähnt, die Aufführung des „Unkel Bräsig" (Nov. 1910) zum Besten

dieses Fonds statt. Die in den Voranschlag der Geistlichen Hebungen für das Jahr

1911 eingestellten 3.000 Mark für die Kirchenheizung lehnte der B.-A. 1910 Dez. 13

ab, nachdem die Etatkommission diesen Ansatz nicht für dringlich erachtet hatte.

Von den Schulen ist im Einzelnen schon die Rede gewesen.

Der ungeteilte Vormittagsunterricht wurde für die Höhere Töchterschule Ostern 1903

eingeführt; gleichzeitig wurde für die Gr. Stadtschule der Nachmittagsunterricht auf

die Stunde von 3-4 beschränkt und die bisherige Unterrichtsstunde von 2-3 dem

Vormittagsunterrichte zugelegt.

Das Schulgeld wurde für diejenigen Schüler der höheren und Bürgerschulen, welche

nicht während des ganzen Jahres hier in voller Pension sind, und deren Eltern weder

in hiesiger Stadt noch aus der städtischen Feldmark ihren Wohnsitz haben, von

Ostern 1910 ab um jährlich 50 Prozent erhöht.

Die früher zu Michaelis zusammen mit den Redeübungen, dann zu Ostern eines

jeden Jahres in der Gr. Stadtschule abgehaltenen öffentlichen Prüfungen wurden

durch Ratsverfügung vom 5. Mai 1903 abgeschafft, da die Beteiligung der Eltern und

Angehörigen der Schüler an denselben immer mehr abgenommen hatte. Die

Verteilung der Prämien erfolgt seither in der Schlußandacht des Schuljahrs. Die

Redeübungen zu Michaelis bestehen fort.

In den Volksschulen hörte die bis dahin übliche Erhebung des Tinten- und

Federgeldes -jährlich 50 Pf., auch ein Überbleibsel aus guter alter Zeit - auf Antrag

des Rektors von Ostern 1904 an auf. Seit 1906 Jan. 1 hat derjenige, der gleichzeitig

mehr als zwei Kinder in die Knaben- oder Mädchenvolksschule schickt, nur für die

beiden jüngsten Kinder Schulgeld zu zahlen.

Die Gewerbeschule, die bis Michaelis 1910 Loshand leitete, steht seither mit unter

Leitung des Rektors Troitzsch (Rektor der Bürger- und Volksschulen seit 1895).

Kurse für Handfertigkeitsunterricht, an denen Schüler aller städtischen Schulen

teilnehmen können, sind in diesem Winter (1910/11) zum ersten Male eingerichtet.

Sie wurden vom Gewerbeverein ins Leben gerufen und werden vorläufig von der

Stadt subventioniert.

An milden Stiftungen sind im letzten Jahrzehnt neu begründet bzw. in Wirksamkeit

getreten:

1. Die Gebrüder-Meyer-Stiftung. Der im Jahre 1896 verstorbene Rentner (frühere

Viehhändler) Wilhelm Meyer vermachte der Stadt sein am Schilde belegenes Haus

(Nr. 5) nebst einem Kapital von 35.000 Mark, damit darin bedürftigen,

unbescholtenen und anständigen Leuten aus dem Handwerker- und übrigen

Mittelstande Unterkunft gewährt werde. Das Vermächtnis wurde verfügbar, nachdem

der letzte der drei Brüder, Heinrich Meyer, 1902 Mai 6 verstorben war (Ernst Meyer

starb 1898). Der B.-A. erklärte sich mit der Annahme des Vermächtnisses 1902 Juni

10 einverstanden.

2. Die Wilhelm-Gollert-Stiftung. Die am 7. April 1902 verstorbene Witwe des

Schiffskapitäns Gollert, Meta geb. Maßmann, Tochter des wail. Kirchenrats

Maßmann, stellte der Stadt letztwillig ein Kapital von 10.000 Mark zur Verfügung,

damit aus den Zinsen hilfsbedürftige Seeleute und deren Witwen Unterstützungen

empfangen. Die Annahme durch den B.-A. erfolgte 1902 Juli 25.

3. Die Heinrich Podeus-Stiftung des 1905 Juli 21 verstorbenen Geh.

Kommerzienrats Podeus zu Gunsten der Arbeiter der Podeus'schen Firmen.

4. Die Crull'sche Stiftung. Die am 20. Juni 1907 verstorbene Frau Witwe Wilhelmine

Crull geb. Crull stiftete letztwillig ein Kapital von 10.000 Mark, deren Zinsaufkunft zur

Unterbringung bedürftiger Kran ker im hiesigen Krankenhause die Mittel bieten soll.

Vom B.-A. angenommen 1907 Juli 31.

5. Die Stiftung Vermächtnis der Gebrüder Frahm zu Gunsten unbescholtener

notleidender Personen aus dem Stande der kleinen Handwerker und Arbeiter, sowie

der Witwen und Waisen derselben. Die Brüder Peter und Theodor Frahm hatten

Hinter dem Rathause Nr. 13 eine Eisen-, Kurzwaren-, Porzellan- und Glashandlung

unter der Firma Gebrüder Frahm und eben dort Nr. 11 eine Tabaksfabrik unter der

Firma Ernst Frahm. Die Geschäfte wurden 1876 von den Brüdern verkauft und

gingen 1899 ein. Theodor Frahm starb 1878; Peter Frahm 1892. Das Vermächtnis

trat in Wirksamkeit, nachdem ein Überlebender Bruder, Kaufmann in Hamburg, im

Jahre 1907 verstorben war. Die landesherrliche Genehmigung datiert von 1907

Sept.

6. Die Konsul Lembke-Stiftung. Die am 15. Jan. 1908 verstorbene Frau Konsul Elise

Lembke verw. Seeler geb. Kindler bestimmte in ihrem Testament, daß das Kapital,

welches durch den Verkauf der Lembke'schen Grundstücke Lübschestr. 15 und

vierzehn Morgen Akkers aufkäme, von der Stadt zu einer Stiftung verwandt werden

solle, aus deren Zinsen bedürftige Witwen und Waisen hiesiger Kaufleute, eventuell

hiesiger, den besseren Ständen angehöriger Einwohner eine Beihilfe zu

standesgemäßem Unterhalt bzw. zu standesgemäßer Erziehung erhalten sollen. Die

Publikation der Stiftung durch Bürgermeister und Rat35 erfolgte 1908 Juni 25.

7. Die Peter-Paetow-Stiftung, welche hilfsbedürftige Seeleute (alte Matrosen,

Steuerleute, Schiffer) beziehentlich deren Witwen und eheliche Kinder zu

unterstützen bestimmt ist. Der Rentner Peter Paetow (früher Hofbesitzer auf Poel)

verstarb bereits vor mehreren Jahrzehnten; die Stiftung trat jedoch erst nach dem

Tode seiner (Lübschestr. 46 wohnhaften) Witwe Sophie geb. Lembcke (gest. 1907)

in Kraft. Die Publikation erfolgte 1908 Juni 25.

8. Die durch Testament des im Jahre 1883 verstorbenen Rentiers (früheren

Tischlermeisters) Kobow begründete Rudolf-Kobow-Stiftung trat, nachdem das vom

Erblasser ausgesetzte Kapital durch Zins und Zinseszins die hierfür erforderliche

Höhe erreicht hatte, durch Erbauung und Ingebrauchnahme des Stiftshauses

Podeusstr. 1 (mit 8 Wohnungen für erwerbsunfähige Personen aus dem

Gewerbestande) im Jahre 1908 ins Leben.

9. Die Geschwister Burmeister'sche Stiftung zur Unterstützung bedürftiger Kaufleute

(Männer, Frauen oder Kinder), welche nach ihrer sozialen Stellung, ihrer

kaufmännischen Bildung und dem Umfange ihres Geschäftes den ersten Ständen

der Stadt zugerechnet werden. Stifter: Fräulein Auguste Burmeister (gest. 1909 Juli

18), Fräulein Mathilde Burmeister (gest. 1908 Dez. 8) und Rentner Theodor Burmeister

(gest. 1902 März 3). Publiziert 1909 April 30.

10. Das Mathildenstift zur Unterstützung bedürftiger Lehrerinnen oder früherer

Lehrerinnen, welche nach den jetzt bestehenden oder später zu erlassenden

gesetzlichen Vorschriften die Befähigung zur Erteilung von wissenschaftlichem

Unterricht an höheren Mädchenschulen durch das Bestehen der vorgeschriebenen

Prüfung nachgewiesen haben Stifterin: Fräulein Mathilde Burmeister (s. unter 9)

Publiziert 1909 April 30.

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35 Den Antrag, daß bei Stiftungen der Zeitpunkt ihres Inkrafttretens, der Zweck und

die Verwalter öffentlich bekannt gemacht würden, stellte der B.-A. 1908 Febr. 18.

11. Die Stiftung des Fräulein Auguste Burmeister (s. unter 9.), bestehend in 3.000

Mark, von deren Zinsen hilfsbedürftigen Wismarschen Augenkranken eine

Erleichterung verschafft werden soll. Publiziert 1910 Mai 30.

12. Die Stiftung des Hofrats Dr. Theodor Michelsen zum Besten von Bedürftigen und

Notleidenden, insbesondere aus dem kleinen Handwerkerstande der Stadt Wismar.

Hofrat Dr. Michelsen, gest. in Schwerin 1910 April 12, war Advokat und Notar in

Wismar bis 1877.

Von den Vereinen, die in den letzten zehn Jahren neu ins Leben getreten sind, ist in

erster Linie die Gemeinnützige Gesellschaft zu nennen, die sich in den sechs Jahren

ihres Bestehens in der Tat als gemeinnützig im besten Sinne bewiesen hat. Sie

wurde 1905 März 15 in Fründts Hotel begründet. Ihr erster Vorsitzender war

Oberamtsrichter Martens; seit dessen Tode Zollrat Jahn. Ihr Hauptwerk ist die

Einrichtung der oben schon besprochenen Volksbibliothek. Von ihren sonstigen

Veranstaltungen seien erwähnt: Herausgabe eines Führers durch Wismar, sowie

einer Anzahl Reklametafeln mit Ansichten der Stadt, die an die Hotels usw. verteilt

wurden; Aufstellung von Bänken am Wege nach Wendorf, am Philosophenweg usw.;

Errichtung einer Schutzhalle am Wege nach Wendorf; Bau einer Schutzhütte auf

dem Walfisch und Anlage einer Kochgelegenheit daselbst. Außerdem sorgte die

Gemeinnützige Gesellschaft für bessere Verbindungen mit dem Seebade Wendorf

u.a.m. Auch der im letzten Sommer probeweise eingelegte Sonntagsnachmittagszug

nach Neukloster ist ihr zu verdanken.

Der Bürgerverein wurde 1907 Nov. 9 im Hotel zur Sonne gegründet. Er ist das Werk

des Professors Dr. Kirchner, der den Vorsitz in ihm bis Anfang 1910 hatte;

seitheriger Vorsitzender ist Prof. Dr. Techen. Der Bürgerverein bezweckt die

Besprechung kommunaler Angelegenheiten, speziell die Vorbereitung der

Bürgerausschußwahlen.

Der Frauenbildungsverein (Ortsgruppe Wismar) hielt 1908 Febr. 4 im kleinen

Sonnensaal seine erste Mitgliederversammlung ab, durch die die Gründung des

Vereins bestätigt ward. Vorsitzende ist Fräulein Paepcke. Zwecks Begründung einer

Kochschule in Wismar veranstaltete der Verein 1909 Febr. 12-14 in Fründts Hotel -

wie auch schon erwähnt - einen Wohltätigkeitsbasar, der einen Reinertrag von

9.925,07 Mark brachte. Für denselben Zweck fanden die Aufführungen der

„Preußentid" im Stadttheater 1909 Nov. 29 - Dez. 9 statt. Indessen mußte der Plan

aufgegeben werden, da der B.-A. sich gegen das Unternehmen erklärte (1910 April

22). Statt dessen ist jetzt die Errichtung eines Säuglingsheims auf dem Erbpachthofe

Petersdorf bei Dorf Mecklenburg geplant, dessen Besitzer, Bock-Rosenthal, das

Herrenhaus für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hat. Das zum Besten dieses

Unternehmens 1910 Juni 3-5 veranstaltete Gartenfest ergab einen Barüberschuß

von rund 2.000 Mark; die früher (für die Kochschule) aufgebrachten Gelder sollen

unter Zustimmung der Geber nun ebenfalls für das Säuglingsheim verwendet

werden. Die Besichtigung der Räumlichkeiten in Petersdorf und die Prüfung der

sanitären Verhältnisse und des Trinkwassers ist durch das vom Ministerium des

Innern hiermit beauftragte hiesige Großh. Amt Nov. 1910 erfolgt und zufriedenstellend

ausgefallen, so daß die Eröffnung des Heims voraussichtlich im nächsten

Frühling stattfinden kann.

Der Tierschutzverein wurde 1910 Jan. 31 im Hotel Wädekin begründet. Er verdankt

seine Entstehung in erster Linie den Bemühungen des Fräulein Sophie Schröder

(früher in Oberhof). Vorsitzender ist Professor Dr. Dethlefsen. Von dem Verein wird

u. a. seit Aug. 6 auf dem Wochenmarkt (neben den Linden vor der Hauptwache)

eine Schlachtbude aufgestellt, in der unentgeltlich das auf dem Markte gekaufte

Geflügel geschlachtet wird. Die Neueinrichtung wird viel benutzt; in der Zeit vom 6.

Aug. bis Ende des Jahres wurden in der Bude über 1.900 Schlachtungen von

Federvieh vollzogen.

Der Haus- und Grundbesitzerverein (Vorsitzender Architekt Busch) wurde 1906 Nov.

23 ins Leben gerufen; der Marineverein (Vors. Dr. med. Lübcke) 1905 April 19 (nicht

9, wie im Wism. Adreßb. v. 1911 angegeben) ; der Verein reichstreuer Arbeiter

Anfang April 1907. Schließlich noch ein paar statistische Notizen.

Die Zahl der im letzten Dezennium in Wismar getauften Kinder betrug nach den

kirchlichen Adventsberichten 5.794; die der Begrabenen 3.971; außerdem endeten

29 Personen durch Selbstmord. Getraut wurden 1.503 Paare, davon 399 in St.

Marien, 503 in St. Georgen und 601 in St. Nicolai.

Nach den Standesamtsberichten stellen sich die Daten, wie folgt: Geboren

(einschließlich der totgeborenen) 6.199 Kinder (3.182 männlichen und 3.017

weiblichen Geschlechts); gestorben (zuzüglich der totgeborenen Kinder) 4.105

Personen (2.070 männliche und 2.035 weibliche); Eheschließungen 1547.

Die Einwohnerzahl Wismars betrug nach der Volkszählung von 1900 Dez. 1: 19.659

(mit städtischer Feldmark 20.222; einschließlich des zur Stadt gehörenden

Landbezirks 21.290); nach der Volkszählung von 1905: 21.214 (21.902 bzw.

22.989); nach der von 1910 Dez. 1: 23.685 (24.376 bzw. 25.452).

Die Zahl der Bewohner Wismars hat sich mithin in den letzten zehn Jahren um mehr

als 4.000 vermehrt und ist einschließlich des Landbezirks über 25.000 gewachsen.

Ein erfreulicher Aufschwung, möge er unserer Stadt auch ferner beschieden sein!

Ein Gang über den Friedhof

Zwar nicht alle ruhen sie da draußen auf unserm hochgelegenen Gottesacker, deren

Namen auf den nachfolgenden Blättern verzeichnet stehen. Manche von ihnen sind

aus der Vaterstadt ausgezogen in die Welt, haben fern von uns ihr Heim gehabt,

gelebt und geschafft, sind fern der Heimat gestorben und haben in fremdem Boden

ihre letzte Ruhestatt gefunden. Aber sie waren und blieben doch Wismarsche

Kinder.

Andere, deren Wiege weit vom Ostseestrande gestanden haben mag, sind eine

längere oder kürzere Zeit unter uns gewesen und haben dann ihren Wanderstecken

weitergesetzt, - vor langen Jahren vielleicht, so daß ihr Name fast schon aus unserm

Gedächtnis geschwunden war. Aber als die Kunde von ihrem Tode zu uns kam, da

wurde ihr Andenken wieder lebendig in uns, - sie wirkten und schafften doch einst

unter uns, in und für Wismar.

Es sind auch nicht bloß Größen, deren Namen hier angeführt sind, nicht nur

„Doktoren und charakterisierte Personen von „gleichem Range" wie es in dem alten

Regulativ über die Eximierten heißt. Auch die Kleineren unter ihnen, die ihre Kräfte

in den Dienst unsers Gemeinwesens gestellt; auch die in Handel und Gewerbe, in

Schiffahrt und Ackerbau zum Gedeihen und Emporblühen unserer Stadt an ihrem

Teile beigetragen, auch sie sollen unvergessen sein. Und mag von den einen oder

andern unter ihnen nicht mehr zu sagen sein, als daß sie - in gutem Sinne -

stadtbekannte Persönlichkeiten waren, so soll eben deswegen dies Buch über

Wismar auch ihr Gedächtnis bewahren.

Lassen wir ihn denn an uns vorüberwallen, den Zug der Wismarschen Toten des

verflossenen Jahrzehnts.

Es starben:

1901

Januar 5: Rentier J. Allwardt, früherer Besitzer von Kritzowburg, im 76. J.

Januar 26: Karl Heidensleben, Amtmann in Wismar 1867-1890 (a. D.), im 82. J.

Januar 28: Amtsrichter A. W. Martens - Neubukow, Sohn des wail. Rechtsanwalts J.

A. Martens zu Wismar, im 51 J.

Februar 20: Senator a. D. Franz Gahrtz, geb. 1829 Nov. 16 als Sohn des Kaufmanns

und Weinhändlers Gahrtz zu Wismar; Stadtsekretär in Wismar 1862 Aug. 30-1879

Okt. 1; seither (rechtsgelehrter) Senator bis Mich. 1898.

Februar 23: Hofrat Paul Witt, geb. 1819 als Sohn des Privatlehrers Witt zu Wismar;

Senator in Wismar 1848-1852; Bürgermeister in Grevesmühlen bis 1859; Direktor

der Strafanstalt Dreibergen bis 1883 (a. D.); seither in Wismar.

Februar 24: Kgl. Niederländ. Vizekonsull a. D. Fritz Crull, Mitinhaber der Firma F.

Crull & Co. bis 1879; Konsul bis 1898; Aeltester der Kaufmannskompagnie36; im 77

J.

März 2: Karl Dahlstein, ritterschaftlicher Polizeidiener a. D.; langjähriger Aufseher

des Altertumsmuseums ; im 74 J.

Juni 12: Theodor Grobe, Lehrer an der Gr. Stadtschule Mich. 1853 - Ostern 1897 (a.

D.), im 72 J.

August 1: Regierungsrat Hermann Engell- Schwerin, Sohn des wail. Kaufmanns

Engell zu Wismar, im 42 J.

August 7: Hugo Sonne, wissenschaftlicher Lehrer an der Realschule in Hamburg-

Horn, Sohn des wail. Gymnasialdirektors Dr. Sonne zu Wismar, im 40. J.

August 30: Restaurator Carl Buderich im 70 J. September 12: Maurermeister Gustav

Holzgreve im 46. J.

Oktober 13: Vorschußvereinsdirektor Heinrich Augustin, Rostock, Sohn des wail.

Hofhutmachers Augustin zu Wismar, im 59. J.

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36 An seine Stelle trat Aug. von Plessen (t 1903); an dessen Stelle Kommerzienrat

Cordua. Für die im J. 1905 verstorbenen Geh. Kommerzienräte Friedrichsen und

Podeus wurden Kommerzienrat Eberhardt und Konsul Heinrich Podeus zu Aeltesten

gewählt; für den 1906 verst. Kommerzienrat Erhardt Bankdirektor Fenger.

Vorsitzender der Kaufmannskompagnie ist seit dem Tode des Geh. Kommerzienrats

Podeus Kommerzienrat Eberhardt.

Oktober 14: Friedrich Kleist, Stadtquartiermeister seit 1891, im 45 J. Dezember 29:

Frau Kommerzienrat Auguste Hinstorff im 88 J.

1902

Januar 30: Heinrich Schultz, Polizeisergeant (seit 1901 Juli 9: Polizeikommissar)

1870-1901 Okt. 1 (a. D.); im 70 J.

Februar 25: J. A. Ortstein, Lehrer an der Mädchenvolksschule und Organist an St.

Nicolai Ostern 1854- Weihnachten 1895 (a. D.), im 77. J. März 3: Rentier Theodor

Burmeister im 76 J.

März 21: Fräulein Lucie Crain - Berlin, Tochter des wail. Rektors an der Gr.

Stadtschule zu Wismar Crain; im 69. J.

April 7: Frau Meta Gollert geb. Maßmann im 56. J. April 13: Friseur Fritz Lampe im

45 J.

Mai 15: Schiffskapitän J. A. Maren im 87. J.

Mai 27: Senator Erdmann Lembke, Sohn des wail. Rechtsanwalts Gabriel Lembke

zu Wismar: Inhaber der Firma A. & G. Müller Nachfl. seit 1892; Senator seit 1895; im

43 J.

Juni 5: Ludwig Rittner, Amtsgerichtsaktuar in Wismar seit 1879; Sekretär seit 1899;

im 60. J.

Juni 22: Carl Kürtzner, städt. Sparkassenberechner (vor 1872) bis 1898 (a. D.); im

83. J.

Oktober 14: Pastor emer. Traugott Witte, Pastor in Kirchdorf a. Poel 1881 Juni 12-

1902 Okt. 1; im 69 J.

Oktober 16: Gymnasialprofessor Dr. Conrad Leysath, Lehrer an der Gr. Stadtschule

seit Mich. 1874; im 58. J.

November 12: Schiffskapitän Gottfried Roggensack im 64. J. Dezember 27: Karl

Bartky, Stadtsoldat (vor 1872) bis 1896 (a. D.), im 74. J.

1903

Januar 18: Musikdirektor Friedrich Rosenkranz - Heidelberg, städt. Musikdirektor in

Wismar 1863 bis 1874; im 86. J.

Februar 5: Kaufmann Johannes Behrens, Inhaber des früher Ferd. Schröder'schen

Geschäfts (jetzt Th. Groß) Krämerstr. 15; im 41. J. Februar 20: Seifenfabrikant

Heinrich Zimmermann im 68. J. Februar 20: Hafenmeister Theodor Kruse,

Oberlootse 1881-1899, seither Hafenmeister; im 63. J.

Februar 21: Roßschlachter Otto Werk im 55. J.

März 25: Wilhelm Niemann, Inhaber der Firma Niemann, im 54. J. Mai 6: Kaufmann

Adolf Jahncke, Inhaber der Firma Jahncke, im 72. J. Mai 7: Schiffskapitän Joachim

Engelbrecht im 77. J.

Mai 11: Kaufmann Wilh. Raabe im 53. J.

Mai 12: Kaufmann August von Plessen, Inhaber der gleichnamigen Kohlenfirma;

Ältester der Kaufmannskompagnie seit 1901; im 72 J. Juni 2: Schifferältester Kapitän

1. E. Gusmer im 74. J.

Juni 19: Kaufmann Joh. Heinr. Gersteroph - Hamburg, früherer Inhaber der Firma J.

H. Gersteroph - Wismar; im 84. J.

Anfang Juli: Oberst a. D. Strahl-Bunzlau, Kommandeur des Wismarschen Bataillons

1894-1900.

Juli 12: Schornsteinfegermeister Friedrich Böhnke im 78. J.

Juli 27: Schiffskapitän Wilhelm Bade, Unternehmer der bekannten Nordlands-

Passagierfahrten; im 61. J.

September 8: Kaufmann Adolf Friederichs, Inhaber der Firma J. C. Rhades; im 53. J.

September 30: Uhrmacher Julius Brunnckow, Mitglied des Bürgerausschusses seit

Anfang der 70er Jahre; stellvertretender Vorsitzender 1887-1901; langjähriger

Vorsitzender des Gewerbevereins; im 76. J.

Oktober 25: Kaufmann Ernst Schregel, Inhaber der Firma F. W. Schregel bis 1893;

langjähriges Bürgerausschußmitglied, einer der eifrigsten Förderer unsers

städtischen Gemeinwesens; im 63. J.

Oktober 31: Krämerkompagnieverwandter Johannes Kälcke im 82. J. November 22:

Klempnermeister Eduard Sivkovich im 65. J.

1904

Juni 1: Rentier (früherer Weinhändler) Christian Kayatz im 90. J. Juni 10: Zahnarzt

Theodor Suckstorff im 63. J.

Juli 3: Kaufmann Theodor Schmidt, Vertreter der Meckl. Sparbank, im 63. J.

August 10: Großherzogl. Musikdirektor Julius Maßmann, Lehrer an der

Knabenbürgerschule, Kantor an St. Marien und Waiseninspektor 1850-1890 (a. D.);

im 85. J.

Oktober 2: Oberamtsrichter M. Paepcke, Amtsrichter in Wismar seit 1891;

Oberamtsrichter 1897; im 63 J

Oktober 20: Oberstleutnant a. D. Krull, Bezirkskommandeur des Landwehrbezirks

Wismar seit 1902 Febr. 183'; im 54. J.

Dezember 6: Senatspräsident a. D. Gustav Strempel - Rostock, Senator in Wismar

1854-1878; Bürgermeister 1878-1879; im 80. J.

 

37 Sein Vorgänger im hiesigen Bezirkskommando war Major Hesse (seit 1899);

seine Nachfolger: Major Weltzien 1904-1909; Oberstleutnant Keppel bis Ende 1910.

1905

Januar 12: Geh. Kommerzienrat und Kaiserl. Russ. Vizekonsul Friedrich

Friedrichsen, Inhaber der (1900 eingegangenen) Firma B. C. Frentz Söhne,

Holzimport und Baumaterialien; Ältester der Kaufmannskompagnie aus der Wahl

des Rats seit 1891; im 82 J.

Februar 1: Johannes Krabbe, Kirchenvogt an St. Marien 1878 - Mich. 1899 (a. D.),

im 73. J.

Februar 2: Gustav Danehl, Polizeisekretär 1875 bis 1904 Febr. (a. D.), im 62. J.

Februar 11: Schiffskapitän Karl Benn im 74. J.

März 17: Erbpachthofbesitzer Gustav Lembke - Fährdorf, Obervorsteher der Insel

Poel, im 56. J.

April 11: Wilhelm Lehmkuhl, Kirchenvogt an St. Nicolai seit 1877, im 72. J.

Mai 10: Kaiserl. Bankvorstand Kurt Zimmermann.

Juni 18: Karl Heitmann, ehemaliger Besitzer des Gehöfts Hornstorferburg, dann des

Restaurants Hinter dem Rathause Nr. 7 (jetzt Zum Hirsch), im 68. J.

Juli 21: Geh. Kommerzienrat Heinrich Podeus, Begründer der Firma H. Podeus,

Kohlenimport 1870; Inhaber der Firma F. Crull & Co., Eisengießerei und

Maschinenfabrik seit 1879; Begründer der Dampfschiffsreederei H. Podeus 1883;

des Säge- und Hobelwerks (jetzt Wismarsche Hobelwerke A. G.) 1884; der

Waggonfabrik 1894; langjähriges Mitglied des Bürgerausschusses; Ältester der

Kaufmannskompagnie aus der Wahl des Rats seit 1894; im 73. J. - Mit ihm ist - so

urteilte das M. T. mit Recht - der Mann dahingegangen, dem in erster Linie die

Entwicklung und der Aufschwung zu danken ist, welchen unsere Stadt während der

letzten Jahrzehnte in Handel und Verkehr genommen hat.

August 30: Ziegeleibesitzer Karl Ahrens - Ahrenshof im 55. J. September 16:

Hauptmann a. D. Christian Wirt, Vertreter der Meckl. Hypotheken- und Wechselbank

(seit 1894), im 50. J.

Oktober 15: Gymnasialprofessor Johannes Lemme, Lehrer an der Gr. Stadtschule

seit Ostern 1874, im 67. J.

November 5: Präpositus Petersen, Pastor in Lübow seit 1875 Mai 9; Präpositus 1882

Sept. 7; im 73 J.

November 23: Rentier (früherer Hofglockengießer) Eduard Albrecht im 71. J.

Dezember 6: Kaufmann Wilhelm Günther, Inhaber der (1902 eingegangenen) Firma

Schröder & Günther; im 63. J.

Dezember 16: Fritz Fründt - Rostock, früherer Hotelbesitzer in Wismar, im 60. J.

Dezember 31: Schiffskapitän Christian Herrlich im 69. J.

1906

Januar 9: Oberamtsrichter Heinrich Raspe, Amtsrichter in Wismar seit 1879;

Oberamtsrichter 1894; Leiter des Musikvereins seit 1881 Febr. 10; im 68. J.

Januar 27: Georg Grotefend - Güstrow, Leiter der Grotefend'schen Höheren

Töchterschule in Wismar 1855-1881; seither Lehrer an der städt. Höheren

Töchterschule bis Ostern 1892 (a. D.); im 871

Januar 31: Frau Marie von Meibom, geb. Hernes im 64. J.

Februar 6: Kommerzienrat und schwedischer Vizekonsul a. D. Carl Erhardt,

Mitinhaber der Firma Stargardt & Erhardt 1856-1873; seither Inhaber der Firma Carl

Erhardt; Consul 1878-1905; Ältester der Kaufmannskompagnie seit 1896; im 74. J.

Februar 22: Hofschmiedemeister Fritz Krüger, Besitzer der vormals Kehrhan'schen,

später Bobzin'schen Schmiede am Altwismartor seit 1882; Mitbegründer und

Mitinhaber der Firmen Hein & Co. (Säge und Hobelwerk vor dem Altwismartor) 1892,

Haack & Co. (Dampfziegelei vor dem Poelertor) 1899, Böckler & Co.

(Maschinenfabrik in Carlsdorf) 1901; im 54. J.

April 5: Gymnasialprofessor a. D. Ferdinand Roese - Ratzeburg, Lehrer an der Gr.

Stadtschule zu Wismar Ostern 1863 - Mich. 1901; im 70. Jahre.

April 19: Frau Kommerzienrat Anna Behring im 91. J. April 21: Hofbuchbindermeister

Julius Meyer im 87. J. April 30: Schifferältester Kapitän Gottfried Heuser im 90. J.

Mai 6: Andreas Beutz, Lehrer an der Knabenbürgerschule seit Mich. 1872; im 59. J.

Mai 25: Dr. med. Georg Gottwald, Stabsarzt in Wismar seit 1904; im 39. J.

Juni 15: Carl Gosebeck, Direktor des Vorschußvereins Wismar 1876-1900; im 84. J.

Juni 19: Amtshauptmann a. D. Bernhard Fabricius ; seit seiner Pensionierung 1901

Juli 1 in Wismar wohnhaft; im 72. J.

Juni 29: Chefredakteur a. D. Dr. Kropatscheck - Berlin, Lehrer an der Gr.

Stadtschule zu Wismar Mich. 1873 - Osteru 1878, im 59. J. Ende Juni:

Oberstabsarzt a. D. Dr. Bernhard Gaedkens - Hannover, Stabsarzt in Wismar 1887-

1889; im 50. J.

Juli 7: Heinrich Topp, Amtsgerichtsaktuar in Wismar 1882-1898 (pensioniert mit dem

Titel Amtsgerichtssekretär), im 78. J.

Juli 17: Direktor Camillo Ackermann, Lehrer an der städt. Höheren Töchterschule

seit deren Begründung 1881; Direktor seit Ostern 1900; im 58. Jahre.

Juli 26: Kaufmann Georg Blanck im 49. J.

Oktober 3: Wassersteller und Sielbauaufseher a. D. Carl Westphal, in städtischen

Diensten 1873-1902; im 68. J.

Oktober 29: Kaufmann Carl Lüdtke im 65. J. November 6: Tierarzt Franz Caspary im

65. J. November 18: Betriebsingenieur Albert Voigt im 56. J. November 23:

Kaufmann Wilhelm Riebe im 68. J.

November 24: Rittmeister a. D. von Viereck - Dreveskirchen,

Reichstagsabgeordneter des 2. Meckl. Wahlkreises 1893; im 62. J.

1907

Januar 16: Konsul und Ritter Christian Vagt - Stockholm, geborener Wismarer, im

72. J.

Januar 16: Kaufmann Heinrich Joseph, letztes Mitglied der Kompagnie der

Gewandschneider in Wismar38, im 81. J.

Februar 13:Max Freiherr von Ketelhodt auf Behringen bei Stadtilm, Amtshauptmann

in Wismar 1887-1901 Juli 1.

Februar 22: Rentner Fritz Erdmann im 76. J.

Februar 24: Krämerkompagnieverwandter Albert Mühlenbruch im 70. J.

März 2: Kreisphysikus Dr. Franz Habermann - Güstrow, Sohn des wail. Kaufmanns

Habermann zu Wismar; praktischer Arzt in Wismar 1890-1906 Febr., im 41. J.

Mai 7: Amtsgerichtsrat Friedrich Martens, Amtsrichter in Wismar seit 1890;

Oberamtsrichter 1898; Amtsgerichtsrat 1906; im 65. J.

Juni 20: Frau Wilhelmine Crull geb. Crull im 69. J. (Vgl. Abschn. III ) August 3:

Mittelschullehrer August Landgraf, Lehrer an der Knabenbürgerschule Ostern 1894 -

Ostern 1907; seither an der Höheren Töchterschule; im 51. J.

August 9: Domänenrat August Prange, Besitzer von Moisall; Pächter von Hornstorf

seit Mitte der 50er Jahre (später auch von Rohlstorf) bis 1899; seither in Wismar; im

79. J.

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38 Vgl. B.a.W.V. pag. 187

September 13: Generalleutnant von Legat - Berlin, Kommandeur des Wismarschen

Bataillons 1869 bis 1872; Schwiegersohn des wail. Senators Süesserott zu Wismar;

im 78 J.

September 15: Kaufmann Johann Gustav Hammer, Inhaber der Firma H. C. H.

Hammer, im 67. J.

September 15: Dr. med. Carl Ziehl, Sohn des wail. Advokaten Franz Ziehl zu

Wismar, im 38. J.

September 17: Kaufmann Ernst Tiede im 46 J.

Oktober 17: Bürgermeister a. D. Geh. Hofrat Adolf Fabricius, Senator in Wismar

1864 Okt. 15 bis 1889 Sept. 27; Bürgermeister bis Johannis 1900; im 75. J.

Oktober 19: Rittergutsbesitzer Eduard Thormann - Prestin, Sohn des wail. Geh.

Kommerzienrats Thormann zu Wismar, im 52. J. Oktober 31: Rentier (früherer

Hutmacher) Heinrich Voigt, Bürger Wismars seit 18.12, im 93. J.

November 8: Oekonomierat Christian Hildebrandt - Hof Redentin im 70. J.

1908

Januar 13: Generalarzt a. D. Dr. Otto Ludwig Meilly - Rostock, Stabsarzt in Wismar

1878-1887, im 64. J.

Januar 15: Frau Konsul Elise Lembke geb. Kindler im 83. J. (Vgl. Abschn. III )

Januar 20: Maschinenbauer Hermann Raulf, Inhaber der (1906 eingegangenen)

Firma C. H. Raulf & Sohn, im 59. J.

Februar 10: Baumann Carl Hansen im 59. J.

Februar 22: Fräulein Emma Kuntze, Schwägerin Fritz Reuters, im 87. J.

Februar 25: Hofsteinmetzmeister Louis Rusch im 80. J.

Februar 26: Max Schneider, Amtsgerichtsaktuar in Wismar seit 1898, im 51. J.

März 3: Kaufmann Paul Engell, Inhaber der Firma Engell & Co., im 56. J.

Juni 25: Schiffsbaumeister Carl Barmann im 62. J.

Juli 15: Frau Kommerzienrat Auguste Marsmann im 74. J. Juli 30: Schiffskapitän J.

Dähncke im 85. J.

August 1: Frau Geh. Kommerzienrat Franziska Podeus im 64. J. Oktober 20:

Hofschirmfabrikant Ernst Pundt im 77. J.

Oktober 26: Wilhelm Wulf, Schuldiener an der Gr. Stadtschule seit 1889 Juli 1, im

61. J.

Oktober 31: Otto Kretzschmar, Direktor der Hansabrauerei seit 1902, im 52.J.

Dezember 8: Fräulein Mathilde Burmeister im 87. J.

1909

Januar 10: Maurermeister Gustav Treptow 37. J.

Januar 31: Geh. Hofrat Eduard Haupt, geb. 1834 als Sohn des Rektors an der Gr.

Stadtschule zu Wismar Haupt; Rechtsanwalt in Wismar seit 1861; Mitglied des

Bürgerausschusses seit 1866, Vorsitzender 1878 bis 1903.

Februar 27: Kirchenrat Dr. Ernst Gerlach, Pastor in Proseken seit Ostern 1883, im

71. J.

März 18: Kollegienrat J. von Winck im 82. J.

März 21: Kaufmann und Fabrikbesitzer Wilhelm Müller, Begründer der Firma Wilh.

Müller (Eisenwarenhandlung in der Kleinschmiedestraße 1875, in der

Dankwartsstraße 1886; Drahtwarenfabrik daselbst 1890, vor dem Altwismartor 1902)

im 58. J.

Mai 3: Großh. Hausgutspächter Christian Röper - Moidentin im 67. J. Mai 13: Dr. jur.

Carl Stichert, Rechtsanwalt in Wismar seit 1874, im 57. J.

Juni 22: Krämerkompagnieverwandter Eduard Schwenn im 74. J. Juni 25:

Rittergutsbesitzer Christian Thormann - Gr. Stieten, Sohn des wail. Geh.

Kommerzienrats Thormann zu Wismar, im 61. J.

Juli 15: Frau Konsistorialrat Augusta Walter im 93. J.

Juli 18: Fräulein Auguste Burmeister im 85. J. (Vgl. Abschn. III ) Juli 25: Gutspächter

Gustav Uhtoff -Kl. Warin im 51. J.

Juli 27: Otto Behrens, Sparkassenrevisor 1880 bis 1902 (a. D.); Rechnungsführer

der Allgemeinen Ortskrankenkasse 1885-1906 Juni 30; im 75. J.

August 6: Wilhelm Kasten, Schuldiener der Schulen am Heil. Geist 1856-1899 (a.

D.), Wismarscher Bürger seit 1845; im 94. J.

August 16: Hans Friedrich Mester, Vorsteher der mittleren städtischen

Mädchenschule Mich. 1850 - Ostern 1890 (pensioniert bei Errichtung der städtischen

Mädchenbürgerschule), im 90. J.

August 25: Friedrich Pingel, Lehrer an der Knabenvolksschule 1851-1856, an der

Knabenbürgerschule 1856-1901 (a. D.); Küster an St. Marien 1856 - Joh. 1899; im

82. J.

August 26: Oberstleutnant a. D. Otto von Lossau - Bremen, Kommandeur des

Wismarschen Bataillons 1884 bis 1886; im 71. J. September 6: Gymnasialprofessor

Dr. Leo Sachse - Jena, Lehrer an der Gr. Stadtschule zu Wismar Ostern 1868 -

Mich. 1876, im 66. J.

September 8: Hans Niemann städt. Auktionator und Verwalter des städt. Leihhauses

seit 1890 Okt., im 59. J.

September 8: Großh. Hofspediteur Carl Longuet im 46. J. September 14: Sanitätsrat

Dr. Georg Evers, praktischer Arzt in Wismar seit 1891 April; im 49. J.

Oktober 17: C. Ziemsen-Kluß im 81. J.

November 6: Wilhelm Alde, früherer Besitzer des Restaurants Zur Insel, im 61. J.

Dezember 9: Kammeringenieur Carl Dolberg, in Wismar ansässig seit Anfang der

70er Jahre; für die Stadt besonders bei der Neupflasterung und der städtischen

Sielanlage, später bei der Stadterweiterung, der Anlage des Bürgerparks etc. tätig;

im 70. J.

1910

Januar 11: Gymnasialdirektor Dr. Ludwig Bolle, Lehrer an der Gr. Stadtschule

(Nachfolger Dr. Koppin's) seit Mich. 187839; Direktor seit Mich. 1887; im 63. J.

Januar 29: Bauleuteältester Heinrich Klüssendorff im 82. J. Februar 18:

Zimmermeister Theodor Bannow im 67. J. Februar 26: Rentier (früh. Gutsbesitzer)

Heinrich Unruh im 83. J. März 10: Theaterdirektor Hans Polte im 57. J.

März 29: Paul Metelmann, Bezirkstierarzt in Wismar seit 1881, im 57. J. April 12:

Ministerialsekretär a. D. Hofrat Dr. jur. Theodor Michelsen - Schwerin im 68. J. (Vgl.

Abschn. III )

April 26: Generalarzt a. D. Dr. Eduard Paschen - Ludwigslust, Stabsarzt in Wismar in

den 60er Jahren des vor. Jhdts., im 96. J.

Mai 11: Spediteur Johannes Klüssendorff im 53. J. Juni 12: Buchbindermeister

Johannes Rausch im 81. J.

Juli 30: Carl Wilde, Kirchenvogt an St. Marien seit Mich. 1899, im 43. J. August 14:

Carl Hillmann, früherer Rittergutsbesitzer auf Rastorff, im 78. J.

September 22: Kaufmann Bernhard Greiff, Inhaber der Firma Paul Becker Nachfl.,

im 49. J.

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39 So nach dem von Bolle selbst geschriebenen Verzeichnis der seit 1793 an der

Gr. Stadtschule angestellten Lehrer im Wism. Schulprogramm von 1892 (an zwei

Stellen). Der Nekrolog im Schulprogramm von 1910 gibt dagegen Mich. 1879 an;

ebenso der Nachruf im M. T. vom 12. Jan. 1910. Im Programm von 1910 ist übrigens

S. 19 auch der Todestag verdruckt; es muß Jan. 11 heißen (statt, wie dort

angegeben, Jan. 21).

September 24: Hofmaurermeister Adolph Eggert im 70. J.

Oktober 7: Gustav Metge - Braunschweig, Direktor der Zuckerfabrik Wismar 1895-

1907, im 64. J.

Oktober 31: Rentier Carl Mann, Mitbegründer des Wismarschen Altertumsmuseums

(1863); im 83. J.

November 20: Bäckermeister Christian Thormann im 52. J. November 23:

Rittergutsbesitzer Rodde - Beidendorf im 54. J. November 24: Hofkürschnermeister

Theodor Böttcher, im 79. J. November 25: Fritz Käfer, Verwalter des städt.

Krankenhauses (vor 1872) bis 1894 (a. D.); im 84. J.

Dezember 5: Rentier (früherer Besitzer des Hotel Hamburg) Johannes Bock im 92.

J.

Dezember 9: Carl Kreplien, Oberlotse (vor 1872) bis 1881 (a. D.); im 85. J.

Dezember 10: Fritz Krickeberg, Ratsdiener 1874-1902 (a. D.). Kombattant von 1866

und 1870/71, wo er sich als Feldwebel bei Beaugency (1870 Dez. 8) besonders

auszeichnete; im 73 J.

Requiescant in pace!

Eine die vorausgehenden Jahrzehnte umfassende gedrängte Totenschenschau mag

hier noch angefügt werden. Für dieselbe konnte freilich nur eine kleine Anzahl der

bekanntesten Wismarschen Persönlichkeiten in Frage kommen; auch sind alle

diejenigen fortgelassen, deren Todesjahr bereits in B.a.W.V.(oder auch in dem

vorliegenden Buche an anderer Stelle registriert ist. Es starben:

1873: Kfm. Carl Löwe (in Firma G. W. Löwe).

1874: Dr. Cäsar Frege; Geh. Kommerzienrat Generalkonsul Crull. 1877:

Bankdirektor Riedel.

1879: Advokat Deiters; Vizekonsul Ihn; David Thormann; Advokat Kälcke;

Töpferältester Schlichting.

1880: Dr. med. Borchert; Kfm. Gottfr. Frahm (Vors. d. B.-A. bis 1877);

Hofmaurermeister Lundwall.

1881: Kfm. Chr. Rose. 1882: Chirurgus Schmidt. 1884: Dr. med. Meyer.

1885: Advokat Franz Ziehl; Dr. med. Rentsch; Carl Schalck; Dr. Schröring; Dr.

Sievert; Oberlehrer Kracke.

1886: Rentier Wilh. Hernes; Rechtsanwalt Gabriel Lembke sen.; Lehrer Grobe.

1887: Medizinalrat Dr. Sthamer; Oberlehrer Herbing. 1889: Kommerzienrat Lübcke;

Konsul Lembke.

1890: Baumeister Thormann; Notar Mau; Dr. med. Techen; Rechtsanwalt Gabriel

Lembke jun.

1891: Dr. med. Friedrich Götze; Stadtsekretär Martens; Dr. med. Kniep.

1892: Rechtsanwalt Briesemann; Kommerzienrat Behring. 1893: Kfm. Wilbrandt;

Lehrer Schlotterbeck.

1894: Hofrat Rechtsanwalt Witt; Auktionator Zeller; Rentier Bundt. 1895: Notar

Meyer.

1896: Kommerzr. Thormann; Rechtsanwalt Martens; Lehrer Stübinger. 1897:

Gerichtssekretär Schmidt; Lehrer Böhmer.

1898: Lehrer Raettig; Tierarzt Schütz; Architekt Brunswig. 1899: Sanitätsrat Dr.

Ziemsen; August Borchert.

1900: Rentier Zimmermann; Dr. med. Haase; August Kindler.

Rückblicke

Von den Wismarschen Ereignissen des verflossenen Jahrzehnts steht die

Zentenarfeier 1903 im Vordergrunde. Ihr wird deshalb auch ein etwas breiterer

Raum zu gewähren sein. Allein in dem einen oder andern der übrigen Jahre ist doch

- wie der alte Magister Dieterich Schröder sich auszudrücken pflegte -„auch etwas

passiert."

Ich lasse die erwähnenswerten Geschehnisse in chronologischer Reihe folgen.

1901

Oktober 11: Einzug Sr. K. H. des Großherzogs Friedrich Franz IV. in Wismar.

Die Ankunft erfolgte mit dem fahrplanmäßigen Zuge 2 Uhr 20 Min. Mittags. S. K.

Hoheit wurde von Herrn Bürgermeister Davids durch eine Ansprache begrüßt; ein

Töchterchen des Herrn Senators Dr. Wildfang sprach ein Gedicht und überreichte

einen Blumenstrauß. Dann fuhr der Großherzog unter dem Geläute der

Kirchenglocken zunächst zum Rathause, wo er vom Balkon und später von der

Rampe aus den Vorbeimarsch der Innungen, Vereine, Schulen etc. abnahm. Hierauf

begann die Rundfahrt durch die Stadt. Zuerst wurde die Marienkirche besucht; von

dort ging es zum Museum, dann zum Fürstenhof, wo das Denkmal für Friedrich

Franz II. in Augenschein genommen ward. Auch dem Großh. Amt wurde ein Besuch

abgestattet. Es folgte die Besichtigung der Georgen- und Nicolai-Kirche. An die

Rundfahrt längs dem alten und neuen Hafen schloß sich der Besuch der Ofenfabrik

Haffburg, deren Gebäudekomplex festlich illuminiert war, und hieran der Besuch der

Waggonfabrik.

Um 7 Uhr fand in Stadt Hamburg das Diner statt. Bei der Tafel hielt S. K. Hoheit eine

Ansprache, in der er seiner Freude über den überaus herzlichen Empfang Ausdruck

gab und den Wunsch aussprach, daß Wismars Handel und Schiffahrt weiterhin

blühen und immer wachsend den altberühmten Namen der Stadt wahren möchten.

Herr Bürgermeister Jörges erwiderte hierauf in längerer Rede.

Nach aufgehobener Tafel begab sich S. K. Hoheit wieder zum Rathause. Die Stadt

hatte inzwischen aufs reichste illuminiert. Zahllose Lichter sandten ihren warmen

Schimmer aus den Fenstern heraus, und an Beleuchtung durch Gaskronen und -

sterne, durch Transparente und Lampions war viel Wirksames und Schönes

geleistet. Wunderbar machte sich vor allem der Markt. Am festlich erhellten

Rathause flammten große Sterne, um die Wasserkunst herum leuchteten feurige

Bögen, und an den Girlanden, die sich von Fahnenmast zu Fahnenmast zogen,

hingen dichtgereihte Lampions, deren bunter Schein sich reizvoll mit all dem übrigen

Glanz einte.

Den Höhepunkt erreichte das Fest jedoch in dem grandiosen Fakkelzug, der von

2.800 Wismarern Sr. K. Hoheit dargebracht wurde. Vom Exerzierplatz aus bewegte

sich die endlose Linie durch die Dankwartsstraße zum Markt, auf den in

Schlangenwindungen aufmarschiert wurde. Der Großherzog nahm den Zug vom

Altan aus entgegen, und Herr Senator Fenger hielt auf dem Markt eine Ansprache,

die mit einem Hoch auf S. K. Hoheit schloß.

Dann unternahm der Großherzog noch einmal eine Rundfahrt durch die Straßen, um

die Illumination zu sehen, und nach 10 Uhr fuhr S. K. Hoheit durch das Spalier der

Fackelträger zum Bahnhofe, wo um 10 Uhr 20 Min. die Abfahrt erfolgte.

Oktober 14-16: Jubiläumsversammlung der Kirchlichen Landeskonferenz und

Hauptversammlung des Landesvereins für Innere Mission in Wismar.

1903

August 19: Hundertjahrfeier.

Eine kleine Reminiszenz als Einleitung.:

In dem zum Amt Neukloster gehörigen Züsower Forst gibt es von altersher einen

Buchenbestand, den man die Schwedenbuchen nennt. Zur Bestandbezeichnung

diente hier ein Pfahl, auf welchem die Inschrift „Klinkowström 1787" zu lesen war,

und den man während all der Jahre durch Reparaturen, Erneuerung seines Fußes

etc. zu erhalten bestrebt war. Beim letzten Sturm jedoch - so schreibt das M. T.

unterm 7. Mai 1903 - wurde eine der Schwedenbuchen umgebrochen, und sie traf

bei ihrem Sturze gerade auf jenen Pfahl und zertrümmerte ihn. „Diesen Zufall wollen

wir als ein Omen dafür ansehen, daß es jetzt mit der Schwedenherrschaft im

Mecklenburger Lande bald für alle Zeit aus ist!"

Wie und wann dieser Wunsch erfüllt wurde, darüber ist bereits in den B.a.W.V.

berichtet worden.

Der Wichtigkeit des Tages gemäß waren die Vorbereitungen zu der Hundertjahrfeier

sehr umfangreiche. Am 12. Mai hatte der Bürgerausschuß der Ratsvorlage

zugestimmt, wonach das Fest am Mittwoch, 19. August, dem Säkulartage der

Übergabe Wismars von Schweden an Mecklenburg, gefeiert werden sollte, und

gleichzeitig für diesen Zweck 12.000 Mark bewilligt, eine Summe, die später noch

um 6.000 Mk. erhöht wurde. Aus Mitgliedern des Rats und des Ausschusses wurde

eine aus 12 Herren bestehende Hauptkomitte gebildet, die sich durch Hinzuziehung

von 10 anderen Herren erweiterte. Sie teilte sich in verschiedene Gruppen, denen es

oblag, die nötigen Veranstaltungen für den Festzug, die Arrangierung der

Volksspiele, die Einrichtung des Festplatzes und die Ausschmückung der Stadt zu

treffen.

Dem Landesherrn wurde durch eine städtische Deputation die feierliche Einladung

zu dem Feste überbracht, und S. K. Hoheit nahm diese Einladung huldvollst an.

Der Festplatz am Köppernitztal wurde hergerichtet, und es fand dort der

„Schwedenstein" Aufstellung. In unmittelbarer Nähe des Steins wurde das mit der

Krone geschmückte Fürstenzelt errichtet. Auch für eine Postanstalt auf dem

Festplatze wurde gesorgt; die vom Publikum dort abgesandten Karten etc. wurden

mit dem besonderen Stempel „Wismar, Festplatz, 19. 8. 1903" versehen. Die

Beleuchtung des Platzes, auf dem sich ein ganzes Zeltlager von Buden, Restaurationen

etc. erhob, geschah durch 18 elektrische Bogenlampen, für die eine

Dynamomaschine aufgestellt war.

In der Stadt wurde das Portal des Rathauses durch Säulengänge zu beiden Seiten

verlängert, das Innere des Gebäudes mit Teppichen und Gewächsen geschmückt,

während von den Decken aus Holz geschnitzte Nachbildungen von Schiffen aus der

Hansezeit herabhingen.

Der Markt wurde ringsum mit Fahnenmasten eingefaßt, die durch Girlanden unter

einander verbunden waren. Ebenso wie das Rathaus wurde auch die Wasserkunst

mit einer Gasanlage für die Illumination am Vorabende versehen. Die am Markt

belegenen Restaurationen waren teils mit Baldachinen, teils mit Transparenten

geschmückt, die den Auszug des Schweden und den Einzug unsers Großherzogs

darstellten.

Auf dem Bahnhof wurden die Decke des Bahnsteigs und die Säulen reich mit

Flaggentuch, Grün und Wappenschildern dekoriert und vor dem Bahnhofe ein

großer, prächtiger Baldachin aufgerichtet. Am Hafen ward die Brücke für den

Festdampfer mit Flaggenmasten umsäumt.

Die Fronten der Häuser an den Feststraßen schmückten Tannengirlanden und

Kränze, Fahnen und Banner in den Wismarschen, Mecklenburgischen und

Deutschen Farben nebst Wappen, und fast überall waren auch auf den Straßen

Flaggenmaste eingegraben, die über die Fahrwege hinüber Girlanden und Reihen

von Flaggen trugen. In Bezug auf den Schmuck ihrer Läden hatten unsere Kaufleute

Hocherfreuliches geleistet.

Am Vorabende des Festes meinte es freilich der Wettergott nicht allzu gut mit uns.

Die Stimmung der großen Volksmenge, die am Nachmittage und Abend auf den

Straßen und besonders auf dem Marktplatze wogte, wurde beeinträchtigt durch

heftige Regenschauer, wie wir sie in diesem Augustmonat freilich schon gewohnt

waren. Glücklicherweise klärte es sich, als die Illumination begann, etwas auf.

Um 7 Uhr fing unter Leitung des Musikdirektors Julius Müller das Konzert der

städtischen Kapelle auf der Rathausrampe an. Auf dem Markt vor dem „Alten

Schweden" waren Tische und Stühle aufgestellt, die auch trotz der Feuchtigkeit des

Wetters viel benutzt wurden. Wunderschön war dann die Illumination des Platzes.

Jedes Fenster schimmerte im Kerzenglanz; am Balkon des Rathauses strahlte der

Namenszug des Landesherrn und zu beiden Seiten waren Sterne angebracht.

Besonders wirkungsvoll war auch die Beleuchtung der Wasserkunst. Und als dann

noch der mächtige Bau der Marienkirche von ihrem Turm aus mit bengalischen

Flammen beleuchtet wurde, da war man sich einig darin, daß die Vorfeier Wismars

trotz der Ungunst der Witterung wohlgelungen war. Die der Marienkirche

gegenüberliegenden Häuser wurden gleichfalls bengalisch erhellt, und beim

Schützenhause wurde ein großer Holzstoß abgebrannt.

Um 9 Uhr bewegte sich der Zapfenstreich durch alle Straßen der Stadt; leider wurde

es aber um diese Zeit so schlimm mit dem Regen, daß ein Aufenthalt im Freien nicht

mehr möglich war. Mit Gewitter schloß der Abend, und die Nacht über tobte ein

Sturm. Dafür brach jedoch der 19. August mit Sonnenschein an, und, was am

Vorabende niemand zu hoffen gewagt hatte: das Wetter hielt sich prächtig. Es war

der einzige schöne Tag im ganzen Monat!

Um 7 Uhr fand das Wecken statt, dann belebten sich Straßen und Plätze mehr und

mehr. Hier und da legte man noch die letzte Hand an die Ausschmückung; die

Ludwigsluster Dragoner ritten in kleinen Abteilungen durch die Stadt; die

Kriegervereine aus der Umgegend zogen ein und ordneten sich mit hiesigen

Korporationen und Schulen zur Spalierbildung vom Bahnhofe bis zum Markt, und die

Extrazüge brachten während der ersten Vormittagsstunden aus allen Richtungen

außerordentlich zahlreiche Festteilnehmer.

9 Uhr 30 Min. kam von Schwerin der Zug mit den zur Feier geladenen hohen

Beamten und Militärs. Kurz vor 10 Uhr traf dann der Hofzug mit den Allerhöchsten

und Höchsten Herrschaften ein. Wie es 1803 sein Ahnherr und 1853 sein Großvater

getan hatten, so hielt jetzt auch Friedrich Franz IV. unter dem Geläute der

Kirchenglocken und unter dem brausenden Jubel der Bevölkerung seinen feierlichen

Einzug in die alte, dem Lande Mecklenburg nun ganz wieder gewonnene Stadt

Wismar. Vor dem Zuge ritt Herr Polizeikommissar Zimmermann; dann folgte eine

halbe Eskadron Dragoner. Dem Großherzoge voran ritten die beiden Flügeladjutanten,

an seiner Seite Prinz Heinrich der Niederlande, dann die Herzöge Paul

Friedrich und Johann Albrecht, ihnen zur Seite die Herzöge Adolf Friedrich und Paul

(Sohn). Durch das Poelertor bewegte sich der Zug über die Schweinsbrücke, durch

die ABC- und Altböterstraße, hinterm Rathause entlang nach dem Marktplatze vor

das Rathaus.

Dort angekommen hielt der Großherzog zu Pferde, neben ihm Prinz Heinrich der

Niederlande und etwas weiter zurück die anderen Fürstlichkeiten und das Gefolge.

Herr Bürgermeister Jörges huldigte dem Landesherrn in tief empfundener Rede.

Seine Worte klangen aus in die Bitte, Königliche Hoheit wolle der, nun endgültig mit

dem Mutterlande wiedervereinigten Stadt mit weitem Blick und starker Hand Schutz

gewähren, damit Wismar unter seinem Regimente emporblühe und imstande sei,

auch den Aufgaben gerecht zu werden, die das engere und weitere Vaterland ihm

stellen.

Der Großherzog gab in seiner Erwiderung der Hoffnung auf eine gedeihliche

Weiterentwicklung der Stadt Ausdruck und schloß mit dem Wunsche, daß Wismar

das sein und bleiben möge, was es bisher gewesen: ein Stolz und eine Freude

seines Landesherrn, ein Kleinod im Lande Mecklenburg!

Danach reichte er dem Bürgermeister die Hand und beglückwünschte ihn zu seiner

Ernennung zum Geheimen Hofrat.

Hierauf, gegen 10 1/2 Uhr, trat der Zug den Weg zur Georgenkirche an. Voraus

schritten der Rat, der Bürgerausschuß und die Ehrengäste. Als letzter trat der

Großherzog in die Kirche, an deren Portal sich die Ehrengeistlichkeit, bestehend aus

den Geistlichen von Wismar und Neukloster, versammelt hatte, um S. K. Hoheit zu

empfangen.

Der Predigt des Superintendenten Genzken lag als Text das Bibelwort 1. Kön. 8, V.

57 u. 58 zu Grunde:

„Der Herr, unser Gott, sei mit uns, wie er gewesen ist mit unsern Vätern" usw. Der

Redner erinnerte an die mannigfaltigen Schicksale Wismars, das nach dem

30jährigen Kriege als teurer Preis an Schweden gegeben wurde, um nur endlich

Frieden in Deutschland zu bekommen; er gedachte Heinrich des Pilgers und des

Herzogs Johann Albrecht, welch letzterer einst die Reformation bei uns einführte. Als

rechten Landesherrn von Gottes Gnaden begrüße Wismars Einwohnerschaft heute

den geliebten Großherzog. „Die Treue der Bürger ist die Stärke der Fürsten," so

stehe es an der Stätte zu lesen, wo sich vormals das Mecklenburgertor erhob, und

an diesem Spruche wollen wir festhalten.

Nachdem der Gottesdienst beendet war, begaben sich die Allerhöchsten

Herrschaften durch die Spalier bildenden Vereine zum Markt zurück, wo das von

Herrn Major von Redei befehligte hiesige Füsilierbataillon Aufstellung genommen

hatte. Nach der Parade erfolgte ein kurzer Aufenthalt im Hotel Stadt Hamburg und

um 12 Uhr dann die Fahrt in See auf dem festlich geschmückten Dampfer „Fürst

Blücher".

Das Bollwerk des Hafens war dicht besetzt, und bei der Vorüberfahrt wurden dem

Großherzog, der oben auf der Kommandobrücke stand, jubelnde Huldigungen

bereitet. Alle Schiffe hatten über die Toppen geflaggt. Als Begleitschiffe schlossen

sich dem Festschiff die Dampfer „Adler", „Stralsund 1" (mit dem Flottenverein),

„Paul" „Poel" und der Lübecker Dampfer „Ilse", alle voll besetzt, an. Bei den

Schwedenköpfen hatten die Fischer, sowie der Ruder- und Segelklub, auch die

Poeler Fischer in ihren Booten Aufstellung genommen. Von Wendorf aus wurde der

Großherzog durch 21 Böllerschüsse begrüßt.

Um 2 1/4 Uhr landete „Fürst Blücher" wieder, und die Höchsten Herrschaften fuhren

nach Stadt Hamburg zurück.

Auf dem kleinen Exerzierplatze hatten sich inzwischen die Teilnehmer an dem

Festzuge versammelt. Umsichtig und schnell wurde alles geordnet, und unter den

Klängen der verschiedenen Musikkapellen setzte sich der Zug in Bewegung. Er

nahm seinen Weg durch die Altwismarstraße nach dem Markte, wo er vor Sr. K.

Hoheit und den übrigen Herrschaften, welche vor dem Rathause standen, defilierte

und ging dann durch die Mecklenburgerstraße, Am Schilde, Dankwartsstraße,

wieder über den Markt, bei der Ratsapotheke durch die Lübschestraße nach dem

Festplatze beim Wischberge. Die historischen Gruppen schwenkten beim

Lübschentor ab und begaben sich durch die Dahlmanns- und Lindenstraße nach

dem Exerzierplatze zurück.

Die farbenprächtige Beschreibung des Zuges aus der Feder des damaligen

Redakteurs des Mecklenburger Tageblatts, Ottomar Enking, mag hier mit geringen

Kürzungen folgen.

Fanfarengeschmetter ertönt, und sieh! hoch zu Roß erscheint ein stattlicher Herold,

der die Standarte von Wismar trägt und stolz auf die Menge herabblickt. Ihm folgen

noch zwei andere Herolde, und dann kommen die acht Bläser in ihren schmucken

Kostümen aus dem 16. Jahrhundert. An diese Gruppe, die den Festzug aufs

wirkungsvollste eröffnet, schließt sich ein Bild aus dem Wismar vor 600 Jahren.

Heinrich der Pilger, den die Sarazenen 26 Jahre gefangen hielten, kehrt im Jahre

1298 glücklich in seine Residenz Wismar zurück. Dem Fürsten zur Seite reitet seine

Gemahlin Anastasia, die ihm mit seinem Sohne Heinrich (gen. der Löwe) und

seinem Bruder Johann von Gadebusch sowie mit zwei Frauen und ihren beiden

Ratgebern Detwig von Oertzen und Heino von Stralendorf bis Hohen-Viecheln

entgegengezogen war. Martin Bleyer, der treue Knappe, ist mit seinen Herrn

heimgekehrt, und Nonnen, Pilger, Ritter, Knappen und Reisige vervollständigen das

herrliche Bild.

Eine schneidige Weise erklingt. Das ist die erste Musikkapelle, hinter der unsere

wackeren Veteranen vom Kriegerverein Wismar mit ihrer Fahne schreiten.

Ihnen folgt ein Erntefestzug, den die Poeler Hofbesitzer usw. gestellt haben. Auf

zwei bunt geschmückten Wagen sehen wir die niedlichen Poelerinnen in der Tracht,

wie sie vor 100 Jahren auf der Insel noch getragen wurde und die jetzt leider

verschwunden ist, und stattliche Burschen auf massigen Pferden begleiten die

hübschen Mägdelein. Nachdem dann der Poeler Kriegerverein, der Poeler

Männergesangverein und der hiesige Männergesangverein vorbei sind, kommt die

Schlachter-Innung. Würdig schreiten die Meister mit ihrer Fahne einher; die Gesellen

und Lehrlinge haben ihre sauberen weißen Blusen an, rote Mützen auf, blau-gelbrote

Schärpen um, und auf ihren Schultern ruhen die blinkenden Beile. Die Lehrlinge

tragen ein riesiges Erzeugnis der nützlichen Wurstmacherkunst.

Hieran schließt sich die dritte historische Gruppe, die uns die alte Hansezeit wieder

lebendig werden läßt. Da erblicken wir die hochragende Kogge, die den Vorvätern

Waren trug, aber auch oft genug als Kriegsschiff verwendet wurde; in dem Fahrzeug

lehnen rüstige Schifferknechte, und vor dem Schiff sieht man bei aufgestapelten

Kaufmannsgütern ehrsame wismarsche Kaufherren mit ihren blühenden Gattinnen

und Kindern. Ein Baumeister erklärt den Patriziern das Modell der Marienkirche, die

ja wie die anderen mächtigen Gotteshäuser unserer Stadt in der Blütezeit der Hanse

erbaut worden ist. Hinter dem prächtig wirkenden Festwagen schreiten der

hochmögende Herr Bürgermeister von Wismar, zwei Ratsherren und drei Patrizier

einher, und dann werden, scharf von Reisigen bewacht und von den lieben Wismarern,

Männern und Weiblein, neugierig umdrängt, vier gefangene, in Ketten

geschlagene Seeräuber herbeigeführt, mit denen E. E. Rat da vorne am Ende

kurzen Prozeß machen wird. Denn sie lassen nicht mit sich spaßen, die alten

Hanseherren!

In Waidmannstracht zieht unsere Schützengesellschaft auf, und eine Gruppe des

Personals der Clementschen Ziegelei und Zementsteinfabrik beschließt diesen Teil

des Zuges.

Wieder Musik. Dann die Liedertafel. Aber was kommt denn da herangezogen? Ein

prächtig ausstaffierter Herold, mit zwei Pagen und zwei reitenden Begleitern mit

Standarten „Fiat lux" erscheint, und dahinter trippeln in blondem, wehendem

Lockenhaar lauter schwarz kostümierte jugendliche Personen, von denen jede vorn

auf der Brust einen riesigen silbernen Buchstaben trägt. Gutenbergs Kunst ist es, die

uns diese von der Eberhardtschen Hof- und Ratsbuchdruckerei gestellte Gruppe

versinnbildlichen soll. Hinter den Lettern-Männlein kommt eine größere Anzahl

Schüler und Anhänger Gutenbergs. Sie sind sämtlich in prächtigen Patriziertrachten.

Ein Klosterschreiber, d. h. ein Mönch, wie er zur Anfangszeit der Buchdruckerkunst

durch Einzeichnen von Zierrat bei der Ausstattung der Bücher half, befindet sich bei

den Jüngern Gutenbergs, und hinter ihnen baut sich auf reich verziertem Festwagen,

den vier geschmückte und von je einem Fuhrmann geleitete Pferde ziehen, eine

wunderhübsche, hochragende Gruppe auf. Da thront die anmutsvolle Typographia,

die sinnbildliche Gestalt der Buchdruckerkunst, vor einer goldenen Sonne,

gewissermaßen im Glanze des Lichtes, das Gutenbergs Erfindung über die Welt hin

verbreitet hat, - sie stützt sich auf ein großes, goldverziertes Buch, und zu ihren

Füßen ruhen allegorische Frauengestalten und zwei Edelknaben in farbenprächtiger

Kleidung. Vor dieser seiner Muse steht Johannes Gutenberg selbst mit seinen

Genossen Johannes Fust und Peter Schöffer. Davor ist das Handwerkszeug der

ersten Buchdrucker, eine bekränzte alte Druckerpresse zu sehen, und im

Vordergrunde des Wagens erblickt man den Stadthauptmann von Mainz (der

Geburtsstadt Gutenbergs) und zwei Schöffen. Neben und hinter dem Wagen gehen

Druckergehilfen.

Die Schmiede- und Schlosser-Innung, der Gesangverein „Orpheus", der Radfahrer-

Verein „All Heil", Damen und Herren in weißen Anzügen mit blauen Schärpen, alle

ihre Räder führend, und sodann die Böttcher-Innung leiten über zu dem

wirkungsvollen Kaufmannszug aus Wismars Hansezeit, den die Weingroßhandlung

F. G. Michaelis gestellt hat. Da schauen wir zwei Handelsherren in Patriziertracht,

und ein von einem Hauptmann befehligtes Fähnlein Landsknechte geleitet den mit

Gütern beladenen Frachtwagen.

Sehr schön und originell ist auch die große und ausgedehnte Gruppe der Firma F.

Crull & Co. Auf drei Wagen mit 200 Personen veranschaulicht sie die Eisengießerei

und Modelltischlerei, den Maschinenbau und den Eisenbahnwagenbau. Alles wird

aus gänzlich „echtem" Material dargestellt, - einen ganzen Eisenbahnwagen, an

dessen Fertigstellung noch gearbeitet wird, erblicken wir, und auch auf den anderen

Wagen der Gruppe sieht man Werkleute in voller Arbeit begriffen. Zwischen den

Wagen gehen der Gesangverein Friedrichshütte und der Wohlfahrts-Verein der

Waggonfabrik.

Den dritten Teil des Zuges eröffnen hinter der Musik die Kameraden des hiesigen

Militär-Vereins. Darauf kommt abermals Musik und nun folgt die großartigste unter

den historischen Gruppen: Die Hochzeit Johann Albrechts I. in Wismar mit Anna

Sophia, der Tochter des Herzogs Albrecht von Preußen am 24. Februar 1555.

Dieser Hochzeitszug wird in reizendster Weise durch Blumen streuende Mädchen

eingeleitet.

Hinter ihnen reitet, prachtvoll angetan, das fürstliche Paar, der hoheitsvolle Herzog

und seine liebreizende Gemahlin, und an das hohe Brautpaar schließen sich, alle in

den reichsten Kostümen, Herzog Albrecht von Preußen, sowie die Herzöge Ullrich,

Christoph und Carl, die Brüder des Bräutigams. Von historischen Personen reihen

sich an: der Pfarrer von St. Jürgen, der Kanzler Johann von Lucca, David Chyträus

und Andreas Mylius. Den Schluß bilden der Bürgermeister von Wismar, Ratsherren

der Stadt Wismar, Edeldamen, Brautjungfern der Herzogin und Kavaliere, sämtlich

zu Pferde. Ein Modell des Fürstenhofes, den Johann Albrecht bekanntlich erbaute,

wird von Schloßdienern im Zuge mitgetragen; die Baumeister Gabriel von Aken und

Lyra folgen ihrem Werk, und zum Zeichen, daß die Hochzeit mit allem höfischen

Prunk begangen werden soll, kommen zum Turnier gerüstete Ritter, Knappen und

Reisige.

Immer neue Abteilungen rücken heran! Da ist der Händler-Verein, da kommt schwer

belastet ein Gütertransportwagen von C. Longuet, da naht der Eisenbahn-Beamten-

Verein, und hieran schließt sich - ein reizender Anblick ! - der von Oekonomierat

Priester - HinterWendorf, A. Uhtoff - Kl.-Woltersdorf und H. Evers - Mittel-Wendorf

gestellte ländliche Hochzeitszug, worin der Humor zu seinem Recht gelangt. Hinter

den Vorreitern kommt der lustig geschmückte Hochzeitswagen mit dem Brautpaar

und der fröhlichen Hochzeitsgesellschaft und die ländliche, ganz stattliche Aussteuer

wird in einem zweiten Wagen nachgefahren. Da fehlt gar nichts von dem, was ein

junges Pärchen braucht ...

Nach der Schuhmacher-Innung erblickt man den Festwagen der Ofenfabrik von

Lübcke & Homemann. Sehr sinnreich wird auf ihm die Wohltat eines wärmenden

Kaminofens zur rauhen Winterszeit dargestellt. Fleißige Heinzelmännchen heizen

ein, daß dem Schneemann gewiß ordentlich „warm" wird, und in gleichmäßiger

Arbeitstracht ziehen die Angestellten der Firma vorbei. Ein Spruch auf dem Wagen

preist die edle Töpferei als erstes und ältestes Gewerbe der Welt.

Unsere Aktienzuckerfabrik und die Maschinenfabrik von Raulf u. Sohn beschließen

die Abteilung.

Dann zieht abermals ein Musikkorps auf. Das haben sich die Neuklosterer selbst

mitgebracht, die auch ihr Teil zum Wohlgelingen der Feier beitragen wollen. Und

wahrlich! Die Gruppen, die sie bilden, können sich, was Mannigfaltigkeit und

Ausstattung anlangt, schon sehen lassen! Zuerst eine Reiterschar. Voran ein

Großherzoglicher Beamter und zwei Forstbeamte in ihren Uniformen, und die

übrigen in Joppe, Schlapphut, Kniestiefeln und Schärpen. Dann mit einer Priorin 28

Cisterzienserinnen, je zwei und zwei gehend, und ihnen folgend das Lehrer-

Kollegium des Seminars mit einer Abordnung von Schülern des Seminars und der

Präparandenklasse. Hierauf der Kriegerverein, der Gesangverein und zum Schluß

die Schützenzunft. So ist das alte wie das jetzige Neukloster bei der Hundertjahrfeier

würdig vertreten.

Nun hält Gambrinus seinen Einzug. Die Hansa-Brauerei ist es, die einen

vierspännigen Festwagen sehr geschmackvoll hat herrichten lassen. Der Wagen ist

umgeben von Pferdeführern, Brauern usw. und hoch oben über allem Volk sitzt der

joviale Schutzgott des edlen Gerstensaftes und läßt sich den goldklaren Trunk gut

schmecken. Huldvollst trinkt er seinen durstigen Untertanen am Straßenrande zu,

aber sie haben nichts, womit sie ihm Bescheid tun können, wenn ihnen nicht die

Zwerge aus der Grotte unter dem Thron des Gambrinus Hansabräu kredenzen.

Nach dieser feuchten Gruppe erblicken wir die Angestellten der Wismarschen

Hobelwerke in stattlicher Anzahl, in Schürzen von Hobelspänen, zusammengehalten

von Schleifen in den Landesfarben, und sodann ertönen wieder die Klänge einer

Musikkapelle. Die Maler-Innung zieht vorbei, und „schwer herein schwankt der

Wagen" den das Möbeltransportgeschäft von Joh. Klüssendorf stellt.

Nun bricht die Schwedenzeit an. Ihr ist die fünfte historische Gruppe gewidmet. Man

sieht den König Gustav Adolf, die Generäle Tott, Wrangel und Erichson, den

schwedischen Gouverneur von Wismar, den Geh. Rat Oxenstierna und den

Präsidenten des Tribunals Mevius. Alle diese Persönlichkeiten, die einst in der

Geschichte Wismars ihre Rolle spielten, läßt der Festzug wieder vor uns erscheinen

in ihren charakteristischen Trachten mit den Lockenperücken. Räte des Tribunals,

der Bürgermeister und Ratsherren von Wismar, schwedische Offiziere

vervollständigen das glänzende Bild, in dem auch ein Modell der ehemaligen Poeler

Befestigungen getragen wird. Schwedische Soldaten verschiedener Waffengattung

und Bierbrauer mit dem „Fatelkanne", Bürger und hübsche Bürgerinnen geben der

Gruppe den wirkungsvollen und interessanten Abschluß.

Auf die Kürschner-Innung folgt abermals ein Wagen. Die Drahtwarenfabrik von Wilh.

Müller zeigt in sehr geschickt arrangierter Weise ihre Erzeugnisse. Da sieht man die

Kunstschmiede und Schlosserei, die Drahtwaren-Industrie, sowie Handel und

Export. Man möchte gern bei Einzelheiten verweilen, aber immer neuer Wechsel tritt

ein. Der Männer-Turnverein, die städtische Feuerwehr mit dem ihr 1866 von Friedrich

Franz II. verliehenen Banner und der Männer-Gesangverein „Eintracht" leiten

über zum Post-Unterbeamten-Verein, dem ein Postillon in seiner Galatracht aus dem

Anfang des vorigen Jahrhunderts, und ein Postpersonenwagen sowie zwei

Postillone in jetziger Gala vorausreiten und -fahren. Das Posthorn schmettert und

das Rot der Uniformen leuchtet warm im Sonnenschein.

Neue Musik. Ihr folgend die Fischer-Innung, das Schiffs-Zimmermanns-Amt, Otto

Gildemeister aus Vor-Wendorf mit einer allerliebsten Hochzeitsbittergruppe, und

dann die Marsmannsche Papier-Fabrik mit ihrem vierspännigen Festwagen, auf dem

in ungemein geschmackvoller Art die eigenen Erzeugnisse der Fabrik zu Dekorationsmitteln

verwandt sind. Der Wagen bietet ein entzückendes Bild mit seinen bunten

Papiergirlanden und überhaupt dem ganzen, sinnigen Schmuck. Man erblickt auf

ihm die hohe Germania als Beschützerin des Handels und der Schiffahrt, die

ebenfalls durch anmutige Damen verkörpert sind, außerdem werden Modelle von

Maschinen zur Papierfabrikation zur Schau gebracht, und geleitet wird der Wagen

von den in Blusentracht gekleideten Angestellten der Fabrik.

Die Bäcker-Innung und Bäcker-Brüderschaft stellt ihr nahrhaftes Gewerbe gleich

praktisch im Betriebe vor; der Teig wird geknetet und der Backofen liefert allerhand

schöne Sachen, die das jugendliche Publikum mit Begeisterung annimmt.

Der Krieger-Verein Hohenkirchen beschließt diesen vorletzten Teil des Zuges.

Hinter der Musik (es ist die achte Kapelle) marschiert zunächst die Tischler-Innung.

Und dann kommt die eigentliche Jubel-Festgruppe, sozusagen die Apotheose der

ganzen Jahrhundert-Feier. „Wismar wieder mecklenburgisch!" Das ist der Sinn

dieser Gruppe. Vierzig weißgekleidete Jungfrauen und Kinder mit Blumengewinden

schreiten dem Wagen vorauf, auf dem die Genien von Schweden, Wismar und

Mecklenburg zu sehen sind. Der Genius von Schweden, in den Farben seines

Landes gekleidet, und mit dem Schwerte bewaffnet, als Zeichen der bisherigen

Macht, führt den Genius der Stadt Wismar dem Genius von Mecklenburg zu, der, mit

dem Schild, dem Schutz gewährenden bewaffnet, Wismar mit offenen Armen

aufnimmt. Ein hoher baldachinartiger Aufbau, auf dessen Rücken man ein Bild des

alten Wassertors erblickt, überragt die bedeutungsvolle Gruppe. Außerdem sind auf

dem Wagen liebliche kleine Friedensgenien mit Palmenzweigen, sowie die

allegorischen Figuren des Handels, der Gewerbe, der Schiffahrt und der

Wissenschaft. Den Beschluß machen wieder junge Mädchen mit Blumenbögen.

Die Krieger- und Militärvereine Lübow, Mecklenburg, Dambeck, sowie der

Kriegerverein Neuburg bilden das Ende des wundervollen Zuges, dessen

Schönheiten und Mannigfaltigkeit wir im Vorstehenden zu würdigen versucht haben.

Von allgemeinem Interesse dürften - auch heute noch - die Namen der Darsteller

insbesondere der geschichtlichen Persönlichkeiten des Festzuges sein.

In der ersten Gruppe ritt als erster Herold mit der wismarschen Standarte Herr

Zahnarzt P. Krüger. Die beiden anderen Herolde waren die Einjähr.-Freiwilligen

Botenhagen und Hafenmeister. Die 8 Fanfarenbläser waren Mitglieder der Kapelle

des 18. Dragoner-Regiments in Parchim. In der 2. historischen Gruppe „Rückkehr

Heinrichs des Pilgers" wurden dargestellt: Heinrich der Pilger von Herrn Hauptmann

von Gamm, Anastasia von Frau Hauptmann von Gamm, Heinrich der Löwe von

Herrn Amtmann Krüger, Johann von Gadebusch von Herrn Thormann jr., die Frauen

der Anastasia von Frl. Helene Böckel und Frl. Ziemßen Detwig von Oertzen war Herr

Hans Böckel, Heino von Stralendorff Herr Dankwart. Den alten Knappen Heinrichs,

Martin Bleyer, stellte Herr Fruböse dar, Nonnen aus Neukloster waren die Damen

Frl. Ina Goetze, Frl. Leni Fabricius, Frl. Lisa Sostmann und Frl. Martha Böhm. Die

Pilger, Ritter und Knappen wurden von jungen Kaufleuten dargestellt, zumeist

Beamte der Vereinsbank.

In der 3. Gruppe „die Hanse" waren die Bewaffneten im Schiffe Primaner und

Obersekundaner der hiesigen Stadtschule. Die Herren Assessor Dr. Ackermann und

Referendar Sprenger stellten wismarsche Kaufherren dar. Als deren Gattinnen

erschienen Frl. Fritzsche und Frl. Marie Rose. Der kleine Hans Oldenburg und

Anning Rose vervollständigten die Familiengruppe. Herr Lehrer Jenssen war der

Baumeister mit dem Modell der Marienkirche. Als Bürgermeister von Wismar trat

Herr Amtsprotokollist Bastian auf, Ratsherren waren die Herren Kaufmann R.

Goetze und Steuersekretär Schneider; Mitglieder der Papagoyengesellschaft die

Herren Lehrer Behrens, Lehrer Rühberg und Kaufmann Hoffmann. Seeräuber,

Bewaffnete der Stadt, Bürger und Handwerker wurden zumeist von jungen

Kaufleuten und Primanern dargestellt. Als Bürgerinnen sahen wir Frl. Käthe Franck,

Frl. Julie Fabricius, Frl. Christa Sostmann und Frl. Hübner.

In der nächsten Gruppe „Hochzeit Johann Albrecht L" erschien Herr Oberleutnant

von Raven als Johann Albrecht. Ihm zur Seite als Herzogin Anna Sophia Frl. Clara

Joerges; den Schwiegervater, Herzog Albrecht von Preußen ritt Herr Longuet, die

Herzöge Ullrich, Christoph und Karl waren Herr Opernsänger Möller und die Herren

Schrader und Goetze. Der Pfarrer war Herr Amtsschreiber Niederhöffer, die Freunde

und Berater Johann Albrechts Johann von Lucca, Chyträus und Mylius waren die

Herren Bannow, Dinnies und Jaenecke. Der Bürgermeister wurde von Herrn

Kaufmann Wendt dargestellt, zwei Ratsherren von Herrn Techniker Möller und Herrn

Lehrer Vick. Die Edeldamen mit ihren Kavalieren (alle zu Pferde) waren Frau

Bumann und Herr von Langermann, Frl. Eggers und Herr Priester, Frl. Lucie Böhm

und Herr Carl Trutschel, Frl. Thiesenhusen und Herr Kaufmann Möller. Die Herren

Lehrer Pinkpank und Rubach präsentierten die Baumeister van Aken und Lyra. Die

Tournier-Reiter in voller Rüstung waren Herr Lehrer Harnack und die Zollbeamten

Herren Dahncke, Karberg und Vitense. Die Knappen und Reisige waren Primaner.

In der Gruppe „die Schwedenzeit" erschienen Herr v. Liebeherr als Gustav Adolf,

Herr G. Haase als General Ake Tott, Herr Hauptmann v. Buchwald als General

Wrangel, Herr Ludwig - Neuviecheln als General Erichson und Herr Stoffer jun. -

Lembckenhof als Gouverneur von Wismar. Der Tribunalspräsident Mevius war Herr

Schwepcke jun., während die vier Tribunalsräte von Primanern dargestellt wurden.

Der Bürgermeister von Wismar war Herr Kaufmann Breuel, Ratsherren die Herren

Blanck, Max Framm und Rektor Romberg. Als schwedische Offiziere erschienen die

Herren Lehrer Dancke und Körner. Die schwedischen Soldaten, Bierbrauer, Bürger

und Handwerker wurden von jungen Kaufleuten und Schülern verkörpert. Als

Bürgerinnen folgten die Damen Frl. Franck II, Frl. Metge, Frl. Lisbeth Müller und Frl.

Meta Sostmann.

In der letzten dieser Gruppen „Wismar wieder mecklenburgisch" erschienen als

Genius von Schweden Frl. von Redei, als Genius von Mecklenburg Frl. Paepcke und

als Genius von Wismar Frl. Süsserott. Die Fräulein Lisa Goetze, Lisa Podeus, Grete

Wildfang und Anna Burth repräsentierten mit ihren Emblemen die Genien des

Handels, der Schiffahrt, der Gewerbe und der Wissenschaft und die kleinen Hedwig

Oldenburg, Grete Cordua, Grete Marsmann und Christa Krüger vervollständigten als

Friedensengel mit Palmenzweigen das Bild. An der Hochzeitsgruppe nahmen

außerdem 16, an dem letzten allegorischen Bilde 80 junge Damen und Schulkinder

aus allen Klassen der Höheren Töchterschule und der Mädchenbürgerschule teil.

In der Gutenberg-Gruppe wurden die Typographia von Frl. Margarete Bobsin und die

allegorischen Frauengestalten von Frl. Gertrud Eggers, Frl. Lisbeth Zeller, Frl. Elsa

Hammer und Frl. Martha Fenger dargestellt. Alle sonstigen Personen der Gruppe

waren Kontoristen und Angestellte etc. der Eberhardtschen Hof- und

Ratsbuchdruckerei.

Nachdem die letzte Gruppe und die letzten Vereine des 2.800 Personen, 86 Reiter,

21 Wagen und 160 Pferde umfassenden Zuges vor Sr. K. Hoheit vorübergezogen

waren, begann oben im Audienzsaal des Rathauses das Festmahl.

Bei der Tafel hielt Herr Bürgermeister Krull eine längere Ansprache, in der er einen

Rückblick über Wismars Vergangenheit gab und hervorhob, wie ein sittliches Gut

höchster Art stets in diesen Mauern seine Wohnstätte gehabt: die Treue. „Diese alte

Wismarsche Treue" - darin gipfelte seine Rede -„wollen wir Ew. Königl. Hoheit und

dem gesamten Großherzoglichen Hause mit dankerfülltem Herzen freudig halten!"

Der Großherzog zollte in seiner Entgegnung neben der Treue der nie ermüdenden

Tatkraft Wismars seine Anerkennung und versprach, die wirtschaftlichen

Bestrebungen der Stadt jederzeit aufs kräftigste zu unterstützen. „Ich trinke," so

schloß er seine Rede, „auf das Wohl von Magistrat und Bürgerschaft, auf eine

segensreiche Zukunft der freien Stadt Wismar!"

Nach aufgehobener Tafel erfolgte die Abfahrt zum Festplatze, wo nun die

Einweihung des Denksteins stattfand. Die Feier wurde eingeleitet mit dem von sechs

hiesigen Gesangvereinen vorgetragenen Beethovenschen „Die Himmel rühmen des

Ewigen Ehre".

Dann ergriff Herr Senator Witte das Wort. Der Stein, so führte er aus, der wohl

Jahrtausende lang in der Züsower Forst geruht, der mit dem ihn tragenden Boden

erst mecklenburgisch gewesen, dann schwedisch und endlich wieder

mecklenburgisch geworden sei, solle für uns eine Erinnerung an die Zeit sein, da

Wismar unter fremder Herrschaft gestanden, und darum solle er „der

Schwedenstein" heißen. Zugleich solle er aber der Stunde zum Gedächtnis sein, da

wir die hohe Freude hatten, am hundertjährigen Jubeltage der Wiedervereinigung

Wismars mit dem Heimatlande unsern geliebten Landesherrn hier begrüßen zu

dürfen, und endlich solle er an das Jahr und den Tag erinnern, da der an diesen

Festplatz sich anschließende neu geschaffene Bürgerpark, den die Bürgerschaft als

Erholungsort für ihre Miteinwohner und für kommende Geschlechter angelegt,

eröffnet worden sei. In diesem Sinne sei der Schwedenstein geweiht!

Mit der Hymne „Lobt, preist und rühmt" wurde die stimmungsvolle Feier

beschlossen.

Etwas nach 8 Uhr verließ der Großherzog mit den übrigen Fürstlichkeiten den

Festplatz, um die Rückreise nach Schwerin anzutreten. Auf dem Festplatze

herrschte, auch noch nachdem die Extrazüge einen großen Teil der Gäste der

Heimat wieder zugeführt hatten, das lebhafteste, munterste Treiben. Auf den beiden

Tanzböden wiegte man sich fröhlich nach dem Takte der Musik, und alle Zelte waren

vollbesetzt. Nicht weniger als 20.800 Ansichtspostkarten wurden auf dem Platze

verkauft, und rund 30.000 Postsendungen gingen mit dem Feststempel ab. Von dem

von der Eberhardtschen Hof- und Ratsbuchdruckerei herausgegebenen „Führer zur

Hundertjahrfeier" wurden im Laufe des Tages in der Stadt gegen 10.000 Exemplare

abgesetzt. - Erwähnt sei bei dieser Gelegenheit noch die von Ottomar Enking

verfaßte Festzeitung, die in großen Zügen ein treffliches Bild von der Entwicklung

Wismars zeichnet und, hübsch illustriert, ein wertvolles Erinnerungsblatt an den 19.

August 1903 bildet. Der Festschrift des Archivars Dr. Hans Witte ist schon an

anderer Stelle gedacht worden.

„Ohne jeden Mißklang ist" - so schließt der Bericht des M. T. - „das Hundertjahrfest

vorübergerauscht. Es war in allen seinen Teilen eine echte und rechte Jubelfeier, die

Fürst und Volk einmütig mitsammen begingen. Hoffen wir denn, daß der glänzende

Verlauf des Tages eine gute Vorbedeutung sein möge für die Zukunft unserer lieben

mecklenburgischen Stadt Wismar!"

Registriert sei hier noch, daß der Geheime Rat Fortunat von Oertzen - Berlin in

Anerkennung seiner Verdienste um die Aufhebung des Malmöer Vertrages von Rat

und Bürgerschaft Nov. 1903 zum Ehrenbürger unserer Stadt ernannt wurde, sowie

ferner, daß der Großherzog 1904 Aug. 19 als Andenken an die ein Jahr zuvor

begangene Feier eine Denkmünze stiftete, die den Mitgliedern des Rats und

verschiedenen Bürgern unserer Stadt verliehen ward. Sie zeigt auf der einen Seite

den Wahlspruch „Per aspera ad astra", das Mecklenburgische und Wismarsche

Wappen, ein scharf geprägtes Bild Wismars und darunter die Worte: „Zum

Gedächtnis an Wismars Wiedererwerbung". Die andere Seite der Münze trägt das

Doppelbildnis Herzog Friedrich Franz I. und Großherzog Friedrich Franz IV., ferner

die Daten 19. August 1803 und 19. August 1903.

September 28-30: XXXIV. Hauptversammlung des Meckl.Schwerinschen Landes-

Lehrer-Vereins in Wismar.

1904

September 8-11: Große Einquartierung40 in Wismar anläßlich der Kaisermanöver.

Besonderes Interesse erregte bei letzteren das Landungsmanöver der Flotte in der

Wohlenberger Wiek (Sept. 13), dem Tausende aus Wismar - wo die Schulen

geschlossen waren - und den benachbarten Ortschaften beiwohnten. Übrigens

fanden Flottenübungen in der Wismarschen Bucht schon Juni 8 und Aug. 29 d. Js.

statt, die sich der gleichen regen Teilnahme der Bevölkerung zu erfreuen hatten; bot

unsere Bucht doch ein so imposantes Bild, wie man es hier wohl noch kaum

gesehen hatte.

Sept. 15 traf die Kaiserin mit einem Sonderzuge morgens 7 Uhr 30 Min. hier ein. In

ihrer Begleitung befanden sich der Großherzog, die Großherzogin, die

Großherzogin-Mutter Anastasia, Herzog Johann Al brecht, Herzogin Cecilie und

Herzogin Marie Antoinette. Beim Verlassen des Bahnhofs wurden die hohen

Herrschaften vom Publikum mit brausenden Hochrufen empfangen. Die Kaiserin und

die hohen Damen fuhren per Equipage ins Manövergelände, während der

Großherzog und Herzog Johann Albrecht ein bereitstehendes Automobil bestiegen.

Der Wagen der Kaiserin wurde von Leibkürassieren begleitet.

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40 An weiteren Wismarschen Einquartierungen während des letzten Jahrzehnts

habe ich notiert: 1905 Sept.26 und 27; 1907 Aug. 10-12; 1909 Sept. 3-9 (am 9. zwei

ganze Infanterieregimenter).

Gegen 8 Uhr langten die fürstlichen Herrschaften vor dem Kruge Robinhood in

Stoffersdorf an, wo der Großherzog und Herzog Johann Albrecht die Pferde

bestiegen. Um 12 Uhr 22 Min. erfolgte die Rückfahrt der Kaiserin.

Um 1/2 3 Uhr traf auch der Kaiser im Automobil hier ein und fuhr vom Lübschentor

durch die Altwismarstraße zum Bahnhof, wo Seine Majestät von den beiden

Bürgermeistern und anderen Vertretern des Rats begrüßt wurde. Der Sonderzug

fuhr 2 Uhr 50 Min. nach Schwerin ab. Die öffentlichen Gebäude und viele

Privathäuser hatten Flaggenschmuck angelegt; auch von den hohen Türmen

unserer Kirchen wehten Fahnen zum Gruß.

1904 Dez. 31 wurde Wismar von einer Sturmflut heimgesucht, wie wir sie seit 1872

Nov. 13 nicht mehr erlebten.

Schon an den Tagen vorher hatte ein heftiger West- und später Südwestwind

geweht. Im Laufe des 30. wurde derselbe zum Sturm, drehte gegen Abend nach

Nordwesten und steigerte sich zum Orkan, der abends gegen 10 Uhr seinen

Höhepunkt erreichte. Um Mitternacht schien der Wind abzuflauen, dann aber drehte

er nach Norden und Nordosten, erhob sich zu neuer Gewalt, die bis zum Morgen

anhielt, und brachte Frost und Schneetreiben mit. Das Wasser stieg von 5 Uhr

morgens ab rapide; es drang ins Große Wassertor, bespülte den Lohberg. Auf der

unteren Neustadt und in der Wilhelmstraße konnte man nur mit Kähnen fahren. Die

runde Grube bildete ein Wasserbecken, das bis zur Kl. Hohenstraße seine Wellen

schlug. Am Hafen standen die Eisenbahnwagen im Wasser, ebenso die Bretterlager.

In der Wasserstraße stand die Flut über die Warmbadeanstalt hinaus. Vor dem

Poelertor war alles bis hin zur Zuckerfabrik ein brausendes Meer, das die Häuser am

Poelerdamm, die Haffburg und Oevelgünne umspülte. Am großartigsten aber war

das Schauspiel auf der Westseite der Stadt. Vom Koggennoor stürzten die Wogen

über die Koppelseite und das Neuland gegen die Zentralhalle, füllten dort die Häuser

und bedeckten die Ulmenstraße bis zum Rosenberg. Zentralhalle und Insel waren

vom Meere eingeschlossen, das hinter der Insel über die Lübsche Chaussee trat.

Durch die Brücke schoß das Wasser wie ein rasender Strom, führte Bretter und

Balken mit sich und verwandelte die Weide in einen wogenden See. - Um 10 Uhr

vormittags begann das Wasser langsam zu fallen; der Wind wurde stiller und gegen

2 Uhr waren Neustadt und Wilhelmstraße schon frei vom Hochwasser.

Unterm 2. Jan. 1905 schreibt der Berichterstatter des M. T. dann weiter:

Der Schaden, den die Sturmflut angerichtet hat, ist sehr groß. An den Brettern,
Balken und Trümmern, die sich in der Wilhelms- und Ulmenstraße in großer Zahl
finden, sieht man, wie weit das Wasser hier drang. Will man aber einen Begriff von
der Gewalt des Sturmes und der Fluten haben, so muß man vor das Lübschetor,
nach dem Baumhause und dem neuen Hafen gehen. An der Brücke vor dem
Lübschentor und im Kanalgraben der Köppernitz liegen die Bretter in großen
Massen zusammengekeilt. Auf dem Otto'schen Sägewerk ist ein Schuppen
eingestürzt. Hinter der Zementfabrik ist der Abhang übersäet mit Brettern, welche die
Sturmflut quer über das Koggennoor führte. An dem Pfahlwerk beim Kanalgraben
und dem Kegel, der sich aus der Baggererde gebildet hat, liegen ganze
Bretterstapel, die hier angeschwemmt worden sind. Am neuen Hafen ist der
Bahndamm mit Brettern bedeckt, die das Schienengeleise sperren. Vom
Bootsschuppen bis zum Schuppen zur Militärbadeanstalt ist alles ein Chaos. Die
Bretterstapel sind umgestürzt; die Bretter liegen wild durcheinander. Auch das hohe
Ufer bei Seebad Wendorf hat die Sturmflut hart mitgenommen. Die Steinmauer,
welche im letzten Sommer zur Stützung und Erhaltung des Ufers aufgeführt wurde,
hat dem Wogenanprall nicht widerstehen können. Sie ist zum größten Teil
zusammengebrochen; nur an zwei Stellen stehen Überreste ...

Die sonstigen Wetterschäden, von denen unsere Stadt im letzten Jahrzehnt
betroffen wurde, mögen - soweit sie nicht früher schon gelegentlich erwähnt wurden
- im Anschluß hieran kurz registriert werden.

1901 Dez. 15 stand das Wasser beim Baumhause 5 Fuß 1 Zoll über Null. Die
Promenade bei der Zentralhalle war überschwemmt, die Straße am Hafen
unpassierbar. Beim Hauptzollamt bespülte das Wasser die Treppe des Gebäudes,
und der Weg zum Baumhause war bis an den Güterschuppen total überflutet. Hinter
dem Baumhause und auf der Koppelseite stand alles unter Wasser, so daß Bretterund
Kieshaufen wie kleine Inseln daraus hervorsahen, und bis zur Lübschen Chaussee
waren sämtliche Niederungen überschwemmt.

1903 April 18/19 erhob sich in der Nacht ein Sturm aus Norden, dessen Gewalt
gegen Morgen so zunahm, daß er u. a. den dicken Stamm der großen Silberpappel
im Garten der Kampz'schen Villa vor dem Altwismartor zerbrach. Am Abend trieb er
das Wasser landeinwärts, so daß die Fluten selbst über die Kaimauer des neuen
Hafens hinweggingen. Das Zollamt, die Zuckerschuppen und das Kochhaus standen
unter Wasser; Wagen und andere Gegenstände schwammen auf den Wellen. Viele
Bote wurden von ihren Liegestellen losgerissen; die Holzlager wurden fast gänzlich
unter Wasser gesetzt, und der Sturm riß ganze Stapel Bretter um. Vom
Eisenbahndamm spülte das Wasser große Stücke fort. Auf dem Gebiet hinter der
Koppelseite wurden die zur Aufhaltung des Baggerguts aufgeworfenen großen Wälle
zum Teil fortgeschwemmt und so die Arbeit von Wochen zerstört. Der Wasserstand
beim Baumhause betrug 5 Fuß 9 Zoll über Null. Die Windstärke war zeitweilig 9.
1907 Mai 4 richtete ein starker Weststurm an vielen Gebäuden Schaden an. Am
neuen Hafen wehte ein großer Bretterschuppen um; zahlreiche Bretterstapel wurden
abgedeckt und die Bretter eine Strecke weit fortgeschleudert. An der Südseite der
Marienkirche wurde das Dach bedeutend beschädigt; die Straße mußte dort von der
Polizei gesperrt werden.

1908 Jan. 9 trat Hochwasser ein, das die Neustadt bis zum Hause Nr. 56
überschwemmte. Die Hafenwache, das Zollhaus, das Baumhaus und die
Zentralhalle waren nur mittelst Kahns zu erreichen. Viele Wohnungen der unteren
Stadt mußten geräumt werden. Im Laufe des Nachmittags trat Schneetreiben ein,
und das Thermometer sank unter Null. Am 10. früh waren die Straßen am Hafen, wo
das Wasser gestanden hatte, mit einer Eisschicht bedeckt, und zahlreiche Arbeiter
mußten die Straßen sowie die Eisenbahngleise vom Eise befreien.
1909 Juli 29 wurde unsere Gegend abermals von einem schweren Sturme
heimgesucht, der vielen Schaden tat. In Timmendorf wurde die Lotsenbrücke
vollständig zerstört; von den Badeanstalten in Wendorf und am Grasort wurden die
Schutzwände abgeschlagen, die später wieder aufgefischt werden mußten. Drei bei
Wendorf vor Anker liegende Boote wurden weggerissen und fortgetrieben. Auch in
der Stadt richtete der Sturm manches Unheil an. In der Ulmenstraße wurde von
einem großen Baume ein fast mannsdicker Ast abgebrochen, der in der Frühe quer
über der Straße lag. In der Wilhelmsstraße wurden gleichfalls mehrere Bäume
umgeschlagen, ebenso in den Gärten, wo vor allem die Obstbäume stark litten. Die
Kornfelder in der näheren Umgebung von Wismar wurden strichweise glatt
niedergelegt.

1906

Mai 2: Besichtigung des Wismarschen Bataillons durch S. K. Hoheit den
Großherzog, der kurz nach 8 Uhr im Automobil hier eintraf. Der Unterricht in den
Schulen war zur Feier des Tages ausgesetzt. Nach der Besichtigung auf dem
Großen Exerzierplatze fand ein Frühstück im Offizierskasino statt, zu dem auch Herr
Geh. Hofrat Bürgermeister Jörges geladen war.

Juni 16-17: XXIII Mecklenb. Sängerfest in Wismar.

1908

Juli 21: Besuch S K. H. des Großherzogs auf der Insel Poel. Der offizielle Empfang
an der hiesigen Landungsbrücke des Dampfers „Poel" geschah durch die Herren
Amtshauptmann von Prollius, Amtsverwalter Dr. Lembke und Landbaumeister Mau.
Als Begleitschiffe des „Poel" folgten die Dampfer „Paul" und „Seeadler". In Kirchdorf
wurde S. K. Hoheit vom Obervorsteher Steinhagen - Kaltenhof empfangen. Unter
Führung des Herrn Pastor Paepcke wurde zunächst die Kirche mit ihren Wällen in
Augenschein genommen. Dann wurde das Großherzogliche Fuhrwerk bestiegen.

Vorauf vier Erbpächter zu Pferde, ging es zunächst nach Kaltenhof und dem
Schwarzen Busch. Von hier aus wurde über Oertzenhof nach Timmendorf gefahren,
wo der Leuchtturm besichtigt ward. Alsdann fand die Rückfahrt über Wangern
Kirchdorf, Niendorf und Fährdorf statt. Von dort fuhr der fürstliche Wagen gegen 11
Uhr nach Gr. Strömkendorf, wo das Automobil bestiegen wurde, das den
Großherzog nach Heiligendamm zurückbrachte. Oktober 16-18: Konferenz der
Universitätsstaaten in Wismar. Als Vertreter der mecklenburgischen Regierung war
Wirkl. Geh. Legationsrat Dr, von Buchka aus Rostock anwesend. Die Verhandlungen
fanden im Hotel Stadt Hamburg statt.

November 11: Rekrutenvereidigung im Beisein des Großherzogs. S. K. Hoheit traf
mit dem Zuge 9 Uhr 29 Min. vormittags hier ein und fuhr im Automobil durch die in
reichem Flaggenschmuck prangenden Straßen Hinter dem Chor, Schweinsbrücke,
Abc- und Altböterstraße über den Markt nach der Marienkirche. An der Kirchentür
wurde er vom Bataillonskommandeur Oberstleutnant von Walther und vom
Garnisonsprediger Pastor Schlettwein empfangen. In der Kirche nahmen der
Großherzog und seine Begleiter in den Ratsstühlen Platz. Herr Pastor Schlettwein
hielt vor dem Altar die Rede; dann erfolgte die feierliche Vereidigung der Rekruten.
Nach derselben fand auf dem Marktplatze Parade statt. Dann begab sich der
Großherzog nach dem Offizierskasino, um dort das Frühstück einzunehmen. Gegen
12 Uhr fuhr S. K. Hoheit im Automobil wieder nach Schwerin.

1909.

Oktober 12: Brandkonvent der mecklenburgischen Städte in Wismar.

1910.

Juni 12: XI. Landesfest der evangelischen Jünglingsvereine und Posaunenchöre
Mecklenburgs in Wismar.

Juli 16-18: XIII. Kreisturnfest des vierten deutschen Turnkreises „Norden". An
demselben nahmen zirka 2.000 Turner teil. Einen Glanzpunkt in den
Veranstaltungen des Festes bildete die Illumination des Marktplatzes am Abende
des 16. Juli. Die Turnvorführungen fanden auf der Lübschentorsweide statt. Leider
war S. K. Hoheit der Großherzog, der seinen Besuch zu dem Feste zugesagt hatte,
an der Teilnahme verhindert.

September 16: Einzug des Großherzogpaares in Wismar. Die Vorbereitungen zu
dem Empfang waren schon eine Zeitlang vorher getroffen, da der hohe Besuch
ursprünglich auf einen früheren Tag festgesetzt war. Neben dem Bahnhofsvorbau
war ein geschmackvoll dekoriertes Zelt erbaut. Am Eingange zum Lindengarten
bildete eine aus zwei miteinander verbundenen Obelisken hergerichtete kleine
Ehrenpforte den Anfang der Einzugstraße durch den Lindengarten. Vor dem
Altwismartor war eine große Ehrenpforte errichtet: ein imposanter Bogen, mit grünen
Tannenzweigen ausgeschlagen, mit farbigen Bändern durchflochten und mit den
mecklenburgischen und lüneburg-braunschweigischen Wappen geschmückt.
Flaggenmasten, mit Tannengirlanden verbunden, und festlich geschmückte Häuser
säumten die Altwismarstraße. Eine besonders wirkungsvolle Dekoration zeigte das
Haus des Hoflieferanten Carl Günther. Blumenkörbe und Füllhörner, aus denen
Blumen in bunter Fülle hervorwuchsen, schmückten künstlerisch die Fassade, und
weiße, blumenumrankte Gitter zierten die Fenster. Der Markt war rings mit
Flaggenmasten umsäumt. Vor dem Rathause waren zwei Obelisken errichtet, die mit
Tannengrün verkleidet und an ihrer Spitze mit goldenen Kugeln verziert waren.
Gegen 12 1/2 Uhr begann die Aufstellung der Vereine, Schulen usw. zur
Spalierbildung vom Bahnhofe nach dem Rathause. Um 1 Uhr 10 Min. lief der
Extrazug auf dem Bahnhofe ein, wo Bürgermeister Dr. Wildfang das hohe Paar
begrüßte. Das Töchterchen Lotte des Senators Sohm überreichte der Frau
Großherzogin einen Blumenstrauß und sprach dazu die nachstehenden Verse:

Den ersten Gruß will ich Dir, Fürstin, bringen.
Nimm gnädig, bitt' ich, diese Blumen an!
Der Freude Laut soll Euch entgegenklingen.
Von alt und jung - von Kind und Weib und Mann.
Wollt Eure Gnade unserer Seestadt schenken
und oftmals lenken zu uns Euren Schritt!
Doch, wenn ich an das nächste Mal darf denken;
Ich hoff, dann kommt der Erbgroßherzog mit!

Hierauf bestieg das Großherzogpaar den Wagen. Unter dem Geläute der Glocken
und herzlichen Zurufen des Publikums ging die Fahrt durch den Lindengarten und
die Altwismarstraße nach dem Marktplatz. Dort hatte auf den Stufen des
Rathausvorbaues die höhere Töchterschule und gegenüber die
Mädchenbürgerschule Aufstellung genommen. Alle Kinder trugen weiße Kleider und
Schärpen in den mecklenburgischen Landesfarben. Beim Eintreffen des hohen
Paares spielte die Musik die Nationalhymne. Als der Großherzog und die
Großherzogin den Wagen verlassen hatten und die Stufen zum Rathause
emporschritten, wurde Ihrer K. Hoheit ein Bukett von roten Rosen durch das
Töchterchen Anna des Rechtsanwalts Thormann überreicht. Sodann ergriff noch
einmal Herr Bürgermeister Wildfang das Wort zu einem Hoch auf das
Großherzogpaar. Unter den Klängen vaterländischer Weisen defilierten darauf vor
den Allerhöchsten Herrschaften die Vereine, Innungen, Schulen und sonstige
Teilnehmer an der Spalierbildung. Um 1 Uhr 45 Min. begann im Audienzsaal das
Frühstück. Bei demselben brachte Herr Bürgermeister Dr. Wildfang den Toast auf
das Großherzogliche Paar aus, worauf S. K. Hoheit mit huldvollen Worten des
Dankes erwiderte. Nach der Tafel fand Cercle statt.

Nachdem die Allerhöchsten Herrschaften sich für kurze Zeit in die für sie in Stadt
Hamburg hergerichteten Gemächer zurückgezogen hatten, begann die Rundfahrt
durch die Stadt. Dieselbe ging zunächst durch die Altböter - und ABC-Straße zur
Nikolaikirche, die besichtigt ward, dann durch das Poelertor und die Wasserstraße
zum Hafen, wo eine kurze Hafenrundfahrt unternommen wurde. Von hier ging es
durch das Wassertor, Scheuerstraße, Krämerstraße, Hinterm Rathause,
Altwismarstraße zur Waggonfabrik, nach deren Besichtigung zum Altwismartor
zurück und durch die Lindenstraße zur Höheren Töchterschule, wo wiederum
Aufenthalt genommen ward. Vom Turnerweg, wo die Hohen Herrschaften in der
Wohnung des Amtmanns von Prollius den Tee einnahmen, wurde die Fahrt
fortgesetzt durch die Lindenstraße, Dahlmannsstraße, Lübschestraße, Hegede zur
Marienkirche und weiter zum Fürstenhof, denen beiden ein Besuch abgestattet
wurde. Die Besichtigung der Georgenkirche mußte der vorgeschrittenen Zeit halber
unterbleiben. Vom Fürstenhof fuhr das hohe Paar zurück über den Markt, durch die
Altwismarstraße und den Lindengarten zum Bahnhof. Um 4 Uhr 40 Min. erfolgte die
Abreise mittels Extrazuges.

Beinahe wäre für das Ende des Jahres 1910 hier dann noch der Flug des Parseval
VI über Wismar zu verzeichnen gewesen. Das Luftschiff war, von Berlin kommend,
als erstes auf mecklenburgischem Boden Okt. 28 in Schwerin gelandet und hatte
nach etwa anderthalbstündigem Aufenthalt seine Reise nach Kiel fortgesetzt. Von
dort sollte es in einigen Tagen die Rückreise über Lübeck - Rostock antreten, und
der Rat unserer Stadt vereinbarte mit dem Führer des Luftschiffes, daß es auf dieser
Tour seinen Flug über Wismar nehme, nachdem der B.-A. die für diesen Umweg
geforderte Entschädigung von 350 Mark Nov. l bewilligt hatte. Auf dem Marktplatze
sollte während der Zeit, da das Luftschiff zu erwarten sein würde, Konzert
stattfinden; die Fahnenstangen auf dem Marienkirchturm, an denen das Signal für
das Herannahen des Seglers der Lüfte gehißt werden sollte, waren bereits
herausgebracht, da erlitt der Parseval VI Havarie; er mußte seine Reise mit der
Bahn antreten, und die Fahnenstangen auf St. Marien mußten unverrichteter Sache
wieder hereingeholt werden ...

Nun, im kommenden Jahrzehnt dürfte auch Wismar erleben, was ihm diesmal zu
schauen nicht vergönnt war. Und vielleicht ist ihm noch Größeres vorbehalten!

Wir aber fassen unsere Wünsche für eine gedeihliche Fortentwicklung unserer
Vaterstadt zusammen in die Worte, mit denen einst ihr verdienter Chronist, der
eingangs dieses Kapitels schon einmal zitierte Magister Dieterich Schröder, die
Vorrede zu seiner „Kurzen Beschreibung der Stadt und Herrschaft Wismar" schloß:

Gott lasse seinen Frieden ruhn
In unser Stadt und Land,
Er gebe Glück zu unserm Tun
Und Heil zu allem Stand!

 

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