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Gustav Willgeroth/Notizen zur Geschichte Wismars 1901-1910
Nicht weit davon ist ein hoch gewachsener Baum
verschwunden. Die alte mächtige Auch die allen Lindengarten-Spaziergängern
wohlbekannte riesige alte Pappel, die Eine mit Freuden zu begrüßende Neuerung ist
ferner die aus letzter Zeit stammende Auch mit der im Juli 1907 erfolgten Anbringung
von Drahtkörben zur Aufnahme von Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine andere
Reminiszenz festhalten, die freilich Der Umgebung zur Zier Diese nicht gerade sehr gelungene Reimerei
weckte alsbald die Spottlust der Dies Gedicht hat ausgeheckt So wenigstens die ursprüngliche Fassung, die
dann später etwas umgemodelt sein Die Gasbeleuchtung an der Hauptpromenade des
Lindengartens (anstelle der Vor dem Altwismartor hat sich das Bild
stellenweise so sehr verändert, daß die Das den Lindengarten vom Offizierskasino bis
zur Mühlenteichbrücke abschließende Mit dem Bau des Tunnels, zu dessen
Herstellungskosten die Stadt einen Zuschuß Beim Ausschachten der Erde zum Bau des Tunnels
stieß man auf ein starkes Über Zeit und Zweck des freigelegten Mauerwerks
ließ sich Näheres nicht eruieren Verlassen wir den Tunnel, so erblicken wir
rechts an der Chaussee, wo sich früher Diese Plätze haben ihre eigene Geschichte. „An
der Ecke der Altwismartorchaussee Zwischen dem Gärtner Dettmann'schen Grundstück
und der Malzfabrik entstanden Die Straße wurde bis zur Malzfabrik im Jahre
1901 gepflastert und mit Trottoir Zur Linken der Chaussee ist die Große Bleiche,
die freilich als solche nur noch Haben wir die Mühlenbachbrücke überschritten
und sind an der noch vorhandenen „vor dem Altwismartor" (so seit 1906; bis dahin
„Schwarzkopfenhof; übrigens dient Die weitere planmäßige Bebauung des Blocks
datiert seit 1906 (vom B.-A. Das Klinkertrottoir vom Bahnübergang bis zur Zuckerfabrik wurde Mai 1905 gelegt. Etwas später wurde diese Gegend auch postalisch mit Wismar vereinigt: seit 1905 Aug. 8 gehören Gerberhof, Schwarzkopfenhof, Schlachthof und Zuckerfabrik nicht mehr zum Land, sondern zum Stadtbestellbezirk. Auf dem städtischen Schlachthofe wurde ein Freibankgebäude im Herbst 1903 errichtet, nachdem die erste Freibank April 25 desselben Jahres dort abgehalten war. Dem Schlachthausinspektor (Schultz; seit 1898) wurde Juni 1908 vom Rat die Amtsbezeichnung „Schlachthofdirektor" beigelegt. Die Zuckerfabrik ließ auf ihrem Grundstück eine Reihe von Neubzw. Umbauten vornehmen; so wurde im Jahre 1904 unweit des Philosophenweges ein Gebäude errichtet, welches die Schnitzeldarre enthält; 1905 ein zweites Beamtenhaus usw. Direktor der Zuckerfabrik ist seit 1907 Juli 1 Heitzsch (bis dahin Direktor der Zuckerfabrik in Hadmersleben bei Magdeburg). Sein Vorgänger war Metge (seit 1895). Beim Militärfriedhofe wurde die Hecke nach der Chaussee zu Aug. 1907 fortgenommen und durch eine Zement-Betonmauer ersetzt, die freilich mehr praktisch als schön sein dürfte. Der Friedhof wurde übrigens, nach freundlicher Mitteilung des Herrn Dr. Techen, bereits im Jahre 1698 angelegt. In dem gegenüberliegenden Carlsdorf wurde 1901 eine Maschinenfabrik (zuerst unter der Firma Böckler & Co., seit 1905 F. Krüger) begründet. Das Hobel- und Sägewerk auf dem Lehmberg (früher Lundwall, seit 1892 Hein & Co.) wurde 1901 mit den Wismarschen Hobelwerken A.G. vereinigt. Neben dem Weißen Stein ist am Wege nach Hornstorf im Jahre 1909 ein neues Wohnhaus erbaut. Da es mit seinem weithin leuchtenden roten Dach der Gegend ein verändertes Gepräge gibt, so mochte es hier miterwähnt werden. Der Erbpachthof Rüggow ging 1904 März durch Kauf auf den jetzigen Besitzer, Dreßler, über. Der gleichfalls zu Wismar gehörende (1756 für Bantow und Pepelow eingetauschte) Erbpachthof Warkstorf war Johannis 1909 hundert Jahre im Besitz der Familie Unruh. 16 Auf dem Gute Rohlstorf - das freilich nicht mehr zu Wismar gehört - wurden 1910 Mai 23 das Viehhaus, der Schafstall und vier Scheunen durch Großfeuer eingeäschert. Die übrigen Gebäude, unter andern das wertvolle Konservierungsgebäude für Kohl - dessen Bau auf den v. d. Lüheschen Gütern seit einigen Jahren in ausgedehntestem Maße betrieben wird - konnte gerettet werden. Wir wenden uns zurück zu der Gegend vor dem Altwismartor und setzen unsern Rundgang nun durch den Bleicherweg fort. Zu seiner Linken ist das Terrain völlig umgestaltet durch die Waggonfabrik, die im Jahre 1902 ganz hierher verlegt ward, und die heute das gesamte Gebiet zwischen Bleicherweg, Bahndamm und dem aus dem Mühlenteich kommenden Kanal einnimmt. 1909 Aug. wurde ihr dann auch noch ein Stück jenseits des Kanals zugelegt: die halbe Wiese zwischen dem Bahndamm und dem Gelände des neuen Stadtkrankenhauses, die die Waggonfabrik auf eine Reihe von Jahren gepachtet hat, wurde teilweise aufgeholt und zum Holzlagerplatz umgestaltet. Die Verbindung ist durch eine starke Brücke über den Kanal hergestellt. Noch an einer anderen Stelle ist durch eine Brücke über den Kanal eine neue Verbindung geschaffen: eben am Ende des Bleicherwegs, oder vielmehr da, wo früher das Ende war, denn heute erstreckt sich der Bleicherweg noch ein paar Häuser über die Brücke hinaus. Wir betreten, wenn wir diese Brücke überschreiten, einen neuen Stadtteil, von dem vor zehn Jahren noch kein Stein vorhanden war! Durch dicht aneinander gereihte Gärten führte eine Allee - der 1886/87 angelegte Verbindungsweg - von dem jetzigen Eingang zur Kanalstraße auf den (1897 erbauten) Wasserturm zu; Gärten und Äcker umgaben den Turnplatz und zogen sich von da bis zum Kanal hinunter; ein großer - der Harnack'sche - Garten bildete die Ecke der zum Turnplatz führenden Allee (des heutigen Turnerwegs) und der Lindenstraße; Gärten säumten die letztere bis zur Eisengießerei und jenseits derselben bis zum jetzigen Eingang zur Kanalstraße. Mit den Vorarbeiten zum Bau der Brücke wurde 1903 Juli 24 begonnen; vollendet ward dieselbe 1904. Im Februar des letzteren Jahres wurde der Bau der Straße ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 26 Der Verkauf (an Georg Ludwig Unruh) erfolgte 1809 Mai 13; vgl. das Proklama im 22. Stück der Wism. Zeitung vom 15. März 1810. von der Brücke her in Angriff genommen; die hier stehenden Alleebäume wurden ausgerodet, und es wurden Faschinen angefahren, um das Terrain vor der Brücke, das erheblich niedriger lag, mit dem Bleicherweg in gleiche Höhe zu bringen. Der Verkauf der 9 Bauplätze „auf der Gartenfläche zwischen der Eisengießerei und dem zum Rondeel (Turnplatz) führenden Gartenwege" geschah 1904 Jan. 4. Nicht lange danach begann man mit dem Bau dieser Häuserreihe an der Lindenstraße (Nr. 6, 8 usw. bis 22), von denen die meisten noch im Jahre 1904 fertig gestellt wurden. Die Villa links vom Eingange zur Kanalstraße (Lindenstraße Nr. 4) sowie die zwischen der Eisengießerei und dem Turnerweg errichteten Villen Nr. 26, 28 und 30 stammen gleichfalls aus diesem Jahre. 1905 Juni 13 nahmen die Pflasterungsarbeiten an der neuen Straße von der Brücke her ihren Anfang, und im Oktober d. Js. setzte dann hier an der Kanalstraße (so seit 1905 Dez. 14) die Bautätigkeit ein. Der Ausbau der Straße, vorläufig bis zu dem Hause Nr. 19 (doch mit Ausnahme des Stücks an der Westseite zwischen Brücke und Lindenstraße; s. unten) erfolgte im Laufe des Jahres 1906; gleichzeitig wurde auch die nach Westen von der Kanalstraße abzweigende, bei der Eisengießerei in die Lindenstraße mündende Rundestraße (ebenfalls von 1905 Dez. 14) an- und ausgebaut. Gegen Ende 1907 begann man mit der Verlängerung der Kanalstraße in der Richtung auf das Krankenhaus zu, und 1908/09 folgte die Bebauung auch dieses Teils der Straße. Die Anlage der in südwestlicher Richtung von der Kanalstraße sich abtrennenden und beim städtischen Wasserwerk in den Turnplatz einmündenden Podeusstraße erfolgte im Jahre 1907; das erste Haus in dieser Straße, die Rudolf Kobow-Stiftung, stammt aus dem ebengenannten Jahre. Ihren Namen erhielt die Straße - nach dem verstorbenen Geh. Kommerzienrat Podeus - bereits 1906 März 29. 1907 Sept. 10 wurde auch das Rauls'sche Fabrikgrundstück (Lindenstraße Nr. 2) zu Neubauten verkauft, und es entstanden nun, nachdem man die hier noch vorhandenen Gebäude (Wohnhaus und Maschinenfabrik) abgebrochen hatte, im Jahre 1908 auch an der bisher noch unbebauten Seite der Kanalstraße bzw. des Bleicherwegs zwischen Brücke und Lindenstraße acht Reihenhäuser, während die Bauplätze an der Lindenstraße mit den Villen 2 und 2a besetzt wurden. Nicht ohne Interesse ist es, daß diese letzten Neubauten an der Lindenstraße sich just auf dem Grund und Boden erheben, auf dem vor nahezu hundert Jahren das erste und einzige Haus an dem Wege zwischen Altwismar- und Mecklenburgertor erbaut ward! (Voigts Gartenhaus; vgl. B.a.W.V. pag. 147. Ob der Kollmorgen'sche (später Stiegmann'sche) Garten damals schon vorhanden war, kann ich freilich nicht sagen. An der gegenüberliegenden Seite der Lindenstraße wurde, was hier berichtigend angemerkt sein mag, die Marsmann'sche Villa (Nr. 7) erst im Jahre 1901 erbaut. Alle übrigen Bauten auf dieser Seite der Straße datieren vor 1901.) Das erste Klinkertrottoir wurde in der Lindenstraße (zwischen Neuem und Altwismartor) Aug. 1901 gelegt; dasselbe erstreckte sich von der Gartenstraße bis etwa zur Dr. Böhm'schen Villa (Nr. 5). Das Stück von hier bis zum Tor erhielt erst Aug. 1906 einen Klinkerweg. An der gegenüberliegenden Seite wurde mit der Legung eines Trottoirs Okt. 1905 begonnen. Zur Eisengießerei sei noch registriert, daß ein Teil derselben 1904 März 18 durch Feuer zerstört ward. Der zweistöckige Bau, der die Kontorräume enthält, wurde im Jahre 1903 aufgeführt. Das Werk hat sich im verflossenen Jahrzehnt bedeutend vergrößert; seit 1907 wird auch der Bau von Automobilen darin betrieben, mit denen die Firma (vormals F. Crull & Co.; seit 1906 Paul Heinrich Podeus) bereits die besten Erfolge erzielt hat. Eine Neuheit für Wismar war, um auch das hier noch zu erwähnen, der Motorlastwagen, den die Firma Dez. 1906 für ihren Betrieb anschaffte. Freilich waren damals die Kraftwagen überhaupt noch etwas Neues für uns Wismarer; seither haben auch wir in unserer einst so stillen Stadt uns an die Automobilhupen längst gewöhnt ... Die Firma Paul Heinrich Podeus baut jetzt auch selbst Lastwagen. Ein solches von ihr geliefertes Automobil befand sich unter den Armeelastzügen, die, auf der Prüfungsfahrt durch Deutschland begriffen, Dez. 7 dieses Jahres (1910) auch Wismar berührten. In der Gartenstraße ist 1909/10 auch an der Südseite, in dem früher Gärtner Ruth'schen Garten, eine Villa erbaut worden. Am Turnplatz ist das älteste Gebäude das der Höheren Töchterschule oder, wie man seit 1910 Aug. 18 27 offiziell sagt, „Höheren Mädchenschule". ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 27 Unter diesem Datum machen Bürgermeister und Rat bekannt, daß, nachdem die Höhere Töchterschule und das mit derselben verbundene Lehrerinnenseminar nach Maßgabe der Landesverordnung vom 7. März dieses Jahres, betreffend das höhere Mädchenschulwesen, umgestaltet sei und die staatliche Anerkennung als „Höhere Mädchenschule" gefunden habe, stadtverfassungsmäßiger Beschlußnahme zufolge das jährliche Schulgeld von Michaelis dieses Jahres ab für alle Klassen der höheren Mädchenschule auf 140 Mark und für die Seminarklassen auf 200 Mark festgesetzt worden sei. 28 Vgl. B.a.W.V. pag. 146 Der erste Spatenstich zum Bau dieser Schule wurde am Mittag des 29. Jan. 1906 getan. Am 18. Aug. d. Js. konnte das Richtfest gefeiert werden. Bezogen wurde die Schule Michaelis 1907; die feierliche Einweihung fand Okt. 8 d. Js. statt. Direktor der höheren Mädchenschule ist seit Aug. 1906 Mayr (Oberlehrer an der Anstalt seit 1901); sein Vorgänger war Ackermann (seit Ostern 1900; gest. 1906 Juli 17). Mit dem Bau der ersten Villen am Turnplatz wurde neben dem Eggertschen Grundstück Nov. 1906 begonnen. Die im Jahre 1907 fertig gestellten Häuser tragen die Nummern 1, 2 und 3. 1908 wurden auch Fürstengarten und Dahlberg (links und rechts vom Eingange zur Schützenallee) für die Bebauung in Angriff genommen; 1909 folgten die Villen neben der Höheren Töchterschule, und in dem 1910 Mai 6 ausgegebenen, des öfteren schon zitierten Bericht über die Verwaltung der Stadt im Jahre 1909 konnte es heißen: „Der Turnplatz ist nunmehr rings von Gebäuden umschlossen". Die Namen „Fürstengarten" und „Dahlberg" datieren von 1908 Okt. 22. Ersterer ist ohne weiteres verständlich; das Gelände hier war Fürstengartenreservat bis in die 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts." Zum „Dahlberg" hat der schwedische Graf Erik Dahlberg Pate gestanden, der dieser Gegend schon einmal, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, den Namen gab, wo sie einen wichtigen Punkt der schwedischen Befestigung bildete. Etwa ein Jahr, nachdem man mit dem Bau der Töchterschule begonnen hatte, wurde - Anfang 1907 - unweit des Turnplatzes an der rechten Seite des Weges, der zwischen Äckern auf den Bahndamm zuführte, der Bau des städtischen Krankenhauses und der Nebenbauten - Wasch-, Leichen- und Desinfektionshaus unter einem Dach und Sonderhaus für Patienten mit ansteckenden Krankheiten - in Angriff genommen. Der Neubau der Desinfektionsanstalt wurde bereits im Mai 1907 vollendet; die erste Desinfektion darin fand am 30. d. Mts. statt. Die alte Desinfektionsanstalt, die ebenfalls hier hinter dem Turnplatze (rechts von der jetzigen höheren Töchterschule) lag, wurde Ende März 1907 abgebrochen. 1909 Mai 26 konnte das neue Stadtkrankenhaus in Benutzung genommen werden. „In aller Stille hat sich" so schreibt das M. T. unter diesem Datum, „gestern unter fachkundiger Leitung der Ärzte die Übersiedelung vom alten Krankenhaus in das neue Heim unserer städtischen Krankenpflege vollzogen. Es mußten hierbei 25 Kranke überführt werden. Unter ihnen befanden sich neun Schwerkranke, zu deren Transport, der sich in Tragkörben vollzog, die Krankenträger der hiesigen Sanitätskolonnen verwendet wurden. Die übrigen 16 Kranken wurden in Droschken befördert. Der ganze Umzug ging gut von statten. Heute vormittag fand in dem einen großen Krankensaal eine von Herrn Pastor Müller abgehaltene Andacht statt, an der außer den Kranken sämtliche Angestellte, Herr Medizinalrat Dr. Unruh, die Anstaltsärzte und Schwestern, sowie das Direktorium des Stadtkrankenhauses unter Führung des Herrn Senator Sohm teilnahmen." In der Leichenhalle wurden 1910 April ein Altar mit schwarzen Paramenten in Silberstickerei, Kruzifix und Leuchtern, sowie zwei Bänke aufgestellt; die hierfür erforderlichen Mittel wurden durch eine von Pastor Müller veranstaltete Sammlung aufgebracht. Der Bau des Krankenhauses kostete rund 320.000 Mark, wovon die Jordan'sche Stiftung 30.000 Mark trug. Mit Anlagen und Promenadenwegen in den Wiesen von der Schützenallee nach dem neuen Krankenhause und um dasselbe herum begann man im Jahre 1908. Dieselben sind jetzt größtenteils fertig. Ein direkter Fahrweg nach dem Friedhofe ist geplant. Am Turnerweg wurde mit den Arbeiten zum Bau der katholischen Kirche im Herbst 1901 begonnen. Die feierliche Grundsteinlegung durch den Pastor Husmann - Schwerin erfolgte 1902 März 12; die Richtfeier Juni 11, nachdem am Tage vorher das (von der Firma Wilh. Müller gelieferte) 3 Meter hohe Turmkreuz aufgebracht war. (Das kleinere Kreuz ist aus der Schlosserwerkstatt von C. Ehlers hervorgegangen.) Das Probeläuten der drei, in Hemelingen bei Bremen gegossenen Glocken fand Aug. 8 statt, und am Sonntag, den 12. Oktober Morgens 7 Uhr wurde die Weihe der Kirche zu Ehren des hl. Laurentius als Patron und des hl. Hubertus und des hl. Ferdinand als Compatrone durch den Bischof Dr. Hubertus Voß aus Osnabrück vollzogen. Um 10 Uhr riefen die Glocken zum ersten Mal zum Gottesdienst. Zum Pastor an der neuerbauten Kirche wurde Manuel von Ondarza, früher Missionsgeistlicher zu Gelting in Schleswig-Holstein, vom Bischof zu Osnabrück ernannt und von der mecklenburgischen Regierung bestätigt. Er trat sein Amt 1903 Juni an; bis dahin hielt ein Geistlicher aus Schwerin zweimal monatlich Gottesdienst in der Kirche. Mit dem Bau der Villen am Turnerweg wurde im Jahre 1901 der Anfang gemacht. In diesem Jahre entstand die Vieth'sche Villa (Nr. 8); zwei Jahre später die daneben - nach der Kirche zu - belegene Villa Nr. 10. Das katholische Pfarrhaus (Nr. 12) wurde 1903/04 erbaut und Joh. 1904 bezogen Aus dem letzteren Jahre stammt auch die - am meisten nach der Lindenstraße zu belegene - Villa Nr. 6. Im Jahre 1905 bekam der Turnerweg dann auch auf der rechten Seite ein anderes Aussehen. Auf dem Gärtner Köhler'schen Grundstück verschwand das kleine Wohnhaus nebst der angrenzenden Reit bahn (beide 1850 erbaut) und an ihrer Stelle wurden die Villen Nr. 3, 5, 7 und 9 am Turnerweg errichtet, während gleichzeitig auf dem von der Lindenstraße begrenzten Teile des Köhler'schen Grundstücks die Villa Lindenstraße 32, sowie das jetzige Wohnhaus des Gärtners Köhler (Nr. 34a) entstanden. Das hier noch belegene (lange Zeit von Dr. Leysath bewohnte) Köhler'sche Haus Nr. 34 wurde Okt. 1906 abgebrochen, um einem Neubau Platz zu machen. Das Trottoir am Turnerweg wurde 1909 fertig. Von dem Jahre datiert die Belegung der rechtsseitigen Leiste (vom Nolte'schen Grundstück her), während die linke schon früher ein Trottoir erhielt. Damit haben wir unseren Gang vor die Tore beendet. Wir waren „vor den Toren": alles, was wir hier sahen lag außerhalb des Bereiches, den einst Tore und Mauern der Hansestadt Wismar einschlossen. Und doch waren wir oft in der Stadt, die in diesem verflossenen Dezennium über sich selbst hinausgewachsen ist. Tore und Mauer - von der vor zehn Jahren doch noch ein gut Stück stand - sind bis auf ganz wenige Reste verschwunden und vieles aus der früheren Umgebung Wismars mit ihnen. Es ist hier vieles neu geworden, und wenn wir, will's Gott, nach abermals zehn Jahren hier wandern werden, dann haben wir vielleicht schon vergessen, wo einst das Alte aufhörte und das Neue anfing... NOTIZEN (Rat und Bürgerausschuß - Verordnungen, Steuern etc. - Kommunale Einrichtungen - Kirche und Schule - Milde Stiftungen - Vereinswesen - Statistisches.) Der Rat der Stadt Wismar bestand zu Beginn des neuen Jahrhunderts aus nachstehenden Mitgliedern: Bürgermeister: Jörges Davids. Senatoren: Dr. Wildfang, Dr. König, Sohm, Fenger, Witte, Lembke. Im verflossenen Jahrzehnt traten neu in das Ratskollegium ein: für Senator Lembke (+ 1902 Mai 27): Senator Krull (bis dahin Stadtsekretär zu Wismar) 1902 Juni 24. Derselbe wurde auf Antrag des B.-A. in Anerkennung seiner verdienstvollen Amtsführung zum Ratsherrn ernannt; eine Wahl fand nicht statt; für Bürgermeister Davids29 (mit Ende 1902 in den Ruhestand getreten): Bürgermeister Krull 1902 Dez. 27; für letzteren: Senator (Kaufmann) Pufpaff 1902 Dez. 27 (mit ihm zur engeren Wahl aufgestellt: Kaufmann Gustav Michaelis, Hofbäckermeister Bärwinkel, Kaufmann Hoppenrath); für Senator Fenger (seither Direktor der Vereinsbank): Senator (Kaufmann) Wilde 1903 April 14 (mitaufgestellt: Schiffsmakler Tiede, Hofbäckermeister Bärwinkel, Ziegeleibesitzer Stoffer); für Bürgermeister Geh. Hofrat Jörges30 (1907 April 1 in den Ruhestand getreten): Bürgermeister Dr. Wildfang (seit 1906 Nov. 13 bereits dritter Bürgermeister31); für ihn: Senator Dr. Altvater (bis dahin Amtsassessor in Güstrow) ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 29 Ratsmitglied seit 1878 Dez. 24; Bürgermeister 1895 Okt. 8 30 J. gehörte dem Ratskollegium seit Ostern 1868 an. 1897 Juli 1 wurde er in Veranlassung der Aufnahme Wismars in den ständischen Verband dritter Bürgermeister. Von den städtischen Einrichtungen und Werken, die unter seiner Leitung ausgeführt bzw. ins Leben gerufen wurden, oder an denen er hervorragend beteiligt war, seien hier genannt: Durchführung der Kanalisation und der Neupflasterung in der ganzen Stadt, Bau und Einrichtung der beiden städtischen Quartierhäuser, Herrichtung des Großen Exerzierplatzes, Erwerb und Umbau der Gasanstalt, Gründung und Erbauung des städtischen Schlachthofes, Beseitigung der Privattöchterschulen und Errichtung einer städtischen höheren Töchterschule, Errichtung der Allgemeinen Ortskrankenkasse, Bau des Neuen Hafens, Errichtung der Stadtkasse usw. Seit Johannis 1900, wo Bürgermeister Geh. Hofrat Fabricius in den Ruhestand trat, war J. erster Bürgermeister der Stadt. Zu Ehren des aus dem Amte Geschiedenen fand 1907 April 18 im Hotel Stadt Hamburg ein Essen statt, das von etwa 100 Personen aus allen Kreisen der Bürgerschaft besucht war; bei demselben hielt der - inzwischen verstorbene - Gymnasialdirektor Dr. Bolle die Festrede. 31 Zur Vervollkommnung der Nachprüfung der städtischen Rechnungen machte der Rat Okt. 1906 den Vorschlag, zwecks Entlastung des Revisionsdepartements eine dritte Bürgermeisterstelle zu begrün den und für dieselbe zunächst den Senator Dr. Wildfang zu berufen. (B.-A.-S. v. 9. Okt. 1906). Der B.-A. nahm den Vorschlag jedoch nur insoweit an, als er sich mit dieser einverstanden erklärte (Nov. 6.). 1907 April 8 (mit aufgestellt: Gerichtsassessoren Dr. Albrecht- Schwerin und Schultetus- Rostock); für Senator Dr. Altvater (zum Senator in Rostock gewählt): Senator Dr. Rosenow (bis dahin Rechtsanwalt in Rostock) 1909 Nov. 18 (mit aufgestellt: Gerichtsassessor Dr. Sprenger- Rostock und Bürgermeister Dr. Berg- Wesenberg). Das Ratskollegium besteht mithin zur Zeit (Ende 1910) aus folgenden Mitgliedern: Bürgermeister: Dr. Wildfang, Krull; Senatoren: Dr. König, Sohm, Dr. Rosenow, Witte, Pufpaff, Wilde. Nach einem Vorschlage des Rates vom Juni 1910 sollte künftig die Neubesetzung der Ratsstellen, sowohl der rechtsgelehrten als der nicht rechtsgelehrten, in der Weise geschehen, daß der Rat dem B.-A. drei Bewerber in Vorschlag bringt, aus denen der B.-A. wählt, während jetzt umgekehrt der B.-A. vorschlägt und der Rat wählt. Der Ausschuß lehnte diesen Vorschlag jedoch ab (Juni 14 ). Zum Stadtsekretär wurde 1902 Juni 18 Schutte (bis dahin Stadtkassierer) gewählt. Seit kurzem gibt es übrigens in Wismar keinen Stadtsekretär mehr; 1910 Nov. 3 wurde dieser Titel in „Ratssekretär" umgewandelt. Über die Gründe hierfür vermag ich nichts mitzuteilen. Als Ratsarchivar wurde Dr. Friedrich Techen 1904 Okt. auf Lebenszeit angestellt. Die Schaffung dieses Amtes lehnte der B.-A. ab. (Okt. 25.) Von Interesse dürfte es sein, daß einzelne Ratsmitglieder, sowie andere städtische Angestellte heute noch Naturaleinkünfte erhalten, die allerdings nicht so wesentlich sind, daß eine Gehaltsaufbesserung dadurch überflüssig geworden wäre. So bezieht bei der Stadtkämmerei jedes rätliche Mitglied noch von Dammhusen jährlich zwei lebende fette Gänse und von jedem der drei Hauswirte zu Vor-Wendorf einen Hasen; ferner am Karfreitag Reihensemmel, zu Weihnachten einen Kringel und Kuchen vom hiesigen Bäckeramt; sämtliche Provisoren und Deputierte, sowie der Sekretär erhalten Karfreitag Reihensemmel. Außerdem werden den Hebungen auf Grund von Stiftungen Reihensemmel, Stollen, Holz und Wein für ihre Angestellten geliefert. Die im Jahre 1905 vom B.-A. beantragte Umwandlung dieser Einkünfte in Geldzahlungen lehnte der Rat um so mehr ab, als die Beteiligten ihre Zustimmung dazu nicht gegeben hatten.(B.-A.-S. v.16. Febr. 1905) Das unterm 19. Aug. 1874, 12. April 1876 und 24. Sept. 1985 veröffentlichte Statut betreffend die Bildung des hiesigen Bürgerausschusses hat 1910 Sept. 22 mehrere Veränderungen und eine Ergänzung erhalten. Zunächst sind von den früher nicht wählbaren, weil mit Pensionsberechtigung angestellten Beamten jetzt die Lehrer, denen auch die Schulleiter zuzurechnen sind, ausgenommen. Ebenso sind pensionsberechtigte Beamte, welche nur auf Gebühren angewiesen sind, sowie pensionierte Beamte jetzt wählbar. Diese Änderung wurde, in ähnlicher Form wenigstens, vom Rat bereits Febr. 1902 und Febr. 1905 beantragt, beide Male jedoch vom B.-A. abgelehnt. Zu der jetzigen Änderung erteilte der B.-A. 1910 Juni 14 seine Zustimmung. Sodann bilden die erste Klasse jetzt alle Bürger, welche zu 3.500 Mark und darüber, die zweite alle, die zu 1.500 Mark bis 3.500 Mark ausschließlich eingeschätzt sind; die dritte alle übrigen wahlberechtigten Bürger. Bis dahin war die Grenze: 3.000 bzw. 1.200 Mark. Neu angefügt ist folgende Vorschrift: Der Rat hat das Recht, aus seiner Mitte Deputierte zu jeder Sitzung des Bürgerausschusses abzuordnen, welche befugt sind, sich an den Verhandlungen zu beteiligen und gehört zu werden, wenn und so oft sie es verlangen. Die Person und Zahl seiner Deputierten bestimmt der Rat. Die Deputierten sind berechtigt, städtische Beamte als Sachverständige zuzuziehen, welche gehört werden müssen, wenn und so oft die Ratsdeputierten dies verlangen. In gleicher Weise können auch zu Sitzungen von Kommissionen, welche aus der Bürgervertretung gebildet werden, Deputierte des Rates abgeordnet werden. Auch der Bürgerausschuß kann die Anwesenheit von Ratsdeputierten bei seinen Sitzungen und bei den Sitzungen von Kommissionen, welche aus dem Bürgerausschusse gebildet werden, begehren. Ein Paragraph über die Öffentlichkeit der Bürgerausschußsitzungen ist in das neue Statut nicht hineingekommen. Zwar wäre ein Widerstand seitens des Großherzoglichen Ministeriums - mit dem der Rat 1902 Okt. die Ablehnung eines diesbezüglichen Antrages begründete - jetzt kaum mehr zu erwarten gewesen. Allein der Rat lehnte die im Prinzip von beiden Seiten - Rat und Bürgerausschuß - bereits genehmigte Öffentlichkeit in letzter Stunde ab, weil er sich mit der vom Ausschuß bedungenen Verfügungsfreiheit über die Zulassung von Berichterstattern der Zeitungen nicht einverstanden erklären konnte. 1909 Okt. 1 beschloß der B.-A., da die Mitglieder in neuerer Zeit durch zu häufige Sitzungen in ihrem privaten Geschäftsbetrieb beeinträchtigt würden künftig tunlichst nur zwei Sitzungen im Monat zu halten, und zwar Dienstag nach jedem 1. und 15. Dieser Beschluß wurde indessen bereits in der Sitzung vom 19. Okt. als unausführbar wieder aufgehoben. Vorsitzender des Bürgerausschusses war Rechtsanwalt Haupt (seit 1878) bis Ende 1903; seither Rechtsanwalt Thormann. Stellvertretender Vorsitzender war (seit 1887) Brunnckow bis Ende 1901; Rechtsanwalt Thormann 1902 bis 1903; Hofmaschinenfabrikant Wilh. Brandt 1904 bis 1906; seither Hofbäckermeister Bärwinkel. Konsulent ist Oldenburg seit 1896 Aug. 1. Von den Verordnungen, die Rat und Bürgerausschuß im verflossenen Jahrzehnt beschlossen, sind die bemerkenswertesten bei anderer Gelegenheit schon erwähnt bzw. noch zu erwähnen. Hier mag die Verordnung über die Lustbarkeitssteuer registriert werden, die 1909 Okt. 1 in Kraft trat; ferner die Zusätze zur Wochenmarktsordnung von 1905 Sept. 5, nach welchen Lebensmittel und Blumen in einer bestimmten Höhe vom Erdboden ausgelegt werden müssen und das Schlachten, Ausnehmen und Zubereiten von Tieren auf dem Markte verboten wird. Der Achtuhr-Ladenschluß trat - um das bei dieser Gelegenheit mit zu notieren - für die Sommermonate 1901 April 1, für das ganze Jahr 1904 Dez. 1 in Kraft. Ausgenommen hiervon waren die Tabak- und Zigarrengeschäfte und die Bäckereiläden; seit Dez. 1 dieses Jahres (1910) sind erstere ebenfalls in die Verordnung mit hineinbezogen. Eine Reihe von Ausnahmetagen sind durch das Polizeiamt festgesetzt. Die Polizeioffizianten erhielten ihre jetzige Uniform nebst dem Schutzmannshelm mit dem Wismarschen Wappen 1901 Sept./Oktober. Uniformiert überhaupt wurden sie 1896; vordem trugen die „Stadtsoldaten" als Zeichen ihrer Würde einen - Krückstock. Die reitenden Ratsdiener tragen seit 1908 Uniform. Polizeikommissar war Schultz (seit 1870 Nov. 12) bis 1901 Okt. 1. Der Titel wurde ihm freilich erst Monate vor seinem Scheiden aus dem Dienste beigelegt (Juli 9); bis dahin war er Polizeisergeant. Sein Nachfolger ist Zimmermann. Polizeisekretär war (seit 1875) bis Febr. 1904 Danehl; dann Zogmann bis 1908. Seither ist die Stelle unbesetzt. Neue deutsche Bezeichnungen für die verschiedenen Zweige der Verwaltung führte der Rat 1903 Juli ein. Hafendepartement wurde in „Hafenamt" geändert; Stadtkassen-Departement in „Stadtkassenamt` ; Departement für Straßen und Wasserleitung in „Straßen- und Wasserleitungs-Amt` ; Quartierkammer in „Steuer- Behörde"; Gottesacker-Departement in „Friedhofs-Verwaltung", Lindengarten- Departement in "Park-Verwaltung"; Ratsdeputation für Gewerbesachen in „Rats- Gewerbebehörde"; Schulkommission in „Schulaufsichtsbehörde"; Hebungs- Departement in „Geistliche Hebungen" usw. Gleichzeitig zeigte der Rat dem B.-A. (Juli 17) an, daß er in ihrem gegenseitigen Verkehr künftig von allen Kurialien abzusehen wünsche. Die Stadtkasse ist seit 1901 Juli 4 täglich zu bestimmten Stunden zur Entgegennahme und Auszahlung von Geldern geöffnet. Bis dahin war dies nur an zwei Tagen in der Woche der Fall. Zum Stadtkassierer wurde 1902 Juli 15 Voigt (bis dahin Zahlmeister-Aspirant beim hiesigen Bataillon) vom Rat gewählt. Sein Vorgänger war der jetzige Ratssekretär Schutte. Das Grundbuch für die Stadt Wismar und deren Gebiet war laut Bekanntmachung des Großh. Justizministeriums vom 21. Okt. 1901 (Regierungsblatt Nr. 38) mit dem 1. November 1901 als angelegt anzusehen. Die Zahl der seither bis 1910 April 1 neu eingerichteten Grundbuchblätter betrug 1.225. Grundbuchführer ist Haensgen (Ratsregistrator seit 1902 Jan. 1). Für die städtische Ersparnisanstalt traten mit dem 1. April 1909 neue Satzungen in Kraft. Danach ist die Kasse jetzt am Montag, Mittwoch und Sonnabend jeder Woche vormittags von 10-12 Uhr, sowie am letzten Werktage eines jeden Monats abends von 6-7 Uhr geöffnet; dagegen bleibt sie an Sonn- und Festtagen geschlossen. Bis dahin wurden die Kassenstunden am Mittwoch, Sonnabend und Sonntag abgehalten. Deputierte aus der Bürgerschaft, die früher regelmäßig auf der Sparkasse (wie es ehedem hieß) beschäftigt waren, werden jetzt nur noch im Termin zugezogen, wo natürlich auch die Kassenzeit eine erweiterte ist. An städtischen Steuern wurden im verflossenen Jahrzehnt erhoben: an Gebäude und Mietssteuer im Jahre 1901: 140 Prozent eines Simplums nach der unterm 13. April 1897 publizierten Verordnung; in den folgenden Jahren: 130, 129, 118, 118, 124, 124, 126, 130, 130 Prozent; an Einkommensteuer im Jahre 1901: 3 Proz. der eingeschätzten steuerpflichtigen Einkommensumme nach derselben Verordnung; in den folgenden Jahren: 2 4/10, 2 8/10, 3 1/10, 3 3/20, 4 1/10, 4 2/10, 4, 4, 4 Prozent an Wegesteuer 1 1/2 Simpla nach der Verordnung vom 28. Okt. 1878; das Wassergeld mit 50% Aufschlag nach der Verordnung vom 19. Dez. 1868 bis 1906; nach derselben V. O. und dem Zusatz vom 13. Nov. 1906 in den Jahren 1907 und 1908; seit 1909 nach den Verordnungen 18. Mai 1908, 12. Nov. 1908 und 18. Juli 1909. Die Passiven der Stadt betrugen nach dem Bericht über die Verwaltung der Stadt im Jahre 1909 zu Ende d. Js. nach Abzug der belegten Kapitalien und der Barbestände 4.157.000 Mark. Ohne Berücksichtigung der ausstehenden Kapitalien und der Barbestände betrugen die Schulden am Ende des Jahres 1909 4.355.000 Mark. Davon entfielen auf den Hafen 1.750.000 Mark, auf das Gaswerk 375.000 Mark, das Elektrizitätswerk 292.000 Mark, das Schlachthaus 210.000 Mark, Militärgebäude 300.000 Mark, die Knabenvolksschule und die Höhere Töchterschule 337.900 Mark, die Ingenieur-Akademie 40.850 Mark, das Stadtkrankenhaus 284.480 Mark, die Sielbauschuld 180.900 Mark, Chausseen- und Straßenbau 151.860 Mark, die alte unverzinsliche aus Kriegszeiten herstammende Akzisezinsenschuld 172.360 Mark, sonstige Schulden 259.650 Mark. Getilgt wurde in 1909 die Anleihe für den Bürgerpark, die im Vorjahre noch 38.800 Mark betrug. Das Stadtbauamt ist neu begründet; es trat mit dem 15. August 1906 in Wirksamkeit. Demselben sind zugewiesen: alle Neubauten, die Geschäfte der Baupolizeibehörde; die Geschäfte des Straßen- und Wasserleitungsamts, das als solches aufgelöst ward; die Geschäfte der Löschanstalt; die Straßenbeleuchtung mit Einschluß der Verwaltung der Gas- und Elektrizitätswerke; die Aufsicht über Prüfung von Dampfkesseln; das Aichamt. Außerdem gehörten zum Ressort des Stadtbauamts anfänglich noch die Hafenbauten, soweit sie Bollwerke, Hafenmauern, Pfähle und Brücken betreffen, mit Einschluß der Baggerei. Diese wurden später jedoch wieder abgetrennt und dem Hafenamte zugewiesen. Das Stadtbauamt wird von drei Ratsmitgliedern (darunter mindestens ein rechtsgelehrtes) und sechs bürgerschaftlichen Mitgliedern gebildet, von welchen zwei der B.-A. direkt wählt, und vier, bei Vorschlag der doppelten Zahl durch den B.- A., vom Rat gewählt werden. Der Stadtbaumeister wohnt mit beratender Stimme den Sitzungen bei. Den Antrag des Rats auf Anstellung eines Stadtbaumeisters hatte der B.-A. wiederholt abgelehnt. Das Großh. Ministerium entschied jedoch, daß dieser Widerspruch des B.-A. nicht im städtischen Interesse liege, und daß deshalb gemäß den Vorschlägen des Rates zu verfahren sei. Der Rat teilte daraufhin 1905 Aug. IS dem B.-A. mit, daß er die Stelle zu Michaelis d. J. ausgeschrieben habe. Eine dieserhalb beim Großh. Staatsministerium angebrachte Beschwerde des Ausschusses wurde abschlägig beschieden (B.-A. v. 5. Dez. 1905). Stadtbaumeister Zeroch (bis dahin Regierungsbaumeister in Kassel) trat sein Amt 1906 März 16 an. Die Räume des Stadtbauamts befanden sich bis 1909 März 30 im Schulgebäude an St. Georg; seither, wie schon erwähnt, im zweiten Stockwerk des Rathauses. Eine städtische Enteignungs-Verordnung trat 1903 Mai 20 in Kraft. Auf Grund derselben wurde im Jahre 1906 durch eine gemeinschaftliche rätliche und bürgerschaftliche Kommission ein Plan festgestellt, nach welchem die Straßenbaufluchtlinien unter Beschränkung auf das Notwendigste im Enteignungswege gerade gelegt werden sollten. Der B.-A. erklärte sich mit dieser Vorlage Sept. 11 einverstanden. Das Verbot, Neu-, Um- und Ausbauten über die in diesem Plane festgesetzten Straßen- und Baufluchtlinien hinaus künftig auszuführen, wurde 1907 Mai 25 publiziert; gleichzeitig wurden die Straßen öffentlich bekannt gegeben, in denen Grundstücke von der erwähnten Rechtslage betroffen wurden bzw. werden. Die Einnahmen aus dem Verkauf an städtischem Gelände, Bauplätzen usw. betrugen - um das hier noch anzuschließen - im letzten Jahre (1909) 124.000 Mark. Eine neue Verordnung über das Abfuhrwesen trat 1903 Okt. 5 in Kraft. Aus ihr ist die obligatorische Einführung der Verschlußeimer hervorzuheben. Die gesonderte Scherbenabfuhr findet seit April 1903 statt. Der Straßenkehrapparat „Lutokar" ist seit 1906 Dez. 5 in Tätigkeit. Ein Sprengwagen wurde Juli 1901 angeschafft, ein zweiter Juni 1907. Von den Neuerungen in der Straßenbeleuchtung ist im Einzelnen gelegentlich schon die Rede gewesen.. Mit Fernzündern an den Laternen wurde 1906 der erste größere Versuch gemacht; es wurden in diesem Jahre 120 und im Jahre darauf noch 60 Straßenlaternen, vorwiegend in den entlegeneren Stadtteilen, damit versehen. Eine weitere Ausdehnung der Fernzündung ist, nachdem dieselbe sich durchaus bewährt und als betriebssicher erwiesen hat, in dem Maße geplant, als die noch im Dienst befindlichen Laternenwärter diese Beschäftigung aufgeben werden. Der Gebrauch der Leitern beim Laternenanstecken hat übrigens bereits seit Einführung des Gasglühlichts 1892 endgültig aufgehört. Die Zahl der Straßenlaternen war Ende 1909 auf 610 angewachsen. Über die Zunahme des Gasverbrauchs in Wismar enthält die anläßlich des 50jährigen Bestehens des Gaswerks im Jahre 1907 vom Direktor Lindekugel herausgegebene Denkschrift interessante Daten. Danach betrug der Konsum im Jahre 1858: 95.000 cbm; im Jahre 1897 (wo die Stadt die Gasanstalt übernahm): 489.000 cbm; 1906: 1.172.000 cbm.32 ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 32 Die Beleuchtung der Stadt durch Gas datiert, was wenigstens die Straßenbeleuchtung anlangt, nicht vom 1. Mai, sondern vom 1. Sept. 1857. Das erste Steinkohlengas überhaupt wurde am 3. Mai 1857, einem Sonntage, mittags 12 Uhr in die Stadt geleitet; vgl. Lindekugel a.a.O. Die Straßenbeleuchtung wurde mit 83 Flammen begonnen; daneben blieben einstweilen noch 103 Oellampen in Betrieb (Witte a.a.O. pag. 124). Zur Errichtung des städtischen Elektrizitätswerks erteilte der B.-A. 1901 April 19 seine definitive Zustimmung. Mit der Kabellegung wurde Anfang Juli begonnen; unter Spannung gesetzt wurde das Kabelnetz Okt. 15. Der Vorschlag des Rats wegen Erweiterung des Elektrizitätswerks wurde vom B.-A. 1910 Aug. 6 genehmigt. Hiernach ward von einem Ausbau des Werkes, welcher zunächst 140.000 Mark und nach drei Jahren etwa weitere 85.000 Mark kosten würde, Abstand genommen und ein Vertrag mit der Lübecker Überlandzentrale wegen Stromlieferung abgeschlossen. Die Kosten des Anschlusses an die Zentrale betragen etwa 32.000 Mark und nach 3 Jahren weitere 15.000 Mark. Die Leitung nach Lübeck (über Dammhusen, Gr. Woltersdorf, Barnekow usw.) wird eine oberirdische; die Lübecker Überlandzentrale hat eine zweite Leitung zu legen, sobald Wismar mindestens 500.000 kw.-Stunden bzw. für 40.000 Mark Strom jährlich abnimmt, unter allen Umständen jedoch bis Ende des fünften Betriebsjahres, widrigenfalls die Stadt Wismar vom Vertrage zurücktreten kann. Wismar erhält bei Neuerungen in der Technik dieselben Vergütungen wie Lübeck. Innerhalb des jeweiligen städtischen Baupolizeibezirks darf nur die Stadt Strom abgeben, im übrigen Stadtgebiet auch die Überlandzentrale, doch erhält Wismar dann von der Bruttoeinnahme 3 Prozent. Der Vertrag ist auf 25 Jahre abgeschlossen; während dieser Zeit darf Wismar sein Elektrizitätswerk nicht vergrößern, mit Ausnahme der Akkumulatoren. Die Inbetriebnahme der Überlandzentrale dürfte Anfang 1911 erfolgen. Die Wasserversorgung der Stadt hat im verflossenen Jahrzehnt mancherlei Schwierigkeiten bereitet. Die Metelsdorfer Quellen gaben schon seit längerer Zeit nicht mehr genügend Wasser, und dort angestellte neue Bohrungen hatten nicht den gewünschten Erfolg. Die Quellen der Lübschentorweide, die 1899 (nachdem der Gewerbeverein den Professor Geinitz - Rostock für diese Angelegenheit gewonnen hatte) erschlossen waren, fließen zwar reichlich, allein das Wasser ist chlorhaltig, und es kann infolgedessen nur ein bestimmter Prozentsatz davon zu dem Metelsdorfer Leitungswasser hinzugenommen werden. Die Klagen über Wassermangel dauerten fort, und so schritt man im Jahre 1907 zu weiteren Bohrversuchen. Es wurden solche in der Niederung bei der Papiermühle, sowie an der Kritzowburger Grenze auf dem großen Exerzierplatz vorgenommen, indessen ohne befriedigenden Erfolg. Dagegen fand man am Wege nach Gr. Flöte, hinter dem Grundstück Friedrichshof, in der Tiefe bis zu 76 Meter eine Ader, die 12 Kubikmeter in der Sekunde gibt. Das erbohrte Wasser steigt jedoch nur bis auf zirka 75 Zentimeter unter dem Wasserspiegel des Mühlenteichs, müßte also, wenn es für die Wasserversorgung der Stadt nutzbar gemacht werden sollte, aufgepumpt werden. Inzwischen hatte Nov. 1906 der B.-A. sich damit einverstanden erklärt, daß probeweise 70-90 Wassermesser angeschafft würden, um damit bei Wasser verbrauchenden gewerblichen Anlagen einen Versuch zu machen. Indessen lag zu Ende des nächstfolgenden Jahres über die beschlossenen Probeversuche nur erst der Bericht über einen einzigen Monat vor; auch waren erst in 38 Betriebe Wassermesser eingebaut. Der B.-A. erwiderte daher auf den Vorschlag des Rats, die Anwendung von Wassermessern nunmehr zu beschließen und eine entsprechende Verordnung zu erlassen, 1907 Dez. 3 mit der Erklärung, er halte die Sache noch nicht für spruchreif. Auch in der Folge verhielt sich der B.-A. ablehnend, dann im Mai 1908 die Angelegenheit zu Gunsten des Rats entschieden ward. Durch die Verordnung über die Erhebung des Wassergeldes vom 18. Mai 1908, die 1909 Jan. 1 in Kraft trat, wurden die Wassermesser obligatorisch eingeführt für Grundstücke mit gewerblichen Betrieben, sowie für solche an die städtische Wasserleitung angeschlossenen Grundstücke, auf denen Wasser aus der Leitung zur Speisung von Springbrunnen, Besprengung von Gärten usw. benutzt wird. Außerdem kann jeder Eigentümer eines an die städtische Leitung angeschlossenen Grundstücks die Anbringung eines Wassermessers verlangen. Durch den Einbau der Wassermesser stellten sich alsbald Schäden in den Leitungen heraus, die sonst kaum zu finden gewesen wären, und andererseits wurde die Wasserverschwendung dadurch ganz wesentlich herabgesetzt, so daß der Wasserverbrauch seitdem erheblich zurückgegangen ist. Bis Ende 1909 waren 668 Wassermesser eingebaut. Da die aus älterer Zeit stammenden Freipfosten bei dem jetzigen hohen Druck im Rohrleitungsnetz nicht zu halten sind und infolgedessen unverhältnismäßig große Kosten verursachen, so begann man Aug. 1907 mit der Wegnahme derselben (vor der Ratsapotheke und anderswo). Der B.-A. hielt jedoch das Fortbestehen der Freipfosten für ein Bedürfnis derjenigen Häuser, welche keine Hausleitung haben; auch dienen die Pföste den Landbewohnern und zum Tränken des Viehs. Er verweigerte deshalb seine Zustimmung zu dieser Maßnahme und verlangte die Wiederherstellung der Freipfosten „auf Kosten desjenigen, der die Fortnahme angeordnet hat". (B.-A.-S. v. 13. Aug. und 8. Okt. 1907.) Später erklärte sich der B.A. dann mit der Beseitigung einiger Pfosten und deren Ersetzung durch neue Ventilbrunnen einverstanden. Doch sind zur Zeit noch 18 alte Freipfosten in Benutzung. Die technische Leitung der Wasserwerke ist seit 1906 Aug. 18 mit der des Gas- und Elektrizitätswerks (Direktor Lindekugel) verbunden. Eine Unterstation des städtischen Wasserwerks befindet sich bei der Gasanstalt seit 1899; das Pumpwerk derselben wurde 1903 erweitert. Das Feuerlöschwesen ist im verflossenen Jahrzehnt ebenfalls sehr verbessert worden. Von der heutigen Ausrüstung der städtischen Feuerwehr ist in dem gleich nachher wiederzugebenden Bericht die Rede. Die Unterflurhydranten sind seit Juli 1901 an einer Reihe von Stellen durch Überflurhydranten ersetzt, da jene von den Feuerwehrleuten oft nur schwer gefunden werden können. Die Zahl der Hydranten überhaupt ist beträchtlich vermehrt worden. Durch rote Schilder kenntlich gemachte Feuermelderstellen sind gleichfalls im Jahre 1901 in unserer Stadt eingerichtet worden. Zur Anschaffung eines Transportdreirades für den im Jahre 1903 in Gebrauch genommenen Feuerlöschapparat „Minimax" bewilligte der B.-A. 1906 Dez. 13 die Mittel. Das Dreirad ist auf der Rathausdiele aufgestellt, damit die Polizei bei Feuermeldungen möglichst schnell die erste Hülfe leisten kann. Dagegen muß die zur Alarmierung der Feuerwehr Sept. 1908 im Wasserwerk angebrachte Sirene eher als eine Verböserung bezeichnet werden. Die Neueinrichtung wurde getroffen, weil häufig bemerkt worden sei, daß die Feuerwehrmannschaften die Feuerglocke nicht gehört haben. Allein die Sirene hörte man wirklich nicht! Mit Recht genehmigte der B.-A. 1910 Mai 6 den Vorschlag seiner Kommission: die Feuersirene ist tunlichst durch ein anderes Signal zu ersetzen. Seit kurzem haben wir denn auch eine Dreiklang-Orgelpfeife, die am Mittag des 3. Dezember aus dem Wasserwerk zum ersten Male probeweise in Betrieb gesetzt wurde. Ob sie besser ist, bleibt abzuwarten. Nach dem Urteil der Presse machte sie sich innerhalb der Stadt nur wenig bemerkbar, und nach der Westseite zu war der Dreiklang überhaupt kaum zu unterscheiden; man wußte nicht, ob ein Dampfer oder irgend eine Fabrik ihr Signal abgab. Gut ist es jedenfalls, daß daneben das bisherige Feuersignal durch die Glocken beibehalten ist; gut, daß nachts wenigstens der Turmwächter aus St. Marien noch wacht und es uns durch sein halbstündiges Blasen" ankündet: „Die Stadt ist noch in guter Ruh"... Ein Feuerwehrdepot sollte bereits im Jahre 1905 neben dem Wasserwerk erbaut werden, nachdem der Oberbaurat Stübben diesen Platz als geeignet dafür befunden hatte. In seiner Sitzung vom 16. Mai d. Js. erklärte sich der B.-A. mit den sämtlichen hierauf bezüglichen Vorschlägen des Rats einverstanden. Dabei behielt es dann indessen sein Bewenden, bis 1908 Okt. 2 der B.-A. auf erneuten Antrag des Rats die Errichtung eines Feuerwehrdepots zur Zeit für unnötig erklärte. Doch sollte der Platz dafür reserviert bleiben. Die Feuerlöschgerätschaften werden infolgedessen noch immer teils in dem Raume hinter der Hauptwache, teils in der Turmhalle der St. Marienkirche aufbewahrt. Die städtische Feuerwehr beging 1909 Juni 18 das Fest ihres 50jährigen Bestehens. Der Rückblick, den das M. T. bei dieser Gelegenheit gab, mag hier ungekürzt seine Stelle finden: Unsere jetzige städtische Feuerwehr ist bekanntlich aus der alten Bürgerfeuerwehr hervorgegangen. Bis vor fünfzig Jahren war jeder Bürger der Stadt Wismar verpflichtet, bei Ausbruch eines Feuers Löschdienste zu tun. Wer nicht erschien, mußte 8 Schilling Strafe bezahlen. Diese Einrichtung hatte natürlich mancherlei Nachteile. So zahlten die Arbeitgeber zum Beispiel gerne die 8 Schilling für ihre Arbeiter, wenn sie dieselben nur im Geschäft zurückbehalten konnten. Um dem abzuhelfen, schritt man im Jahre 1859 unter der umsichtigen Leitung des Herrn Senator Strempel zur Gründung unserer jetzigen Feuerwehr, die sich noch heute aus Handwerkern unserer Stadt rekrutiert. Als erster Leiter der neuen städtischen Feuerwehr fungierte der Maurermeister Gaster, ihm folgten dann Schornsteinfegermeister Böhncke und Schiffsbaumeister Barmann. Jetzt liegt die Leitung in den bewährten Händen des Reifermeister Holtz und Schornsteinfegermeister Schultz. Zu Anfang der Gründung verfügte die Feuerwehr über zehn Handspritzen, heute sind davon nur noch vier in Gebrauch. Sie dienen hauptsächlich für den Dienst außerhalb der Stadt. In der Stadt kommen sie nur für den Notfall in Betracht, oder zum Auspumpen von Kellern usw. bei Hochwasser oder Regenkatastrophen. Da jede Straße in Wismar mit Hydranten versehen ist, sind die Handspritzen überflüssig geworden. Unsere Feuerwehr ist auch gegen früher mit allen Errungenschaften der Neuzeit auf dem Gebiete des Feuerlöschwesens --------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 33 In unserer Nachbarstadt Rostock ist dieser alte Brauch gleichzeitig mit dem Turmwächter Ende Juli 1901 abgeschafft. Schade drum! ausgerüstet. So ist sie im Besitz einer großen mechanischen Steigeleiter und verfügt über Rauchhelm, Sprungtuch, Rettungssack, Hakenleitern usw. Alles in Allem ist unsere städtische Feuerwehr auf der Höhe der Zeit, um ihrem Zweck, ein Schutz des Bürgerfleißes zu sein, entsprechen zu können. In unsern Kirchen hat ein jahrhundertelanger Brauch mit Ende des vorigen Jahres aufgehört: am zweiten Weihnachtstage 1909 wurden Klingelbeutel und Klappen zum letzten Mal herumgetragen... Über ihr Alter lassen sich genaue Daten zwar nicht geben, doch sind die Klingelbeutel ohne Zweifel die Fortsetzung einer mittelalterlichen Einrichtung. Das Umtragen speziell des Armenbeutels in Wismar dürfte auf die Armenordnung von 1586 Juli 5 zurückgehen. Die ebenfalls wohl seit Jahrhunderten an den Freitag Nachmittagen in den drei Hauptkirchen von 3-3 1/2 Uhr (als in der Todesstunde Christi) abgehaltenen Betstunden wurden Oktober 1901 aufgehoben, da der Besuch immer mehr abgenommen hatte und zuletzt fast ganz ausgeblieben war. In den, abwechselnd in den drei Kirchen stattfindenden Abendgottesdiensten wird seit Nov. 1901 auch das Abendmahl ausgeteilt. Die erste Abendmahlsfeier im Anschluß an einen Abendgottesdienst fand in St. Georgen am 23. n. Trin., 10. Nov. 1901 statt. Die Abendgottesdienste überhaupt datieren seit Ende 1896; der erste wurde am Reformationsfeste d. Js. in St. Nicolai abgehalten. Mit dem Fortfall der Beckensammlungen zur Bestreitung der Beleuchtungskosten in diesen Gottesdiensten erklärte sich der B.-A. 1901 Dez. 17 einverstanden. Der Beginn der Abendgottesdienste wurde durch amtliche Bekanntmachung vom 7. Juli 1910 auf den ersten Sonntag im Oktober festgesetzt, an welchem seither das Erntedankfest gefeiert wird (früher am 18. Okt. bzw. dem auf diesen folgenden Sonntage). Die Frühgottesdienste hören mit diesem Tage auf; der Hauptgottesdienst beginnt von da ab bis zum Trinitatissonntage (seit 1900 bis Judika inkl.) um 10 Uhr. Seit 1908 Juli 12 (3. n. Trin.) wird in derjenigen Kirche, in welcher der Frühgottesdienst gehalten wird, kein Nachmittagsgottesdienst mehr abgehalten. Bis 1892 inkl. Fanden Frühgottesdienste in allen drei Kirche statt. Der Buß- und Bettag vor Advent wurde (wie in ganz Mecklenburg) 1905 zum letzten Male am Freitag vor Advent gefeiert; seither nach preußischem Muster am Mittwoch vor dem letzten Trinitatissonntage. Die Christvesper findet seit Weihnachten 1906 in allen drei Hauptkirchen statt (früher nur in einer). Am Gründonnerstage wird seit 1908 ein Beicht- und Abendmahlsgottesdienst in allen drei Kirchen gehalten. Der Militärgottesdienst in St. Marien, der bis dahin mit dem Hauptgottesdienste verbunden war, und an dem infolgedessen nur kleinere Abteilungen teilnehmen konnten, findet seit 1907 Okt. 13 nach dem Hauptgottesdienst monatlich einmal für das ganze Bataillon statt. Zum Garnisonsprediger wurde Pastor Schlettwein gleichzeitig berufen. Eine Neuordnung der bisherigen Beichtstuhlverhältnisse trat mit dem 1. Januar 1904 in Kraft. Danach ist für die Gemeindezugehörigkeit grundleglich entscheidend die Wohnung. Sowohl Hausbesitzer als Mieter haben bei Eingehung eines beichtväterlichen Verhältnisses nur die Wahl zwischen den Pastoren der Gemeinde, in welcher sie wohnen, und sind an den Gewählten gebunden solange dieser seine Pfarrstelle behält und sie selber nicht aus der Gemeinde verziehen. Die Taufen vollzieht nach wie vor der Geistliche, in dessen Amtswoche das Kind geboren ist; alle anderen Amtshandlungen (Konfirmation, Trauungen, Beerdigungen) dagegen der Beichtvater. Ausgenommen von diesen Bestimmungen sind die Eximierten,34 die sich auch fernerhin ihren Beichtvater außerhalb des Kirchspiels, in dem sie wohnen, wählen können. Die bisherige städtische Superintendentur ging 1909 Okt. 1 in eine Landessuperintendentur mit dem Sitze Wismar auf. Zu derselben gehören außer den früheren Bezirken (Wismar, Poel und Neukloster) die Präposituren Gadebusch, Grevesmühlen, Klütz, Lübow, Mecklenburg und Sternberg. Zugleich wurde an St. Marien eine dritte Predigerstelle eingerichtet, leider jedoch das erste Pfarrhaus - wie es scheint, für alle Zeiten - dem Landessuperintendenten belassen. Die Frage der Heizung unserer Kirchen ist seit Ende vorigen Jahres wieder in den Vordergrund getreten. Nachdem Dez. 10 im Hotel Stadt Hamburg eine allgemeine Besprechung darüber stattgefunden hatte, bildete sich 1910 Jan. 20 unter dem ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 34 Zu den Eximierten gehören nach § 10 des Regulativs vom 18. März 1829: die Adeligen, die landesherrlichen Beamten, die Ratspersonen, Doktoren, charakterisierte Personen von gleichem Range, die kein bürgerliches Gewerbe betreiben, sowie alle, welche in der Stadt nur einen temporären Aufenthalt nehmen. Um Härten beim Übergang von der alten zur neuen Ordnung zu vermeiden, wurde es gestattet, daß die zu Neujahr 1904 bestehenden außerparochialen Beichtverhältnisse auf Wunsch der Betreffenden auch ferner von Bestand bleiben, solange der Beichtvater derselben seine Stelle innehat. Vorsitz des Pastors Schlettwein eine Kirchenheizungskommission, der aus jedem der drei Kirchspiele 12, im Ganzen also 36 Herren angehören. Es wurde beschlossen, einen Aufruf an die Einwohnerschaft der Stadt zu erlassen und dadurch eine Sammlung von Beiträgen für das Projekt einzuleiten. Bis 1910 Dez. 17 waren 6.381 Mark hierfür eingegangen; die Kosten für die Einrichtung werden auf zirka 100.000 Mark veranschlagt. Unterstützt wurde die Sammlung unter anderm durch ein Konzert des Lübecker Lehrergesangvereins im großen Sonnensaal (1910 Sept. 29), dessen Reinertrag dem Kirchenheizungsfonds zufloß. Ebenso fand, wie früher schon erwähnt, die Aufführung des „Unkel Bräsig" (Nov. 1910) zum Besten dieses Fonds statt. Die in den Voranschlag der Geistlichen Hebungen für das Jahr 1911 eingestellten 3.000 Mark für die Kirchenheizung lehnte der B.-A. 1910 Dez. 13 ab, nachdem die Etatkommission diesen Ansatz nicht für dringlich erachtet hatte. Von den Schulen ist im Einzelnen schon die Rede gewesen. Der ungeteilte Vormittagsunterricht wurde für die Höhere Töchterschule Ostern 1903 eingeführt; gleichzeitig wurde für die Gr. Stadtschule der Nachmittagsunterricht auf die Stunde von 3-4 beschränkt und die bisherige Unterrichtsstunde von 2-3 dem Vormittagsunterrichte zugelegt. Das Schulgeld wurde für diejenigen Schüler der höheren und Bürgerschulen, welche nicht während des ganzen Jahres hier in voller Pension sind, und deren Eltern weder in hiesiger Stadt noch aus der städtischen Feldmark ihren Wohnsitz haben, von Ostern 1910 ab um jährlich 50 Prozent erhöht. Die früher zu Michaelis zusammen mit den Redeübungen, dann zu Ostern eines jeden Jahres in der Gr. Stadtschule abgehaltenen öffentlichen Prüfungen wurden durch Ratsverfügung vom 5. Mai 1903 abgeschafft, da die Beteiligung der Eltern und Angehörigen der Schüler an denselben immer mehr abgenommen hatte. Die Verteilung der Prämien erfolgt seither in der Schlußandacht des Schuljahrs. Die Redeübungen zu Michaelis bestehen fort. In den Volksschulen hörte die bis dahin übliche Erhebung des Tinten- und Federgeldes -jährlich 50 Pf., auch ein Überbleibsel aus guter alter Zeit - auf Antrag des Rektors von Ostern 1904 an auf. Seit 1906 Jan. 1 hat derjenige, der gleichzeitig mehr als zwei Kinder in die Knaben- oder Mädchenvolksschule schickt, nur für die beiden jüngsten Kinder Schulgeld zu zahlen. Die Gewerbeschule, die bis Michaelis 1910 Loshand leitete, steht seither mit unter Leitung des Rektors Troitzsch (Rektor der Bürger- und Volksschulen seit 1895). Kurse für Handfertigkeitsunterricht, an denen Schüler aller städtischen Schulen teilnehmen können, sind in diesem Winter (1910/11) zum ersten Male eingerichtet. Sie wurden vom Gewerbeverein ins Leben gerufen und werden vorläufig von der Stadt subventioniert. An milden Stiftungen sind im letzten Jahrzehnt neu begründet bzw. in Wirksamkeit getreten: 1. Die Gebrüder-Meyer-Stiftung. Der im Jahre 1896 verstorbene Rentner (frühere Viehhändler) Wilhelm Meyer vermachte der Stadt sein am Schilde belegenes Haus (Nr. 5) nebst einem Kapital von 35.000 Mark, damit darin bedürftigen, unbescholtenen und anständigen Leuten aus dem Handwerker- und übrigen Mittelstande Unterkunft gewährt werde. Das Vermächtnis wurde verfügbar, nachdem der letzte der drei Brüder, Heinrich Meyer, 1902 Mai 6 verstorben war (Ernst Meyer starb 1898). Der B.-A. erklärte sich mit der Annahme des Vermächtnisses 1902 Juni 10 einverstanden. 2. Die Wilhelm-Gollert-Stiftung. Die am 7. April 1902 verstorbene Witwe des Schiffskapitäns Gollert, Meta geb. Maßmann, Tochter des wail. Kirchenrats Maßmann, stellte der Stadt letztwillig ein Kapital von 10.000 Mark zur Verfügung, damit aus den Zinsen hilfsbedürftige Seeleute und deren Witwen Unterstützungen empfangen. Die Annahme durch den B.-A. erfolgte 1902 Juli 25. 3. Die Heinrich Podeus-Stiftung des 1905 Juli 21 verstorbenen Geh. Kommerzienrats Podeus zu Gunsten der Arbeiter der Podeus'schen Firmen. 4. Die Crull'sche Stiftung. Die am 20. Juni 1907 verstorbene Frau Witwe Wilhelmine Crull geb. Crull stiftete letztwillig ein Kapital von 10.000 Mark, deren Zinsaufkunft zur Unterbringung bedürftiger Kran ker im hiesigen Krankenhause die Mittel bieten soll. Vom B.-A. angenommen 1907 Juli 31. 5. Die Stiftung Vermächtnis der Gebrüder Frahm zu Gunsten unbescholtener notleidender Personen aus dem Stande der kleinen Handwerker und Arbeiter, sowie der Witwen und Waisen derselben. Die Brüder Peter und Theodor Frahm hatten Hinter dem Rathause Nr. 13 eine Eisen-, Kurzwaren-, Porzellan- und Glashandlung unter der Firma Gebrüder Frahm und eben dort Nr. 11 eine Tabaksfabrik unter der Firma Ernst Frahm. Die Geschäfte wurden 1876 von den Brüdern verkauft und gingen 1899 ein. Theodor Frahm starb 1878; Peter Frahm 1892. Das Vermächtnis trat in Wirksamkeit, nachdem ein Überlebender Bruder, Kaufmann in Hamburg, im Jahre 1907 verstorben war. Die landesherrliche Genehmigung datiert von 1907 Sept. 6. Die Konsul Lembke-Stiftung. Die am 15. Jan. 1908 verstorbene Frau Konsul Elise Lembke verw. Seeler geb. Kindler bestimmte in ihrem Testament, daß das Kapital, welches durch den Verkauf der Lembke'schen Grundstücke Lübschestr. 15 und vierzehn Morgen Akkers aufkäme, von der Stadt zu einer Stiftung verwandt werden solle, aus deren Zinsen bedürftige Witwen und Waisen hiesiger Kaufleute, eventuell hiesiger, den besseren Ständen angehöriger Einwohner eine Beihilfe zu standesgemäßem Unterhalt bzw. zu standesgemäßer Erziehung erhalten sollen. Die Publikation der Stiftung durch Bürgermeister und Rat35 erfolgte 1908 Juni 25. 7. Die Peter-Paetow-Stiftung, welche hilfsbedürftige Seeleute (alte Matrosen, Steuerleute, Schiffer) beziehentlich deren Witwen und eheliche Kinder zu unterstützen bestimmt ist. Der Rentner Peter Paetow (früher Hofbesitzer auf Poel) verstarb bereits vor mehreren Jahrzehnten; die Stiftung trat jedoch erst nach dem Tode seiner (Lübschestr. 46 wohnhaften) Witwe Sophie geb. Lembcke (gest. 1907) in Kraft. Die Publikation erfolgte 1908 Juni 25. 8. Die durch Testament des im Jahre 1883 verstorbenen Rentiers (früheren Tischlermeisters) Kobow begründete Rudolf-Kobow-Stiftung trat, nachdem das vom Erblasser ausgesetzte Kapital durch Zins und Zinseszins die hierfür erforderliche Höhe erreicht hatte, durch Erbauung und Ingebrauchnahme des Stiftshauses Podeusstr. 1 (mit 8 Wohnungen für erwerbsunfähige Personen aus dem Gewerbestande) im Jahre 1908 ins Leben. 9. Die Geschwister Burmeister'sche Stiftung zur Unterstützung bedürftiger Kaufleute (Männer, Frauen oder Kinder), welche nach ihrer sozialen Stellung, ihrer kaufmännischen Bildung und dem Umfange ihres Geschäftes den ersten Ständen der Stadt zugerechnet werden. Stifter: Fräulein Auguste Burmeister (gest. 1909 Juli 18), Fräulein Mathilde Burmeister (gest. 1908 Dez. 8) und Rentner Theodor Burmeister (gest. 1902 März 3). Publiziert 1909 April 30. 10. Das Mathildenstift zur Unterstützung bedürftiger Lehrerinnen oder früherer Lehrerinnen, welche nach den jetzt bestehenden oder später zu erlassenden gesetzlichen Vorschriften die Befähigung zur Erteilung von wissenschaftlichem Unterricht an höheren Mädchenschulen durch das Bestehen der vorgeschriebenen Prüfung nachgewiesen haben Stifterin: Fräulein Mathilde Burmeister (s. unter 9) Publiziert 1909 April 30. ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 35 Den Antrag, daß bei Stiftungen der Zeitpunkt ihres Inkrafttretens, der Zweck und die Verwalter öffentlich bekannt gemacht würden, stellte der B.-A. 1908 Febr. 18. 11. Die Stiftung des Fräulein Auguste Burmeister (s. unter 9.), bestehend in 3.000 Mark, von deren Zinsen hilfsbedürftigen Wismarschen Augenkranken eine Erleichterung verschafft werden soll. Publiziert 1910 Mai 30. 12. Die Stiftung des Hofrats Dr. Theodor Michelsen zum Besten von Bedürftigen und Notleidenden, insbesondere aus dem kleinen Handwerkerstande der Stadt Wismar. Hofrat Dr. Michelsen, gest. in Schwerin 1910 April 12, war Advokat und Notar in Wismar bis 1877. Von den Vereinen, die in den letzten zehn Jahren neu ins Leben getreten sind, ist in erster Linie die Gemeinnützige Gesellschaft zu nennen, die sich in den sechs Jahren ihres Bestehens in der Tat als gemeinnützig im besten Sinne bewiesen hat. Sie wurde 1905 März 15 in Fründts Hotel begründet. Ihr erster Vorsitzender war Oberamtsrichter Martens; seit dessen Tode Zollrat Jahn. Ihr Hauptwerk ist die Einrichtung der oben schon besprochenen Volksbibliothek. Von ihren sonstigen Veranstaltungen seien erwähnt: Herausgabe eines Führers durch Wismar, sowie einer Anzahl Reklametafeln mit Ansichten der Stadt, die an die Hotels usw. verteilt wurden; Aufstellung von Bänken am Wege nach Wendorf, am Philosophenweg usw.; Errichtung einer Schutzhalle am Wege nach Wendorf; Bau einer Schutzhütte auf dem Walfisch und Anlage einer Kochgelegenheit daselbst. Außerdem sorgte die Gemeinnützige Gesellschaft für bessere Verbindungen mit dem Seebade Wendorf u.a.m. Auch der im letzten Sommer probeweise eingelegte Sonntagsnachmittagszug nach Neukloster ist ihr zu verdanken. Der Bürgerverein wurde 1907 Nov. 9 im Hotel zur Sonne gegründet. Er ist das Werk des Professors Dr. Kirchner, der den Vorsitz in ihm bis Anfang 1910 hatte; seitheriger Vorsitzender ist Prof. Dr. Techen. Der Bürgerverein bezweckt die Besprechung kommunaler Angelegenheiten, speziell die Vorbereitung der Bürgerausschußwahlen. Der Frauenbildungsverein (Ortsgruppe Wismar) hielt 1908 Febr. 4 im kleinen Sonnensaal seine erste Mitgliederversammlung ab, durch die die Gründung des Vereins bestätigt ward. Vorsitzende ist Fräulein Paepcke. Zwecks Begründung einer Kochschule in Wismar veranstaltete der Verein 1909 Febr. 12-14 in Fründts Hotel - wie auch schon erwähnt - einen Wohltätigkeitsbasar, der einen Reinertrag von 9.925,07 Mark brachte. Für denselben Zweck fanden die Aufführungen der „Preußentid" im Stadttheater 1909 Nov. 29 - Dez. 9 statt. Indessen mußte der Plan aufgegeben werden, da der B.-A. sich gegen das Unternehmen erklärte (1910 April 22). Statt dessen ist jetzt die Errichtung eines Säuglingsheims auf dem Erbpachthofe Petersdorf bei Dorf Mecklenburg geplant, dessen Besitzer, Bock-Rosenthal, das Herrenhaus für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hat. Das zum Besten dieses Unternehmens 1910 Juni 3-5 veranstaltete Gartenfest ergab einen Barüberschuß von rund 2.000 Mark; die früher (für die Kochschule) aufgebrachten Gelder sollen unter Zustimmung der Geber nun ebenfalls für das Säuglingsheim verwendet werden. Die Besichtigung der Räumlichkeiten in Petersdorf und die Prüfung der sanitären Verhältnisse und des Trinkwassers ist durch das vom Ministerium des Innern hiermit beauftragte hiesige Großh. Amt Nov. 1910 erfolgt und zufriedenstellend ausgefallen, so daß die Eröffnung des Heims voraussichtlich im nächsten Frühling stattfinden kann. Der Tierschutzverein wurde 1910 Jan. 31 im Hotel Wädekin begründet. Er verdankt seine Entstehung in erster Linie den Bemühungen des Fräulein Sophie Schröder (früher in Oberhof). Vorsitzender ist Professor Dr. Dethlefsen. Von dem Verein wird u. a. seit Aug. 6 auf dem Wochenmarkt (neben den Linden vor der Hauptwache) eine Schlachtbude aufgestellt, in der unentgeltlich das auf dem Markte gekaufte Geflügel geschlachtet wird. Die Neueinrichtung wird viel benutzt; in der Zeit vom 6. Aug. bis Ende des Jahres wurden in der Bude über 1.900 Schlachtungen von Federvieh vollzogen. Der Haus- und Grundbesitzerverein (Vorsitzender Architekt Busch) wurde 1906 Nov. 23 ins Leben gerufen; der Marineverein (Vors. Dr. med. Lübcke) 1905 April 19 (nicht 9, wie im Wism. Adreßb. v. 1911 angegeben) ; der Verein reichstreuer Arbeiter Anfang April 1907. Schließlich noch ein paar statistische Notizen. Die Zahl der im letzten Dezennium in Wismar getauften Kinder betrug nach den kirchlichen Adventsberichten 5.794; die der Begrabenen 3.971; außerdem endeten 29 Personen durch Selbstmord. Getraut wurden 1.503 Paare, davon 399 in St. Marien, 503 in St. Georgen und 601 in St. Nicolai. Nach den Standesamtsberichten stellen sich die Daten, wie folgt: Geboren (einschließlich der totgeborenen) 6.199 Kinder (3.182 männlichen und 3.017 weiblichen Geschlechts); gestorben (zuzüglich der totgeborenen Kinder) 4.105 Personen (2.070 männliche und 2.035 weibliche); Eheschließungen 1547. Die Einwohnerzahl Wismars betrug nach der Volkszählung von 1900 Dez. 1: 19.659 (mit städtischer Feldmark 20.222; einschließlich des zur Stadt gehörenden Landbezirks 21.290); nach der Volkszählung von 1905: 21.214 (21.902 bzw. 22.989); nach der von 1910 Dez. 1: 23.685 (24.376 bzw. 25.452). Die Zahl der Bewohner Wismars hat sich mithin in den letzten zehn Jahren um mehr als 4.000 vermehrt und ist einschließlich des Landbezirks über 25.000 gewachsen. Ein erfreulicher Aufschwung, möge er unserer Stadt auch ferner beschieden sein! Ein Gang über den Friedhof Zwar nicht alle ruhen sie da draußen auf unserm hochgelegenen Gottesacker, deren Namen auf den nachfolgenden Blättern verzeichnet stehen. Manche von ihnen sind aus der Vaterstadt ausgezogen in die Welt, haben fern von uns ihr Heim gehabt, gelebt und geschafft, sind fern der Heimat gestorben und haben in fremdem Boden ihre letzte Ruhestatt gefunden. Aber sie waren und blieben doch Wismarsche Kinder. Andere, deren Wiege weit vom Ostseestrande gestanden haben mag, sind eine längere oder kürzere Zeit unter uns gewesen und haben dann ihren Wanderstecken weitergesetzt, - vor langen Jahren vielleicht, so daß ihr Name fast schon aus unserm Gedächtnis geschwunden war. Aber als die Kunde von ihrem Tode zu uns kam, da wurde ihr Andenken wieder lebendig in uns, - sie wirkten und schafften doch einst unter uns, in und für Wismar. Es sind auch nicht bloß Größen, deren Namen hier angeführt sind, nicht nur „Doktoren und charakterisierte Personen von „gleichem Range" wie es in dem alten Regulativ über die Eximierten heißt. Auch die Kleineren unter ihnen, die ihre Kräfte in den Dienst unsers Gemeinwesens gestellt; auch die in Handel und Gewerbe, in Schiffahrt und Ackerbau zum Gedeihen und Emporblühen unserer Stadt an ihrem Teile beigetragen, auch sie sollen unvergessen sein. Und mag von den einen oder andern unter ihnen nicht mehr zu sagen sein, als daß sie - in gutem Sinne - stadtbekannte Persönlichkeiten waren, so soll eben deswegen dies Buch über Wismar auch ihr Gedächtnis bewahren. Lassen wir ihn denn an uns vorüberwallen, den Zug der Wismarschen Toten des verflossenen Jahrzehnts. Es starben: 1901 Januar 5: Rentier J. Allwardt, früherer Besitzer von Kritzowburg, im 76. J. Januar 26: Karl Heidensleben, Amtmann in Wismar 1867-1890 (a. D.), im 82. J. Januar 28: Amtsrichter A. W. Martens - Neubukow, Sohn des wail. Rechtsanwalts J. A. Martens zu Wismar, im 51 J. Februar 20: Senator a. D. Franz Gahrtz, geb. 1829 Nov. 16 als Sohn des Kaufmanns und Weinhändlers Gahrtz zu Wismar; Stadtsekretär in Wismar 1862 Aug. 30-1879 Okt. 1; seither (rechtsgelehrter) Senator bis Mich. 1898. Februar 23: Hofrat Paul Witt, geb. 1819 als Sohn des Privatlehrers Witt zu Wismar; Senator in Wismar 1848-1852; Bürgermeister in Grevesmühlen bis 1859; Direktor der Strafanstalt Dreibergen bis 1883 (a. D.); seither in Wismar. Februar 24: Kgl. Niederländ. Vizekonsull a. D. Fritz Crull, Mitinhaber der Firma F. Crull & Co. bis 1879; Konsul bis 1898; Aeltester der Kaufmannskompagnie36; im 77 J. März 2: Karl Dahlstein, ritterschaftlicher Polizeidiener a. D.; langjähriger Aufseher des Altertumsmuseums ; im 74 J. Juni 12: Theodor Grobe, Lehrer an der Gr. Stadtschule Mich. 1853 - Ostern 1897 (a. D.), im 72 J. August 1: Regierungsrat Hermann Engell- Schwerin, Sohn des wail. Kaufmanns Engell zu Wismar, im 42 J. August 7: Hugo Sonne, wissenschaftlicher Lehrer an der Realschule in Hamburg- Horn, Sohn des wail. Gymnasialdirektors Dr. Sonne zu Wismar, im 40. J. August 30: Restaurator Carl Buderich im 70 J. September 12: Maurermeister Gustav Holzgreve im 46. J. Oktober 13: Vorschußvereinsdirektor Heinrich Augustin, Rostock, Sohn des wail. Hofhutmachers Augustin zu Wismar, im 59. J. ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 36 An seine Stelle trat Aug. von Plessen (t 1903); an dessen Stelle Kommerzienrat Cordua. Für die im J. 1905 verstorbenen Geh. Kommerzienräte Friedrichsen und Podeus wurden Kommerzienrat Eberhardt und Konsul Heinrich Podeus zu Aeltesten gewählt; für den 1906 verst. Kommerzienrat Erhardt Bankdirektor Fenger. Vorsitzender der Kaufmannskompagnie ist seit dem Tode des Geh. Kommerzienrats Podeus Kommerzienrat Eberhardt. Oktober 14: Friedrich Kleist, Stadtquartiermeister seit 1891, im 45 J. Dezember 29: Frau Kommerzienrat Auguste Hinstorff im 88 J. 1902 Januar 30: Heinrich Schultz, Polizeisergeant (seit 1901 Juli 9: Polizeikommissar) 1870-1901 Okt. 1 (a. D.); im 70 J. Februar 25: J. A. Ortstein, Lehrer an der Mädchenvolksschule und Organist an St. Nicolai Ostern 1854- Weihnachten 1895 (a. D.), im 77. J. März 3: Rentier Theodor Burmeister im 76 J. März 21: Fräulein Lucie Crain - Berlin, Tochter des wail. Rektors an der Gr. Stadtschule zu Wismar Crain; im 69. J. April 7: Frau Meta Gollert geb. Maßmann im 56. J. April 13: Friseur Fritz Lampe im 45 J. Mai 15: Schiffskapitän J. A. Maren im 87. J. Mai 27: Senator Erdmann Lembke, Sohn des wail. Rechtsanwalts Gabriel Lembke zu Wismar: Inhaber der Firma A. & G. Müller Nachfl. seit 1892; Senator seit 1895; im 43 J. Juni 5: Ludwig Rittner, Amtsgerichtsaktuar in Wismar seit 1879; Sekretär seit 1899; im 60. J. Juni 22: Carl Kürtzner, städt. Sparkassenberechner (vor 1872) bis 1898 (a. D.); im 83. J. Oktober 14: Pastor emer. Traugott Witte, Pastor in Kirchdorf a. Poel 1881 Juni 12- 1902 Okt. 1; im 69 J. Oktober 16: Gymnasialprofessor Dr. Conrad Leysath, Lehrer an der Gr. Stadtschule seit Mich. 1874; im 58. J. November 12: Schiffskapitän Gottfried Roggensack im 64. J. Dezember 27: Karl Bartky, Stadtsoldat (vor 1872) bis 1896 (a. D.), im 74. J. 1903 Januar 18: Musikdirektor Friedrich Rosenkranz - Heidelberg, städt. Musikdirektor in Wismar 1863 bis 1874; im 86. J. Februar 5: Kaufmann Johannes Behrens, Inhaber des früher Ferd. Schröder'schen Geschäfts (jetzt Th. Groß) Krämerstr. 15; im 41. J. Februar 20: Seifenfabrikant Heinrich Zimmermann im 68. J. Februar 20: Hafenmeister Theodor Kruse, Oberlootse 1881-1899, seither Hafenmeister; im 63. J. Februar 21: Roßschlachter Otto Werk im 55. J. März 25: Wilhelm Niemann, Inhaber der Firma Niemann, im 54. J. Mai 6: Kaufmann Adolf Jahncke, Inhaber der Firma Jahncke, im 72. J. Mai 7: Schiffskapitän Joachim Engelbrecht im 77. J. Mai 11: Kaufmann Wilh. Raabe im 53. J. Mai 12: Kaufmann August von Plessen, Inhaber der gleichnamigen Kohlenfirma; Ältester der Kaufmannskompagnie seit 1901; im 72 J. Juni 2: Schifferältester Kapitän 1. E. Gusmer im 74. J. Juni 19: Kaufmann Joh. Heinr. Gersteroph - Hamburg, früherer Inhaber der Firma J. H. Gersteroph - Wismar; im 84. J. Anfang Juli: Oberst a. D. Strahl-Bunzlau, Kommandeur des Wismarschen Bataillons 1894-1900. Juli 12: Schornsteinfegermeister Friedrich Böhnke im 78. J. Juli 27: Schiffskapitän Wilhelm Bade, Unternehmer der bekannten Nordlands- Passagierfahrten; im 61. J. September 8: Kaufmann Adolf Friederichs, Inhaber der Firma J. C. Rhades; im 53. J. September 30: Uhrmacher Julius Brunnckow, Mitglied des Bürgerausschusses seit Anfang der 70er Jahre; stellvertretender Vorsitzender 1887-1901; langjähriger Vorsitzender des Gewerbevereins; im 76. J. Oktober 25: Kaufmann Ernst Schregel, Inhaber der Firma F. W. Schregel bis 1893; langjähriges Bürgerausschußmitglied, einer der eifrigsten Förderer unsers städtischen Gemeinwesens; im 63. J. Oktober 31: Krämerkompagnieverwandter Johannes Kälcke im 82. J. November 22: Klempnermeister Eduard Sivkovich im 65. J. 1904 Juni 1: Rentier (früherer Weinhändler) Christian Kayatz im 90. J. Juni 10: Zahnarzt Theodor Suckstorff im 63. J. Juli 3: Kaufmann Theodor Schmidt, Vertreter der Meckl. Sparbank, im 63. J. August 10: Großherzogl. Musikdirektor Julius Maßmann, Lehrer an der Knabenbürgerschule, Kantor an St. Marien und Waiseninspektor 1850-1890 (a. D.); im 85. J. Oktober 2: Oberamtsrichter M. Paepcke, Amtsrichter in Wismar seit 1891; Oberamtsrichter 1897; im 63 J Oktober 20: Oberstleutnant a. D. Krull, Bezirkskommandeur des Landwehrbezirks Wismar seit 1902 Febr. 183'; im 54. J. Dezember 6: Senatspräsident a. D. Gustav Strempel - Rostock, Senator in Wismar 1854-1878; Bürgermeister 1878-1879; im 80. J.
37 Sein Vorgänger im hiesigen Bezirkskommando war Major Hesse (seit 1899); seine Nachfolger: Major Weltzien 1904-1909; Oberstleutnant Keppel bis Ende 1910. 1905 Januar 12: Geh. Kommerzienrat und Kaiserl. Russ. Vizekonsul Friedrich Friedrichsen, Inhaber der (1900 eingegangenen) Firma B. C. Frentz Söhne, Holzimport und Baumaterialien; Ältester der Kaufmannskompagnie aus der Wahl des Rats seit 1891; im 82 J. Februar 1: Johannes Krabbe, Kirchenvogt an St. Marien 1878 - Mich. 1899 (a. D.), im 73. J. Februar 2: Gustav Danehl, Polizeisekretär 1875 bis 1904 Febr. (a. D.), im 62. J. Februar 11: Schiffskapitän Karl Benn im 74. J. März 17: Erbpachthofbesitzer Gustav Lembke - Fährdorf, Obervorsteher der Insel Poel, im 56. J. April 11: Wilhelm Lehmkuhl, Kirchenvogt an St. Nicolai seit 1877, im 72. J. Mai 10: Kaiserl. Bankvorstand Kurt Zimmermann. Juni 18: Karl Heitmann, ehemaliger Besitzer des Gehöfts Hornstorferburg, dann des Restaurants Hinter dem Rathause Nr. 7 (jetzt Zum Hirsch), im 68. J. Juli 21: Geh. Kommerzienrat Heinrich Podeus, Begründer der Firma H. Podeus, Kohlenimport 1870; Inhaber der Firma F. Crull & Co., Eisengießerei und Maschinenfabrik seit 1879; Begründer der Dampfschiffsreederei H. Podeus 1883; des Säge- und Hobelwerks (jetzt Wismarsche Hobelwerke A. G.) 1884; der Waggonfabrik 1894; langjähriges Mitglied des Bürgerausschusses; Ältester der Kaufmannskompagnie aus der Wahl des Rats seit 1894; im 73. J. - Mit ihm ist - so urteilte das M. T. mit Recht - der Mann dahingegangen, dem in erster Linie die Entwicklung und der Aufschwung zu danken ist, welchen unsere Stadt während der letzten Jahrzehnte in Handel und Verkehr genommen hat. August 30: Ziegeleibesitzer Karl Ahrens - Ahrenshof im 55. J. September 16: Hauptmann a. D. Christian Wirt, Vertreter der Meckl. Hypotheken- und Wechselbank (seit 1894), im 50. J. Oktober 15: Gymnasialprofessor Johannes Lemme, Lehrer an der Gr. Stadtschule seit Ostern 1874, im 67. J. November 5: Präpositus Petersen, Pastor in Lübow seit 1875 Mai 9; Präpositus 1882 Sept. 7; im 73 J. November 23: Rentier (früherer Hofglockengießer) Eduard Albrecht im 71. J. Dezember 6: Kaufmann Wilhelm Günther, Inhaber der (1902 eingegangenen) Firma Schröder & Günther; im 63. J. Dezember 16: Fritz Fründt - Rostock, früherer Hotelbesitzer in Wismar, im 60. J. Dezember 31: Schiffskapitän Christian Herrlich im 69. J. 1906 Januar 9: Oberamtsrichter Heinrich Raspe, Amtsrichter in Wismar seit 1879; Oberamtsrichter 1894; Leiter des Musikvereins seit 1881 Febr. 10; im 68. J. Januar 27: Georg Grotefend - Güstrow, Leiter der Grotefend'schen Höheren Töchterschule in Wismar 1855-1881; seither Lehrer an der städt. Höheren Töchterschule bis Ostern 1892 (a. D.); im 871 Januar 31: Frau Marie von Meibom, geb. Hernes im 64. J. Februar 6: Kommerzienrat und schwedischer Vizekonsul a. D. Carl Erhardt, Mitinhaber der Firma Stargardt & Erhardt 1856-1873; seither Inhaber der Firma Carl Erhardt; Consul 1878-1905; Ältester der Kaufmannskompagnie seit 1896; im 74. J. Februar 22: Hofschmiedemeister Fritz Krüger, Besitzer der vormals Kehrhan'schen, später Bobzin'schen Schmiede am Altwismartor seit 1882; Mitbegründer und Mitinhaber der Firmen Hein & Co. (Säge und Hobelwerk vor dem Altwismartor) 1892, Haack & Co. (Dampfziegelei vor dem Poelertor) 1899, Böckler & Co. (Maschinenfabrik in Carlsdorf) 1901; im 54. J. April 5: Gymnasialprofessor a. D. Ferdinand Roese - Ratzeburg, Lehrer an der Gr. Stadtschule zu Wismar Ostern 1863 - Mich. 1901; im 70. Jahre. April 19: Frau Kommerzienrat Anna Behring im 91. J. April 21: Hofbuchbindermeister Julius Meyer im 87. J. April 30: Schifferältester Kapitän Gottfried Heuser im 90. J. Mai 6: Andreas Beutz, Lehrer an der Knabenbürgerschule seit Mich. 1872; im 59. J. Mai 25: Dr. med. Georg Gottwald, Stabsarzt in Wismar seit 1904; im 39. J. Juni 15: Carl Gosebeck, Direktor des Vorschußvereins Wismar 1876-1900; im 84. J. Juni 19: Amtshauptmann a. D. Bernhard Fabricius ; seit seiner Pensionierung 1901 Juli 1 in Wismar wohnhaft; im 72. J. Juni 29: Chefredakteur a. D. Dr. Kropatscheck - Berlin, Lehrer an der Gr. Stadtschule zu Wismar Mich. 1873 - Osteru 1878, im 59. J. Ende Juni: Oberstabsarzt a. D. Dr. Bernhard Gaedkens - Hannover, Stabsarzt in Wismar 1887- 1889; im 50. J. Juli 7: Heinrich Topp, Amtsgerichtsaktuar in Wismar 1882-1898 (pensioniert mit dem Titel Amtsgerichtssekretär), im 78. J. Juli 17: Direktor Camillo Ackermann, Lehrer an der städt. Höheren Töchterschule seit deren Begründung 1881; Direktor seit Ostern 1900; im 58. Jahre. Juli 26: Kaufmann Georg Blanck im 49. J. Oktober 3: Wassersteller und Sielbauaufseher a. D. Carl Westphal, in städtischen Diensten 1873-1902; im 68. J. Oktober 29: Kaufmann Carl Lüdtke im 65. J. November 6: Tierarzt Franz Caspary im 65. J. November 18: Betriebsingenieur Albert Voigt im 56. J. November 23: Kaufmann Wilhelm Riebe im 68. J. November 24: Rittmeister a. D. von Viereck - Dreveskirchen, Reichstagsabgeordneter des 2. Meckl. Wahlkreises 1893; im 62. J. 1907 Januar 16: Konsul und Ritter Christian Vagt - Stockholm, geborener Wismarer, im 72. J. Januar 16: Kaufmann Heinrich Joseph, letztes Mitglied der Kompagnie der Gewandschneider in Wismar38, im 81. J. Februar 13:Max Freiherr von Ketelhodt auf Behringen bei Stadtilm, Amtshauptmann in Wismar 1887-1901 Juli 1. Februar 22: Rentner Fritz Erdmann im 76. J. Februar 24: Krämerkompagnieverwandter Albert Mühlenbruch im 70. J. März 2: Kreisphysikus Dr. Franz Habermann - Güstrow, Sohn des wail. Kaufmanns Habermann zu Wismar; praktischer Arzt in Wismar 1890-1906 Febr., im 41. J. Mai 7: Amtsgerichtsrat Friedrich Martens, Amtsrichter in Wismar seit 1890; Oberamtsrichter 1898; Amtsgerichtsrat 1906; im 65. J. Juni 20: Frau Wilhelmine Crull geb. Crull im 69. J. (Vgl. Abschn. III ) August 3: Mittelschullehrer August Landgraf, Lehrer an der Knabenbürgerschule Ostern 1894 - Ostern 1907; seither an der Höheren Töchterschule; im 51. J. August 9: Domänenrat August Prange, Besitzer von Moisall; Pächter von Hornstorf seit Mitte der 50er Jahre (später auch von Rohlstorf) bis 1899; seither in Wismar; im 79. J. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 38 Vgl. B.a.W.V. pag. 187 September 13: Generalleutnant von Legat - Berlin, Kommandeur des Wismarschen Bataillons 1869 bis 1872; Schwiegersohn des wail. Senators Süesserott zu Wismar; im 78 J. September 15: Kaufmann Johann Gustav Hammer, Inhaber der Firma H. C. H. Hammer, im 67. J. September 15: Dr. med. Carl Ziehl, Sohn des wail. Advokaten Franz Ziehl zu Wismar, im 38. J. September 17: Kaufmann Ernst Tiede im 46 J. Oktober 17: Bürgermeister a. D. Geh. Hofrat Adolf Fabricius, Senator in Wismar 1864 Okt. 15 bis 1889 Sept. 27; Bürgermeister bis Johannis 1900; im 75. J. Oktober 19: Rittergutsbesitzer Eduard Thormann - Prestin, Sohn des wail. Geh. Kommerzienrats Thormann zu Wismar, im 52. J. Oktober 31: Rentier (früherer Hutmacher) Heinrich Voigt, Bürger Wismars seit 18.12, im 93. J. November 8: Oekonomierat Christian Hildebrandt - Hof Redentin im 70. J. 1908 Januar 13: Generalarzt a. D. Dr. Otto Ludwig Meilly - Rostock, Stabsarzt in Wismar 1878-1887, im 64. J. Januar 15: Frau Konsul Elise Lembke geb. Kindler im 83. J. (Vgl. Abschn. III ) Januar 20: Maschinenbauer Hermann Raulf, Inhaber der (1906 eingegangenen) Firma C. H. Raulf & Sohn, im 59. J. Februar 10: Baumann Carl Hansen im 59. J. Februar 22: Fräulein Emma Kuntze, Schwägerin Fritz Reuters, im 87. J. Februar 25: Hofsteinmetzmeister Louis Rusch im 80. J. Februar 26: Max Schneider, Amtsgerichtsaktuar in Wismar seit 1898, im 51. J. März 3: Kaufmann Paul Engell, Inhaber der Firma Engell & Co., im 56. J. Juni 25: Schiffsbaumeister Carl Barmann im 62. J. Juli 15: Frau Kommerzienrat Auguste Marsmann im 74. J. Juli 30: Schiffskapitän J. Dähncke im 85. J. August 1: Frau Geh. Kommerzienrat Franziska Podeus im 64. J. Oktober 20: Hofschirmfabrikant Ernst Pundt im 77. J. Oktober 26: Wilhelm Wulf, Schuldiener an der Gr. Stadtschule seit 1889 Juli 1, im 61. J. Oktober 31: Otto Kretzschmar, Direktor der Hansabrauerei seit 1902, im 52.J. Dezember 8: Fräulein Mathilde Burmeister im 87. J. 1909 Januar 10: Maurermeister Gustav Treptow 37. J. Januar 31: Geh. Hofrat Eduard Haupt, geb. 1834 als Sohn des Rektors an der Gr. Stadtschule zu Wismar Haupt; Rechtsanwalt in Wismar seit 1861; Mitglied des Bürgerausschusses seit 1866, Vorsitzender 1878 bis 1903. Februar 27: Kirchenrat Dr. Ernst Gerlach, Pastor in Proseken seit Ostern 1883, im 71. J. März 18: Kollegienrat J. von Winck im 82. J. März 21: Kaufmann und Fabrikbesitzer Wilhelm Müller, Begründer der Firma Wilh. Müller (Eisenwarenhandlung in der Kleinschmiedestraße 1875, in der Dankwartsstraße 1886; Drahtwarenfabrik daselbst 1890, vor dem Altwismartor 1902) im 58. J. Mai 3: Großh. Hausgutspächter Christian Röper - Moidentin im 67. J. Mai 13: Dr. jur. Carl Stichert, Rechtsanwalt in Wismar seit 1874, im 57. J. Juni 22: Krämerkompagnieverwandter Eduard Schwenn im 74. J. Juni 25: Rittergutsbesitzer Christian Thormann - Gr. Stieten, Sohn des wail. Geh. Kommerzienrats Thormann zu Wismar, im 61. J. Juli 15: Frau Konsistorialrat Augusta Walter im 93. J. Juli 18: Fräulein Auguste Burmeister im 85. J. (Vgl. Abschn. III ) Juli 25: Gutspächter Gustav Uhtoff -Kl. Warin im 51. J. Juli 27: Otto Behrens, Sparkassenrevisor 1880 bis 1902 (a. D.); Rechnungsführer der Allgemeinen Ortskrankenkasse 1885-1906 Juni 30; im 75. J. August 6: Wilhelm Kasten, Schuldiener der Schulen am Heil. Geist 1856-1899 (a. D.), Wismarscher Bürger seit 1845; im 94. J. August 16: Hans Friedrich Mester, Vorsteher der mittleren städtischen Mädchenschule Mich. 1850 - Ostern 1890 (pensioniert bei Errichtung der städtischen Mädchenbürgerschule), im 90. J. August 25: Friedrich Pingel, Lehrer an der Knabenvolksschule 1851-1856, an der Knabenbürgerschule 1856-1901 (a. D.); Küster an St. Marien 1856 - Joh. 1899; im 82. J. August 26: Oberstleutnant a. D. Otto von Lossau - Bremen, Kommandeur des Wismarschen Bataillons 1884 bis 1886; im 71. J. September 6: Gymnasialprofessor Dr. Leo Sachse - Jena, Lehrer an der Gr. Stadtschule zu Wismar Ostern 1868 - Mich. 1876, im 66. J. September 8: Hans Niemann städt. Auktionator und Verwalter des städt. Leihhauses seit 1890 Okt., im 59. J. September 8: Großh. Hofspediteur Carl Longuet im 46. J. September 14: Sanitätsrat Dr. Georg Evers, praktischer Arzt in Wismar seit 1891 April; im 49. J. Oktober 17: C. Ziemsen-Kluß im 81. J. November 6: Wilhelm Alde, früherer Besitzer des Restaurants Zur Insel, im 61. J. Dezember 9: Kammeringenieur Carl Dolberg, in Wismar ansässig seit Anfang der 70er Jahre; für die Stadt besonders bei der Neupflasterung und der städtischen Sielanlage, später bei der Stadterweiterung, der Anlage des Bürgerparks etc. tätig; im 70. J. 1910 Januar 11: Gymnasialdirektor Dr. Ludwig Bolle, Lehrer an der Gr. Stadtschule (Nachfolger Dr. Koppin's) seit Mich. 187839; Direktor seit Mich. 1887; im 63. J. Januar 29: Bauleuteältester Heinrich Klüssendorff im 82. J. Februar 18: Zimmermeister Theodor Bannow im 67. J. Februar 26: Rentier (früh. Gutsbesitzer) Heinrich Unruh im 83. J. März 10: Theaterdirektor Hans Polte im 57. J. März 29: Paul Metelmann, Bezirkstierarzt in Wismar seit 1881, im 57. J. April 12: Ministerialsekretär a. D. Hofrat Dr. jur. Theodor Michelsen - Schwerin im 68. J. (Vgl. Abschn. III ) April 26: Generalarzt a. D. Dr. Eduard Paschen - Ludwigslust, Stabsarzt in Wismar in den 60er Jahren des vor. Jhdts., im 96. J. Mai 11: Spediteur Johannes Klüssendorff im 53. J. Juni 12: Buchbindermeister Johannes Rausch im 81. J. Juli 30: Carl Wilde, Kirchenvogt an St. Marien seit Mich. 1899, im 43. J. August 14: Carl Hillmann, früherer Rittergutsbesitzer auf Rastorff, im 78. J. September 22: Kaufmann Bernhard Greiff, Inhaber der Firma Paul Becker Nachfl., im 49. J. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 39 So nach dem von Bolle selbst geschriebenen Verzeichnis der seit 1793 an der Gr. Stadtschule angestellten Lehrer im Wism. Schulprogramm von 1892 (an zwei Stellen). Der Nekrolog im Schulprogramm von 1910 gibt dagegen Mich. 1879 an; ebenso der Nachruf im M. T. vom 12. Jan. 1910. Im Programm von 1910 ist übrigens S. 19 auch der Todestag verdruckt; es muß Jan. 11 heißen (statt, wie dort angegeben, Jan. 21). September 24: Hofmaurermeister Adolph Eggert im 70. J. Oktober 7: Gustav Metge - Braunschweig, Direktor der Zuckerfabrik Wismar 1895- 1907, im 64. J. Oktober 31: Rentier Carl Mann, Mitbegründer des Wismarschen Altertumsmuseums (1863); im 83. J. November 20: Bäckermeister Christian Thormann im 52. J. November 23: Rittergutsbesitzer Rodde - Beidendorf im 54. J. November 24: Hofkürschnermeister Theodor Böttcher, im 79. J. November 25: Fritz Käfer, Verwalter des städt. Krankenhauses (vor 1872) bis 1894 (a. D.); im 84. J. Dezember 5: Rentier (früherer Besitzer des Hotel Hamburg) Johannes Bock im 92. J. Dezember 9: Carl Kreplien, Oberlotse (vor 1872) bis 1881 (a. D.); im 85. J. Dezember 10: Fritz Krickeberg, Ratsdiener 1874-1902 (a. D.). Kombattant von 1866 und 1870/71, wo er sich als Feldwebel bei Beaugency (1870 Dez. 8) besonders auszeichnete; im 73 J. Requiescant in pace! Eine die vorausgehenden Jahrzehnte umfassende gedrängte Totenschenschau mag hier noch angefügt werden. Für dieselbe konnte freilich nur eine kleine Anzahl der bekanntesten Wismarschen Persönlichkeiten in Frage kommen; auch sind alle diejenigen fortgelassen, deren Todesjahr bereits in B.a.W.V.(oder auch in dem vorliegenden Buche an anderer Stelle registriert ist. Es starben: 1873: Kfm. Carl Löwe (in Firma G. W. Löwe). 1874: Dr. Cäsar Frege; Geh. Kommerzienrat Generalkonsul Crull. 1877: Bankdirektor Riedel. 1879: Advokat Deiters; Vizekonsul Ihn; David Thormann; Advokat Kälcke; Töpferältester Schlichting. 1880: Dr. med. Borchert; Kfm. Gottfr. Frahm (Vors. d. B.-A. bis 1877); Hofmaurermeister Lundwall. 1881: Kfm. Chr. Rose. 1882: Chirurgus Schmidt. 1884: Dr. med. Meyer. 1885: Advokat Franz Ziehl; Dr. med. Rentsch; Carl Schalck; Dr. Schröring; Dr. Sievert; Oberlehrer Kracke. 1886: Rentier Wilh. Hernes; Rechtsanwalt Gabriel Lembke sen.; Lehrer Grobe. 1887: Medizinalrat Dr. Sthamer; Oberlehrer Herbing. 1889: Kommerzienrat Lübcke; Konsul Lembke. 1890: Baumeister Thormann; Notar Mau; Dr. med. Techen; Rechtsanwalt Gabriel Lembke jun. 1891: Dr. med. Friedrich Götze; Stadtsekretär Martens; Dr. med. Kniep. 1892: Rechtsanwalt Briesemann; Kommerzienrat Behring. 1893: Kfm. Wilbrandt; Lehrer Schlotterbeck. 1894: Hofrat Rechtsanwalt Witt; Auktionator Zeller; Rentier Bundt. 1895: Notar Meyer. 1896: Kommerzr. Thormann; Rechtsanwalt Martens; Lehrer Stübinger. 1897: Gerichtssekretär Schmidt; Lehrer Böhmer. 1898: Lehrer Raettig; Tierarzt Schütz; Architekt Brunswig. 1899: Sanitätsrat Dr. Ziemsen; August Borchert. 1900: Rentier Zimmermann; Dr. med. Haase; August Kindler. Rückblicke Von den Wismarschen Ereignissen des verflossenen Jahrzehnts steht die Zentenarfeier 1903 im Vordergrunde. Ihr wird deshalb auch ein etwas breiterer Raum zu gewähren sein. Allein in dem einen oder andern der übrigen Jahre ist doch - wie der alte Magister Dieterich Schröder sich auszudrücken pflegte -„auch etwas passiert." Ich lasse die erwähnenswerten Geschehnisse in chronologischer Reihe folgen. 1901 Oktober 11: Einzug Sr. K. H. des Großherzogs Friedrich Franz IV. in Wismar. Die Ankunft erfolgte mit dem fahrplanmäßigen Zuge 2 Uhr 20 Min. Mittags. S. K. Hoheit wurde von Herrn Bürgermeister Davids durch eine Ansprache begrüßt; ein Töchterchen des Herrn Senators Dr. Wildfang sprach ein Gedicht und überreichte einen Blumenstrauß. Dann fuhr der Großherzog unter dem Geläute der Kirchenglocken zunächst zum Rathause, wo er vom Balkon und später von der Rampe aus den Vorbeimarsch der Innungen, Vereine, Schulen etc. abnahm. Hierauf begann die Rundfahrt durch die Stadt. Zuerst wurde die Marienkirche besucht; von dort ging es zum Museum, dann zum Fürstenhof, wo das Denkmal für Friedrich Franz II. in Augenschein genommen ward. Auch dem Großh. Amt wurde ein Besuch abgestattet. Es folgte die Besichtigung der Georgen- und Nicolai-Kirche. An die Rundfahrt längs dem alten und neuen Hafen schloß sich der Besuch der Ofenfabrik Haffburg, deren Gebäudekomplex festlich illuminiert war, und hieran der Besuch der Waggonfabrik. Um 7 Uhr fand in Stadt Hamburg das Diner statt. Bei der Tafel hielt S. K. Hoheit eine Ansprache, in der er seiner Freude über den überaus herzlichen Empfang Ausdruck gab und den Wunsch aussprach, daß Wismars Handel und Schiffahrt weiterhin blühen und immer wachsend den altberühmten Namen der Stadt wahren möchten. Herr Bürgermeister Jörges erwiderte hierauf in längerer Rede. Nach aufgehobener Tafel begab sich S. K. Hoheit wieder zum Rathause. Die Stadt hatte inzwischen aufs reichste illuminiert. Zahllose Lichter sandten ihren warmen Schimmer aus den Fenstern heraus, und an Beleuchtung durch Gaskronen und - sterne, durch Transparente und Lampions war viel Wirksames und Schönes geleistet. Wunderbar machte sich vor allem der Markt. Am festlich erhellten Rathause flammten große Sterne, um die Wasserkunst herum leuchteten feurige Bögen, und an den Girlanden, die sich von Fahnenmast zu Fahnenmast zogen, hingen dichtgereihte Lampions, deren bunter Schein sich reizvoll mit all dem übrigen Glanz einte. Den Höhepunkt erreichte das Fest jedoch in dem grandiosen Fakkelzug, der von 2.800 Wismarern Sr. K. Hoheit dargebracht wurde. Vom Exerzierplatz aus bewegte sich die endlose Linie durch die Dankwartsstraße zum Markt, auf den in Schlangenwindungen aufmarschiert wurde. Der Großherzog nahm den Zug vom Altan aus entgegen, und Herr Senator Fenger hielt auf dem Markt eine Ansprache, die mit einem Hoch auf S. K. Hoheit schloß. Dann unternahm der Großherzog noch einmal eine Rundfahrt durch die Straßen, um die Illumination zu sehen, und nach 10 Uhr fuhr S. K. Hoheit durch das Spalier der Fackelträger zum Bahnhofe, wo um 10 Uhr 20 Min. die Abfahrt erfolgte. Oktober 14-16: Jubiläumsversammlung der Kirchlichen Landeskonferenz und Hauptversammlung des Landesvereins für Innere Mission in Wismar. 1903 August 19: Hundertjahrfeier. Eine kleine Reminiszenz als Einleitung.: In dem zum Amt Neukloster gehörigen Züsower Forst gibt es von altersher einen Buchenbestand, den man die Schwedenbuchen nennt. Zur Bestandbezeichnung diente hier ein Pfahl, auf welchem die Inschrift „Klinkowström 1787" zu lesen war, und den man während all der Jahre durch Reparaturen, Erneuerung seines Fußes etc. zu erhalten bestrebt war. Beim letzten Sturm jedoch - so schreibt das M. T. unterm 7. Mai 1903 - wurde eine der Schwedenbuchen umgebrochen, und sie traf bei ihrem Sturze gerade auf jenen Pfahl und zertrümmerte ihn. „Diesen Zufall wollen wir als ein Omen dafür ansehen, daß es jetzt mit der Schwedenherrschaft im Mecklenburger Lande bald für alle Zeit aus ist!" Wie und wann dieser Wunsch erfüllt wurde, darüber ist bereits in den B.a.W.V. berichtet worden. Der Wichtigkeit des Tages gemäß waren die Vorbereitungen zu der Hundertjahrfeier sehr umfangreiche. Am 12. Mai hatte der Bürgerausschuß der Ratsvorlage zugestimmt, wonach das Fest am Mittwoch, 19. August, dem Säkulartage der Übergabe Wismars von Schweden an Mecklenburg, gefeiert werden sollte, und gleichzeitig für diesen Zweck 12.000 Mark bewilligt, eine Summe, die später noch um 6.000 Mk. erhöht wurde. Aus Mitgliedern des Rats und des Ausschusses wurde eine aus 12 Herren bestehende Hauptkomitte gebildet, die sich durch Hinzuziehung von 10 anderen Herren erweiterte. Sie teilte sich in verschiedene Gruppen, denen es oblag, die nötigen Veranstaltungen für den Festzug, die Arrangierung der Volksspiele, die Einrichtung des Festplatzes und die Ausschmückung der Stadt zu treffen. Dem Landesherrn wurde durch eine städtische Deputation die feierliche Einladung zu dem Feste überbracht, und S. K. Hoheit nahm diese Einladung huldvollst an. Der Festplatz am Köppernitztal wurde hergerichtet, und es fand dort der „Schwedenstein" Aufstellung. In unmittelbarer Nähe des Steins wurde das mit der Krone geschmückte Fürstenzelt errichtet. Auch für eine Postanstalt auf dem Festplatze wurde gesorgt; die vom Publikum dort abgesandten Karten etc. wurden mit dem besonderen Stempel „Wismar, Festplatz, 19. 8. 1903" versehen. Die Beleuchtung des Platzes, auf dem sich ein ganzes Zeltlager von Buden, Restaurationen etc. erhob, geschah durch 18 elektrische Bogenlampen, für die eine Dynamomaschine aufgestellt war. In der Stadt wurde das Portal des Rathauses durch Säulengänge zu beiden Seiten verlängert, das Innere des Gebäudes mit Teppichen und Gewächsen geschmückt, während von den Decken aus Holz geschnitzte Nachbildungen von Schiffen aus der Hansezeit herabhingen. Der Markt wurde ringsum mit Fahnenmasten eingefaßt, die durch Girlanden unter einander verbunden waren. Ebenso wie das Rathaus wurde auch die Wasserkunst mit einer Gasanlage für die Illumination am Vorabende versehen. Die am Markt belegenen Restaurationen waren teils mit Baldachinen, teils mit Transparenten geschmückt, die den Auszug des Schweden und den Einzug unsers Großherzogs darstellten. Auf dem Bahnhof wurden die Decke des Bahnsteigs und die Säulen reich mit Flaggentuch, Grün und Wappenschildern dekoriert und vor dem Bahnhofe ein großer, prächtiger Baldachin aufgerichtet. Am Hafen ward die Brücke für den Festdampfer mit Flaggenmasten umsäumt. Die Fronten der Häuser an den Feststraßen schmückten Tannengirlanden und Kränze, Fahnen und Banner in den Wismarschen, Mecklenburgischen und Deutschen Farben nebst Wappen, und fast überall waren auch auf den Straßen Flaggenmaste eingegraben, die über die Fahrwege hinüber Girlanden und Reihen von Flaggen trugen. In Bezug auf den Schmuck ihrer Läden hatten unsere Kaufleute Hocherfreuliches geleistet. Am Vorabende des Festes meinte es freilich der Wettergott nicht allzu gut mit uns. Die Stimmung der großen Volksmenge, die am Nachmittage und Abend auf den Straßen und besonders auf dem Marktplatze wogte, wurde beeinträchtigt durch heftige Regenschauer, wie wir sie in diesem Augustmonat freilich schon gewohnt waren. Glücklicherweise klärte es sich, als die Illumination begann, etwas auf. Um 7 Uhr fing unter Leitung des Musikdirektors Julius Müller das Konzert der städtischen Kapelle auf der Rathausrampe an. Auf dem Markt vor dem „Alten Schweden" waren Tische und Stühle aufgestellt, die auch trotz der Feuchtigkeit des Wetters viel benutzt wurden. Wunderschön war dann die Illumination des Platzes. Jedes Fenster schimmerte im Kerzenglanz; am Balkon des Rathauses strahlte der Namenszug des Landesherrn und zu beiden Seiten waren Sterne angebracht. Besonders wirkungsvoll war auch die Beleuchtung der Wasserkunst. Und als dann noch der mächtige Bau der Marienkirche von ihrem Turm aus mit bengalischen Flammen beleuchtet wurde, da war man sich einig darin, daß die Vorfeier Wismars trotz der Ungunst der Witterung wohlgelungen war. Die der Marienkirche gegenüberliegenden Häuser wurden gleichfalls bengalisch erhellt, und beim Schützenhause wurde ein großer Holzstoß abgebrannt. Um 9 Uhr bewegte sich der Zapfenstreich durch alle Straßen der Stadt; leider wurde es aber um diese Zeit so schlimm mit dem Regen, daß ein Aufenthalt im Freien nicht mehr möglich war. Mit Gewitter schloß der Abend, und die Nacht über tobte ein Sturm. Dafür brach jedoch der 19. August mit Sonnenschein an, und, was am Vorabende niemand zu hoffen gewagt hatte: das Wetter hielt sich prächtig. Es war der einzige schöne Tag im ganzen Monat! Um 7 Uhr fand das Wecken statt, dann belebten sich Straßen und Plätze mehr und mehr. Hier und da legte man noch die letzte Hand an die Ausschmückung; die Ludwigsluster Dragoner ritten in kleinen Abteilungen durch die Stadt; die Kriegervereine aus der Umgegend zogen ein und ordneten sich mit hiesigen Korporationen und Schulen zur Spalierbildung vom Bahnhofe bis zum Markt, und die Extrazüge brachten während der ersten Vormittagsstunden aus allen Richtungen außerordentlich zahlreiche Festteilnehmer. 9 Uhr 30 Min. kam von Schwerin der Zug mit den zur Feier geladenen hohen Beamten und Militärs. Kurz vor 10 Uhr traf dann der Hofzug mit den Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften ein. Wie es 1803 sein Ahnherr und 1853 sein Großvater getan hatten, so hielt jetzt auch Friedrich Franz IV. unter dem Geläute der Kirchenglocken und unter dem brausenden Jubel der Bevölkerung seinen feierlichen Einzug in die alte, dem Lande Mecklenburg nun ganz wieder gewonnene Stadt Wismar. Vor dem Zuge ritt Herr Polizeikommissar Zimmermann; dann folgte eine halbe Eskadron Dragoner. Dem Großherzoge voran ritten die beiden Flügeladjutanten, an seiner Seite Prinz Heinrich der Niederlande, dann die Herzöge Paul Friedrich und Johann Albrecht, ihnen zur Seite die Herzöge Adolf Friedrich und Paul (Sohn). Durch das Poelertor bewegte sich der Zug über die Schweinsbrücke, durch die ABC- und Altböterstraße, hinterm Rathause entlang nach dem Marktplatze vor das Rathaus. Dort angekommen hielt der Großherzog zu Pferde, neben ihm Prinz Heinrich der Niederlande und etwas weiter zurück die anderen Fürstlichkeiten und das Gefolge. Herr Bürgermeister Jörges huldigte dem Landesherrn in tief empfundener Rede. Seine Worte klangen aus in die Bitte, Königliche Hoheit wolle der, nun endgültig mit dem Mutterlande wiedervereinigten Stadt mit weitem Blick und starker Hand Schutz gewähren, damit Wismar unter seinem Regimente emporblühe und imstande sei, auch den Aufgaben gerecht zu werden, die das engere und weitere Vaterland ihm stellen. Der Großherzog gab in seiner Erwiderung der Hoffnung auf eine gedeihliche Weiterentwicklung der Stadt Ausdruck und schloß mit dem Wunsche, daß Wismar das sein und bleiben möge, was es bisher gewesen: ein Stolz und eine Freude seines Landesherrn, ein Kleinod im Lande Mecklenburg! Danach reichte er dem Bürgermeister die Hand und beglückwünschte ihn zu seiner Ernennung zum Geheimen Hofrat. Hierauf, gegen 10 1/2 Uhr, trat der Zug den Weg zur Georgenkirche an. Voraus schritten der Rat, der Bürgerausschuß und die Ehrengäste. Als letzter trat der Großherzog in die Kirche, an deren Portal sich die Ehrengeistlichkeit, bestehend aus den Geistlichen von Wismar und Neukloster, versammelt hatte, um S. K. Hoheit zu empfangen. Der Predigt des Superintendenten Genzken lag als Text das Bibelwort 1. Kön. 8, V. 57 u. 58 zu Grunde: „Der Herr, unser Gott, sei mit uns, wie er gewesen ist mit unsern Vätern" usw. Der Redner erinnerte an die mannigfaltigen Schicksale Wismars, das nach dem 30jährigen Kriege als teurer Preis an Schweden gegeben wurde, um nur endlich Frieden in Deutschland zu bekommen; er gedachte Heinrich des Pilgers und des Herzogs Johann Albrecht, welch letzterer einst die Reformation bei uns einführte. Als rechten Landesherrn von Gottes Gnaden begrüße Wismars Einwohnerschaft heute den geliebten Großherzog. „Die Treue der Bürger ist die Stärke der Fürsten," so stehe es an der Stätte zu lesen, wo sich vormals das Mecklenburgertor erhob, und an diesem Spruche wollen wir festhalten. Nachdem der Gottesdienst beendet war, begaben sich die Allerhöchsten Herrschaften durch die Spalier bildenden Vereine zum Markt zurück, wo das von Herrn Major von Redei befehligte hiesige Füsilierbataillon Aufstellung genommen hatte. Nach der Parade erfolgte ein kurzer Aufenthalt im Hotel Stadt Hamburg und um 12 Uhr dann die Fahrt in See auf dem festlich geschmückten Dampfer „Fürst Blücher". Das Bollwerk des Hafens war dicht besetzt, und bei der Vorüberfahrt wurden dem Großherzog, der oben auf der Kommandobrücke stand, jubelnde Huldigungen bereitet. Alle Schiffe hatten über die Toppen geflaggt. Als Begleitschiffe schlossen sich dem Festschiff die Dampfer „Adler", „Stralsund 1" (mit dem Flottenverein), „Paul" „Poel" und der Lübecker Dampfer „Ilse", alle voll besetzt, an. Bei den Schwedenköpfen hatten die Fischer, sowie der Ruder- und Segelklub, auch die Poeler Fischer in ihren Booten Aufstellung genommen. Von Wendorf aus wurde der Großherzog durch 21 Böllerschüsse begrüßt. Um 2 1/4 Uhr landete „Fürst Blücher" wieder, und die Höchsten Herrschaften fuhren nach Stadt Hamburg zurück. Auf dem kleinen Exerzierplatze hatten sich inzwischen die Teilnehmer an dem Festzuge versammelt. Umsichtig und schnell wurde alles geordnet, und unter den Klängen der verschiedenen Musikkapellen setzte sich der Zug in Bewegung. Er nahm seinen Weg durch die Altwismarstraße nach dem Markte, wo er vor Sr. K. Hoheit und den übrigen Herrschaften, welche vor dem Rathause standen, defilierte und ging dann durch die Mecklenburgerstraße, Am Schilde, Dankwartsstraße, wieder über den Markt, bei der Ratsapotheke durch die Lübschestraße nach dem Festplatze beim Wischberge. Die historischen Gruppen schwenkten beim Lübschentor ab und begaben sich durch die Dahlmanns- und Lindenstraße nach dem Exerzierplatze zurück. Die farbenprächtige Beschreibung des Zuges aus der Feder des damaligen Redakteurs des Mecklenburger Tageblatts, Ottomar Enking, mag hier mit geringen Kürzungen folgen. Fanfarengeschmetter ertönt, und sieh! hoch zu Roß erscheint ein stattlicher Herold, der die Standarte von Wismar trägt und stolz auf die Menge herabblickt. Ihm folgen noch zwei andere Herolde, und dann kommen die acht Bläser in ihren schmucken Kostümen aus dem 16. Jahrhundert. An diese Gruppe, die den Festzug aufs wirkungsvollste eröffnet, schließt sich ein Bild aus dem Wismar vor 600 Jahren. Heinrich der Pilger, den die Sarazenen 26 Jahre gefangen hielten, kehrt im Jahre 1298 glücklich in seine Residenz Wismar zurück. Dem Fürsten zur Seite reitet seine Gemahlin Anastasia, die ihm mit seinem Sohne Heinrich (gen. der Löwe) und seinem Bruder Johann von Gadebusch sowie mit zwei Frauen und ihren beiden Ratgebern Detwig von Oertzen und Heino von Stralendorf bis Hohen-Viecheln entgegengezogen war. Martin Bleyer, der treue Knappe, ist mit seinen Herrn heimgekehrt, und Nonnen, Pilger, Ritter, Knappen und Reisige vervollständigen das herrliche Bild. Eine schneidige Weise erklingt. Das ist die erste Musikkapelle, hinter der unsere wackeren Veteranen vom Kriegerverein Wismar mit ihrer Fahne schreiten. Ihnen folgt ein Erntefestzug, den die Poeler Hofbesitzer usw. gestellt haben. Auf zwei bunt geschmückten Wagen sehen wir die niedlichen Poelerinnen in der Tracht, wie sie vor 100 Jahren auf der Insel noch getragen wurde und die jetzt leider verschwunden ist, und stattliche Burschen auf massigen Pferden begleiten die hübschen Mägdelein. Nachdem dann der Poeler Kriegerverein, der Poeler Männergesangverein und der hiesige Männergesangverein vorbei sind, kommt die Schlachter-Innung. Würdig schreiten die Meister mit ihrer Fahne einher; die Gesellen und Lehrlinge haben ihre sauberen weißen Blusen an, rote Mützen auf, blau-gelbrote Schärpen um, und auf ihren Schultern ruhen die blinkenden Beile. Die Lehrlinge tragen ein riesiges Erzeugnis der nützlichen Wurstmacherkunst. Hieran schließt sich die dritte historische Gruppe, die uns die alte Hansezeit wieder lebendig werden läßt. Da erblicken wir die hochragende Kogge, die den Vorvätern Waren trug, aber auch oft genug als Kriegsschiff verwendet wurde; in dem Fahrzeug lehnen rüstige Schifferknechte, und vor dem Schiff sieht man bei aufgestapelten Kaufmannsgütern ehrsame wismarsche Kaufherren mit ihren blühenden Gattinnen und Kindern. Ein Baumeister erklärt den Patriziern das Modell der Marienkirche, die ja wie die anderen mächtigen Gotteshäuser unserer Stadt in der Blütezeit der Hanse erbaut worden ist. Hinter dem prächtig wirkenden Festwagen schreiten der hochmögende Herr Bürgermeister von Wismar, zwei Ratsherren und drei Patrizier einher, und dann werden, scharf von Reisigen bewacht und von den lieben Wismarern, Männern und Weiblein, neugierig umdrängt, vier gefangene, in Ketten geschlagene Seeräuber herbeigeführt, mit denen E. E. Rat da vorne am Ende kurzen Prozeß machen wird. Denn sie lassen nicht mit sich spaßen, die alten Hanseherren! In Waidmannstracht zieht unsere Schützengesellschaft auf, und eine Gruppe des Personals der Clementschen Ziegelei und Zementsteinfabrik beschließt diesen Teil des Zuges. Wieder Musik. Dann die Liedertafel. Aber was kommt denn da herangezogen? Ein prächtig ausstaffierter Herold, mit zwei Pagen und zwei reitenden Begleitern mit Standarten „Fiat lux" erscheint, und dahinter trippeln in blondem, wehendem Lockenhaar lauter schwarz kostümierte jugendliche Personen, von denen jede vorn auf der Brust einen riesigen silbernen Buchstaben trägt. Gutenbergs Kunst ist es, die uns diese von der Eberhardtschen Hof- und Ratsbuchdruckerei gestellte Gruppe versinnbildlichen soll. Hinter den Lettern-Männlein kommt eine größere Anzahl Schüler und Anhänger Gutenbergs. Sie sind sämtlich in prächtigen Patriziertrachten. Ein Klosterschreiber, d. h. ein Mönch, wie er zur Anfangszeit der Buchdruckerkunst durch Einzeichnen von Zierrat bei der Ausstattung der Bücher half, befindet sich bei den Jüngern Gutenbergs, und hinter ihnen baut sich auf reich verziertem Festwagen, den vier geschmückte und von je einem Fuhrmann geleitete Pferde ziehen, eine wunderhübsche, hochragende Gruppe auf. Da thront die anmutsvolle Typographia, die sinnbildliche Gestalt der Buchdruckerkunst, vor einer goldenen Sonne, gewissermaßen im Glanze des Lichtes, das Gutenbergs Erfindung über die Welt hin verbreitet hat, - sie stützt sich auf ein großes, goldverziertes Buch, und zu ihren Füßen ruhen allegorische Frauengestalten und zwei Edelknaben in farbenprächtiger Kleidung. Vor dieser seiner Muse steht Johannes Gutenberg selbst mit seinen Genossen Johannes Fust und Peter Schöffer. Davor ist das Handwerkszeug der ersten Buchdrucker, eine bekränzte alte Druckerpresse zu sehen, und im Vordergrunde des Wagens erblickt man den Stadthauptmann von Mainz (der Geburtsstadt Gutenbergs) und zwei Schöffen. Neben und hinter dem Wagen gehen Druckergehilfen. Die Schmiede- und Schlosser-Innung, der Gesangverein „Orpheus", der Radfahrer- Verein „All Heil", Damen und Herren in weißen Anzügen mit blauen Schärpen, alle ihre Räder führend, und sodann die Böttcher-Innung leiten über zu dem wirkungsvollen Kaufmannszug aus Wismars Hansezeit, den die Weingroßhandlung F. G. Michaelis gestellt hat. Da schauen wir zwei Handelsherren in Patriziertracht, und ein von einem Hauptmann befehligtes Fähnlein Landsknechte geleitet den mit Gütern beladenen Frachtwagen. Sehr schön und originell ist auch die große und ausgedehnte Gruppe der Firma F. Crull & Co. Auf drei Wagen mit 200 Personen veranschaulicht sie die Eisengießerei und Modelltischlerei, den Maschinenbau und den Eisenbahnwagenbau. Alles wird aus gänzlich „echtem" Material dargestellt, - einen ganzen Eisenbahnwagen, an dessen Fertigstellung noch gearbeitet wird, erblicken wir, und auch auf den anderen Wagen der Gruppe sieht man Werkleute in voller Arbeit begriffen. Zwischen den Wagen gehen der Gesangverein Friedrichshütte und der Wohlfahrts-Verein der Waggonfabrik. Den dritten Teil des Zuges eröffnen hinter der Musik die Kameraden des hiesigen Militär-Vereins. Darauf kommt abermals Musik und nun folgt die großartigste unter den historischen Gruppen: Die Hochzeit Johann Albrechts I. in Wismar mit Anna Sophia, der Tochter des Herzogs Albrecht von Preußen am 24. Februar 1555. Dieser Hochzeitszug wird in reizendster Weise durch Blumen streuende Mädchen eingeleitet. Hinter ihnen reitet, prachtvoll angetan, das fürstliche Paar, der hoheitsvolle Herzog und seine liebreizende Gemahlin, und an das hohe Brautpaar schließen sich, alle in den reichsten Kostümen, Herzog Albrecht von Preußen, sowie die Herzöge Ullrich, Christoph und Carl, die Brüder des Bräutigams. Von historischen Personen reihen sich an: der Pfarrer von St. Jürgen, der Kanzler Johann von Lucca, David Chyträus und Andreas Mylius. Den Schluß bilden der Bürgermeister von Wismar, Ratsherren der Stadt Wismar, Edeldamen, Brautjungfern der Herzogin und Kavaliere, sämtlich zu Pferde. Ein Modell des Fürstenhofes, den Johann Albrecht bekanntlich erbaute, wird von Schloßdienern im Zuge mitgetragen; die Baumeister Gabriel von Aken und Lyra folgen ihrem Werk, und zum Zeichen, daß die Hochzeit mit allem höfischen Prunk begangen werden soll, kommen zum Turnier gerüstete Ritter, Knappen und Reisige. Immer neue Abteilungen rücken heran! Da ist der Händler-Verein, da kommt schwer belastet ein Gütertransportwagen von C. Longuet, da naht der Eisenbahn-Beamten- Verein, und hieran schließt sich - ein reizender Anblick ! - der von Oekonomierat Priester - HinterWendorf, A. Uhtoff - Kl.-Woltersdorf und H. Evers - Mittel-Wendorf gestellte ländliche Hochzeitszug, worin der Humor zu seinem Recht gelangt. Hinter den Vorreitern kommt der lustig geschmückte Hochzeitswagen mit dem Brautpaar und der fröhlichen Hochzeitsgesellschaft und die ländliche, ganz stattliche Aussteuer wird in einem zweiten Wagen nachgefahren. Da fehlt gar nichts von dem, was ein junges Pärchen braucht ... Nach der Schuhmacher-Innung erblickt man den Festwagen der Ofenfabrik von Lübcke & Homemann. Sehr sinnreich wird auf ihm die Wohltat eines wärmenden Kaminofens zur rauhen Winterszeit dargestellt. Fleißige Heinzelmännchen heizen ein, daß dem Schneemann gewiß ordentlich „warm" wird, und in gleichmäßiger Arbeitstracht ziehen die Angestellten der Firma vorbei. Ein Spruch auf dem Wagen preist die edle Töpferei als erstes und ältestes Gewerbe der Welt. Unsere Aktienzuckerfabrik und die Maschinenfabrik von Raulf u. Sohn beschließen die Abteilung. Dann zieht abermals ein Musikkorps auf. Das haben sich die Neuklosterer selbst mitgebracht, die auch ihr Teil zum Wohlgelingen der Feier beitragen wollen. Und wahrlich! Die Gruppen, die sie bilden, können sich, was Mannigfaltigkeit und Ausstattung anlangt, schon sehen lassen! Zuerst eine Reiterschar. Voran ein Großherzoglicher Beamter und zwei Forstbeamte in ihren Uniformen, und die übrigen in Joppe, Schlapphut, Kniestiefeln und Schärpen. Dann mit einer Priorin 28 Cisterzienserinnen, je zwei und zwei gehend, und ihnen folgend das Lehrer- Kollegium des Seminars mit einer Abordnung von Schülern des Seminars und der Präparandenklasse. Hierauf der Kriegerverein, der Gesangverein und zum Schluß die Schützenzunft. So ist das alte wie das jetzige Neukloster bei der Hundertjahrfeier würdig vertreten. Nun hält Gambrinus seinen Einzug. Die Hansa-Brauerei ist es, die einen vierspännigen Festwagen sehr geschmackvoll hat herrichten lassen. Der Wagen ist umgeben von Pferdeführern, Brauern usw. und hoch oben über allem Volk sitzt der joviale Schutzgott des edlen Gerstensaftes und läßt sich den goldklaren Trunk gut schmecken. Huldvollst trinkt er seinen durstigen Untertanen am Straßenrande zu, aber sie haben nichts, womit sie ihm Bescheid tun können, wenn ihnen nicht die Zwerge aus der Grotte unter dem Thron des Gambrinus Hansabräu kredenzen. Nach dieser feuchten Gruppe erblicken wir die Angestellten der Wismarschen Hobelwerke in stattlicher Anzahl, in Schürzen von Hobelspänen, zusammengehalten von Schleifen in den Landesfarben, und sodann ertönen wieder die Klänge einer Musikkapelle. Die Maler-Innung zieht vorbei, und „schwer herein schwankt der Wagen" den das Möbeltransportgeschäft von Joh. Klüssendorf stellt. Nun bricht die Schwedenzeit an. Ihr ist die fünfte historische Gruppe gewidmet. Man sieht den König Gustav Adolf, die Generäle Tott, Wrangel und Erichson, den schwedischen Gouverneur von Wismar, den Geh. Rat Oxenstierna und den Präsidenten des Tribunals Mevius. Alle diese Persönlichkeiten, die einst in der Geschichte Wismars ihre Rolle spielten, läßt der Festzug wieder vor uns erscheinen in ihren charakteristischen Trachten mit den Lockenperücken. Räte des Tribunals, der Bürgermeister und Ratsherren von Wismar, schwedische Offiziere vervollständigen das glänzende Bild, in dem auch ein Modell der ehemaligen Poeler Befestigungen getragen wird. Schwedische Soldaten verschiedener Waffengattung und Bierbrauer mit dem „Fatelkanne", Bürger und hübsche Bürgerinnen geben der Gruppe den wirkungsvollen und interessanten Abschluß. Auf die Kürschner-Innung folgt abermals ein Wagen. Die Drahtwarenfabrik von Wilh. Müller zeigt in sehr geschickt arrangierter Weise ihre Erzeugnisse. Da sieht man die Kunstschmiede und Schlosserei, die Drahtwaren-Industrie, sowie Handel und Export. Man möchte gern bei Einzelheiten verweilen, aber immer neuer Wechsel tritt ein. Der Männer-Turnverein, die städtische Feuerwehr mit dem ihr 1866 von Friedrich Franz II. verliehenen Banner und der Männer-Gesangverein „Eintracht" leiten über zum Post-Unterbeamten-Verein, dem ein Postillon in seiner Galatracht aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, und ein Postpersonenwagen sowie zwei Postillone in jetziger Gala vorausreiten und -fahren. Das Posthorn schmettert und das Rot der Uniformen leuchtet warm im Sonnenschein. Neue Musik. Ihr folgend die Fischer-Innung, das Schiffs-Zimmermanns-Amt, Otto Gildemeister aus Vor-Wendorf mit einer allerliebsten Hochzeitsbittergruppe, und dann die Marsmannsche Papier-Fabrik mit ihrem vierspännigen Festwagen, auf dem in ungemein geschmackvoller Art die eigenen Erzeugnisse der Fabrik zu Dekorationsmitteln verwandt sind. Der Wagen bietet ein entzückendes Bild mit seinen bunten Papiergirlanden und überhaupt dem ganzen, sinnigen Schmuck. Man erblickt auf ihm die hohe Germania als Beschützerin des Handels und der Schiffahrt, die ebenfalls durch anmutige Damen verkörpert sind, außerdem werden Modelle von Maschinen zur Papierfabrikation zur Schau gebracht, und geleitet wird der Wagen von den in Blusentracht gekleideten Angestellten der Fabrik. Die Bäcker-Innung und Bäcker-Brüderschaft stellt ihr nahrhaftes Gewerbe gleich praktisch im Betriebe vor; der Teig wird geknetet und der Backofen liefert allerhand schöne Sachen, die das jugendliche Publikum mit Begeisterung annimmt. Der Krieger-Verein Hohenkirchen beschließt diesen vorletzten Teil des Zuges. Hinter der Musik (es ist die achte Kapelle) marschiert zunächst die Tischler-Innung. Und dann kommt die eigentliche Jubel-Festgruppe, sozusagen die Apotheose der ganzen Jahrhundert-Feier. „Wismar wieder mecklenburgisch!" Das ist der Sinn dieser Gruppe. Vierzig weißgekleidete Jungfrauen und Kinder mit Blumengewinden schreiten dem Wagen vorauf, auf dem die Genien von Schweden, Wismar und Mecklenburg zu sehen sind. Der Genius von Schweden, in den Farben seines Landes gekleidet, und mit dem Schwerte bewaffnet, als Zeichen der bisherigen Macht, führt den Genius der Stadt Wismar dem Genius von Mecklenburg zu, der, mit dem Schild, dem Schutz gewährenden bewaffnet, Wismar mit offenen Armen aufnimmt. Ein hoher baldachinartiger Aufbau, auf dessen Rücken man ein Bild des alten Wassertors erblickt, überragt die bedeutungsvolle Gruppe. Außerdem sind auf dem Wagen liebliche kleine Friedensgenien mit Palmenzweigen, sowie die allegorischen Figuren des Handels, der Gewerbe, der Schiffahrt und der Wissenschaft. Den Beschluß machen wieder junge Mädchen mit Blumenbögen. Die Krieger- und Militärvereine Lübow, Mecklenburg, Dambeck, sowie der Kriegerverein Neuburg bilden das Ende des wundervollen Zuges, dessen Schönheiten und Mannigfaltigkeit wir im Vorstehenden zu würdigen versucht haben. Von allgemeinem Interesse dürften - auch heute noch - die Namen der Darsteller insbesondere der geschichtlichen Persönlichkeiten des Festzuges sein. In der ersten Gruppe ritt als erster Herold mit der wismarschen Standarte Herr Zahnarzt P. Krüger. Die beiden anderen Herolde waren die Einjähr.-Freiwilligen Botenhagen und Hafenmeister. Die 8 Fanfarenbläser waren Mitglieder der Kapelle des 18. Dragoner-Regiments in Parchim. In der 2. historischen Gruppe „Rückkehr Heinrichs des Pilgers" wurden dargestellt: Heinrich der Pilger von Herrn Hauptmann von Gamm, Anastasia von Frau Hauptmann von Gamm, Heinrich der Löwe von Herrn Amtmann Krüger, Johann von Gadebusch von Herrn Thormann jr., die Frauen der Anastasia von Frl. Helene Böckel und Frl. Ziemßen Detwig von Oertzen war Herr Hans Böckel, Heino von Stralendorff Herr Dankwart. Den alten Knappen Heinrichs, Martin Bleyer, stellte Herr Fruböse dar, Nonnen aus Neukloster waren die Damen Frl. Ina Goetze, Frl. Leni Fabricius, Frl. Lisa Sostmann und Frl. Martha Böhm. Die Pilger, Ritter und Knappen wurden von jungen Kaufleuten dargestellt, zumeist Beamte der Vereinsbank. In der 3. Gruppe „die Hanse" waren die Bewaffneten im Schiffe Primaner und Obersekundaner der hiesigen Stadtschule. Die Herren Assessor Dr. Ackermann und Referendar Sprenger stellten wismarsche Kaufherren dar. Als deren Gattinnen erschienen Frl. Fritzsche und Frl. Marie Rose. Der kleine Hans Oldenburg und Anning Rose vervollständigten die Familiengruppe. Herr Lehrer Jenssen war der Baumeister mit dem Modell der Marienkirche. Als Bürgermeister von Wismar trat Herr Amtsprotokollist Bastian auf, Ratsherren waren die Herren Kaufmann R. Goetze und Steuersekretär Schneider; Mitglieder der Papagoyengesellschaft die Herren Lehrer Behrens, Lehrer Rühberg und Kaufmann Hoffmann. Seeräuber, Bewaffnete der Stadt, Bürger und Handwerker wurden zumeist von jungen Kaufleuten und Primanern dargestellt. Als Bürgerinnen sahen wir Frl. Käthe Franck, Frl. Julie Fabricius, Frl. Christa Sostmann und Frl. Hübner. In der nächsten Gruppe „Hochzeit Johann Albrecht L" erschien Herr Oberleutnant von Raven als Johann Albrecht. Ihm zur Seite als Herzogin Anna Sophia Frl. Clara Joerges; den Schwiegervater, Herzog Albrecht von Preußen ritt Herr Longuet, die Herzöge Ullrich, Christoph und Karl waren Herr Opernsänger Möller und die Herren Schrader und Goetze. Der Pfarrer war Herr Amtsschreiber Niederhöffer, die Freunde und Berater Johann Albrechts Johann von Lucca, Chyträus und Mylius waren die Herren Bannow, Dinnies und Jaenecke. Der Bürgermeister wurde von Herrn Kaufmann Wendt dargestellt, zwei Ratsherren von Herrn Techniker Möller und Herrn Lehrer Vick. Die Edeldamen mit ihren Kavalieren (alle zu Pferde) waren Frau Bumann und Herr von Langermann, Frl. Eggers und Herr Priester, Frl. Lucie Böhm und Herr Carl Trutschel, Frl. Thiesenhusen und Herr Kaufmann Möller. Die Herren Lehrer Pinkpank und Rubach präsentierten die Baumeister van Aken und Lyra. Die Tournier-Reiter in voller Rüstung waren Herr Lehrer Harnack und die Zollbeamten Herren Dahncke, Karberg und Vitense. Die Knappen und Reisige waren Primaner. In der Gruppe „die Schwedenzeit" erschienen Herr v. Liebeherr als Gustav Adolf, Herr G. Haase als General Ake Tott, Herr Hauptmann v. Buchwald als General Wrangel, Herr Ludwig - Neuviecheln als General Erichson und Herr Stoffer jun. - Lembckenhof als Gouverneur von Wismar. Der Tribunalspräsident Mevius war Herr Schwepcke jun., während die vier Tribunalsräte von Primanern dargestellt wurden. Der Bürgermeister von Wismar war Herr Kaufmann Breuel, Ratsherren die Herren Blanck, Max Framm und Rektor Romberg. Als schwedische Offiziere erschienen die Herren Lehrer Dancke und Körner. Die schwedischen Soldaten, Bierbrauer, Bürger und Handwerker wurden von jungen Kaufleuten und Schülern verkörpert. Als Bürgerinnen folgten die Damen Frl. Franck II, Frl. Metge, Frl. Lisbeth Müller und Frl. Meta Sostmann. In der letzten dieser Gruppen „Wismar wieder mecklenburgisch" erschienen als Genius von Schweden Frl. von Redei, als Genius von Mecklenburg Frl. Paepcke und als Genius von Wismar Frl. Süsserott. Die Fräulein Lisa Goetze, Lisa Podeus, Grete Wildfang und Anna Burth repräsentierten mit ihren Emblemen die Genien des Handels, der Schiffahrt, der Gewerbe und der Wissenschaft und die kleinen Hedwig Oldenburg, Grete Cordua, Grete Marsmann und Christa Krüger vervollständigten als Friedensengel mit Palmenzweigen das Bild. An der Hochzeitsgruppe nahmen außerdem 16, an dem letzten allegorischen Bilde 80 junge Damen und Schulkinder aus allen Klassen der Höheren Töchterschule und der Mädchenbürgerschule teil. In der Gutenberg-Gruppe wurden die Typographia von Frl. Margarete Bobsin und die allegorischen Frauengestalten von Frl. Gertrud Eggers, Frl. Lisbeth Zeller, Frl. Elsa Hammer und Frl. Martha Fenger dargestellt. Alle sonstigen Personen der Gruppe waren Kontoristen und Angestellte etc. der Eberhardtschen Hof- und Ratsbuchdruckerei. Nachdem die letzte Gruppe und die letzten Vereine des 2.800 Personen, 86 Reiter, 21 Wagen und 160 Pferde umfassenden Zuges vor Sr. K. Hoheit vorübergezogen waren, begann oben im Audienzsaal des Rathauses das Festmahl. Bei der Tafel hielt Herr Bürgermeister Krull eine längere Ansprache, in der er einen Rückblick über Wismars Vergangenheit gab und hervorhob, wie ein sittliches Gut höchster Art stets in diesen Mauern seine Wohnstätte gehabt: die Treue. „Diese alte Wismarsche Treue" - darin gipfelte seine Rede -„wollen wir Ew. Königl. Hoheit und dem gesamten Großherzoglichen Hause mit dankerfülltem Herzen freudig halten!" Der Großherzog zollte in seiner Entgegnung neben der Treue der nie ermüdenden Tatkraft Wismars seine Anerkennung und versprach, die wirtschaftlichen Bestrebungen der Stadt jederzeit aufs kräftigste zu unterstützen. „Ich trinke," so schloß er seine Rede, „auf das Wohl von Magistrat und Bürgerschaft, auf eine segensreiche Zukunft der freien Stadt Wismar!" Nach aufgehobener Tafel erfolgte die Abfahrt zum Festplatze, wo nun die Einweihung des Denksteins stattfand. Die Feier wurde eingeleitet mit dem von sechs hiesigen Gesangvereinen vorgetragenen Beethovenschen „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre". Dann ergriff Herr Senator Witte das Wort. Der Stein, so führte er aus, der wohl Jahrtausende lang in der Züsower Forst geruht, der mit dem ihn tragenden Boden erst mecklenburgisch gewesen, dann schwedisch und endlich wieder mecklenburgisch geworden sei, solle für uns eine Erinnerung an die Zeit sein, da Wismar unter fremder Herrschaft gestanden, und darum solle er „der Schwedenstein" heißen. Zugleich solle er aber der Stunde zum Gedächtnis sein, da wir die hohe Freude hatten, am hundertjährigen Jubeltage der Wiedervereinigung Wismars mit dem Heimatlande unsern geliebten Landesherrn hier begrüßen zu dürfen, und endlich solle er an das Jahr und den Tag erinnern, da der an diesen Festplatz sich anschließende neu geschaffene Bürgerpark, den die Bürgerschaft als Erholungsort für ihre Miteinwohner und für kommende Geschlechter angelegt, eröffnet worden sei. In diesem Sinne sei der Schwedenstein geweiht! Mit der Hymne „Lobt, preist und rühmt" wurde die stimmungsvolle Feier beschlossen. Etwas nach 8 Uhr verließ der Großherzog mit den übrigen Fürstlichkeiten den Festplatz, um die Rückreise nach Schwerin anzutreten. Auf dem Festplatze herrschte, auch noch nachdem die Extrazüge einen großen Teil der Gäste der Heimat wieder zugeführt hatten, das lebhafteste, munterste Treiben. Auf den beiden Tanzböden wiegte man sich fröhlich nach dem Takte der Musik, und alle Zelte waren vollbesetzt. Nicht weniger als 20.800 Ansichtspostkarten wurden auf dem Platze verkauft, und rund 30.000 Postsendungen gingen mit dem Feststempel ab. Von dem von der Eberhardtschen Hof- und Ratsbuchdruckerei herausgegebenen „Führer zur Hundertjahrfeier" wurden im Laufe des Tages in der Stadt gegen 10.000 Exemplare abgesetzt. - Erwähnt sei bei dieser Gelegenheit noch die von Ottomar Enking verfaßte Festzeitung, die in großen Zügen ein treffliches Bild von der Entwicklung Wismars zeichnet und, hübsch illustriert, ein wertvolles Erinnerungsblatt an den 19. August 1903 bildet. Der Festschrift des Archivars Dr. Hans Witte ist schon an anderer Stelle gedacht worden. „Ohne jeden Mißklang ist" - so schließt der Bericht des M. T. - „das Hundertjahrfest vorübergerauscht. Es war in allen seinen Teilen eine echte und rechte Jubelfeier, die Fürst und Volk einmütig mitsammen begingen. Hoffen wir denn, daß der glänzende Verlauf des Tages eine gute Vorbedeutung sein möge für die Zukunft unserer lieben mecklenburgischen Stadt Wismar!" Registriert sei hier noch, daß der Geheime Rat Fortunat von Oertzen - Berlin in Anerkennung seiner Verdienste um die Aufhebung des Malmöer Vertrages von Rat und Bürgerschaft Nov. 1903 zum Ehrenbürger unserer Stadt ernannt wurde, sowie ferner, daß der Großherzog 1904 Aug. 19 als Andenken an die ein Jahr zuvor begangene Feier eine Denkmünze stiftete, die den Mitgliedern des Rats und verschiedenen Bürgern unserer Stadt verliehen ward. Sie zeigt auf der einen Seite den Wahlspruch „Per aspera ad astra", das Mecklenburgische und Wismarsche Wappen, ein scharf geprägtes Bild Wismars und darunter die Worte: „Zum Gedächtnis an Wismars Wiedererwerbung". Die andere Seite der Münze trägt das Doppelbildnis Herzog Friedrich Franz I. und Großherzog Friedrich Franz IV., ferner die Daten 19. August 1803 und 19. August 1903. September 28-30: XXXIV. Hauptversammlung des Meckl.Schwerinschen Landes- Lehrer-Vereins in Wismar. 1904 September 8-11: Große Einquartierung40 in Wismar anläßlich der Kaisermanöver. Besonderes Interesse erregte bei letzteren das Landungsmanöver der Flotte in der Wohlenberger Wiek (Sept. 13), dem Tausende aus Wismar - wo die Schulen geschlossen waren - und den benachbarten Ortschaften beiwohnten. Übrigens fanden Flottenübungen in der Wismarschen Bucht schon Juni 8 und Aug. 29 d. Js. statt, die sich der gleichen regen Teilnahme der Bevölkerung zu erfreuen hatten; bot unsere Bucht doch ein so imposantes Bild, wie man es hier wohl noch kaum gesehen hatte. Sept. 15 traf die Kaiserin mit einem Sonderzuge morgens 7 Uhr 30 Min. hier ein. In ihrer Begleitung befanden sich der Großherzog, die Großherzogin, die Großherzogin-Mutter Anastasia, Herzog Johann Al brecht, Herzogin Cecilie und Herzogin Marie Antoinette. Beim Verlassen des Bahnhofs wurden die hohen Herrschaften vom Publikum mit brausenden Hochrufen empfangen. Die Kaiserin und die hohen Damen fuhren per Equipage ins Manövergelände, während der Großherzog und Herzog Johann Albrecht ein bereitstehendes Automobil bestiegen. Der Wagen der Kaiserin wurde von Leibkürassieren begleitet. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 40 An weiteren Wismarschen Einquartierungen während des letzten Jahrzehnts habe ich notiert: 1905 Sept.26 und 27; 1907 Aug. 10-12; 1909 Sept. 3-9 (am 9. zwei ganze Infanterieregimenter). Gegen 8 Uhr langten die fürstlichen Herrschaften vor dem Kruge Robinhood in Stoffersdorf an, wo der Großherzog und Herzog Johann Albrecht die Pferde bestiegen. Um 12 Uhr 22 Min. erfolgte die Rückfahrt der Kaiserin. Um 1/2 3 Uhr traf auch der Kaiser im Automobil hier ein und fuhr vom Lübschentor durch die Altwismarstraße zum Bahnhof, wo Seine Majestät von den beiden Bürgermeistern und anderen Vertretern des Rats begrüßt wurde. Der Sonderzug fuhr 2 Uhr 50 Min. nach Schwerin ab. Die öffentlichen Gebäude und viele Privathäuser hatten Flaggenschmuck angelegt; auch von den hohen Türmen unserer Kirchen wehten Fahnen zum Gruß. 1904 Dez. 31 wurde Wismar von einer Sturmflut heimgesucht, wie wir sie seit 1872 Nov. 13 nicht mehr erlebten. Schon an den Tagen vorher hatte ein heftiger West- und später Südwestwind geweht. Im Laufe des 30. wurde derselbe zum Sturm, drehte gegen Abend nach Nordwesten und steigerte sich zum Orkan, der abends gegen 10 Uhr seinen Höhepunkt erreichte. Um Mitternacht schien der Wind abzuflauen, dann aber drehte er nach Norden und Nordosten, erhob sich zu neuer Gewalt, die bis zum Morgen anhielt, und brachte Frost und Schneetreiben mit. Das Wasser stieg von 5 Uhr morgens ab rapide; es drang ins Große Wassertor, bespülte den Lohberg. Auf der unteren Neustadt und in der Wilhelmstraße konnte man nur mit Kähnen fahren. Die runde Grube bildete ein Wasserbecken, das bis zur Kl. Hohenstraße seine Wellen schlug. Am Hafen standen die Eisenbahnwagen im Wasser, ebenso die Bretterlager. In der Wasserstraße stand die Flut über die Warmbadeanstalt hinaus. Vor dem Poelertor war alles bis hin zur Zuckerfabrik ein brausendes Meer, das die Häuser am Poelerdamm, die Haffburg und Oevelgünne umspülte. Am großartigsten aber war das Schauspiel auf der Westseite der Stadt. Vom Koggennoor stürzten die Wogen über die Koppelseite und das Neuland gegen die Zentralhalle, füllten dort die Häuser und bedeckten die Ulmenstraße bis zum Rosenberg. Zentralhalle und Insel waren vom Meere eingeschlossen, das hinter der Insel über die Lübsche Chaussee trat. Durch die Brücke schoß das Wasser wie ein rasender Strom, führte Bretter und Balken mit sich und verwandelte die Weide in einen wogenden See. - Um 10 Uhr vormittags begann das Wasser langsam zu fallen; der Wind wurde stiller und gegen 2 Uhr waren Neustadt und Wilhelmstraße schon frei vom Hochwasser. Unterm 2. Jan. 1905 schreibt der Berichterstatter des M. T. dann weiter: Der Schaden, den die Sturmflut angerichtet hat,
ist sehr groß. An den Brettern, Die sonstigen Wetterschäden, von denen unsere
Stadt im letzten Jahrzehnt 1901 Dez. 15 stand das Wasser beim Baumhause 5
Fuß 1 Zoll über Null. Die 1903 April 18/19 erhob sich in der Nacht ein
Sturm aus Norden, dessen Gewalt 1908 Jan. 9 trat Hochwasser ein, das die
Neustadt bis zum Hause Nr. 56 1906 Mai 2: Besichtigung des Wismarschen Bataillons
durch S. K. Hoheit den Juni 16-17: XXIII Mecklenb. Sängerfest in Wismar. 1908 Juli 21: Besuch S K. H. des Großherzogs auf der
Insel Poel. Der offizielle Empfang Vorauf vier Erbpächter zu Pferde, ging es
zunächst nach Kaltenhof und dem November 11: Rekrutenvereidigung im Beisein des
Großherzogs. S. K. Hoheit traf 1909. Oktober 12: Brandkonvent der mecklenburgischen Städte in Wismar. 1910. Juni 12: XI. Landesfest der evangelischen
Jünglingsvereine und Posaunenchöre Juli 16-18: XIII. Kreisturnfest des vierten
deutschen Turnkreises „Norden". An September 16: Einzug des Großherzogpaares in
Wismar. Die Vorbereitungen zu Den ersten Gruß will ich Dir, Fürstin, bringen. Hierauf bestieg das Großherzogpaar den Wagen.
Unter dem Geläute der Glocken Nachdem die Allerhöchsten Herrschaften sich für
kurze Zeit in die für sie in Stadt Beinahe wäre für das Ende des Jahres 1910 hier
dann noch der Flug des Parseval Nun, im kommenden Jahrzehnt dürfte auch Wismar
erleben, was ihm diesmal zu Wir aber fassen unsere Wünsche für eine
gedeihliche Fortentwicklung unserer Gott lasse seinen Frieden ruhn
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