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Gustav Willgeroth/Notizen zur Geschichte Wismars 1901-1910

Ein Gang durch die Straßen.

Die vorliegenden Blätter sollen sich an die „Bilder aus Wismars Vergangenheit"
anreihen, sollen in mancher Hinsicht eine Fortsetzung zu ihnen bilden. Da dürfte es
zweckmäßig sein, für den Rundgang durch die Straßen - wie später auch für den
Gang vor die Tore - im wesentlichen dieselbe Route einzuschlagen wie dort.
Zwar in und an der Nikolaikirche haben im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts
nennenswerte Veränderungen nicht stattgefunden. Dagegen hat der Platz um sie,
der ehemalige Kirchhof, der früher einen ziemlich wüsten Eindruck machte, ein
etwas freundlicheres Aussehen erhalten; er wurde im Jahre 1901 umgegraben,
geebnet und nach der Grube zu erhöht und dann, an der Westseite wenigstens, mit
Rasenflächen und Anpflanzungen versehen. Gleichzeitig wurden die Eingänge zur
Kirche mit Klinkern belegt und die Grube längs des Nikolaikirchhofs, nachdem ihr
Mauerwerk im Sommer 1901 bedeutend erhöht war, mit einer Einfriedigung
versehen. Auf der Schweinsbrücke ist das alte Backhaus (so schon im Stadtbuch
von 1680) an der Ecke der Mühlenstraße, zuletzt im Besitz des Bäckermeisters
Meden, verschwunden. Dasselbe wurde 1906 Febr. 24 samt dem Nebenhause
Mühlenstraße 2 von dem derzeitigen Besitzer des Fründtschen Hotels, Brandt, zur
Vergrößerung seines Hotels, Saalbau u. ä., angekauft. Mit dem Abbruch wurde April
18 begonnen. Der Bau wurde noch in demselben Jahre ausgeführt; das erste
Konzert in dem neuen „Weißen Saal" fand am zweiten Weihnachtstage 1906 statt.
Von Brandt, der das Hotel 1903 Juli 1 von Fründt erworben hatte, ging es im März
1909 auf den jetzigen Besitzer, Koop, über.

Unter den Veranstaltungen, die den Wismarern in der Folge im „Weißen Saal"
geboten wurden, sind in erster Linie die von Fräulein Martha Günther ins Leben
gerufenen literarischen Vortragszyklen zu nennen. Der erste dieser Zyklen wurde
1907 Okt. 25 durch einen Vortrag von Dr. Manz (Berlin) über Mörike eröffnet. Seither
haben diese Abende uns mit einer Reihe interessanter Persönlichkeiten, darunter
Größen wie Clara Viebig, Max Halbe u. a. bekannt gemacht.
Weiter ist hier des Wohltätigkeitsbasars zu gedenken, den der Frauenbildungsverein
zugunsten einer in Wismar zu errichtenden Kochschule (näheres hierüber an
anderer Stelle) 1909 Febr. 12-14 in den Räumen des Fründtschen Hotels
veranstaltete, sowie des von demselben Verein 1910 Juni 3-5 arrangierten
Gartenfestes, bei dem u. a. das Beyersche Stück „De Wedd" zum ersten Mal in
Wismar zur Aufführung gelangte.

In der Koch'schen Brauerei - dem ehemaligen Wohnhause des Bürgermeisters
Schabbel - wurde 1907 Juni eine altdeutsche Bierstube eingerichtet. Das Haus
enthält noch manches, das aus der ersten Einrichtung des Baues stammt, mithin auf
ein Alter von rund 340 Jahren zurückblickt. Dahin gehören die alte Wendeltreppe,
die vom Keller zum obersten Boden führt, ein Fenster mit Bleiverglasung und Fensierbrüstung
mit Renaissance-Verzierung; in der Gaststube die Decke und eine
Renaissance-Türverkleidung. Die Einrichtung der Gastzimmer weist unter anderm
zahlreiche alte Zinnsachen sowie eine Anzahl wertvoller Kupferstiche auf.
In der Mühlenstraße fiel mit dem eben erwähnten Umbau des Fründtschen Hotels
die letzte der hier belegenen alten einstöckigen Buden (Nr. 2). Die sieben
angrenzenden unter einem Dache waren bereits im Jahre 1900 niedergerissen, um
neuen Häusern Platz zu machen. Das gegenüberliegende Haus Nr. 3 war - damit
nach alter Chronisten-Sitte auch das nicht unerwähnt bleibe - im Jahre 1904 der
Schauplatz einer Mordtat. Ein dort wohnhafter Arbeiter tötete im April d. J. seine
Frau durch Messerstiche in den Hals und brachte sich darauf selbst ähnliche
Verletzungen bei, denen er einige Wochen später erlag.

Der Wasserturm wurde, da er bedeutende Risse und schadhafte Stellen im
Mauerwerk aufwies, Juli/August 1907 einer Reparatur unterzogen. Die Dachziegel
der Turmspitze wurden entfernt und die Sparren des Daches erneuert. An dem
Aussehen des altehrwürdigen Bauwerks ist durch die Renovierung erfreulicherweise nichts geändert.

Zwecks Erweiterung der Kaserne II wurde in diesem Jahre (1910) ein Teil des
Fründtschen Gartens angekauft; außerdem soll dem Vernehmen nach die Scheune
der städtischen Mühle hierfür mitverwandt werden. Bereits im Jahre 1906 hatte man
von Seiten der Stadt die Frage erwogen, ob es bei den fortwährenden, vom hiesigen
Bataillonskommando gewünschten baulichen, meist kostspieligen Veränderungen
nicht geraten sei, einen Kasernenneubau ins Auge zu fassen (B.-A.-S. v. 13. Dez.
06). Vom Militärfiskus wurde ein solcher Bau für unsere Stadt jedoch nicht für nötig
befunden, da die beiden jetzigen Kasernen noch auf längere Zeit den Anforderungen
genügten. Es sollten indessen beide Gebäude durch Anbauten Erweiterungen erfahren.
(über diejenigen zu Kaserne I s. unten). Der Entwurf des über diese Erweiterungen
mit der Militärintendantur abgeschlossenen Vertrages wurde 1910 Sept. 22 vom B.-A.
genehmigt. Die Stadt erhält danach die Grunderwerbskosten mit 4, die Baukosten mit 6 Prozent verzinst.

Die Kommandeure des hiesigen Bataillons waren: von Sannow 1900-1902,
von Redei 1902-1905, von Walther 1905-1909, von Gramer seit 1909.' An der
Mühlengrube wurde das Haus Nr. 15 von den hiesigen Logen des Internationalen
Guttempler-Ordens erworben und einem gründlichen Durchbau unterzogen. Die
Einweihung des Hauses, das das erste seiner Art in Mecklenburg ist, erfolgte 1910
April 24. Die erste Guttemplerloge („Fest") wurde hier 1904 Mai 29 mit 17 Mitgliedern begründet.

Die Stadtmühle wurde 1907 an den Müllermeister Fischer, bis dahin in Zierow, neu
verpachtet. Die Übergabe fand Okt. 16 statt. Hinter dem Chor entstanden die neuen
Häuser Nr. 5 und 7, die dem Straßenbild ein wesentlich verändertes Aussehen
gegeben haben, im Jahre 1906. An der Westseite der Straße wurde an Stelle des
früheren Teßmannschen Speichers (mit altem Giebel) das Wohnhaus Nr. 6 im Jahre 1903 erbaut.

Das Grundstück beim Poelertor an der Ecke des Spiegelbergs, ebenfalls ein altes
(schon 1680 vorhandenes) Backhaus, ist in diesem Jahre (1910) abgerissen; an
seiner Stelle hat die Firma Jahncke einen stattlichen Neubau aufführen lassen.

Zwecks Verbreiterung der Leiste wurden aus dem Grundstück 8 Quadratmeter von
der Stadt erworben (B.-A.-S. v. 5. April 1910).

An der Wasserstraße wurde die große Reddeliensche Scheune Oktober 1905
abgetragen, um drei Neubauten - den Wohnhäusern 3e, f und g - Platz zu machen.
 

1 Die früheren Kommandeure seit 1871 mögen hier noch nachgetragen werden:
von Legat bis 1872, von Bentivegni 1872-1877, von Kessel 18771881, Lanz 1881-
1884, von Lossau 1884 bis 1886, von Rosenberg 1886-1888, von Stuckrad 1888 bis
1891, von Seidlitz-Kurzbach 18911894, Strahl 1894 bis 1900.

 

Auf dem Spiegelberg wurde das Podeussche Doppelhaus - Wohnhaus und Kontor -
1902/03 aufgeführt.

Das gegenüber, an der Ecke der Grützmacherstraße, belegene, Wilh.
Schumachersche Haus (Nr. 62) brannte 1904 Febr. 2 nieder und wurde in der Folge
wieder neu aufgebaut.

Dem großen Wassertor drohte um das Jahr 1905 wieder einmal Gefahr. Aufs neue
regten sich Bestrebungen, den „alten Steinkasten" zu Fall zu bringen, ihn den
„Verkehrsinteressen" zu opfern. Zum Glück gelang es auch diesmal noch wieder, -
wie vor etwa 25 Jahren - den Angriff abzuwehren. Die Erbauung des Tores wird sehr
wahrscheinlich in die Mitte des 15. Jahrhunderts zu setzen sein; die Jahreszahl 1450
jedoch, die früher darangemalt war, - jetzt ist die Inschrift glücklicherweise getilgt - ist
(nach Techen) willkürlich herausgegriffen. Meine Angabe in B.a.W.V. ist hiernach zu berichtigen.
2)

In der Scheuerstraße wurde das zum früher Hofrat Witt'schen Grundstück
gehörende Stallgebäude im Jahre 1905 abgebrochen. Bei diesem Anlaß tauchte der
Plan auf, hier eine neue Verbindungsstraße zur Nikolaikirche anzulegen; indessen
ließ man denselben - sofern er überhaupt im Ernst bestanden hat - wieder fallen.
Zur Erweiterung der Kaserne I wurde 1909 Juli 3 der Ankauf zweier Grundstücke an
der Kl. Hohenstraße, sowie des Roßschlachter Werck'schen Grundstücks an der
Frischen Grube von B.-A. genehmigt.

Das wail. Trendelburg'sche Haus Kl. Hohenstraße 24 wurde Oktober 1905
abgerissen, um - nach der ursprünglichen Absicht - drei neuen Häusern Platz zu
machen. Doch wurde ihre Zahl auf zwei beschränkt (Nr. 24 und 24 a), da der
Eckplatz nach der Königsstraße zu nachträglich von C. W. Hermes erworben ward,
der dort einen Garten anlegen ließ. Beim Abbruch des Hauses wurden im
Mauerwerk zwei noch gut erhaltene Inschriften zu Tage gefördert, deren erste
lautete: „Soli Deo Gloria", während die zweite den Wortlaut hatte: „Eß Kanß Doch
Keiner Machen, Daß Jederman gefallen thu." Die Steine wurden dem Museum überwiesen.

Z Vgl. M. T. vom 1. Sept. 1903. Daß ich mich durch diese Inschrift täuschen ließ,
dürfte übrigens verzeihlich sein: ich konnte nicht annehmen, daß man eine derartige
Eintragung an einem öffentlichen Gebäu de, auch wenn sie auf Veranlassung eines
Privaten geschah, zuließ, ohne ihre Richtigkeit vorher nachgeprüft zu haben.

 

Das Holz- und Baumaterialien-Geschäft von Wilh. Hermes Nachfl. (Inhaber
Kommerzienrat August Cordua und Fritz Cordua) beging 1910 Nov. 13 den Tag
seines hundertjährigen Bestehens. Die Handlung wurde 1810 von dem Senator C.
W. Hermes begründet und ging 1838 in den Besitz des Vizekonsuls Wilh. Hermes
über, der das Geschäft 1878 Juli 16 an August Cordua und Carl Lübbers verkaufte.
Seit Lübbers' Tode (1892 Okt. 1) war Carl Cordua Mitinhaber bis Ende 1906; Fritz
Cordua trat 1910 Jan. 1 in die Firma ein.

In dem Schuhmacher Fust'schen Hause (Ecke der Kl. Hohenstraße und
Rundengrube) wurden die Parterre-Räumlichkeiten auf Betreiben des Pastors
Bardey 1906 von der schwedischen Staatskirche (Seemannsmission) gemietet und
zur Abhaltung von schwedischen Gottesdiensten hergerichtet. Außerdem wurde hier
ein Läsoch Skrifrum för Svenska Sjömän (Lese- und Schreibraum für schwedische
Seeleute) eingerichtet. 1908 Juni 14 fand in dem Hause das erste kirchliche
Seemannsfest statt, das der schwedische Pastor Setelius aus Kiel abhielt.

Das alte „Gewölbe", seit 1864 im Besitz der Familie Wesenberg, hat kürzlich (Ende
1910) eine Modernisierung erfahren: es ist ein neuer, eleganter Verkaufsladen mit
großem Schaufenster, Fischbassin usw. darin hergerichtet. Die allen Wismarern und
vielen Fremden wohlbekannte frühere Inhaberin des Geschäfts, Frau Dorothea
Wesenberg, erlebte diese Neuerung nicht mehr. Sie ruht schon seit 1907 (März 5) von ihrer Arbeit.

Das Mauerwerk der Rundengrube wurde April 1904 nach der Seite des Platzes zu
erhöht und mit einer Einfriedigung versehen. Die Fußgängerbrücke über die Grube
zwischen Königs- und Scheuerstraße ward 1908 durch eine neue ersetzt, die sich
von der früheren freilich nicht wesentlich unterscheidet. Die Herstellung einer
gewölbten Brücke, die der Rat wegen des schöneren Straßenbildes vorschlug,
lehnte der B.-A. in seiner Sitzung vom 14. Mai 1908 ab.

Den Platz bei der Fischerreihe hatte man wiederholt durch Rasenflächen,
Anpflanzungen und gärtnerische Anlagen zu verschönern versucht, aber stets
vergebens, da man die Rechnung ohne den Spieldrang der Jugend gemacht hatte.

Man entschloß sich daher im April 1908, das Gebüsch auszuroden, die Erde
abzutragen und den Platz zu bekiesen, um hier einen offiziellen Spielplatz für die Jugend
zu schaffen. Zur Entfernung der Grotte, - die anfangs, ebenso wie die Eichen,
hatte stehen bleiben sollen - erteilte der B.-A. April 28 seine Zustimmung. Die Felsen
wurden in der Folge im Köppernitztal verwandt, während die auf der Grotte
befindliche, von C. W. Hermes geschenkte Vase diesem auf seinen Wunsch zurückgegeben ward.

In der Breiten Straße wurden die Häuser 31 und 33 im Mai 1904 abgerissen, um
Neubauten Platz zu machen. Das Grundstück war ursprünglich von der katholischen
Gemeinde - die ihre Gottesdienste bis dahin in dem Hause Breite Straße 12 abhielt -
für die Erbauung einer Kirche in Aussicht genommen und bereits käuflich erworben.
Das Projekt zerschlug sich jedoch.

Die Löwenapotheke am Hopfenmarkt ging 1909 Okt. 1 in den Besitz des Apothekers
Kuhlmann über. Der bisherige Besitzer, C. Lössin, der am 15. April desselben
Jahres sein 50jähriges Apothekerjubiläum feiern konnte, hatte die Apotheke - wie in
B.a.W.V. bereits erwähnt - im Jahre 1875 von den Beckmannschen Erben erworben.

Bei dieser Gelegenheit mag angemerkt werden, daß der B.-A. im Jahre 1909 beim
Rat die Konzessionierung einer vierten Apotheke beantragte. Der Rat gelangte
indessen zu dem Beschluß, noch für einige Zeit von der Neubegründung abzusehen,
womit sich der B.-A. Juni 11 einverstanden erklärte.

In der Bohrstraße wurde das Haus Nr. 11, zuletzt im Besitz des Bäckermeisters
Hagen, 1906 durch einen Neubau ersetzt, den der (1902 Dez. 14 begründete)
Konsumverein aufführen ließ. Auch dies Haus war ein Backhaus von alters
(wahrscheinlich schon 1544, sicher 1680), wie denn eine Reihe alter Backhäuser im
verflossenen Jahrzehnt von der Bildfläche verschwunden sind. In ihm (d. h. in dem
eigentlichen Backhause) befand sich ein aus Granit gehauenes Wasserbecken in
Form einer großen Schale. Nach der Vierpaßform und der verzierten Außenfläche zu
schließen, war dasselbe ein Teil eines Taufsteins; es hatte Ähnlichkeit mit dem alten
Taufstein oder der Fünte, die sich in einer Kapelle an der Nordseite der St.
Nikolaikirche befindet. Der Fuß fehlte. Das Becken wurde von Dr. Crull erworben,
der es restaurieren ließ und es dann 1909 Febr. der Marienkirche übergab. Es steht
dort an der Säule im nördlichen Querschiff.

Das Haus Nr. 10 erwarb 1907 die Mecklenburger Warte G.m.b.H., in deren Verlage
das gleichnamige Blatt als zweite Wismarsche Tageszeitung seit 1907 Sept. 1
erscheint.3 Redakteur derselben war bis Dezember 1908 Otto Baxmann; seither Arthur Nascher.

3 Der Vollständigkeit halber mag hier zu B. a. W. V. pag. 288 ff. nachgetragen
werden, daß der Schreiber dieses Buches im Jahre 1893 den Versuch machte, in
Wismar eine zweite Tageszeitung zu begründen. Dieselbe erschien unter dem Titel
„Mecklenburgische Ostseezeitung“ erstmalig am 19. Sept. 1893, musste ihr
Erscheinen jedoch Mitte Mai des folgenden Jahres wieder einstellen.
4 Vgl. hierzu Abschn. IV. s. anno 1910.

 

Auf dem Mönchenkirchhof mußten Okt. 1906 einige der alten Bäume gefällt werden,
damit die Klassenzimmer der Großen Stadtschule mehr Licht bekamen. Die
künstliche Beleuchtung der Schule hat lange auf sich warten lassen. Wiederholt
beantragte der Rat (1903) Einführung der Gasbeleuchtung, doch setzte der B.-A.
diesem Verlangen andauernden Widerstand entgegen. 1904 Aug. 30 erklärte er sich
dann mit der Herstellung elektrischer Beleuchtung in den Klassen der Gr.
Stadtschule einverstanden, nachdem in einem Vortrage des Direktors die
Unentbehrlichkeit nachgewiesen war.

Zur Schaffung neuer Klassenräume, die durch die Überfüllung der Realklassen
notwendig werden, bewilligte der B.-A. die Mittel 1910 Aug. 22. Im Dachraum (des
neuen Gebäudes) sind in der Folge bereits mehrere Zimmer erbaut, die die
Sammlungen der Schule aufnehmen sollen, sodaß die bisher hierfür verwandten
Räume dann zu Klassenzimmern dienen können. Weitere Umbauten stehen noch bevor.

Von den Veränderungen, die sich im Lehrerkollegium der Gr. Stadtschule im Laufe
des verflossenen Jahrzehnts vollzogen haben, seien hier erwähnt:
Ostern 1901 ging Oberlehrer Dr. Borchard als Direktor nach Delmenhorst. An seine
Stelle trat Oberlehrer Dr. Baltzer. Mich. 1901 trat Professor Roese in den Ruhestand.
An seine Stelle wurde Oberlehrer Heins gewählt. Mich. 1902 trat für Oberlehrer
Eilers (Mitglied des Kollegiums seit Ostern 1900, wo Professor Dr. Kuthe als Direktor
nach Parchim ging) Oberlehrer Gerlach ein. 1902 Okt. 16 starb Professor Dr.
Leysath. Für ihn trat bis Mich. 1904 Dr. Neckel ein, dann Oberlehrer Hackbusch.

1905 Okt. 15 starb Professor Lemme. An seine Stelle wurde zunächst Dr. Zander
gewählt; für ihn Ostern 1907 Dr. Stümbke; dann Ostern 1909 Dr. Buhle. 1910 Jan.
11 starb Direktor Dr. Bolle.4 An seine Stelle wählte E. E. Rat in seiner Sitzung vom
17. Februar den Professor Dr. Ernst Fritzsche zum Direktor der Gr. Stadtschule,
deren Lehrerkollegium er seit Mich. 1877 angehört.

In der ABC- Straße wurde das Haus „Zur Hansa" in der Nacht vom 28. zum 29. Sept.
1901 durch eine Feuersbrunst bis auf den Grund zerstört. Der Giebel fiel beim
Zusammensturz auf die Straße, glücklicherweise ohne Menschen zu verletzen;
dagegen wurde das gegenüberliegende Haus Nr. 22 durch die Trümmer stark
beschädigt. Das an die Hansa stoßende Drechslermeister Gelbe'sche Haus Nr. 19
wurde gleichfalls ein Raub der Flammen. Der Wiederaufbau der Häuser erfolgte im Jahre 1902.

Das niedergebrannte Hansahaus stammte aus dem Jahre 1637, wo die Witwe des

(1629 verstorbenen) Ratsherrn Claus Suwel5 Anna geb. Brüggeman das Haus

erbauen (oder umbauen?) ließ: die Anker zeigten die Buchstaben und Zahlen

HCSAB (d. i. Herrn Claus Suweln Anna Brüggemans) 1637. Das Lokal gehörte

früher zu den beliebtesten der Stadt; besonders war dies zu Burde's Zeit der Fall

(Besitzer der Hansa bis 1885; dann Alberti bis 1898). Damals befand sich in ihm

auch die bekannte Brunswig'sche Sammlung, die später leider zerstreut ward.

Die beiden Eckhäuser der ABC-Straße an der Gerber- bzw. Bademutterstraße, dem

Schlachtermeister Lohff und dem Kaufmann Schaumkell gehörig, wurden 1906 bzw.

1907 durch Neubauten ersetzt. Eine vom B.-A. angeregte Verbreiterung der

Fahrbahn in der ABC-Straße beim Schaumkellschen Neubau empfahl der Rat zu

unterlassen, weil dieselbe nur geringfügig sein könne und eine allgemeine Verbreiterung

der Straße zu teuer werden würde. (B.-A.-S. v. 5. Juli 1907). Dagegen erfuhr

die Leiste an der Ecke bei dieser Gelegenheit eine Verbreiterung um zirka 1,40

Meter. Ebenso wurden aus dem Lohffschen Grundstück 1,6 Quadratmeter zur

Verbreiterung der Ecke erworben (B.-A.-S. v. 11. Sept. 1906).

Weitere Neubauten sind in der ABC-Straße an der Stelle der Häuser Nr. 4 und 6

entstanden, die Nov. 1909 abgebrochen wurden. Ob das letztere tatsächlich (wie

das M. T. unterm 27. Nov. 1909 meint) noch eins der in den Jahren 1574 und 1580

hier an der Ostseite des ehemaligen Franziskanerklosters erbauten zwölf Häuser

war, die, mit A, B, C, D usw. bezeichnet, der Straße ihren Namen gaben, erscheint

doch wohl fraglich. Wenigstens erklärte Herr Dr. Crull die Front für modern. Dagegen

wird die hier erwähnte Zwölfzahl bestätigt durch die Eingabe eines Lehrers vom

Jahre 1606, auf die Herr Dr. Techen mich hinzuweisen die Güte hatte. In derselben

heißt es: „weil unter andern des Klosters zugehörigen Buden, unter dem alphabeth

begriffen, eine, die M bezeichnet, mir sehr bequem"...

Ein sehr verändertes Aussehen hat auch die rechte Seite der Gerberstraße

bekommen, die zu Beginn dieses Jahrhunderts noch fast ganz von alten

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5 Vgl. Crull, Ratslinie der Stadt Wismar, pag. 104. Die Mitteilung über die Anker

verdanke ich Herrn Dr. Friedrich Techen.

Hintergebäuden (Stallungen u. ä.) der Altwismarstraße eingenommen wurde. Die

meisten der neuen Häuser wurden hier in den Jahren 1903/04 erbaut, wo

gleichzeitig die Straße durch den Abbruch der Stadtmauer nach dem Lindengarten

zu einen neuen Ausgang erhielt. Die vier nach der Altböterstraße zu belegenen

Wohnhäuser datieren von 1909/10.

In der Böttcherstraße ging das Haus Nr. 2, das bis Michaelis 1907 als Schulhaus der

Höheren Töchterschule diente, Nov. 22 d. J. in Privatbesitz über.

Das Eckhaus an der Krämer- und Böttcherstraße, das bereits 1872 (wo das erste

Wismarsche Adreßbuch erschien) im Besitz der Frau Apothekerwitwe Fabricius war,

wurde nach deren Ableben (1907 Okt. 10) von dem Glasermeister Jettmann

erworben und zu einem Geschäftshause eingerichtet.

Das früher Dettmann'sche Haus Krämerstraße 14 ging Sept. 1903 in den Besitz der

Firma Hr. Steinhagen Nachfolger über und wurde in der Folge mit dem Haupthaus

Nr. 16 vereinigt. Die genannte Firma wurde 1843 begründet; im Besitz Wilh. Otto's

ist das Geschäft seit 1883 Okt. 1.

Weiterhin ist ein altes Giebelhaus vom Erdboden verschwunden: das aus der

zweiten Hälfte des 17. Jhdts. stammende Haus Nr. 10 des Messerschmieds Zuber

ging nach dessen Tode 1909 durch Kauf an den Buchhändler Felix Hedicke über,

der es niederreißen und neu aufbauen ließ.

Die bei weitem größte Veränderung erfuhr das Bild der Krämerstraße indessen

durch den Neubau des Rudolph Karstadt'schen Geschäftshauses. Mit dem Abbruch

der von der Firma nach und nach erworbenen Häuser Krämerstraße 2 und 4 und

Lübschestraße 1 und 36) wurde 1907 April 5 begonnen; das Geschäft wurde

während dieser Zeit in das von der Firma angekaufte früher Konsul Crull'sche Haus

Ecke der Lübschen- und Beguinenstraße verlegt. Das neue Gebäude wurde 1908

Mai 23 in Gebrauch genommen. Die Fassaden des gewaltigen Baues sind aus

Sandstein hergestellt, während die tragende Konstruktion aus Eisen besteht. Die

Spiegelscheiben der zehn Schaufenster im Parterre sind von Dimensionen, wie man

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6 ursprünglich befand sich das 1881 Mai 14 begründete Geschäft in dem Hause

Krämerstraße 4, das Karstadt vom Rechtsanwalt Behring erwarb. Nr. 2 gehörte

damals dem Schirmmacher Knüppel; Lübsche straße 1 der Uhrmacherwitwe Müller.

Lübschestraße 3 war das - auch in B. a. W. V. erwähnte - Liefebergsche Haus.

sie bisher in Wismar nicht kannte. Auch das aus holländischen grünglasierten

Ziegeln bestehende Dach war für Wismar ein Novum.

Für die Passage an der Krämerstraße bedeutete der Neubau oder vielmehr die

Beseitigung der alten Häuser, die ziemlich weit vorsprangen, eine große

Verbesserung.

An der Ostseite der Straße wurden die den Verkehr sehr hindernden Treppenstufen

vor dem Privateingange des Ernst Julius Pundt'schen Hauses Nr. 1 1906 Sept.

beseitigt. Der Besitzer des Hauses erhielt dafür eine Entschädigung von 300 Mark

(B.-A.-S. v. 26. Juni 1906). Gleichzeitig wurde vor dem J. H. Niemann'schen Hause

Krämerstraße 17 der Vorbau, der hier in der ganzen Länge des Hauses etwa die

halbe Breite der Leiste einnahm, gegen eine vom B.-A. 1906 Juli 27 bewilligte

Entschädigung von 1.000 Mark entfernt. Der Vorbau gehörte noch zu den letzten

Resten jener, vor der Neupflasterung der Stadt (in den 70er Jahren) sich häufig

findender Verkehrshemmnisse.

In der Lübschenstraße 5 eröffnete der Konditor Eduard Becker Juli 1901 ein Cafe,

das erste größeren Stiles in Wismar. In den Besitz O. Rössel's ging dasselbe 1905

Juli 22 über.

Im gegenüberliegenden Burmeister'schen Hause Nr. 6 wurde 1904 April 18 eine

Reichsbanknebenstelle (von der Reichsbankstelle Lübeck) eingerichtet. Verwalter

derselben war Zimmermann bis Mai 1905 (t); seither Reckling. Seit Ostern 1909

befindet sich die Reichsbank in dem vorhin schon erwähnten Karstadt'schen Hause

Ecke der Lübschen- und Beguinenstraße.

Das an der Ecke des Negenchören belegene Haus Nr. 30, ein altes Krämerhaus,

zuletzt im Besitz des Kaufmanns Mühlenbruch, wurde Ende 1903 abgerissen und

später neu aufgeführt. Die Leiste am Negenchören erfuhr hierdurch eine allerdings

nicht wesentliche Verbreiterung; indessen wurde auch hier, wie an einer Reihe

andrer Punkte unserer Stadt, eine bequemere Passage geschaffen.

Hinter dem Rathause ist zunächst der in das Jahr 1902 fallende Umbau der

Ratsapotheke zu erwähnen, von dem freilich in B.a.W.V. schon die Rede gewesen

ist.)

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7 Über den Verkauf der Apotheke ist dort pag. 57 notiert, daß derselbe 1819 erfolgt

sei. Obwohl diese Notiz durch die Tatsache gestützt wurde, daß im Jahre 1817 die

Apotheke noch der Stadt abgepfändet werden sollte, so wurde ich doch stutzig, als

ich bei Witte (Wismar unter dem Pfandvertrage 1803-1903, pag. 135) fand, die

Ratsapotheke sei bis 1790 von der Stadt verpachtet, und bei Techen (Wismar im

Mittelalter, Leipzig 1910, pag. 19), die Apotheke sei 1797 von der Stadt verkauft,

während sie bis dahin stets verpachtet ward. Meine Notiz ist indessen doch richtig.

Wie Herr Dr. Techen auf meine Bitte aus den Akten festzustellen die Freundlichkeit

hatte, wurde die Apotheke laut Kontrakt von 1818, Dez. 30/1819 Mai 19 an den

Apotheker Hirsch zu Eimbek für 8005 Rthlr. N2/3 und einen jährlichen Kanon von

400 Rthlr. N2/3 (=1600 Arbeitstagen eines Arbeitsmannes; 1868 neu zu regulieren

nach dem dann üblichen Tagelohn) verkauft. Hirsch stand seinen Kontrakt 1821 an

Lau für 9500 Rthlr. N2/3 ab

8 Es bezieht sich das insbesondere auf die Konzerte 167-169, 173, 175-177, 182

und 184, in denen außer den nachstehenden Werken noch andere (Lieder ) zum

Vortrag gelangten, die hier nicht einzeln angeführt werden konnten.

Von dem Durchbau wurde - was dort ebenfalls schon registriert ward - auch die

westlich vom Schwibbogen belegene ehemalige Kämmereidienerwohnung betroffen,

welche mit dem glasierten Fries, den kleinen Bogenfenstern usw. ein Bild von dem

Zustande der Schusterbuden hinter dem Rathause gab. Bei dieser Gelegenheit sei

ein Irrtum richtig gestellt, der mir in den B.a.W.V. unterlaufen ist: die dort pag. 68 und

266 als noch vorhanden bezeichnete Rückseite einer alten Schusterbude (nach dem

Rathaushofe zu) war bereits im Herbst 1898 bis auf einen wertlosen Rest

verschwunden.

Bedauerlich bleibt es, daß man sich gelegentlich des Neubaues der Apotheke nicht

dazu entschließen konnte, ein Stück derselben zwecks Verbreiterung der Markt-

Einfahrt zu erwerben. Die Gelegenheit wäre so günstig gewesen! Die

Weingroßhandlung J. Böckel (gegründet 1834 Januar 9 von Jakob Böckel im Hotel

Stadt Hamburg; 1848 nach dem jetzigen Geschäftshause Hinter dem Rathause 25

verlegt) hat seit 1901, wo die Gebrüder Hans und Paul Böckel das Geschäft

übernahmen, neue Weinstuben eingerichtet (ein Stammtisch bestand im Comptoir

seit 1880). Die Altdeutsche Trinkstube wurde Weihnachten 1907, das Fritz- Reuter-

Zimmer September 1910 eröffnet.

Auf das Hotel zur Sonne wurde zwecks Vermehrung der Fremdenzimmer im Jahre

1907 ein neues Stockwerk aufgesetzt. Der große Konzertsaal erhielt im Sommer

1905 ein neues Gewand. Von den vielen Veranstaltungen, die dem Wismar'schen

Publikum in diesem Saale geboten wurden, möchte ich dem „Mecklenburger

Dönken" mit dem Dr. Hamann- Schwerin uns 1904 Oktober 22 erfreute, hier einen

Denkstein setzen. Sodann möchte ich die Hauptnummern8 der Konzerte registrieren,

die der Musikverein (seit 1906 Januar unter Leitung des Rechtsanwalts Hans Raspe)

im Laufe des verflossenen Jahrzehnts im großen Sonnensaal gab:

1901 Jan. 16 (167.) Konzert): Hutter, Lanzelot.

1901 März 28 (168.): Brahms, Ein deutsches Requiem.

1901 Nov. 14 (169.): Schumann, Neujahrslied.

1902 April 3 (170.): Bruch, Odysseus.

1903 Jan. 15 (171.): Händel- Chrysander, Debora.

1904 Febr. 9 (172.): Verdi, Requiem.

1904 Mai 10 (173.): Schumann, Spanisches Liederspiel.

1905 Jan. 17 (174.): Bruch, Lied von der Glocke.

1905 Mai 5 (175.): Metzdorff, Frau Alice; Jensen, Adonisfeier.

1906 April 5 (176.): Brahms, Ein deutsches Requiem.

1906 Dez. 13 (177.): Gade, Erlkönigs Tochter.

1907 April 11 (178.): Mendelssohn, Paulus.

1907 Dez. 17 (179.): Selle, Chöre a. d. Braut von Messina.

1908 April 8 (180.): Koch, Von den Tageszeiten.

1908 Juni 18 (181.): Selle, Chöre a. d. Braut von Messina.

1909 Nov. 12 (182.): Arnold Mendelssohn, Paria.

1910 Febr. 16 (183.): Schumann, Paradies und Peri.

1910 Mai 26 (184.): Schumann, Der Rose Pilgerfahrt.

Schließlich sei hier noch der apologetischen Vorträge gedacht, die, von der

Wismar'schen Geistlichkeit veranstaltet, seit dem Winter 1907/08 im Sonnensaal

stattfinden. Redner an diesen Abenden waren: Professor Dr. Grützmacher- Rostock,

Lic. Dr. Rump- Bremen, Geh. Oberkirchenrat D. Bard- Schwerin, Professor D.

Walther- Rostock u. a. Von dem Karseboom'schen Hause Nr. 17 wurde 1904 Juli die

alte Giebelwand heruntergenommen und mit dem Ausbau dreier Stockwerke

begonnen, die hinter zehn großen Schaufenstern die Verkaufs- und Lagerräume

enthalten. Die Hinstorffsche Hofbuchhandlung beging 1906 Sept. 2 die Feier ihres

75jährigen Bestehens. Sie wurde von dem (1882 Aug. 10 verstorbenen)

Kommerzienrat D. C. Hinstorff im Jahre 1831 in Parchim begründet; das

Hauptgeschäft wurde dann 1849 nach Wismar verlegt. Die Teilung der Geschäfte -

Verlag, Sortimentsbuchhandlung und Buchdruckerei mit Zeitungsverlag - erfolgte im

Jahre 1880; die veränderte Firma „Eberhardtsche Hof- und Ratsbuchdruckerei"

datiert seit 1890. In den Besitz der letzteren ging durch Kauf 1904 Juli auch die

lithographische Anstalt und Steindruckerei des Lithographen Bremer über, der

seinen Wohnsitz von hier verlegte. Redakteure des Mecklenburger Tageblatts

waren: Ottomar Enking (seit 1899) bis 1903 Dez. 31; Karl Langeheine bis 1908 Juni.

25; seither Otto Söffing.

Das gegenüberliegende Geschäftsgebäude der Vereinsbank wurde 1904 einem

völligen Durchbau unterzogen. Durch Einbau von Bogenfenstern in der unteren

Etage und durch verzierende Giebelaufsätze hat es gegen das frühere schmucklose

Gebäude bedeutend gewonnen. Eine weitere Vergrößerung der Geschäftsräume ist

für das kommende Jahr 1911 geplant; zu diesem Zweck erwarb die Bank bereits im

Jahre 1908 die anstoßenden Grundstücke hinter dem Rathause 8, 10 und 12, die sie

zur Zeit noch vermietet hat. Direktoren der Bank sind seit 1903 April 1 Fenger und

Simonis; vordem Müller und Frege (letzterer noch bis Ende 1903).

Ein wesentlich verändertes Aussehen bekam die Straße Hinter dem Rathause ferner

durch den im Jahre 1904 Febr. erfolgten Abbruch des Westphal'schen Hauses -

wiederum eines alten Backhauses, das schon das Stadtbuch von 1680 als solches

aufführt - an der Ecke der Altböterstraße. Das Grundstück wurde von der Stadt angekauft,

um die gerade hier wünschenswerte Verbreiterung der Straße - als

Hauptverkehrsstraße zum Bahnhofe - zu ermöglichen. Die durch den Abbruch

freiwerdende Grundfläche wurde 1903 Nov. 5 zu zwei Bauplätzen verkauft; auf ihnen

erheben sich die Häuser Hinter dem Rathause Nr. 1 und Altböterstraße Nr. 2. Die

Verbreiterung, die die Straße hier erfuhr, beträgt an ihrem oberen Ende ca. 2 1/2

Meter.

Auch der nach der Altböterstraße zu belegene Teil der Diebsstraße hat eine

bemerkenswerte Veränderung erfahren. Die beiden altersschwachen Behring'schen

Speicher, von denen das Dach bereits eingefallen war, wurden samt dem kleinen

Jost'schen Wohnhause - damals dem einzigen in der Straße - gleichfalls im Jahre

1904 abgerissen und an ihrer Stelle die Wohnhäuser Nr. 1, 2, 3 und 4 erbaut.

In der Altwismarstraße wurde das, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit der Mitte des

16. Jahrhunderts zuzuschreibende, früher der Frau Köster - Ravensruh gehörige

Haus Nr. 12 im Jahre 1909 einem Um- bzw. Neubau unterzogen. In der Außenwand

des abgebrochenen Flügels befanden sich drei gebrannte Formsteine. Zwei davon,

ein Pilasterstück mit Engelskopf und ein Medaillonstein mit Frauenkopf im

Lorbeerkranz, sind genau dieselben, wie sie beim Bau des Fürstenhofs im Jahre

1553/54 verwandt wurden und noch jetzt vorhanden sind. Außerdem war noch ein

Formstein mit dem Vogel Greif vorhanden. Die Steine sind in der Rückwand des

Hauses wieder eingemauert worden. Das Haus war - ebenso wie die Nachbarhäuser

- ehedem ein Brauhaus; seine ursprüngliche Bestimmung war noch deutlich erkennbar.

Auch das angrenzende Haus Nr. 10, bis 1909 im Besitz der von Plessen'schen

Erben, hat durch Umbau ein wesentlich anderes Gepräge erhalten.

Die H. C. H. Hammer'sche Cichorienfabrik wurde 1910 Nov. 12 durch Großfeuer

stark beschädigt. Das Wohnhaus blieb unversehrt. Das ehemalige Baumeister

Thormann'sche Grundstück an der Ecke der Bauhofsstraße erwarb die Stadt 1902

Sept. 9 zwecks Verbreiterung der Einfahrt beim Altwismartor. Der sofortige Abbruch

des alten Teiles (Eckflügels) des Hauses wurde auf dringlichen Antrag des Rats in

einer außerordentlichen Sitzung des B.-A. Sept. 26 beschlossen, sodaß die breitere

Einfahrt bereits Nov. 12 dem Verkehr übergeben werden konnte. Der stehen

gebliebene Teil des Hauses wurde - was auch schon in den B.a.W.V. erwähnt ist -

zur Offiziersmesse umgebaut. Die Einweihung derselben fand 1903 Febr. 13 durch

ein Festmahl statt, an dem außer den hiesigen Offizieren auch frühere Angehörige

des Bataillons, Mitglieder des Rats usw. teilnahmen.

Der Gefangenturm wurde 1907 Juni 10 während eines abends gegen 9 Uhr

heranziehenden schweren Gewitters von einem sogenannten kalten Schlage

getroffen, der einen Teil des Daches abdeckte, dann ins Innere ging und die meisten

Zellenwände durchlöcherte. Balken von 10-12 Zoll Stärke wurden an den Enden

zersplittert. Die unter dem Dache nistenden Stare wurden vom Blitz erschlagen und

samt ihren Nestern auf die Straße geschleudert. Zum Glück fing das am Turm

vorhandene Schutzgitter die meisten der massenhaft heruntergefallenen Ziegel auf.

Die Renovierungsarbeiten begannen Mitte Juni und zogen sich bis in den August

hinein. Sie gestalteten sich ziemlich umständlich, da auch im Innern des Turms ein

Gerüst aufgerichtet werden mußte. Die Turmstraße war während dieser Zeit nach

der Großschmiedestraße zu durch einen Bretterzaun gesperrt. Das Dach des Turms

wurde in seiner ursprünglichen Bauart wieder hergestellt.

Von den Neubauten an der Großschmiedestraße mag der des Hauses Nr. 12 (vom

Jahre 1904) erwähnt werden, weil damit wohl eins der altersschwächsten Häuser

unserer Stadt von der Bildfläche verschwunden ist.

In der Turmstraße sind an der Westseite im Laufe des verflossenen Jahrzehnts etwa

ein Dutzend neuer Häuser entstanden. An ihrer Stelle lagen Pertinenzien der

Großschmiedestraße bzw. der Schatterau.

An der Bergstraße, deren rechte Straßenfront bis dahin der Ratsdiener

Krickebergsche Garten (zu dem Hause Schatterau 16 gehörig) einnahm, wurde

1904 Mai 31 mit den Fundamentierungsarbeiten zu

einem großen dreistöckigen Hause begonnen, das auf der Stelle dieses Gartens

steht. Das Krickebergsche Wohnhaus wurde Okt. 1907 durch- und umgebaut. Die

linke Seite der Bergstraße wurde bereits im Jahre 1900 bebaut, nachdem der Dr.

Renneckesche Garten (der mit dem Krickebergschen zusammenstieß) von der

Schatterau nach der Turmstraße als neue Straße („Bergstraße" 1899 Dez. 19)

durchbrochen war.

Weiter hinauf, wo die Turmstraße in die Schatterau einmündet, ist der letzte Rest der

Stadtmauer nun ebenfalls verschwunden. Mit dem Abbruch wurde 1909 März 25

begonnen. „Diese Ecke," schreibt der Berichterstatter des M. T., „mit dem Gebüsch

nach dem früheren Stadtgraben zu, war der Schlupfwinkel vieler Singvögel, da diese

hier vollständig ungestört waren". Auf der Stelle dieses Mauerrestes stehen die

Häuser Turmstraße Nr. 72 u. 74 (anstoßend an Schatterau Nr. 34).

Bei der Klosterkirche und an der Ecke der Mecklenburgerstraße sind auf dem Platze

des wail. Tierarzt Metelmannschen Grundstücks Ende dieses Jahres (1910) vier

neue Häuser erbaut. Die Straße bei der Klosterkirche, die noch vor garnicht langer

Zeit aus lauter alten Barakken bestand, ist jetzt ganz modern geworden. Zur

Verbreiterung der Leiste wurden aus dem Grundstück zirka 1,40 Quadratmeter von

der Stadt angekauft (B.-A.-S. v. 14. Juni 1910).

Das Stadttheater wurde auf Betreiben der Stadtkämmerei zu Anfang des Jahres

1904 mit Rücksicht auf die Feuergefährlichkeit bei einem ausbrechenden Brande

untersucht. Veranlassung gab hierzu wohl in erster Linie das furchtbare

Theaterbrandunglück in Chicago (1903 Dez. 30). Die seitens der Sachverständigen

vorgeschlagenen Maßregeln erforderten einen Kostenaufwand von zirka 4.800 Mark,

die der B.-A. Febr. 18 außeretatmäßig bewilligte. Gemäß diesem Beschlusse wurde

Juli 1904 an dem Gebäude eine große Nottreppe angebracht, die in die

Kleinschmiedestraße mündet. Die für das Galeriepublikum bestimmte Nottreppe

führt jetzt nach beiden Seiten auf den Vorbau, welcher mit einem Schutzgitter

versehen ist.

Eine Heißwasserheizungsanlage erhielt das Schauspielhaus Ende 1904, elektrische

Beleuchtung Jan. 1910.

Die Direktion Knapp-Girard, die unser Stadttheater seit 1889 innehatte"', gab ihre

Abschiedsvorstellung 1901 Jan. 18; sie siedelte von hier zu ständigem Aufenthalt

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9 Der Garten gehörte zu dem Hause Großschmiedestraße Nr. 9. Sein Bretterzaun

schloß bis zum Jahre 1899 die Schatterau da ab, wo sich jetzt die Bergstraße öffnet.

10 Seit 1886 spielte die Knapp-Girardsche Gesellschaft im Tivoli

nach Beuthen über. Nachfolger Hans Knapp's wurde im Jahre 1902 Hans Polte"),

der sich bereits 1901 März 3-30 mit einer Monatsoper in Wismar eingeführt hatte.

Die Spielzeiten der folgenden Jahre waren:

1902 Jan. 5 bis März 21; Dez. 26 bis 1903 April 3;

1904 Jan. 10 bis März 25; Sept. 5 bis Okt. 8 (Vorsaison);

1905 Febr. 5 bis April 14; Sept. 17 bis 30 (Vorsaison);

1906 Febr. 2 bis April 6; April 16 bis Mai 13 (Monatsoper); Sept. 16 bis Okt. 5

(Vorsaison);

1907 Jan. 20 bis März 22;

1908 Jan. 19 bis April 11; Sept. 1 bis 27 (Vorsaison); Nov. 22 bis 1909 Jan. 31;

1910 Jan. 16 bis März 19.

Außerdem fanden Febr./März 1903 mehrere Opernmatineen (Mittagskonzerte),

sowie im Sommer 1903 und 1904 eine Reihe Gastspiele der Direktion Polte (von

Schwerin aus) statt.

1909 April 12 bis Mai 9 gab die Direktion des Rostocker Stadttheaters mit ihrem

Personal hier 25 Opern- und Operettenvorstellungen. Leider scheiterte eine

Wiederholung dieser mit großem Beifall aufgenommenen Monatsoper im nächsten

Jahre an dem Widerstande des Bürgerausschusses.

Von Wismarschen Einwohnern und Einwohnerinnen wurde ferner 1909 Nov. 29 bis

Dez. 9 (achtmal) Beyer's „Ut de Preußentid" und 1910 Nov. 6-19 (sechsmal)

Wolffs „Ut de Franzosentid" auf der Büh ne unseres Stadttheaters aufgeführt,

ersteres als Wohltätigkeitsvorstellung vom Frauenbildungsverein (unter Leitung des

Herrn C. Kammeyer - Schwerin), letzteres zur Reutergedenkfeier vom Verfasser,

Oberregisseur Wolff - Schwerin arrangiert. Am 24. und 27. Nov. 1910 fand die

Aufführung von „Unkel Bräsig" unter Leitung des Hofschauspielers a. D. Arndt -

Schwerin zum Besten des Kirchenheizungsfonds durch Schweriner Dilettanten statt.

Die Nummerierung sämtlicher Plätze im Schauspielhause (mit Ausnahme der

Sitzbank im Stehparterre) datiert vom Jahre 1906 (B.-A.-S. v. 4. Mai).

Aus der Leitung des Kaiserlichen Postamts schied 1909 Mai 1 Postdirektor

Trutschel. Sein Nachfolger ist Stein.

Mit der unterirdischen Kabellegung in der Stadtfernsprecheinrichtung wurde 1903

Okt. 12 begonnen. Die Eröffnung des Fernsprechbetriebes in Wismar überhaupt

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11Gest. 1910 März 10.

datiert, um das hier nachzutragen, von 1891 Nov. 1. Die Zahl der Anschlüsse betrug

damals einige dreißig; nach dem Teilnehmerverzeichnis vom Januar 1910 rund 360.

Die Posthalterei hat seit 1907 Dez. 14 die Speditionsfirma Carl Longuet.

Der Wetterkasten am Postgebäude wurde 1906 Juli 28 angebracht, nachdem der B.-

A. Juni 26 für den Aushang der Wettertelegramme während des Sommerhalbjahres

18 Mark und für ein Abonnement auf die Wetterkarte 8 Mark bewilligt hatte.

Der Neue Club (Mecklenburgerstraße Nr. 3) wurde - was in B.a.W.V. nicht erwähnt

ist - 1882 Jan 18 begründet. Das Haus (bis dahin dem Medizinalrat Dr. Sthamer

gehörig) erwarb er 1887. Der Vorschußverein (Nr. 1) besteht seit 1876 Juli 12. 12

Das Bild unseres Marktplatzes hat sich dadurch verändert, daß das alte Krullsche

Haus (Nr. 9) an der Ecke des Salzfäßchens verschwunden ist. Es wurde Febr. 1906

abgebrochen, um einem Neubau Platz zu machen. Das Haus war, wie man beim

Niederlegen deutlich erkannte, aus einer der im 14. oder 15. Jahrhundert hier

errichteten Verkaufsbuden entstanden; die Budenfront war im Innern noch

vorhanden. Man hatte die alte Verkaufsbude durch einen Vorbau nach dem Markte

und einen Anbau nach dem Salzfäßchen zu vergrößert, den Dachfries aber entfernt.

Das angrenzende Haus Nr. 10, das durch den Abbruch freigelegt wurde, besteht

ebenfalls aus einer solchen Bude mit dem Vorbau nach dem Markte. Der schöne

Vierpaßfries war an ihm noch vorhanden und nach Niederlegung des Krullschen

Hauses sichtbar.

Die Fassaden des Rathauses wurden 1909 renoviert. Über dem Haupteingange

unterhalb des Altans wurde März 1906 der Stein mit der Inschrift „Robur prinipis

estfides civium. Anno 1688" eingemauert, der sich früher am Mecklenburgertore und

seit dessen Niederlegung an dem Mauerpfeiler links beim Ausgange des Tores

befand.

Im Innern des Rathauses wurden im westlichen Teile des Dachgeschosses 1908/09

neue Räume für das Stadtbauamt eingerichtet, das bis dahin in dem Schulgebäude

an St. Georg untergebracht war. Dieselben wurden 1909 März 30 bezogen. Den

Plan, die Räumlichkeiten für das Stadtbauamt durch Einziehung des Ratskeller-

Restaurants zu gewinnen (B.-A.-S. v. 23. Jan. 1908),

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12 Ein Vorschußverein nach Schultze-Delitzschem Muster wurde bereits 1861 in

Wismar errichtet; derselbe ging jedoch 1868 in eine Aktiengesellschaft und 1871

dann in ein reines Bankinstitut über: die heutige Vereinsbank.

hatte man glücklicherweise fallen lassen.

Erwähnt mag hier noch sein, daß die Stadt durch das Vermächtnis des wail.

Gutsbesitzers Briesemann auf Brookhusen in den Besitz einer Reihe wertvoller

Gemälde gelangte, die seither das Rats-, Kämmerei-, Hebungs-, Bürgerausschußund

andere Zimmer des Rathauses schmücken. Zwecks Besichtigung dieser

Gemälde war dem Publikum der Zutritt zu den genannten Zimmern an den

Sonntagen vom 24. November bis Weihnachten 1901 zu bestimmten Stunden

freigegeben. Ein Gemälde des Malers Wallot, das den dänischen Flottenführer Peter

Dene 1358 in Gefangenschaft auf einem Wismarschen Hanseschiff darstellt, erwarb

der Rat im Jahre 1909 (B.-A.-S. v. 2. Febr.).

Das Haus an der Ecke des Marktes und der Großschmiedestraße, das sich (mit

ganz kurzer Unterbrechung) über 60 Jahre im Besitz der Hinstorffschen Familie

befunden hatte, erwarb 1910 April 1 Bäckermeister Oldenburg. Das in diesem Hause

betriebene Hinstorffsche Verlagsgeschäft, das seit dem Tode des Kommerzienrats

Hinstorff (1882) für Rechnung der Hinstorffschen Erben weitergeführt ward, ging

1907 Jan. 1 durch Kauf in den Besitz der Herren O. Heidmüller und Fr. Blanck über.

Dasselbe befindet sich jetzt Dankwartsstraße 47.

Im Hotel Stadt Hamburg wurden die Restaurationsräume im Jahre 1905 neu

hergerichtet. „Durch das neu eingebaute große Fenster flutet das Tageslicht in den

großen Raum und erhellt ihn im Gegensatz zu früher bis zur tief zurückliegenden

Hinterwand." (M. T. v. 31. Aug. 1905.) Pächter des Hotels ist seit 1905 Mai 1

Hoftraiteur Th. Martens. Sein Vorgänger war Schwepke, der es seit 1893 hatte.

Besitzer des Hotels war nach Bock jun. Svenderop 1888-1892, dann kurze Zeit

Hosmann.

Die beiden Kandelaber für die elektrischen Bogenlampen auf dem Marktplatze

wurden 1904 Okt, aufgestellt. Gleichzeitig wurden - um das gleich hier zu erwähnen

- die Bogenlampen auf dem Hopfenmarkt, vor dem Altwismartor und vor dem

Poelertor errichtet, während vor dem Lübschen- und Mecklenburgertor erst im

Sommer 1908 elektrisches Licht an die Stelle der bisherigen Gasbeleuchtung trat.

Die Kandelaber mit hängenden Gasglühlichtlampen an der Süd- und Ostseite des

Marktplatzes datieren seit 1907 Juli.

Die Aufstellung der Litfaßsäulen, deren sich drei am Markte (vor der Vereinsbank,

bei der Hauptwache und vor der Ratsapotheke) befinden, erfolgte - was in B.a.W.V.

nicht erwähnt wurde - im Herbst 1899. Ihre Gesamtzahl beträgt zehn; außerdem

wurden damals an verschiedenen öffentlichen Gebäuden Plakattafeln angebracht,

wodurch

der früheren Ankleberei an den Wänden zumeist der Eckhäuser erfreulicherweise

ein Ende gemacht ward.

In der Dankwartsstraße hat das alte Drechsler Peterssche Haus (Nr. 6) im Jahre

1905 einem Neubau Platz gemacht, in den auch der daneben gelegene Senator

Wilde'sche Torweg mit hineinbezogen ist.

Die im gegenüberliegenden Wilh. Müllerschen Hause (Nr. 13) befindliche

Volksbücherei wurde 1908 Okt. 1 eröffnet. Sie ist ein Werk der Gemeinnützigen

Gesellschaft, von der weiter unten noch ausführlicher die Rede sein wird. Die

Bücherei weist heute nahezu 1000 Bände auf.

Die Benutzung war schon in den ersten Monaten nach der Eröffnung eine überaus

rege: bis Ende März 1909 wurden 4563 Bücher ausgegeben. Dem Ersuchen der

Gesellschaft auf unentgeltliche Überlassung eines städtischen Lokals für die

Bibliothek konnte leider bisher nicht stattgegeben werden, da ein solches Lokal nicht

zur Verfügung steht. Indessen erhält die Gesellschaft von der Stadt eine jährliche

Beihilfe.

Durchgreifende Veränderungen sind im letzten Jahrzehnt mit der Marienkirche

vorgegangen. Seit langem bestand der Wunsch, das Innere der Kirche möge in

ähnlicher Weise wie das von St. Nicolai und St. Georgen renoviert werden. Dies ist

im Jahre 1903 geschehen.

Für die Renovierungsarbeiten 13 wurde die Idee grundleglich gemacht, der Kirche

ihr ursprüngliches Aussehen (etwa um das Jahr 1400) wiederzugeben. Alle

Wandmalereien aus späterer Zeit, die sich in großer Menge unter der weißen

Tünche fanden, wurden deshalb unberücksichtigt gelassen. Dem Gewölbe des

Chorumgangs, das früher schon einmal renoviert war, doch versehentlich mit der

Rippenverzierung aus späterer Zeit (grüne Blätter, wie noch jetzt in der Sakristei)

wurde das alte Aussehen - einfache farbige Rippen - wiedergegeben.

In der Nordhalle wurden außer der besonders reichen Verzierung des Gewölbes

verschiedene größere Gemälde zutage gefördert, die wiederhergestellt wurden.

Die Kanzel wurde vollständig renoviert, ebenso mehrere Epitaphien. Vor dem Altar

ward ein neues, von Baudirektor Hamann - Schwerin entworfenes und von

Tischlermeister Riedel angefertigtes Lesepult aufgestellt. Das Gestühl erhielt einen

dunkleren Anstrich, desgleichen der Orgelprospekt und die übrigen Holzteile.

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'3 Die nachstehenden Angaben sind größtenteils dem Manuskript einer von Herrn

Pastor Schlettwein verfaßten Chronik von St. Marien entnommen, das der Autor mir

hierfür freundlichst zur Verfügung stellte.

In der Südhalle wurden zwei bunte Fenster eingesetzt; das kleinere derselben wurde

aus früher schon von privater Seite zur Verfügung gestellten Geldern angeschafft;

das größere ist ein Geschenk eines Gemeindemitgliedes. Aus dem Ertrage einer in

der Gemeinde veranstalteten Sammlung konnten außerdem neue, kostbare

Paramente angeschafft werden.

Schon bald nach Beginn der Restaurierungstätigkeit zeigte sich an verschiedenen

Stellen, besonders im Turm und unter dem Orgelchor, ein erhebliches Sinken des

Fußbodens, das durch Einfallen der Särge verursacht war. Bei den hierdurch

notwendig gewordenen Arbeiten stieß man in der Turmhalle auf ein ausgemauertes

Grabgewölbe mit einem für zwei Personen bestimmten Sarge. Die Wände des

Gewölbes, besonders die Westwand, waren beschrieben; an der Ostwand stand der

Spruch Joh. 17, 24. Namen und Jahreszahl waren leider nicht vorhanden.

Im Mittelgang fand man die Verzierungen der Ockel'schen Särge 14; darunter zwei

Platten mit den Aufschriften: „Hier ruht Susanna Friederika Ockel geb. Hahn, geb.

16. August 1757, gest. 16. August 1835. Durch Edelsinn und Rechtschaffenheit

allgemein geschätzt" und „Hier ruht der Kaufmann Herr August Ludwig Ockel, geb.

zu Hohenmisdorff den 22. Januar 1750, gest. zu Wismar den 26. November 1831."

Danach der Spruch 2 Tim. 1, 7 und 8.

Von den Grabplatten wurden einige der am besten erhaltenen schwarz ausgemalt

und an der Wand des Chorumganges aufgerichtet; die schlechtesten wurden ganz

aus der Kirche entfernt.

Mit der Renovierung des Gotteshauses wurde Anfang April 1903 begonnen; beendet

war dieselbe im März 1904. Inzwischen wurden die Gottesdienste der St.

Mariengemeinde in der Heiligengeistkirche abgehalten (1903 April 19-1904 März

13). Am Sonntag Judika, 20. März 1904, fand zum ersten Male wieder Gottesdienst

in der St. Marienkirche statt. Der Predigt dieses Tages, die Superintendent Genzken

hielt, lag das Textwort Jesaja Kap. 33 V. 20-21 zu Grunde: „Schau, Zion, die Stadt

unseres Stifts" usw.

Im Sommer 1904 wurde auch der Umbau der Orgel in St. Marien in Angriff

genommen. Derselbe dauerte von Mitte Juli bis Anfang September; während dieser

Zeit wurde der Gemeindegesang durch ein auf dem Altarplatze aufgestelltes

Harmonium begleitet; außerdem im Hauptgottesdienste durch Posaunen, die der

Stadtmusikdirektor stellte.

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14 Vgl. B.a.W.V. pag. 64 und 107

September 4 konnte die Orgel wieder in gottesdienstlichen Gebrauch genommen

werden. Der Umbau ist das Werk des Orgelbaumeisters Ernst Röver in

Hausneindorf a. Harz. In der B.-A.-S. vom 25. Oktober 1904 teilte der Rat das

Gutachten des Professors Palme, Regierungsorgelrevisors in Magdeburg, darüber

mit. In demselben heißt es: „Das alte berühmte Werk ist neu erstanden und so

umgestaltet, dazu mit allen Errungenschaften der modernen Orgelbaukunst ausgestattet,

daß es einem ganz neuen Werke gleichkommt."

Noch in demselben Jahre wurde eine elektrische Betriebsanlage für das

Orgelgebläse hergestellt, die Dez. 11 zum ersten Male benutzt ward. Damit hat das

Jahrhunderte alte Amt der Bälgentreter, in St. Marien wenigstens, aufgehört.

Von den 9 Glocken, welche im Turm von St. Marien hängen, wurde die drittgrößte,

die sogenannte Wächterglocke, die schon seit längerer Zeit schadhaft war, im Winter

1901/02 durch den Glockengießer Ohlsson in Lübeck umgegossen. Sie wird

zusammen mit zwei anderen beim kirchlichen Festgeläute und bei Beerdigungen, für

sich allein zum Einläuten der gewöhnlichen Gottesdienste benutzt, mit den übrigen 8

Glocken beim Spielen der 32 Choral-Melodien des Glockenspiels gerührt. Am

Sonnabend, 15. März 1902, nachmittags 4 Uhr wurde sie zum ersten Mal geläutet.

In Gegenwart des Senators Lembke, des Pastors Schlettwein, des Musikdirektors

Müller, des Glockengießers Ohlsson u. a. hielt Superintendent Genzken vorher eine

kurze Ansprache über die kirchliche Bedeutung der Glocken und befahl in einem

Gebete die erneuerte Glocke dem Segen Gottes. Der Transport der 1560 kg

schweren Glocke auf das Gestühl, der den Leuten des Schiffsbaumeisters Barmann

übertragen war, gestaltete sich ziemlich schwierig, wurde aber glücklich ausgeführt.

Von dem Dachreiter der Kirche wurde 1902 Januar 16 durch einen heftigen

Südweststurm der Kopf des Wetterhahns abgebrochen und auf die Straße

geschleudert, die glücklicherweise menschenleer war. Am Nachmittage des 18.

Januar wurde der Hahn heruntergeholt, um repariert zu werden. Eine Menge

Menschen sah der recht gefährlichen Arbeit des Herunternehmens zu. Nach

beendeter Reparatur wurde der 24 Pfund schwere Wetterhahn am 21. Januar wieder

auf seiner alten Stelle angebracht.

Beim Gewitter am Nachmittage des 29. Juni 1906 schlug der Blitz in den

Marienkirchtum, ging jedoch, ohne zu zünden, am Blitzableiter in die Erde. Die

Uhrzifferblätter an dem Marienkirchturm wurden 1907 Juni repariert. Die Zifferblätter,

welche sich in einer Höhe von 75 Metern am Turm befinden, haben einen

Durchmesser von 5 1/2 Metern;

die Ziffern haben die Größe von 75 Zentimetern. Wünschenswert wäre es - so

schrieb damals das M. T. - daß an denselben auch ein Minutenzeiger angebracht

würde, um dem Publikum die genaue Zeit anzuzeigen, da der jetzige Stundenzeiger

dies nur sehr undeutlich tut. Leider ist dieser Wunsch bisher nicht erfüllt.

Auch ein anderer Wunsch harrt noch seiner Erfüllung: der nach einem spitzen

Turmhelm auf St. Marien. Zwischen dem Vorstand des Marienturmbauvereins und

dem Stadtbaumeister entspann sich Sept./Okt. 1908 im M. T. eine längere

Kontroverse über diesen Punkt. Während der Stadtbaumeister die Ansicht vertrat, es

müsse das jetzige Stadtbild, das gerade durch seine stumpfen Türme gegenüber

den Bildern aller anderen Ostseestädte eigenartig wirke, unter allen Umständen

erhalten bleiben, wurde seitens des Turmbau-Vereins geltend gemacht, das

Stadtbild imponiere nicht wegen seine stumpfen Türme, sondern trotz ihrer. Nur weil

es seinerzeit an Mitteln zur Wiederherstellung gebrach, seien die Türme von St.

Marien und Nicolai so geblieben, wie sie durch Sturmwind und Wetter zugerichtet

waren. Bei Begründung des Turmbau-Vereins sei daher der leitende Gedanke der

gewesen, daß der Anblick einer herabgekommenen Stadt, den Wismar mit seiner

Turmlosigkeit gegenüber Rostock, Lübeck und Stralsund biete, nicht fortdauern

dürfe, nachdem die Vaterstadt angefangen hatte, sich aus ihrem tiefen Verfall zu

erheben. „Einstweilen" so schließt der Artikel, „sammeln wir weiter."

Auf dem die Kirche umgebenden Platze wurden an der Nordseite im Jahre 1905 die

Gebüsche und Rasenflächen, die nicht mehr zum Schmuck des Platzes beitrugen,

entfernt und der ganze Platz mit Kies bestreut. Nur drei durch Grabplatten kenntlich

gemachte Begräbnisstätten wurden durch ein Gitter zu einem Rasenplatz vereinigt.

Es sind dies die Gräber des Superintendenten Koch (Stifters der Freischule, geb.

1751, gest. 1830), des Kämmereisekretärs J. Völschow (geb. 1754, gest. 1831,

einen Tag vor seinem 50jährigen Amtsjubiläum) und des Fräulein Dorothea Hartwiga

von Bassewitz (geb. 1762, gest. 1829, Tochter des wail. Rittmeisters von Bassewitz

auf HohenLuckow).

Am 6. Juni d. Js., vormittags 10 Uhr, also am Tage - und zu der Stunde - der

Vermählung des deutschen Kronprinzen mit Herzogin Cäcilie von Mecklenburg,

wurden auf diesem Platze zwei Eichen gepflanzt, denen der Name „Kronprinzenund

Kronprinzessinen-Eiche" beigelegt ward. Es waren dabei anwesend Senator Dr.

König, Pastor Schlettwein und der Provisor der Kirche, Bäckermeister Burmeister.

Gepflanzt wurden die Eichen vom Gärtner Nolte.

Die zwischen den beiden Pfarrhäusern befindliche Anlagenfläche wurde 1907 April

mit einem in gotischem Stile gehaltenen schmiedeeisernen Gitter eingefaßt, das von

der Firma Wilh. Müller geschenkt ward.

Vormittagsprediger an St. Marien ist seit 1909 Okt. 1 - wo dem Superintendenten

Genzken unter gleichzeitiger Ernennung zum Konsistorialrat eine

Landessuperintendentur (näheres darüber unten) über tragen ward - Schlettwein

(Nachmittagsprediger seit 1898 Okt. 16, was versehentlich in B.a.W.V. nicht

registriert ward).

Zum dritten Prediger an St. Marien wurde Hildebrandt 1909 Okt. 25 gewählt

(kompräsentiert Rektor Lehnhardt- Dargun und Pastor Ritter- Kirchmummendorf).

Seine Antrittspredigt hielt derselbe Nov. 14. Die Wahlpredigten wurden abweichend

vom Regulativ und wohl zum ersten Mal seit langer Zeit in Wismar, von allen drei

Präsentierten nacheinander am Sonntag, 24. Okt., vormittags gehalten, nachdem

der B.-A. sich in seiner Sitzung vom 19. Okt. hiermit wegen der Dringlichkeit der

Sache im vorliegenden Falle nachträglich einverstanden erklärt hatte, mit dem

Hinzufügen freilich, daß er den Rat nicht für berechtigt halte, solche einseitigen

Dispensationen vom Regulativ vorzunehmen. In früherer Zeit fanden diese Wahloder

Probepredigten übrigens - was hier beiläufig bemerkt sein mag - Mittwochs

statt. Ein Pfarrhaus für den dritten Pastor existiert bis jetzt noch nicht; derselbe hat

eine Mietwohnung inne.

Beim Marienkirchhof (Nr. 6) wurde 1906 Jan. 2 eine Dampf- Wasch- und Plättanstalt

eröffnet. Besitzer derselben ist der Kaufmann Gerlitzky.

Das städtische Musikdirektorhaus hat seit 1905 einen neuen Bewohner: Julius

Müller legte Johannis d. Js. nach 23jähriger Tätigkeit das Amt eines städtischen

Musikdirektors nieder, um nach Eisenach überzusiedeln; zu seinem Nachfolger

wurde Hopsch, bis dahin Kapellmeister des hiesigen Bataillons, zunächst

provisorisch auf drei Jahre, dann definitiv 1908 Juni 27 erwählt.

Über die im Altertumsmuseum aufbewahrten Gegenstände veröffentlichte Dr.

Friedrich Techen in Nr. 268 des M. T. vom 15. Nov. 1903 einen hochinteressanten

Bericht, den ich mit gütiger Erlaubnis des Verfassers hier wiedergebe:

.... Ein Vergleich unseres kleinen Museums mit den großartigen Sammlungen in

Nürnberg, Berlin und München, ja auch nur in Schwerin und Lübeck ist von

vornherein und nach jeder Seite hin ausgeschlossen. Auch nur einzelne Prunkstücke

anzuzweifeln müssen wir uns bescheiden. Trotzdem bergen die engen Räume der

Alten Schule, die eine Aufstellung von Mobilien nicht zulassen, eine ganze Menge

merkwürdiger, lehrreicher und schöner Sachen, und wenigstens um unsere

Kachelsammlung können uns auch größere Museen beneiden.

Wie sich die Stadt etwa vor 300 Jahren mit stattlichen und zahlreichen Kirchtürmen

und Mauertürmen dem herannahenden Wanderer präsentierte, zeigt eine kolorierte

Pause, deren Vorbild sich im germanischen Museum und auch im Besitze eines

hiesigen Sammlers befindet, über der Eingangstür an der Giebelseite. In demselben

Raume zu ebener Erde steht ein Modell des Marienturms, wie er bis 1661 aussah

und wie der Turmbauverein ihn einmal wiederherzustellen hofft. Platzmangel hat

dazu genötigt, auch Modelle verschiedener Entwürfe für das Kriegerdenkmal von

1870 hier, oben auf einem Schranke, unterzubringen, während sonst der Plan ist,

daß zu ebener Erde nur Gegenstände aus dem 15. und 16. Jahrhundert, eine

Treppe hoch solche aus dem 17. und 18. Jahrhundert und jüngere, im Keller größere

Steine und Bauteile ausgestellt werden sollen.

Die Sammlung der Werk- und Baustücke teils in glasierten Ziegelformsteinen, teils in

Sandstein oder auch Kalkguß ermöglicht ein bequemes Anschauen und

Maßnehmen von Friesen und anderen Stücken, die sich sonst, schwer zugänglich,

hoch über der Erde an Kirchen wie an Profanbauten befinden. Andere sind die

letzten Überbleibsel abgebrochener Bauten wie der Graumönchen-Kirche, der

Sühnkapelle, der Lauenbuden. Auch von Fachwerkbauten sind mit Schnitzerei

verzierte Balken und Balkenköpfe gerettet (im Keller), darunter namentlich die von

einem Speicher auf der Neustadt vom Jahre 1575. Von anderen Häusern werden

reich und höchst elegant geschnitzte Fensterpfosten aufbewahrt, von denen einer

mit Bestimmtheit dem Jahre 1560 zugewiesen werden kann. Von den Fenstern sind

wenigstens einige gemalte Scheiben mit Wappen zur Schau gestellt, Scheiben,

womit sich in Vorzeiten Verwandte und gute Freunde zu beschenken pflegten. Auch

schöne Türklopfer sind zu erwähnen, u. a. vom ehemaligen Licenthause in der

Schmiedestraße und vom Schabbelschen Hause (jetzt Kochs Brauerei) auf der

Schweinsbrücke. Endlich stehen Beischlagsteine, wie sie ehemals Steinbänke vor

den Türen wohlhabender Bürger einfaßten, ganz oder teilweise erhalten neben der

Tür oder im Keller. Sie zeigen u. a. die Wappen der Pegel, der Mönnik, der

Eggebrecht.

Aus dem Hausinnern enthält das Museum zwei vollständige Öfen, einen aus blau

gemalten Kacheln aus dem Hause des Landrats Lembke (jetzt Zahnarzt Krüger) in

der Altwismarschen Straße und einen andern aus schwarzglasierten modellierten

Kacheln. Besonders reich aber ist es an einzelnen Formkacheln oder Bruchstücken

davon, die z. T. ihre 400 bis 450 Jahre alt sind. Diese erfordern allerdings ein etwas

genaueres Hinsehen, lohnen es aber auch. Denn es sind wirklich viele sehr schöne

Ornamente darunter, die nachgebildet zu werden verdienten und sich auch zu

Zeichenvorlagen eignen würden. Die Glasur ist unerreicht. Auch alte Kachelformen

und Estrichbelag befinden sich in der Sammlung.

Von Kaminen, um bei den Heiz- und Wärmevorrichtungen zu bleiben, ist ein Fries

und ein Bruchstück aus dem Schabbelschen Hause unten, in einen Rahmen

eingespannt, aufgestellt, oben aber steht ein etwas jüngerer Kaminvorsatz

(covrefeu) aus Messing getrieben. Feuerkiken aus Messing und irdenem Gut, wie sie

die Hökerfrauen früher brauchten ihre Füße zu wärmen, sind mehrere da. Aus

älterer Zeit stammt ein Feuerschapen, von Hinr. Brülwitz laut Inschrift im Jahre 1461

wahrscheinlich für den Heil. Geist gegossen. Er steht unten gleich links beim

Eingange. Solche Schapen waren früher im Chor oder auch in den Hallen der

Kirchen aufgestellt, und es sind mehrfach Stiftungen von Kohlen dafür bezeugt.

Kochgerätschaften sind in recht alten Grapen und Schapen vertreten. Zwei wohl

noch ältere reizende kleine Kuchenformen birgt der zweite Schrank, jüngere in

größerer Zahl stehen oben, darunter ein Abdruck einer prächtigen Tortenform.

Weiteres Küchengerät aus Kupfer und Zinn ist oben auf einem Tische zunächst dem

Giebel vereinigt. Unter den in Schränken verwahrten Porzellan- und Glassachen

aber findet sich manches Stück, das Liebhaber schönen Geschirrs gern ihr eigen

nennen würden. Willkommen, Kannen, Becher und Röhrchen aus dem Besitze

eingegangener Ämter hat namentlich die Kämmerei in ziemlicher Zahl hergeliehen.

Wenig erfreulich ist der Anblick einer Altartafel aus St. Jürgens und eines

Chorgestühls (Levitenstuhls) aus dem schwarzen Kloster, weil sie von einem fast

unglaublichen Vandalismus noch nicht lange vergangener Zeiten zeugen. An den

Chorstuhl lehnt sich ein Überrest der einstigen Rückwand des Thomas-Altars aus

dem schwarzen Kloster, gleichfalls elend mißhandelt. Er läßt aber die sorgfältige

Sauberkeit alter Malerei besser erkennen, als die für eine genauere Betrachtung zu

hoch aufgehängten Altäre, die die rühmenswerte Liberalität des Herrn C. W. Hermes

hat wiederherstellen lassen. Auf der Diele hängen zwei große fast vollständige

Gewölbescheiben, wie deren ehemals zum Schmucke unter den einfachen

Schlußsteinen angebracht waren. Eine dritte Scheibe mit Flügeln, vergoldet wie es

sich gehört, kann man in St. Nicolai sehen. An denen in Marien fehlen die Flügel.

Wehr und Waffen sind durch Panzer vertreten, die einst dem Amte der Rostocker

Schuster zugehört haben. Denn nicht nur die einzelnen mit einem Hause

angesessenen Vollbürger, sondern auch die größeren Ämter als solche mußten sich

Harnische halten. Dazu gehören verschiedene (anderswoher stammende)

Hellebarden. Die Ausrüstung eines Bürgergardisten von 1848 befindet sich oben auf

dem Vorplatze. - Ebenda steht der eine erhaltene Kopf des alten Schweden, der mit

einem Genossen bis vor kurzem die äußersten Ducdalben unseres Hafens zierte,

jetzt aber dort durch eine dauerhaftere Nachbildung ersetzt ist. Über Sinn und Zweck

dieser Köpfe ist man ganz im Unklaren.

Das Gerichtswesen belangt das Richtschwert, mit dem 1799 der Baumannsknecht

Schwarzkopf auf offenem Markte hingerichtet ist. Unter diesem ist ein Halseisen

befestigt, in das Übeltäter eingespannt und so dem Spotte preisgegeben wurden.

Neben Gartendiebe hängte man dabei, um ihr Vergehen anzudeuten, einen Korb.

Die Folterwerkzeuge mag betrachten, wer diese grauenhaften Erfindungen

anzuschauen über sich gewinnen kann. Dem Anblicke entzogen sind eingetrocknete

Hände, wie solche wohl zu den Sagen vom Herauswachsen von Händen aus

Gräbern Anlaß gegeben haben. Sie sind Zeugnisse eines merkwürdigen Brauches.

In grauer Vorzeit konnten Klagen um Mord oder Totschlag bei Gericht nicht

angebracht und der Täter nicht verurteilt werden, wenn nicht zugleich ein

augenscheinlicher Beweis der Tat durch Vorführung des Toten geliefert ward. Da

sich aber, wenn man des Täters nicht gleich habhaft war, der ganze Körper nicht

aufbewahren ließ, so löste man in diesem Falle eine Hand ab, um später damit den

Beweis erbringen und das Verfahren beendigen zu können. Erst im sechzehnten

Jahrhundert gestattete man aus besonderer Gnade und unter Kautelen statt mit der

richtigen Totenhand die Klage mit einer wächsernen.

Auch sonst enthält das Museum noch manches Stück, das Interesse zu erregen

vermag, als alte Geldkisten, kunstvolle Schlösser und Beschläge, Schaffhölzer,

feinste Stickereien, Bauernhauben, Leuchter, Amtsladen, Bilder, Spinnräder u. a., so

daß kaum jemand die Sammlung verlassen wird, ohne wenigstens etwas gesehen

zu haben, das ihn nicht in irgend einer Weise angesprochen hätte ... Zu wünschen

wäre, daß dem Museumsverein durch den Beitritt weiterer Kreise des Publikums

neue Einnahmequellen erschlossen werden. Möge solcher Wunsch, wie er in der

Einleitung zu obigem Artikel zum Ausdruck kommt, auch von dieser Stelle aus ein

Echo finden!

Wandern wir - nunmehr im St. Georgenkirchspiel - die Papenstraße hinunter und

wenden uns an ihrem Ausgange zur Rechten, so mag uns, wenn wir gegen Ende

des Jahres 1900 zuletzt hier gewesen waren, die Gegend fast unbekannt

erscheinen. Freilich das Stück der Stadtmauer vor der jetzigen Neuen Wallstraße (so

seit 1901 Jan. 22) war ja bereits im Jahre 1900 gefallen, und die Bautätigkeit hatte in

dem unteren Teil der Straße (nach der Stavenstraße zu) auch gleich nach

Entfernung der Mauer eingesetzt. Aber außer dem Mauerreste neben dem Hause

Dahlmannsstraße Nr. 27 (früher Nr. 12) stand damals doch noch das Stück

zwischen der Stavenstraße und dem Hof der Mädchenvolksschule, und vor allem

sah es an der oberen Neuen Wallstraße (von der Dahlmannsstraße her) wenig

anmutig aus.

Die hier befindliche, zur Auffahrt von Wagen dienende „Wüste Stelle" nebst dem

angrenzenden Terrain konnte für die Bebauung vorerst nicht in Frage kommen, weil

die Verhandlungen der Stadtkämmerei mit den Grundnachbarn (an der Baustraße)

resultatlos verliefen. Erst im Mai 1905 gelang es, durch Ankauf des Grundstücks des

Bauleuteältesten Peters an der Baustraße (mit Scheune an der Neuen Wallstraße)

das Haupthindernis zu beseitigen, und nun stand der Verlängerung der Neuen

Wallstraße bis zur Dahlmannsstraße wesentlich nichts mehr im Wege.

Der planmäßige Ausbau der Straße erfolgte indessen erst im Jahre 1906, nachdem

der B.-A. das hierauf bezügliche Projekt, sowie den Verkauf von neun Bauplätzen

mit den darauf stehenden Bauten März 20 d. J. genehmigt hatte. Die öffentlich

meistbietende Versteigerung dieser Bauplätze fand Aug. 1906 statt, und noch in

demselben Monate wurde auch mit dem Abbruch des vorhin erwähnten Mauerrestes

neben dem Hause Dahlmannsstraße. 27, sowie des hinter der Stadtmauer

belegenen Armenhauses begonnen. In der Folge entstanden die neuen Häuser hier

schnell, und zu Ende des Jahres 1907 waren Neue Wallstraße und

Dahlmannsstraße vereinigt.

Der Abbruch des 1900 noch stehen gebliebenen Stückes der Stadtmauer von der

Stavenstraße bis zum Hofe der Mädchenvolksschule wurde 1901 Febr. 26 vom B.-A.

genehmigt. Vorhanden ist die Stadtmauer heute noch längs dieses Hofes, sowie -

wohl in ihrer ursprünglichsten Gestalt - an einem Teile der Wallstraße oberhalb des

Gartens des Lindenhofs. Die Balustrade, die heute die Neue Wallstraße gegen die

Promenade abgrenzt, wurde übrigens aus den Steinen der alten, hier

abgebrochenen Mauer aufgeführt.

An der Ulmenstraße ist das Zeughaus, das seit 1848 als Wollmagazin diente, dieser

Funktion im Jahre 1904 enthoben, nachdem 1903 Juni 27 der letzte Wollmarkt in

Wismar abgehalten war. Das Haus wurde in dem genannten Jahre 1904 zu einem

Lagerhause (Kornspeicher) hergerichtet und Okt. 1904 in mehreren Abteilungen

erstmalig auf ein Jahr an hiesige und auswärtige Kaufleute vermietet. Da nur eine

Durchfahrt vorhanden war und somit die Ab- und Zufuhr für die verschiedenen

Getreidelager nicht gleichzeitig erfolgen konnte, wurde

an der nördlichen Seite ein elektrischer Aufzug erbaut. Bei dem Umbau wurde auch

eine Treppe weggenommen, über welche einst die Schweden die Pulverwagen

hinauffuhren ...

In der unteren Lübschenstraße ist der aus dem Jahre 1907 stammende Neubau des

Eckhauses zur Neustadt - früher dem Tierarzt Schütz gehörig - zu erwähnen, da

durch das Zurücklegen seiner Front nach der Neustadt zu die Leiste dort um

mehrere Fuß breiter ward. Ebenso ist an der Ecke der Neustadt und Heide anläßlich

des dort, gleichfalls im Jahre 1907, ausgeführten Neubaues eine besondere

Passage geschaffen.

Das eben genannte alte Schütz'sche Haus erlitt übrigens knapp zehn Jahre vor

seinem Abbruch noch eine arge Beschädigung durch ein Ereignis, das bereits in den

B.a.W.V. hätte erwähnt werden sollen: 1898 Jan. 31 wurde der Giebel der

Heiligengeistkirche vom Sturm umgeworfen und teils auf die Straße, teils auf das

gegenüberliegende Schützsche Haus geschleudert. Die Ankerbalken waren verfault.

Das Innere der Heiligengeistkirche wurde im Winter 1901/02 erneuert. Auf Kosten

des Herrn C. W. Hermes, der sich früher schon durch Stiftung eines Kruzifixes und

zweier Altarleuchter, sowie durch die Renovation der Prozessionsleuchter um den

Schmuck der Kirche verdient gemacht hatte, erhielten die bisher mit weißer Tünche

überzogenen Wände den gleichen ziegelroten Anstrich wie die der andern Kirchen.

Die Arbeit war zum Teil recht mühsam, da die Tünche stellenweise in sieben bis acht

Lagen übereinander an der Mauer saß. Unter der Tünche fand man einige

Malereien, die z. B. einen Bischofshut, ein Wappen usw. darstellten; sie waren aber

der Erhaltung nicht wert und sind deshalb überstrichen worden. Nur die

Weihekreuze, die entdeckt wurden, ließ man bestehen und malte sie nach.

Sodann wurde der schöne Pfeiler am Eingang der Nebenkapelle, der bis dahin - wie

die ganze Kapelle - durch einen häßlichen Holzverschlag den Blicken entzogen war,

wieder freigelegt. Der Plan einer Restaurierung auch dieser Kapelle, sowie einer

Heizungsanlage für die Kirche wurde leider nicht ausgeführt.

Das Schulhaus beim Heiligen Geist15 wurde im Jahre 1908 mit einem

Kostenaufwande von zirka 45.000 Mark zur Ingenieur-Akademie umgebaut,

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15 Dasselbe diente bis zur Vollendung des neuen Gebäudes der Knabenvolksschule

(Ostern 1905) den Zwecken dieser. (Über seine frühere Verwendung vgl. B.a.W.V.

pag. 46 f.). Dann stand es eine Zeit lang leer. Zuletzt waren zwei Klassen der

Knabenbürgerschule darin untergebracht.

nachdem der B.-A. die Begründung einer solchen durch den Direktor Schmidt (bis

dahin zu Friedberg in Hessen) 1908 April 29 genehmigt hatte. Die Arbeiten

begannen im Juli d. J. Der Kapellenanbau an der Heiligengeistkirche wurde als

Lesehalle für die Akademie hergerichtet; der Hof, der sehr zum Nachteil seiner

Wirkung etwa vor einem Jahrzehnt durch Niederlegung von Buden und Torweg

gegen die Neustadt hin weit geöffnet war, wurde wiederum durch Errichtung einer

neuen Bude und eines neuen Torweges geschlossen. „Der malerische Eindruck des

Ganzen hat," so heißt es in dem Bericht über die Verwaltung der Stadt im Jahre

1908, „dadurch unzweifelhaft sehr gewonnen, und man kann jetzt um so lieber jeden

Fremden auf dies Idyll aufmerksam machen." Mit einem monumentalen laufenden

Brunnen wurde der Heiligegeisthof im Jahre 1909 geziert. Die Vorträge und

Übungen an der neuen Akademie begannen 1908 Okt. 26. Die Ingenieur-Akademie

erhält von der Stadt außer den erforderlichen Unterrichts- und Verwaltungsräumen

nebst Inventar, Feuerung, Wasser und Wartung eine Barsubvention, welche für das

erste Jahr 9.000 Mark, für das zweite und dritte je 8.000 Mark, für das vierte und

fünfte je 7.000 Mark beträgt. Wenn die Anstalt fünf Jahre bestanden hat und die Zahl

der Studierenden während der letzten beiden Semester durchschnittlich 150 nicht

erreicht hat, so steht dem Rat das Recht zu, das gesamte Vertragsverhältnis zu

kündigen. Im laufenden Semester (WS 1910/11) beträgt die Zahl der Hörer an der

Akademie 115.

An der St. Georgenkirche wurde im Sommer 1904 ein größerer Bau ausgeführt. Es

wurden zunächst die Fachwerkwände, mit denen man beim Neubau der Kirche im

15. Jahrh. diese Kreuzkirche gegen den alten Teil (Ostchor) provisorisch

abgeschlossen hatte, herausgenommen und durch massive ersetzt. Sodann wurde,

nachdem man sich definitiv entschlossen hatte, den Ostchor nicht im Sinne des

ursprünglichen Planes in gleicher Höhe und Breite mit dem Hauptschiff auszubauen,

sondern in seiner alten Gestalt zu belassen, derselbe anstelle der Mönchsziegel mit

Kupferdachung versehen" und statt des Walmdaches im Osten ein Giebel

hochgezogen. Endlich wurde die beiden fehlenden Strebebögen an der Südostseite

hinzugefügt. Die Sakristei erhielt im Herbst 1904 den Schmuck dreier bunter

Glasfenster.

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16 Die Arbeit wurde von Ruperti-Lübeck, einem geborenen Wismarer, ausgeführt

Der Gottesdienst für die Georgengemeinde fand während der Renovierungsarbeiten

(Mai 8 - Sept. 11) in der Heiligengeistkirche statt. Das Modell eines Turmes für die

St. Georgenkirche wurde 1909 Febr. 27 im Audienzsaale des Rathauses ausgestellt.

Dasselbe ist vom Baudirektor Hamann - Schwerin angefertigt. Der neue Turm ragt

hoch und schlank, etwa um das Doppelte der jetzigen Gesamthöhe der Kirche,

empor. An jeder der vier Ecken des zwei Etagen hohen Turmaufsatzes befindet sich

je ein erkerförmig ausgebautes rundes Ecktürmchen, in deren Mitte sich dann der

spitze Turmhelm stark verjüngend erhebt.

Die Vorgeschichte dieses Projekts ist zwar im großen und ganzen allgemein

bekannt; es dürfte jedoch verlohnen, sie noch einmal im Zusammenhange

wiederzugeben. Im 15. Jahrhundert - so ließ sich der „Rost. Anz." anläßlich der

Ausstellung des Modells März 1909 aus Wismar schreiben - wurde die hiesige St.

Georgenkirche im Kathedralstil erbaut, sie blieb aber unvollendet. Die traurigen

Zeiten des 30jährigen Krieges und die darauffolgende Schwedenzeit machten selbst

eine Ausbesserung der unvollendeten Kirche unmöglich. Der zunehmende Verfall

des durch seine schlanken und mannigfaltigen Formen so interessanten Baues

veranlaßte den im Jahre 1765 verstorbenen Ratsverwandten David Joachim Wulff,

in seinem Testamente sein ganzes Vermögen nach Abzug einiger Legate zum

Nutzen und zur Zierde der St. Georgenkirche zu vermachen. Die Zinsen sollten gesammelt

und nach und nach zur Kupferbedachung usw. verwandt werden. Erst nach

Jahren war so viel Kapital gesammelt, um die Hochkirche mit Kupfer zu decken,

später geschah es auch mit den Seitenschiffen. Da inzwischen auch andere

Personen der Kirche etwas vermacht hatten, konnte der Altar renoviert werden. Im

Jahre 1886 war das Wulffsche Stiftungskapital auf 230.000 Mark angewachsen, von

dem mit Zustimmung der Regierung 60.000 Mark zur Renovierung der Kirche

einschließlich Orgelbau verwandt werden konnten. In den Jahren 1887 bis 1889 fand

die Renovierung der Kirche und der Orgelbau statt. Für den Chorbau waren 100.000

Mark ausgesetzt. Ein von fachmännischer Seite abgegebenes Urteil veranlaßte die

Verwalter des Wulffschen Testamentes jedoch, von dem Neubau des Chores

abzusehen und mit Zustimmung der Regierung eine größere Summe zur Ausbesserung

des alten Chores zu verwenden. Schon damals hegte man die Hoffnung,

daß die Verwaltung der Wulffschen Stiftung und die Regierung ihre Zustimmung zur

Verwendung des gesammelten Kapitals zum Bau eines Turmes geben würden,

dessen Bau unsere Vorfahren vor 500 Jahren beabsichtigten, aber nicht vollendeten.

Diese Hoffnung scheint jetzt in Erfüllung zu gehen. Nachdem durch fachmännische

Untersuchung festgestellt war, daß das Fundament des Turmes, das 1404 gelegt

wurde, fest und sicher ist und die dicken Mauern die Last eines Turmes tragen

können, ersuchte die Verwaltung der Wulffschen Stiftung, die jetzt ein Kapital von

etwa 200.000 Mark besitzt, den Baudirektor Hamann - Schwerin um einen Entwurf

für den Turmbau, der nunmehr vorliegt.

Ob, wie und wann dieser Entwurf zur Ausführung gelangen wird, darüber läßt sich

zur Stunde noch nichts sagen. Wenigstens ist mir nichts darüber bekannt. Qui vivra,

verra...

Vormittagsprediger an St. Georgen ist seit 1903 Sept. 27 Morich. (Pastor Westphal

trat in den Ruhestand und siedelte nach Doberan über.) Zum Nachmittagsprediger

wurde 1903 Nov. 2 Müller, bis dahin Lehrer an der Knabenbürgerschule zu

Schwerin, gewählt (kompräsentiert Rektor Werner - Gadebusch und Oberlehrer

Bruse - Güstrow). Seine Antrittspredigt hielt derselbe Nov. 22.

Von der Leitung des Großherzoglichen Amts trat Drost Freiherr von Ketelhodt 1901

Juli 1 zurück. Sein Nachfolger war Amtshauptmann von Blücher bis 1907 Juli 1;

seither Amtmann von Prollius. Richter am Amtsgericht waren bzw. sind:

Oberamtsrichter Naspe bis 1906 Jan. 9 ( i )

Amtsgerichtsrat") Martens bis 1907 Mai 7 (t)

Oberamtsrichter Paepcke bis 1904 Okt. 2 (t)

Amtsgerichtsrat Lindig seit 1905

Amtsgerichtsrat Rathsagg seit 1906

Amtsrichter Dr. Lange seit 1907

Das zwischen Bliedenstraße und Baustraße an der Dankwartsstraße belegene alte

Schlachtermeister Diedrichs'sche Haus mit Stallung wurde Jan. 1908 abgerissen,

um zwei stattlichen Neubauten Platz zu machen. Das Trottoir wurde dadurch

wesentlich - beinahe zu wesentlich - verbreitert. Beim Abbruch des Hauses wurde

über dem Hauseingang ein Mauerstein gefunden, der die Inschrift „Doctor Martin

Lutter 1602" trug. Dem Aussehen nach mußte die Inschrift vor dem Brennen

eingefügt sein. In demselben Bau wurde beim Ausschachten eine Bombe gefunden,

die noch mit Pulver angefüllt war. Das Geschoß hatte ein Gewicht von zirka 50

Pfund und war am Kopfende mit Ösen zum Tragen versehen. Das vorgefundene

Pulver hatte die Zündkraft noch nicht verloren, wie vorgenommene Versuche

ergaben.

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17 Den Titel erhielt M. (anstelle des bisherigen „Oberamtsrichter") als erster in

Wismar 1906 Jan. 26.

Der Rest der Stadtmauer links am Ausgange des Mecklenburger Tores fiel, zugleich

mit dem an dieser Ecke belegenen, dem Kaufmann Ehlers gehörigen Hause und

Speicher, im Jahre 1905, nachdem der Kaufvertrag zwischen der Stadtkämmerei

und dem Bauunternehmer Scharff betreffend die Überlassung der Stadtmauer Sept.

19 vom B.-A. genehmigt worden war. Die Platte mit der Inschrift Robur principis

usw., die sich bis dahin noch dort befand, wurde, wie schon erwähnt, über dem

Haupteingange des Rathauses wieder angebracht. Mit dem Abbruch der Mauer und

der alten Gebäude ward Sept. 23 begonnen. Auf ihrer Stelle stehen heute die

Häuser Dankwartsstraße Nr. 60 und 62 und Lindenstraße Nr. 93.

Der Straße „hinter dem Schilde" wurde der Name „Kurze Baustraße", den sie früher

bereits führte, 1905 Okt. 10 wieder beigelegt.

Die Mecklenburgerstraße war zu Beginn dieses Jahrhunderts nach der Lindenstraße

zu noch geschlossen. An ihrem unteren Ende, rechts von der Freischule, lagen ein

halbes Dutzend alter Häuser, die - bis auf eins, das die Stadt 1901 Nov. 5 erwarb -

seit längerer Zeit bereits Eigentum der Stadtkämmerei waren; daneben öffnete sich

eine Sackgasse, „die Kuhle", die von der Stadtmauer begrenzt ward. Diese sechs

Häuser zwischen Freischule und Kuhle einschließlich des Eckhauses an letzterer

verkaufte die Stadt 1902 Juli 7 öffentlich meistbietend für zusammen 250 Mark auf

Abbruch. Mit demselben wurde sofort begonnen, und es entstanden hier, nachdem

man die Straßenlinie etwas zurückgelegt hatte, in der Folge die vier neuen Häuser

Nr. 50-56.

Die Straße „an der Kuhle" die übrigens zuletzt nur noch aus drei, ebenfalls der

Stadtkämmerei gehörigen Häusern bestand, verschwand gleichfalls noch im Jahre

1902 von der Bildfläche. An der Stadtmauer wurden zwei Bauplätze mit der Front

nach der Lindenstraße zu einschließlich des auf diesen Plätzen stehenden Teiles

der Mauer 1902 Mai 15 verkauft; auf ihnen sind die Häuser Lindenstraße 77 und 79

erbaut, welch letzteres sich an die ebengenannten Häuser Mecklenburgerstraße Nr.

50-56 anreiht. Mit dem Abbruch der Mauer an dieser linken Seite des Durchganges

begann man noch im Mai 1902; fertig gestellt wurden die Häuser im Jahre 1903.

Im Febr. 1903 fing man mit den Planierungsarbeiten für die neue durchzulegende

Straße an. April 1903 wurden auch die beiden Bauplätze an der gegenüberliegenden

rechten Seite (gebildet aus dem früheren Schmiedemeister Ehlert'schen Grundstück

hinter dem Schilde unter Zulegung von Flächen aus der Stadtmauer und den an ihr

noch befindlichen Anlagen) zu Neubauten verkauft. Auf diesen Bauplätzen erheben

sich die Häuser Lindenstraße Nr. 81 (Die Notiz in B.a.W.V. pag. 149: „Aus diesem

Jahre (1894) stammt das erste Haus westlich von dem neuesten Durchgang (Nr.

81)" ist, wie ich jetzt sehe, unrichtig, zum mindesten mißverständlich. Gemeint ist

das Haus Nr. 83, das aber auch erst als letztes in der Reihe 1897 entstand. Aus dem

Jahre 1894 stammt Nr. 85, dem dann nacheinander die Häuser Nr. 87, 89, 91 und

zuletzt 83 folgten) und Kurze Baustraße Nr. 9.

Anfang Mai fiel dann der letzte Rest der alten Stadtmauer an der Preußischen

Barmherzigkeit. Sie hinderte die Verbindung der Mecklenburger- mit der

Lindenstraße nicht mehr ....

Bei den Erdarbeiten anläßlich der Öffnung der Straße wurden sowohl innerhalb als

auch außerhalb der einstigen Mauer, ziemlich tief in den Wall eingebettet, eine

Anzahl Menschengerippe bloßgelegt, die recht gut erhalten waren. Vermutlich waren

es Soldaten, die, im Gefecht gefallen, hier begraben wurden.

In der Knabenbürgerschule wurde die Turnhalle im Jahre 1908 mit einem

Kostenaufwand von mehreren tausend Mark einer gründlichen Verbesserung

unterzogen. In erster Linie wurden die drei Säulen entfernt, die die Holzdecke trugen

und durch ihren Stand in der Mitte der Längsrichtung der Halle die Aufstellung der

Turner wie der Geräte außerordentlich behinderten. Um der Decke, über der sich der

Schulsaal befindet, die genügende Tragfähigkeit zu erhalten, wurden drei hölzerne

Gitterträger darunter angebracht. Um ferner Ersatz für den 1906 Okt. zum

Brausebad umgebauten Garderobenraum zu schaffen, wurde die Wand der Halle

nach dem im Krankenhausgarten belegenen Anbau zu durchbrochen und, da der

Fußboden der Halle beträchtlich tiefer lag, ein Treppenaufgang zu demselben

hergestellt.

Dieser Anbau, der vordem zur Unterbringung von Obdachlosen diente, ist übrigens

inzwischen samt dem Krankenhausgarten, in dem er lag, von der Bildfläche

verschwunden. Die Beschaffung neuer Schulräume für die Knabenbürgerschule

hatte sich als notwendig herausgestellt, und so einigte man sich in einer

gemeinschaftlichen rätlichen und bürgerschaftlichen Kommission Sept. 1909 dahin,

auf dem Gartenplatze des - seit 1909 Mai 26 seiner Bestimmung als solches

enthobenen - Krankenhauses einen Flügelanbau zur Knabenbürgerschule

herzustellen (B.-A.-S. v. 24. Sept. 1909).

Dieser Erweiterungsbau, für den 174.300 Mark bewilligt wurden, ward noch im

Herbst 1909 begonnen und Ende dieses Jahres (1910) vollendet. Das alte

Pförtnerhaus, das sich links am Eingange zum Garten an die hier noch vorhandene

Stadtmauer anlehnte, wurde niedergelegt, ebenso der erwähnte Anbau sowie der

unweit desselben (am Plankenzaun nach dem Schwarzen Kloster zu) belegene

Desinfektionsraum, und der Platz vor dem - übrigens sehr stattlichen - Neubau durch

eine Mauer von dem früheren Krankenhause abgetrennt.

Die Räumlichkeiten des letzteren wurden nach Eröffnung des neuen Krankenhauses

(beim Turnplatze) dem Siechenhause mit überwiesen, das jetzt auch zur Aufnahme

der Stadtarmen, der Obdachlosen usw. dient. Vier Räume des Gebäudes wurden,

beim Mangel anderer Lokalitäten, April 1910 der Ingenieur-Akademie zur Verfügung

gestellt. Der B.-A. gab seine Zustimmung hierzu unter der Bedingung, daß der

Zugang nur von der Seite der Klosterkirche stattfinde, und so wurde die oben

erwähnte Trennmauer mit Durchgangstür hergestellt, welch letztere verschlossen

gehalten werden soll; wenn die Akademiker sie nicht benutzen.

Der Zugang zum Armen- und Siechenhause - wie es jetzt heißt - befindet sich

seither an dem die Lindenstraße mit der Mecklenburgerstraße (bei der Freischule)

verbindenden Durchgange, wo im Sommer 1910 neben einer Mauer mit

Eingangspforte auch ein neues Pförtnerhaus erbaut worden ist.

Ein Gang vor die Tore

Verlassen wir die Stadt an der Stelle der alten Windpforte, so liegt gleich rechts ein

neues Haus an einer neuen Straße: das Gärtner Nolte'sche, das als erstes an dem

1901 März 5 so benannten Turnerweg neu errichtet wurde.

Das Haus ward erbaut, nachdem Nolte ein weiteres Stück18 seines - ursprünglich

das ganze Terrain des alten Wallgrabens zwischen der Lindenstraße und der hier

bis jetzt noch erhaltenen Stadtmauer ein nehmenden - Gartens zu Bauplätzen

verkauft hatte. Auf ihnen erheben sich die Häuser Lindenstraße Nr. 33-55, die in den

Jahren 1900-1903 entstanden. Das alte einstöckige Häuschen unweit des jetzigen

Eingangs zum Siechenhause, das Nolte bis dahin bewohnt hatte, ist in veränderter

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18 Das erste Stück wurde 1895 zum Bau der Häuser Nr. 57, 59 und 61 verkauft; vgl.

B.a.W.V. pag. 149.

Form noch vorhanden; es wurde zu einem Stallgebäude hergerichtet.

Neben dem Nolte'schen Grundstück Turnerweg Nr. 1 ließ die Stadt den zirka 4

Meter breiten, mit Fichten bepflanzten Streifen Land beim damaligen Eingange zum

Krankenhause April 1902 freimachen, abdämmen und zur Straße schlagen. Auch

auf der gegenüberliegenden Seite wurde die Straße - vom früheren Stübingerschen

Grundstück bis zum Eingang zur Hansabrauerei19 - durch Hinzulegung eines der

Stadt gehörigen Streifens verbreitert.

Im Jahre 1905 verkaufte Nolte dann auch den übrigen an der Lindenstraße

belegenen Teil seines Gartens bis zur Ecke des Turnerwegs zu Bauplätzen, und es

wurden hier die vier Häuser Nr. 25-31 erbaut, so daß diese Reihe nunmehr

geschlossen war.

Bei der Errichtung des Eckhauses (Nr. 25) passierte ein Mißgeschick: die

Baufluchtlinie wurde am Turnerweg versehentlich um 1 1/2 Meter zu weit

hinausgerückt. Da eine Änderung mit großen Kosten verknüpft gewesen wäre, so

beschloß der B.-A. 1905 Nov. 7 auf Antrag des Rats, das Geschehene zu gestatten.

Zu bedauern ist das Versehen immerhin, da nun die Villenreihe am Turnerweg durch

das davorliegende Haus völlig verdeckt wird.

Von dieser Villenreihe soll weiter unten die Rede sein, wenn wir auf dem Rückwege

hier wieder angelangen. Vorerst wollen wir unsere Schritte durch die Lindenstraße

zum Mecklenburgertor lenken.

Der Veränderungen, die wir unterwegs, an der Nordseite der Lindenstraße, treffen,

ist bereits Erwähnung getan, ebenso der Veränderung des Toreinganges.

Vor dem Tore ist zunächst der Schützenweg um zwei Villen (Nr. 1 und 7) reicher

geworden, die 1902/03 erbaut wurden.

Der Platz vor dem Schützenhause hat ein gänzlich verändertes Aussehen dadurch

erhalten, daß die Schützengesellschaft Jan. 1906 sämtliche hier stehenden großen

Bäume, Linden, Eichen usw. umhauen ließ. Aus dem Grundstück verkaufte die

Gesellschaft Nov. 1906 eine größere Fläche an Th. Abrie, der Juli 1907 seine

Gärtnerei hierher verlegte. Von dem zwischen dem damals neuerbauten Abrie'schen

Hause und dem Schützenhause an der Chaussee gelegenen Teile des

Schützengartens steht jetzt ein weiteres Stück zum Verkauf; auf demselben sind drei

Villen geplant.

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19 So seit 1901, wo die vormals Engellsche Brauerei in eine G.m.b.H. umgewandelt

wurde.

Der an dem Verbindungswege zwischen der Chaussee und der (nach dem

Turnplatze führenden) Schützenallee befindliche Sumpf ist im Laufe des

verflossenen Jahrzehnts bis auf einen ganz kleinen Rest zugeschüttet worden. Zur

Linken dieser Allee ist vor einiger Zeit eine Reiferbahn angelegt: die letzte in Wismar

noch vorhandene.

Das Schützenfest wurde in alter Weise, meist in der letzten Juliwoche, begangen.

Zwei Jubiläen mögen hier registriert werden: im Jahre 1907 konnte - wenige Wochen

vor seinem Tode - das älteste Mitglied der Schützenzunft, der 93jährige frühere

Hutmacher Voigt, auf eine 65jährige Angehörigkeit zur Zunft zurückblicken, während

im letzten Jahre (1910) die Handelsfrau Kobow zum 50. Male beim Schützenfest ihre

Waren - Kuchen und Obst - feilbot.

Auf dem Gebiete der Gasanstalt wurde das Elektrizitätswerk 1904 erbaut. Ein

Erweiterungsbau ist zur Zeit (Dez. 1910) im Gange; derselbe vernotwendigt sich

infolge des Anschlusses an die Lübecker Über-landzentrale, von der bei anderer

Gelegenheit die Rede sein soll. Für diesen Bau wurde der Gasanstalt eine Fläche

von 700 Quadratmetern aus der Weide zugelegt. Das Gaswerk selbst wurde seit

1900 wesentlich vergrößert; es ist fast eine neue Gasanstalt dicht bei der alten entstanden.

Eine Düngemittelfabrik (Herstellung von schwefelsaurem Ammoniak, um

das Gaswasser nutzbringender verwenden zu können) wurde auf dem Hofe der

Gasanstalt 1902 errichtet.

Der an der Chaussee belegene Ausstellungs- und Verkaufsraum wurde 1903 erbaut

und Okt. 5 in Benutzung genommen. Bis dahin befand sich derselbe (seit 1900) im

Wilh. Müllerschen Hause Dankwartsstraße Nr. 13. Der Erweiterungsbau des 1887

errichteten Verwaltungsgebäudes datiert von 1910.

Das rechtsseitige Bankett der Chaussee wurde vom Mecklenburgertore bis hinter

der Gasanstalt Sept. 1906 mit Fliesen belegt.

An der Gabelung der Schweriner und Crivitzer Chaussee wurde - rechts am

Eingange des Fußweges nach Grönings - im Jahre 1910 ein Laboratorium für die

Ingenieur-Akademie erbaut. Die Kosten für die Ausführung desselben wurden vom

B.-A. März 15 mit 41.000 Mark bewilligt. In Benutzung genommen wurde das

Laboratorium, das außer einer Maschinenhalle einen großen Zeichensaal, Hörsaal

usw. enthält, im Nov. 14.

Der diesen Fußweg schneidende Verbindungsweg zwischen der Crivitzer Chaussee

und dem Ostfriedhof wurde im Herbst 1903 angelegt. Weiter hinauf sind an diesem

(Grönings'er) Wege seit 1906 eine Reihe von Pachtgärten entstanden.

Die alte, idyllisch belegene Gröningsmühle ging im Jahre 1903 ein, nachdem der B.-

A. zu der Trennung des Gartengehöfts Grönings vom

Gehöft Gröningsmühle Juli 17 seine Zustimmung gegeben hatte. Sie wurde von

Ziemsen- Kluß für die Zwecke seiner Fischzucht erworben. Das Wasser des

Mühlenteichs wurde zunächst abgelassen, der Teich gereinigt und dann in eine

große Anzahl durch Dämme getrennter Fischteiche verwandelt. Mit einem Damm

von Grönings zum Karower Gebiet wurde das Wasser wieder aufgestaut; die vielen

Teiche wurden gefüllt und auch die Wiese bis Viereggenhof unter Wasser gesetzt.

An dem Staudamm wurde ein neues Haus für den Fischmeister erbaut. Das

Mühlenhaus dient seither als Schnitterkaserne.

Besitzer des Gartengehöfts Grönings ist Turloff seit März 1907. Das alte

anheimelnde Strohdach des Hauses hat - wenn ich nicht irre, im Jahre 1903 - einem

bunten Schieferdache Platz machen müssen.

In den Anlagen, die hinter der Gasanstalt nach dem Friedhofe zu führen, wurden

April 1901 durch Ausrodung von Bäumen neue Spazierwege zu beiden Seiten des

Hauptweges geschaffen. Die Aufstellung des Denksteins für den Begründer des

Weges, Senator Drewes, geschah um dieselbe Zeit. In der Folge wurde dieser Weg

dann bis zu dem früher Wendler'schen, jetzt Teude'schen Gärtnerei-Gehöft

weitergeführt.

Zwischen der Zementfabrik und Gustavshof legte die Stadt im Jahre 1907 einen

Pflanzgarten an, um die Pflanzen für ihre Anlagen selbst ziehen zu können. Neben

Gustavshof (nach Bernittenhof zu) wurde 1903 eine neue Dampfmühle aufgeführt.

Besitzer derselben war bis 1910 Fr. Schmidt, seither E. Roggensack.

Der Ostfriedhof wurde, nachdem ein Zufahrtsweg zu ihm dicht vor dem alten

Friedhof durch die dort liegenden Gemüsegärten geschaffen war, 1901 Nov. 21

seiner Bestimmung übergeben. Der erste, der auf ihm seine Ruhestätte fand, war

der Nov. 16 im 68. Jahre verstorbene Rentner Eduard Soltmann. Der neueste

Friedhof wurde anläßlich dieser Beerdigung durch den Superintendenten Genzken

feierlich geweiht. Die Schutzhalle wurde Aug. 1906 erbaut.

Ablagerungsgruben für vertrocknete Kränze usw. wurden an verschiedenen Plätzen

der Friedhöfe im Frühling 1904 angelegt. Bis dahin diente hierfür ein Lagerplatz

hinter der rechts an der Chaussee befindlichen Pumpe, nachdem der frühere

Lagerplatz neben dem Grundstücke des Gärtners Wendler schon Sept. 1903

aufgehoben war.

Eine Verordnung über den Besuch der Friedhöfe, sowie eine neue

Gottesackerordnung wurde März 1904 erlassen; eine solche über die

Begräbnisplätze 1908 (Diese und andere städtische Verordnungen werden seit

einigen Jahren regelmäßig im Anhang zum Wismarschen Adreßbuch abgedruckt.

Ein näheres Eingehen auf dieselben kann ich mir mithin ersparen.)

Die Zahl der auf unsern Friedhöfen ruhenden Personen betrug nach dem Bericht

über die Verwaltung der Stadt im Jahre 1909 zu Ende dieses Jahres 25.209; davon

auf dem Alten Friedhofe 16.679, auf dem Neuen Friedhofe 7596, auf dem

Ostfriedhofe 934 Personen.

Die Schankwirtschaft in Rotentor ist 1901 Okt 12 eröffnet. Die Rotentorsmühle, die

1909 Mai 12 durch Feuer bis auf die Umfassungsmauern zerstört wurde, ist neu

aufgebaut worden.

Auf dem so genannten Wallensteingraben, an dem diese Mühle (wie auch die

übrigen Mühlen vor dem Mecklenburgertore) gelegen ist, machten 1903 Juli 3 zwei

Schweriner Herren eine Fahrt von Schwerin nach Wismar. Es war dies wohl das

erste Mal seit annähernd 300 Jahren, daß der Kanal wieder in seiner ganzen Länge

durchschifft ward. Über die immerhin interessante Fahrt wurde dem „Rostocker

Anzeiger" geschrieben:

Zwei Herren haben den früher einmal fahrbaren, aber wohl seit Anfang des 17.

Jahrhunderts wieder verfallenen Kanal (sogen. Wallensteingraben), der den

Schweriner See mit der Ostsee verbindet, vom Schweriner See aus bis Wismar mit

einem echten Indianer-Kanoe befahren. Daß bei der Seichtheit des Wasserlaufs und

der starken Verwachsung mit Schilf ein Kielboot zu einem solchen Unternehmen

sich nicht geeignet haben würde, war selbstverständlich, aber auch mit dem zwar

langen aber ungemein leichten und flach gehenden Kanoe haben die Herren große

Schwierigkeiten zu überwinden gehabt. Während einesteils starkes Gefälle und

entsprechender Strom bei vielen und oft kurzen Windungen zu äußerster Vorsicht

bei der Führung des Fahrzeuges nötigte, bildeten andererseits Steine, Schlamm,

überhängende Äste, Drahtzäune, Brücken und Mühl-Wehre große Hindernisse, die

nur durch Verlassen des Kanoes oder durch zeitweises Ausheben und Tragen desselben

überwunden werden konnten. Die Schwierigkeiten wurden bei eintretender

Dunkelheit noch fühlbarer, umsomehr, als dann auch die Fahrstraße nur äußerst

schwer auffindbar war. Die Einfahrt in den Kanal am Nordende des Schweriner Sees

erfolgte kurz vor 3 Uhr nachmittags, die Ankunft in Wismar, obwohl nur wenige

Ruhepausen (in Moidentin und Mecklenburg) gemacht worden waren, gegen 11 Uhr

abends.

Die Chaussee von der Klußmühle über Triwalk bis zur Stadtgrenze bei Lübow wurde

1904/05 gebaut.

Große Veränderungen haben sich im verflossenen Jahrzehnt an der

Dahlmannsstraße vollzogen. Im Jahre 1900 lag hier an der Südseite außer der

Mädchenbürgerschule und der Wallhalle als einzige Villa die bereits vor einem

halben Jahrhundert erbaute Gömemann'sche; sonst nur Gärten ringsum. Heute ist

die Villenstraße hier fertig.

Den ersten Bauplatz zu einer Villa an dieser Seite der Dahlmannsstraße erwarb

Rechtsanwalt Witt 1903 Mai 8 (jetzt Nr. 4). Sie blieb dann jedoch noch längere Zeit

ohne Nachbarschaft. Erst 1907 kam die zweite, links davon am Torausgange

belegene (Nr. 2) hinzu, nachdem die früher hier befindliche Uhl'sche Steinhauerei

bereits Januar 1906 nach dem eigenen Grundstück neben der Gasanstalt verlegt

worden war.

Im folgenden Jahre 1908 wurden dann auch die Gärten längs der früheren

Reiferbahn für die Bebauung in Angriff genommen. Als erster erbaute sich hier der

Fabrikbesitzer Klement zwischen dem Görnemann'schen Hause und der Wallhalle

eine Villa (Nr. 34, vom B.-A. genehmigt 1908 Jan. 10). Im weiteren Verlauf dieses

und hauptsächlich des nächsten Jahres (1909) folgten schnell die übrigen Villenbauten

hier wie in dem oberen Teile der Straße (rechts von der Witt'schen Villa). Die

Gesamtzahl der seit 1900 an der Dahlmannsstraße neu entstandenen Villen beträgt

12, darunter 4 Doppelvillen. Wie ein Stück aus der guten, alten Zeit mutet

dazwischen das strohgedeckte Gartenhäuschen im früheren Dolberg'schen Garten

(links von der Mädchenbürgerschule) an, das bis heute noch stehen geblieben ist.

Als wäre es vergessen ...

Die Knabenvolksschule (zwischen Wallhalle und Hoffnung) wurde nach den Plänen

und unter Leitung des Architekten Busch 1903/04 erbaut. Veranschlagt waren für

den Bau 190.000 Mark (B.-A.-S. vom 18. Juni 1903). Mit den Erdarbeiten wurde im

Juli 1903 begonnen; die Einweihung des neuen Schulhauses fand 1905 Mai 2 statt.

Das zweite Obergeschoß wurde 1906 ausgebaut.

Die Wallhalle wurde im Jahre 1908 einem der Neuzeit entsprechenden Neu- resp.

Durchbau unterzogen, sodaß sie sich ihrer Umgebung würdig anpaßt.

Die alte Pappel neben der Wallhalle, die früher den in den Hafen einfahrenden

Schiffen vom alten Schweden ab als Seezeichen diente, mußte, da sie ganz

vertrocknet war, Anfang 1903 gefällt werden. Dagegen wurde im Jahre 1908 ein

neues Leitfeuer in Gestalt einer Signallaterne zur Sicherung der Einfahrt während

der Dunkelheit am Nordgiebel der Knabenvolksschule angebracht; gleichzeitig

wurde zu demselben Zweck eine Stange mit Laterne am Wege hinter der Insel

aufgestellt.

Infolge der Bauten an der Dahlmannsstraße vernotwendigte sich die Verlegung des

bei der Mädchenbürgerschule zu den Gärten führenden Fahrweges. Diese wurde

1910 bewerkstelligt; der Weg führt jetzt gegenüber der Stavenstraße zwischen den

Villen hindurch. Hinter der Knabenvolksschule wurde der Weg bereits 1904 verlegt.

Die Dahlmannsstraße wurde - was hier nachgetragen sei - nach dem 1785 Mai 13 in

Wismar geborenen Historiker Fr. Chr. Dahlmann, gestorben als Professor in Bonn

1860, benannt.

Vor dem Lübschentor wurde das Otto'sche Säge- und Hobelwerk im Jahre 1902

erbaut und im September d. J. in Betrieb genommen. Die linke Seite der Chaussee

(vor der Kuhweide), an der sich jetzt noch Gärten befinden, soll nach den

Stübben'schen Bebauungspläne20 ebenfalls mit Häusern besetzt werden. Der B.-A.

genehmigte die Bebauung 1909 Mai 18 unter der Bedingung, daß dort

Arbeiterwohnungen gebaut würden. Seinen Antrag, die Bauplätze sofort zu

verkaufen, lehnte der Rat jedoch ab (B.-A.-S. vom 11. Juni 1909). Die Sache

gelangte dann 1910 Jan. 18 noch einmal im B.-A. zur Sprache (der Antrag eines

Mitgliedes, den Platz jetzt freizugeben, wurde angenommen); seither ruht sie

indessen.

Zwischen St. Jakob und Lübscheburg beabsichtigte - um das bei dieser Gelegenheit

gleich mit zu erwähnen - laut Zeitungsinserat der Bauunternehmer Reincke im Jahre

1906 an der Seeseite 25 kleine Häuser villenartigen Stils zum Alleinbewohnen zu

erbauen. Der Plan ist jedoch nicht zur Ausführung gekommen; es ist hier bis jetzt nur

das eine, bereits im Jahre 1900 erbaute Haus (Villa Seestern, neben Lemkenhof)

vorhanden.

Eine einschneidende Umwandlung hat das Bild der Gegend vor dem Lübschentore

durch die Anlage des Bürgerparks im Köppernitztal erfahren, mit der im Frühling

1901 der eigentliche Anfang gemacht ward. Über den Plan zu diesen Anlagen, seine

Veranlassung und gedachte Ausführung schrieb das M. T. unterm 27. April 1901:

Es ist unausbleiblich, daß mit der stetig zunehmenden Ausdehnung der Stadt unsere

bisherige Hauptpromenade, die die Stadt umkränzende Doppelallee, mehr und mehr

aufhört, das für die Einwohner zu sein, was sie bisher gewesen ist. Bald wird sie an

beiden Seiten mit Wohnhäusern bebaut sein, und nur, soweit diese an der

Außenseite nicht dicht aneinander stehen, noch einen Durchblick in das Grün der

Gärten gestatten. Dieser altgewohnte Spazierpfad der Wismarer wird dann nicht

mehr außerhalb der Stadt um dieselbe herumführen, sondern in die Stadt

eingeschlossen sein. Wenn in dieser Voraussicht unsere Stadtvertretung darauf

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

20 Die vom Geh. Oberbaurat Dr. Stübben - Berlin angefertigten Entwürfe für die

Bebauung und Stadterweiterung wurden, nachdem sie die Billigung der

gemeinschaftlichen rätlichen und bürgerschaftlichen Kommission gefunden hatten,

vom B.-A. 1905 Juni 22 und Okt. 12 angenommen.

darauf bedacht war, den Einwohnern der Stadt außerhalb derselben neue weitere

Spaziergänge zu verschaffen, und zu diesem Zweck die beträchtliche Summe von

ca. 30.000 Mark in Aussicht genommen hat, so haben wir alle Ursache, dieses

Vorgehen dankbar anzuerkennen. Wir begrüßen mit Freude den Beschluß des Rats

und des Bürgerausschusses, sowie nicht minder die Umsicht und Energie, mit

welcher das Lindengartendepartement, dem die Ausführung des Planes übertragen

ist, seine Aufgabe in Angriff genommen hat.

Allerdings läßt der ziemlich weit ausliegende Plan sich nicht in einem, auch nicht in

zwei Jahren verwirklichen, es werden vielmehr, bis alles vollendet ist, sieben bis acht

Jahre ins Land gehen. Dementsprechend ist das für die Anlagen bewilligte Kapital in

Jahresraten von 4.000 Mark eingeteilt, und für das laufende Jahr bereits bewilligt.

Betrachten wir nun den Plan, wie er uns in dem Entwurf des rühmlichst bekannten

Gartenbaudirektors Hampel (früher in Schwerin, jetzt in Leipzig), nach den

Intentionen des Lindengartendepartements ausgeführt, vorliegt.

Wir verfolgen den Weg zu den neuen Anlagen, indem wir, aus dem Kirchhofsweg21

heraustretend, rechts in den Weg einbiegen, der an Bernittenhof vorüber in den

Dammhusener Landweg mündet. Dieser Weg, von dem aus man einen prächtigen

Überblick über die Stadt hat, wird planiert und mit Alleebäumen bepflanzt. Rechts

sind längs des Weges breite Gräben gezogen, die die Aufgabe haben, den Fußpfad

trocken zu halten. Dieser wird etwas höher liegen als der daneben liegende

Fahrdamm und breit genug sein, um mehreren Spaziergängern nebeneinander

hinreichenden Raum zu gewähren.

Nach Austritt in den Dammhusener Landweg verfolgen wir diesen eine kurze

Strecke, bis wir den Wischberg erreichen. Auf ihn wird ein bequemer Schlangenweg

hinauf und jenseits hinabführen. Der Hügel wird an seinen Abhängen mit schönen

hochstehenden Buschgewächsen bepflanzt. Nun verfolgen wir den Weg jenseits des

Wischberges, der durch Äcker führt und mit Bäumen bepflanzt werden wird, und

gelangen in das eigentliche Gebiet der neuen Anlagen, das sogen. Köppernitztal,

das sich, dem Lauf des kleinen Flüßchens folgend, von dem es seinen Namen hat,

von hügeligem Terrain umgeben, in sanfter Neigung bis zur Lübschen Chaussee

hinabsenkt.

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21 Vor dem Mecklenburgertor. Die Neuschaffungen auf diesem Wege, von denen

oben die Rede war, wurden im Zusammenhang mit dem vorliegenden Plane

ausgeführt.

Dieses Tal, welchem die Wismarsche Jugend, die die Vorzüge der vorhandenen

Holzbestände, sowie das up und down des hügeligen Terrains bei ihrem Räuberund

Gendarm-Spielen längst erkannte, den Namen „Wismarsche Schweiz" gegeben

hat, ist für die neuen Anlagen geeignet, wie so leicht kein zweites Terrain. Ein

ziemlich dichter Bestand von Eichen-, Birken-, und namentlich Nadelholz ist bereits

vorhanden, welcher den oberen Teil des Gebiets von den östlich und südöstlich

angrenzenden Äckern und Wiesen abschließt. Durch dieses Holz führt oben, vom

Wischberg herunter, ein Weg in den neuen Stadtpark. Schon jetzt kann man einen

Teil desselben erkennen. Mit Buschholz ist er eingesäumt; Bäume werden noch

hinzukommen. Im Zickzack wird der Hauptpfad in einen der drei Hauptwege

einmünden, welche ziemlich parallel dem Schlangenlaufe des Baches folgen sollen,

und zwar zu Seiten beider Ufer desselben. Von den Hauptwegen ab werden sich

zahlreiche Pfade rechts und links durch die überall mit Tannen, Eichen,

Weißbuchen, Rüstern, Ahorn, Linden und (am Wasser) mit Weiden und Erlen

bestandenen Anlagen schlingen.

Auch ist die Anlage zweier Karpfenteiche in Aussicht genommen. Das Flüßchen wird

mehrfach überbrückt. In reicher Fülle werden kleine Gehölze mit schönen

Baumgruppen abwechseln. Überall wird es Ruheplätze geben mit Ausblicken auf

kleine landschaftliche Reize. Und der Wege und Pfade werden so viele vorhanden

sein, daß man in dem neuen Park stundenlang wird spazieren gehen können.

Rechnet man dazu, daß man von dem höher gelegenen Teil des Terrains überall

hübsche Durchblicke nach der See hinüber hat, so wird man anerkennen, daß

Wismar in den neuen Anlagen einen Park von großer Schönheit und zahlreichen

landschaftlichen Effekten besitzen wird. Dicht vor St. Jacob (von der Stadt aus)

werden zwei Hauptpfade, von welchen der eine unmittelbar vorher noch den Bach

überschreitet, sich vereinigen und in die Chaussee einmünden. Der dritte schmälere

Hauptpfad hat sich schon vorher in einen der anderen verloren.

Die Anfänge zu dem schönen Unternehmen sind bereits gemacht und erkennbar.

Wer sie bei schönem Wetter besichtigt, wird dankbaren Herzens des opferfreudigen

Beschlußes des Rats und der Bürgerschaft gedenken.

Dies Projekt ist im Laufe des verflossenen Jahrzehnts im Großen und Ganzen

plangemäß ausgeführt worden; manches, was darin nicht erwähnt wurde, ist

außerdem hinzugekommen. Auf einige Einzelheiten in der Geschichte der

Entstehung des Bürgerparks und seiner Umgebung mag hier noch kurz

eingegangen werden.

Der „Schwedenstein" auf dem Festplatze hinter dem Wischberg wurde anläßlich der

Hundertjahrsfeier 1903 errichtet. Der mächtige, 350-400 Zentner schwere Felsblock,

ein Geschenk Sr. K. H. des Großherzogs, stammt aus der Züsower Forst, von wo er

unter großen Schwierigkeiten durch den Spediteur Carl Longuet seinem Bestimmungsorte

zugeführt wurde. Nachdem er glücklich bis zur Stadt und durch dieselbe

bis zum Lübschentor geschafft war, erfolgte seine Weiterbeförderung von hier in der

Nacht zum 30. Juni morgens gegen 2 Uhr. Auf der Chaussee ging, so schreibt das

M. T. unterm 1. Juli, der Transport mit 8 Pferden ganz gut von statten bis zur

Stadtziegelei, wo der Wagen auf dem Landwege nicht recht vorwärts kam und

infolge dessen noch 8 Pferde mehr vorgespannt werden mußten, die den Stein bis

an den Weg zum Festplatz brachten. Von da an konnte man den Berg hinauf nur

ruckweise vorwärts kommen. Obgleich oben ein schwerer Wagen festgerammt war,

woran ein Flaschenzug angebracht wurde, den vier Pferde in Bewegung setzten, so

mußten doch immer wieder Bohlen und Eisenplatten vor die Räder gelegt werden,

damit diese nicht zu tief in den Sand einschnitten. Am Nachmittag verließ man den

Weg, um über die Stoppeln hinweg den ziemlich in gerader Linie liegenden Platz, wo

der Block aufgestellt werden soll, zu erreichen. Hier wurden nun 14 Pferde

vorgespannt, die um 4 Uhr den Stein an Ort und Stelle brachten. Nun galt es, den

Block zu heben, damit er die Maurer nicht hindert, den Sockel von 1,50 m Höhe, auf

dem er ruhen soll, darunter aufzuführen. Es wurde auf jeder Seite des Wagens ein 2

m hohes Gerüst von Schwellen gebaut, und darauf stellte man die Schraubböcke,

auf die dann eiserne Träger über den Stein gelegt wurden. An den Trägern wurde

dieser schließlich mit Ketten befestigt. Nun wurde der Block hoch gewunden, der

Wagen darunter hinweggezogen, und gegen 11 1/2 Uhr heute mittag schwebte er

frei in der Luft. Sobald der Sockel fertig ist, wird der Stein gekippt und in seiner richtigen

Lage aufgestellt werden.

Die Kosten des Transports trug, was hier nicht unerwähnt bleiben soll, Herr

Kommissionsrat Louis Schmidt.

Nachdem der Block dann auf beiden Seiten mit Wappen und Inschriften versehen

und durch einen Bronzeadler gekrönt war, wurde Aug. 7 in das Fundament, auf dem

er ruht, eine Metallkapsel eingemauert, welche ein Dokument über die Geschichte

seiner Errichtung nebst verschiedenen Schriften, unter anderm die Witte'sche

Festschrift über Wismar, enthält. Die Einweihung erfolgte Aug. 19.

Der Fußsteig von der Westseite des Köppernitztals (hinter dem dort befindlichen

Pavillon) nach dem Krukower Wege wurde 1904 angelegt. Gleichzeitig wurde

anschließend an den Krukower Weg ein Steig von dem Fahrwege bei der

Stofferschen Ziegelei zum Wendorfer Fußwege angelegt, sodaß auch zwischen

diesem und dem Bürgerpark die Verbindung hergestellt war.

Die Schutzhalle auf dem Festplatze wurde 1907 errichtet.

Der Fußsteig über die Lübschetorsweide nach dem Wischberg, der bereits 1902

sehr verbreitert war, wurde April 1907 an der einen Seite mit Lindenbäumen

bepflanzt, unglücklicherweise, ohne daß vorher die Zustimmung des B.-A. hierfür

eingeholt war, der noch in seiner Sitzung vom 15. Dez. 1908 die Wiederentfernung

der verfassungswidrig angepflanzten Bäume verlangte. Später entschied man sich

dann doch dahin, die Sache wegen ihrer Geringfügigkeit auf sich beruhen zu lassen.

Die Restauration im Köppernitztal wurde am Himmelfahrtstage 1902 eröffnet.

Dieselbe wird von der Stadt verpachtet.

Bernittenhof wurde 1905/06 wieder einmal neu aufgebaut, nachdem 1905 Aug. 16

das gesamte große Wohnhaus ein Raub der Flammen geworden war. Nur ein Teil

des Saalanbaues war stehen geblieben. Besitzer von Bernittenhof ist seit Okt. 1910

Dube, der es von Rosenkranz erwarb.

Der Erbpachthof Dammhusen ging Febr. 1907 durch Kauf von Th. Bünger an

Oekonomierat Priester- Hinterwendorf über.

Auf dem Wege zum Seebad Wendorf treffen wir ein neues Gartenrestaurant in St.

Jakob, wo früher bereits, doch in bescheidenerem Umfange, Restauration betrieben

ward. Das Haus wurde zu diesem Zweck vollständig durchgebaut und erhielt nach

der Seeseite zu eine große geschützte Veranda. Die Eröffnung des moderngeschmackvoll

eingerichteten Schneider'schen Restaurants erfolgte 1909 Juli 16.

Neu ist weiter die Schutzhalle, die die Gemeinnützige Gesellschaft zum Unterschlupf

bei schlechtem Wetter gleich hinter der Abzweigung des Weges von dem

(geradeaus nach Dorf Wendorf führenden) Fußsteige im Jahre 1906 errichtete.

Vor allem ist jedoch im Seebad Wendorf selbst - das seit 1902 Sept. Eigentum der

Stadt Wismar ist - vieles neu geworden.

Zunächst ist hier 1907/08 mit erheblichen Kosten eine Uferschutzanlage hergestellt,

nachdem frühere Bauten (so 1904) sich als unzureichend erwiesen hatten. Das

vordem steil abfallende Ufer ist in eine schräg aufsteigende Böschung verwandelt,

deren untere Hälfte mit großen Felsen eingedeckt ist, während die obere Hälfte mit

Rasen belegt ist. Die Fugen der Deckung sind mit Zement ausgegossen, um dem

Wasser keinen Angriffspunkt für Auswaschungen zu geben. Der breite Fußweg am

hohen Uferrand, der von den Gästen meist dicht mit Tischen und Stühlen besetzt

war, sodaß er seiner ursprünglichen Bestimmung kaum mehr entsprach, ist

abgetragen, und ein etwas schmalerer Steig führt statt seiner an der oberen, mit

Drahtgitter abgegrenzten Böschung entlang. Von dem Fußweg führen

Treppenstufen nach dem eigentlichen Garten des Badeorts hinauf, wo eine Reihe

von geschützten Lauben mit Sitzplätzen neu hergestellt sind.

Zwecks Vergrößerung des Seebades Wendorf erwarb die Stadt sodann Aug. 1908

aus der Erbpachtstelle Nr. 3 zu Mittelwendorf vorläufig 2.239 Quadratruten. Weitere

2.948 Quadratruten aus derselben Stelle wurden Juli 1909 angekauft. Für die

Bebauung und Bepflanzung der dem Badeorte zuzulegenden Flächen wurde ein

Plan ausgearbeitet, der indessen, besonders mit Rücksicht auf die Art, in der die

Villenanlage gedacht war (diese sollten eine parallel dem Strande hinter dem

Kurhause sich hinziehende gerade Straße bilden) nicht die Zustimmung des B.-A.

fand. Der Rat ließ daher unter Zuziehung des Stadtgärtners Schomburg - Rostock

einen neuen Plan anfertigen, worin zugunsten der Erweiterung des Parks die Zahl

der Villen beschränkt ist und diese so angelegt werden, daß man von ihnen einen

freien Blick auf die See hat. Diese Vorlage wurde vom B.-A. 1909 März 2 genehmigt.

Die Parkanlagen wurden im Frühling 1909 in Angriff genommen und noch in

demselben Jahre ziemlich weit gefördert. Zwischen den Fischerhäusern und dem

bisherigen Park sind neue Fahr- und Fußwege, Rondeele und Boskets angelegt,

ebenso an der Westseite, wo die Anlagen vorläufig bis zur Wiese vor dem Einsiedler

geführt sind. Die hier geschaffenen Tennisplätze wurden Juni 1910 der Benutzung

übergeben. Mit dem Bau von Villen ist bisher noch nicht begonnen.

Beim Vorwendorfer - oder richtiger beim Woltersdorfer - Wege ist an der Chaussee

eine neue Gastwirtschaft mit Schmiede, der Wendenkrug, entstanden. Er wurde

1903 erbaut, nachdem das früher im Dorfe Wendorf selbst belegene Kruggehöft

April 26 d. J. ein Raub der Flammen geworden war.

Das Stoffer'sche Ziegeleigehöft Lembkenhof brannte am 2. Weihnachtstage 1910

teilweise nieder.

Die Chaussee vor dem Lübschentor wurde 1905 neu gepflastert. Gleichzeitig wurde

neben dem linksseitigen Fußgängerbankett eine 70 cm breite Fahrbahn für

Radfahrer aus Kunststeinen hergestellt.

Der elektrische Lichtmast auf dem Rondeel vor dem Tore wurde, wie früher schon

erwähnt, Juli 1908 aufgestellt.

Eine Automobil-Omnibus-Verbindung mit Klütz-Boltenhagen wurde 1905 von der

Gemeinnützigen Gesellschaft angeregt. Nov. 1 und 8 d. J. fanden in Fründts Hotel

öffentliche Versammlungen zum Zweck der Weiterberatung dieser Angelegenheit

statt, und es wurden im Ganzen 21.500 Mark für das Unternehmen gezeichnet.

Geworden ist trotzdem nichts daraus, - ebensowenig wie vordem aus der so viel

erhofften und beantragten Klützer Bahn. Über dieser Verbindung schwebt nun

einmal ein Unstern...

Die Promenade an der Ulmenstraße hat ein recht verändertes Aussehen dadurch

bekommen, daß in den Jahren 1905 und 1907 die Hafenbahngeleise hierher

verlängert wurden. Ihnen fiel auch der Rosenberg mit dem darauf stehenden Baume

zum Opfer. Zwar versuchte man durch Verhandlung mit der Eisenbahndirektion, ihn

zu erhalten; da dem jedoch „unüberwindliche Schwierigkeiten" entgegenstanden, so

gab der B.-A. 1907 März 19 seine Zustimmung zu der vom Rate nochmals

beantragten Beseitigung, mit der dann März 25 begonnen ward.

Auch eine Anzahl der alten Alleebäume mußten bei dieser Gelegenheit ihr Leben

lassen, so acht der Fischerreihe gegenüberstehende, die schon bei Beginn der

Bahnanlage September 1905 niedergelegt wurden. Die beiden mächtigen Ulmen am

Eingange der Promenade vom Lübschentore her mußten Februar 1905 gefällt

werden, weil sie vertrockneten.

Des weiteren hat die Bahn 1907 ein Stück der Zentralhallen-Veranda mit

fortgenommen. Diese hatte freilich schon vorher viel von ihrer früheren

Anziehungskraft eingebüßt, seit dem gegenüberliegenden Gelände durch die

Hafenarbeiten ein völlig neues Gepräge aufgedrückt war.

Wie anders sah es hier noch zu Beginn dieses Jahrhunderts aus! Zur Linken die

grünen Gärten; ganz rechts, etwas zurückgelegen, die lange, oft buntbelebte Brücke,

die über die Wiese zu der (im Sommer 1902 zuletzt aufgebauten) Damenbadeanstalt

hinführte; dazwischen ein weiter, grüner, schilfdurchzogener Grund, in dem an

Junitagen die Mäher ihre Sensen schwangen und die Heuwagen hin- und herzogen.

Und über den grünen Grund hinaus schweifte der Blick über die blaue Bucht zur

Lorenzhöhe, die das idyllische Bild malerisch abschloß. Heute erstreckt sich der

Westhafen mit seinen Lagerplätzen bis hierher; Bretterschuppen und Stapel erheben

sich auf ihnen und versperren den Ausblick. Sie decken ein Stück altwismarscher

Romantik, ein Stück zugleich - wenn ich auch das sagen darf- eigener

entschwundener Jugendzeit. Wie gern haben wir als Kinder hier auf der Wiese

gespielt, wenn in der Zentralhallen-Veranda „Kaffeegesellschaft" war; wie oft habe

ich mich später dann des herrlichen Blickes gefreut - mit lieben Menschen, von

denen so manchen heute schon die kühle Erde deckt! Auch der rührige Wirt, Chr.

Siggelkow, ruht längst unter dem grünen Rasen.')

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22 Gest. in Warnemünde Aug. 1901. Die Zentralhalle wurde von ihm 1899 an die

Stadt verkauft.

Im Jahre 1909 beabsichtigte man, die Zentralhalle zu einem Speicher auszubauen,

gab dies Projekt jedoch der Kosten wegen wieder auf. Vielleicht war's so am besten

gewesen.

Die Erweiterung der Hafenbahnanlagen mag hier - da wir ohnehin beim Hafen

angelangt sind - gleich im Zusammenhange behandelt werden.

Schon seit längerer Zeit hatte sich das Bedürfnis nach einem größeren

Warenlagerschuppen am Hafen geltend gemacht. Über die Frage, ob derselbe am

neuen Hafen oder auf der Koppelseite des alten herzu richten sei, fanden

eingehende Kommissionsverhandlungen statt, die jedoch zu keiner Einigung führten.

Juni 1904 machte dann der Rat den Vorschlag, den Schuppen auf der Koppelseite

zu erbauen und um den alten Hafen herum einen Schienenstrang dorthin zu führen,

eine Eisenbahnbrücke neben der Wippbrücke von Eisenbeton herzustellen und die

baufällige Wippbrücke durch eine neue zu ersetzen. Die auf 150.000 Mark

veranschlagten Kosten seien dem für die Herstellung einer Kaimauer

angesammelten Fond zu entnehmen, indem letztere als nicht unbedingt nötig

aufgeschoben werden könne. Die Bahnanlage werde von der Großherzoglichen

Eisenbahndirektion gegen Erstattung der Selbstkosten ausgeführt. Durch die Anlage

erhalte auch das Zeughaus Anschluß an den Schienenstrang.

Diese Vorlage wurde, nachdem man sich auch in der Kommissionsberatung dafür

entschieden hatte, vom B.-A. Juni 14 angenommen. Im April 1905 entsandte die

Großh. Eisenbahndirektion Ingenieure nach hier, um die Messungen für die Linie der

neuen Hafenbahn vorzunehmen und ihre Höhenlage zu bestimmen. Zwischen der

Wippbrücke und der Ulmenstraße erwiesen sich erhebliche Aufschüttungen als

nötig, da der Boden dort zu niedrig lag; auch mußte das Terrain um zirka 2 Meter

verbreitert, mithin der Bootshafen um so viel zugeschüttet werden. Die hier

befindlichen Sandlager wurden infolgedessen nach der Koppelseite verlegt.

Die Arbeiten nahmen nun einen schnellen Fortgang. Juli 7 traf aus Lübeck eine

große Dampframme ein, die dazu bestimmt war, die starken Zementpfeiler, auf

denen die neue Wippbrücke ruhen sollte, in das Erdreich hineinzutreiben. (Von einer

zweiten Brücke neben der Wippbrücke hatte man inzwischen abgesehen.) Hierbei

passierte dann freilich ein Unfall, der die Arbeiten um reichlich einen halben Monat

verzögerte. Am 8. August, morgens gegen 10 Uhr, fiel die Ramme mit einem

furchtbaren Krach in den Hafen, während die Dampfmaschine schräg in der Luft

schwebte. Glücklicherweise kam niemand bei dem Unglück zu Schaden; der

Maschinenmeister, der noch auf der Ramme beschäftigt war, vermochte sich zu

retten. Das Unglück war dadurch geschehen, daß einer von den als Unterlage

dienenden, etwa einen halben Meter dicken Balken wie ein Streichholz brach.

Welche Gewalt der Sturz hatte, war daraus zu ersehen, daß die Einfassungssteine

an der Rundengrube, an welchen die Ramme unter dem Wesenbergschen Hause

hindurch befestigt war, aus der Erde gerissen und die eisernen Stangen, welche die

Steine mit einander verbinden, wie Blei verbogen wurden. Auch der zirka 35 Zentner

schwere Bär lag im Wasser, desgleichen ein Zementpfeiler. Die Hebung konnte

schon in den nächsten Tagen erfolgen; dagegen dauerten die

Wiederherstellungsarbeiten an der nur stückweise gehobenen Ramme noch längere

Zeit; erst gegen Ende August konnte sie ihren Betrieb wieder aufnehmen.

Im Oktober verkehrten bereits Arbeitszüge auf der neuen Bahn, die nun bald ihrer

Vollendung entgegenging. „Sie zweigt," so schreibt das M. T. am 15. Nov.,

„zwischen der Fischerstraße und dem neuen Hafen von der bisherigen Hafenbahn

ab, überschreitet die Wasserstraße zwischen dem Hauptzollamt und dem Wassertor

(wo ihr ebenfalls sechs Alleebäume Platz machen mußten), folgt dem Hafendamm

über die neue Wippbrücke bis zum Platz und läuft dann neben der Ulmenstraße

entlang, an dem Zeughaus vorüber bis zum Rosenberg. Vor der Wilhelmstraße

zweigt sich ein Geleise ab, das an der Westseite des alten Hafens bis zum

Rohrdantz'schen Holzlager führt und bei dem neuen städtischen Lagerhause ein

Doppelgeleise hat. Vor dem Wassertor ist die alte Hafenbahn mit der neuen Bahn

durch ein Geleise verbunden, so daß die Güterzüge vom Bahnhofe aus zwischen

dem Zeughause an der Ulmenstraße bis zum Baumhause verkehren können."

Mit der Verlängerung der Geleise über den Rosenberg hinaus und der Legung eines

zweiten Schienenstranges von der Ulmenstraße nach der Westseite des alten

Hafens wurde dann im April 1907 begonnen. Er führt zwischen den Gärten hindurch,

wie schon erwähnt, an der Zentralhallen-Veranda vorüber nach dem

Rohrdantzschen Sägewerk.

Der 1905 gleichzeitig mit der neuen Bahn erbaute große städt. Lagerschuppen an

der Koppelseite des alten Hafens wurde Dez. 11 in Benutzung genommen, und zwar

wurden als Erstes von der Firma Carl Tiede 400 Sack Weizen darin gelagert. Mit

dem 1. April 1906 wurde dann auch die öffentliche Zollniederlage, die sich bis dahin

noch im Zeughause befand, hierher verlegt. Der frühere Sammelschuppen an der

Ostseite des alten Hafens wurde Juni 1906 abgerissen und zur Aufbewahrung der

Seemarken neben dem Teerhause wieder aufgebaut.

Das an der Koppelseite neu errichtete Säge- und Hobelwerk der Firma Rohrdantz &

Co. Nachfl. (seit 1909 W. Gehrcke und Sohn) wurde 1907 Okt. 8 in Betrieb gesetzt.

Aus demselben Jahre stammt der unweit davon belegene Kontorbau der Firma. Das

Werk steht bereits auf Neuland; ebenso der dazugehörige mächtige Holzschuppen,

der hier im Jahre 1905 errichtet ward, nachdem der Rohrdantz'sche Schuppen an

der Wasserstraße der Hafenbahn hatte weichen müssen. Das Terrain - im Ganzen

20.000 Quadratmeter des durch Aufschüttung der Baggererde geschaffenen Bodens

- wurde der Firma Ende 1904 auf 30 Jahre unkündbar überlassen.

Von dieser Gebietserweiterung hier an der Koppelseite soll gleich nachher

ausführlich die Rede sein. Vor zehn Jahren gehörte das verhältnismäßig kleine, in

Sumpfland auslaufende Terrain der Hafenkoppel vorzugsweise noch den Fischern,

die hier ihre Netze trockneten und ihre Boote ans Land zogen. Dazwischen weideten

wohl noch ab und zu ein paar Schafe ...

Am alten Hafen längs des Weges „um die Stadt" ist die auf dem Platze vor dem

Lohberg neu erbaute Ratswage zu erwähnen, die 1910 Juli 28 dem Verkehr

übergeben ward. Bis dahin diente dieser Platz zum Steinlager, sehr zum

Mißvergnügen der Anwohner, da sich zwischen den Steinen zahlreiche Ratten

einquartiert hatten. Die neue Wage steht auf der Stelle der früheren Stadtmauer;

beim Ausschachten des Bodens stieß man auf eine Menge großer Felsen, die mit

Hilfe von Pferden herausgezogen werden mußten.

An der Ostseite des Hauptzollamtsgebäudes ist in diesem Jahre (1910) ein

Zollniederlageschuppen erbaut. Die öffentliche Zollniederlage (früher im Zeughause,

seit 1. April 1906, wie erwähnt, in dem neuen städtischen Lagerschuppen) befindet

sich hier seit Okt. 1 d. Js. Der an dieser Seite errichtete Flügelanbau des

Hauptzollamts datiert vom Jahre 1902.

Das unweit von hier am Wege nach dem Baumhause belegene alte Kochhaus

wurde Juli 1906 abgerissen, weil es der Verbreiterung der Fahrstraße hindernd im

Wege stand. Ein neues Kochhaus ist neben der Barmann'schen Schiffswerft

errichtet.

Der Kornelevator der Firma G. W. Löwe neben dem ihr gehörigen (früher

Thormann'schen) großen Speicher wurde im Jahre 1907 erbaut und Mitte Juli d. Js.

in Gebrauch genommen. Das holländische Schiff „Gertruida Henderika", das Juli 11

mit einer Ladung Mais von Hamburg hier ankam, wurde als erstes damit entleert.

Das Teerhaus ging mit Ablauf des Jahres 1905 als solches ein; es wurde dem

Hafenamt zur Lagerung von Seezeichen zur Verfügung gestellt.

Im Baumhause hat die Schänkwirtschaft mit dem 31. März 1909 aufgehört. Eine

Agentur der deutschen Seewarte besteht im Baumhause seit Sept. 1906.

Hafenmeister war (seit 1899) Th. Kruse bis 1903; seither Ad. Evers.

Am Eingang des neuen Hafens hat der Ruderklub Wismaria - der 1909 Juli 13 auf

ein 25jähriges Bestehen zurückblicken konnte - sich im Jahre 1904 ein neues

Bootshaus erbaut, das Aug. 21 d. Js. eingeweiht wurde.

Die Beleuchtung am Hafen ist durch Aufstellung einer Reihe Kandelaber mit

elektrischen Bogenlampen gegen früher erheblich verbessert. Mit dem Legen einer

neuen Wasserleitung ward 1908 April 21 am Hafen begonnen, da die alte, im Jahre

1861 angelegte nicht mehr zweckentsprechend war.

Von weit größerer Bedeutung als diese mancherlei Neuerungen - so bemerkenswert

sie zum Teil auch waren - ist für unsere Stadt die Vertiefung und Erweiterung des

Hafens, die in den Jahren 1903 bis 1908 bzw. 1910 aus- und durchgeführt wurde.

Die Fahrrinne des Wismarschen Hafens konnte bis dahin nur von Schiffen bis zu 17

Fuß Tiefe passiert werden. Aus diesem Grunde, und gleichzeitig, weil es an Löschund

Lagerplätzen gebrach, entschloß man sich im Aug. 1902 zur Anschaffung neuer

Baggerfahrzeuge, die bei der Lübecker Maschinengesellschaft in Auftrag gegeben

wurden. Es waren dies ein Dampfbagger für 9 Meter Wassertiefe, ein schwimmender

Elevator und sechs Baggerprähme. Das zu bewegende Baggergut, das auf

50.0000 Kubikmeter berechnet ward, sollte zur Schaffung neuer Lagerplätze

zwischen dem Außenbollwerk und dem Laboratorium (Zentralhalle) dienen.

Im Frühjahr 1903 wurden zunächst Gerüste an der Koppelseite westlich vom

Baumhause errichtet, welche die Rinnen trugen, in denen das Baggergut nach den

Lagerstellen laufen sollte. Um das Abschwemmen des flüssigen Baggerguts zu

verhindern, wurden Deiche zwischen dem Bollwerk und dem Laboratorium

aufgeworfen. Ferner wurde im Koggennoor von der Mündung der Köppernitz bis

zum Fahrwasser ein Deich aus festem Ton angelegt, um durch die Baggererde

Neuland zu Lagerplätzen zu gewinnen.

Am 15. April 1903 traf der Hamburger Dampfer „Smart" mit zwei Prähmen im

Schlepptau hier ein; am 16. brachte er den Elevator, am 17. den Dampfbagger und

am 18. die übrigen vier Prahme. Mai 2, morgens kurz nach 11 Uhr, wurde auf dem

Bagger die Wismarsche Flagge gehißt, und die Arbeiten auf ihm begannen. Am

Nachmittage desselben Tages wurde auch der Elevator in Betrieb gesetzt. Hatte

man vorher die Befürchtung gehegt, er werde das erste Baggergut nicht bewältigen

können, weil es zuviel Steine und Holzstücke enthielt, so stellte sich diese

Befürchtung bald als unbegründet heraus. Nachdem zunächst mehrere Male Wasser

gehoben war, wurde der erste Prahm mit Baggergut unter den Elevator gerudert, die

Maschine in Bewegung gesetzt, und in die Rinne ergoß sich nun das durch Wasser

verdünnte Baggergut, alles mit sich führend. Am Ende der 200 Meter langen Rinne

konnte man Feldsteine, Mauersteine und Holzstücke bunt durcheinander liegen

sehen, wie sie aus dem Rohr des Elevators die Rinne entlang getrieben waren. Auf

dem Bagger und Elevator waren Herren vom Rat und aus der Bürgerschaft

anwesend. Vom Lande aus sah eine große Menschenmenge dem interessanten

Schauspiel zu.

Am 23. Mai wurde der Bagger nach der Einfahrt des neuen Hafens verholt, um dort

die Arbeiten in dem meist aus Ton bestehenden Untergrund zu beginnen. Den

bisherigen Platz des Baggers an der Koppelseite - wo in den drei Wochen bereits

eine gewaltige Menge Baggergut ans Land geworfen war - nahm nun der Elevator

ein, um den Ton direkt an die Lowries abzugeben, die ihn über das auf dem

Koggennoor hergestellte Pfahlwerk auf Schienen weiterbeförderten. Mittelst dieser

Lowries wurde der Ton dicht an den Pfählen in die Koggennoor geschüttet, wodurch

dort ein Damm entstand, der später mit anderm Baggergut ausgefüllt ward.

Am 25. Juli wurde der Bagger im neuen Hafen fertig und arbeitete von da ab hinter

dem Baumhause. Der Elevator wurde am 13. August wieder nach dem Eingang zum

alten Hafen verholt, wo er an der, inzwischen um 300 Meter verlängerten Rinne

seine Arbeiten wieder aufnahm. Er beförderte das Baggergut jetzt bis hinter die

Zentralhalle. Am 30. Dez. gingen Bagger und Elevator in Winterlage.

1904 März 14 begann der Betrieb von neuem. Zunächst wurde nun der alte Hafen

ausgebaggert, damit dort auch größere Schiffe bequem anlegen konnten.

Juni 2 wurde das, gleichfalls bei der Lübecker Maschinengesellschaft in Auftrag

gegebene neue Wasserboot, das dazu bestimmt war, die Maschinen des Baggers

und des Elevators mit frischem Wasser zu versehen, in Benutzung genommen.

Juni 15 dampfte der Bagger nach Wendorf, um dort bis zur Landungsbrücke die

Fahrrinne für anlegende Dampfer zu vertiefen.

Dez. 22 gingen Bagger und Elevator dann wiederum in Winterlage.

In seiner Sitzung vom 31. Mai 1904 hatte der B.-A. die Anschaffung eines Dampfers

genehmigt, der zum Schleppen der Schuten beim Baggereibetrieb dienen sollte,

außerdem dann auch zum Schleppen größerer Schiffe, zum Ausbringen und

Einholen der Seezeichen, sowie als Eisbrecher. Dieser auf den Oderwerken und

Stettin erbaute Schleppdampfer „Walfisch" traf 1905 Febr. 17 im Wismarschen

Hafen ein, nachdem einige Tage zuvor die Probefahrt, bei welcher Vertreter des

hiesigen Hafenamts zugegen waren, auf dem Haff und der Oder stattgefunden hatte.

Derselbe trat Anfang März, wo auch Bagger und Elevator ihren Betrieb wieder

aufnahmen, zunächst zum Prähmeschleppen in Tätigkeit.

1905 Mai 16 beschloß man dann, für die Herstellung größerer Lagerplätze am Hafen

einen Teil des Haffeldes sowie die zwischen diesem und dem neuen Hafen

belegene Trägerwiese, Schlachterkoppel und Hebungswiese, welche durch

Baggergut und durch Boden vom Haffelde aufzuhöhen seien, zu verwenden und die

Verbindung mit dem neuen Hafen durch eine aus den Brücken über den

Mühlenbach und Oevelgünner Bach eingleisige, im übrigen zweigleisige Bahn herzustellen.

Die der Stadt nicht gehörenden Flächen dieser Grundstücke seien durch

Ankauf, Austausch oder nötigenfalls durch Enteignung zu erwerben. Die dadurch

gewonnenen Lagerplätze stehen mit den bisherigen Plätzen am Neuen Hafen

alsdann in direkter Verbindung.

Gegen Ende 1906 begann auf dem genannten Wiesengelände eine rege Tätigkeit.

Eine über hundert Köpfe zählende Arbeiterkolonne war zunächst damit beschäftigt,

dem Mühlenbach durch Verlegung seines Bettes nach der Haffburg zu eine andere

Richtung zu geben. Er wurde dort mit dem bei Oevelgünne vorbeifließenden Bache

vereinigt. In der Folge wurde dann die ganze Fläche eingedeicht und mit Baggergut

aufgehöht. Mit der Planierung dieses Baggerguts ward Okt. 1907 der erste Anfang

gemacht. Seither wurden die Arbeiten hier langsamer fortgesetzt, da inzwischen der

Bedarf an Lagerplätzen vorläufig wohl gedeckt war.23

1908 Juni 23 konnte der Rat dem B.-A. mitteilen, daß die Ausbaggerung der

hiesigen Häfen und der Fahrrinne auf eine Tiefe von 6m fertiggestellt, auch die

Fahrrinne auf 35 m, in den Kurven auf 45 m, verbreitert sei.

Es erübrigte nun noch, das westliche Hafenbecken - nach dem Lübschentor zu -

auszubaggern, um die an der Koppelseite neu entstandenen großen Holzlagerplätze

auch von dieser Seite zugänglich zu machen, und sodann, dies ganze Terrain durch

ein Bollwerk abzuschließen.

Für ersteren Zweck bewilligte der B.-A. 1908 Sept. 15 die Mittel. Im Laufe des

folgenden Jahres 1909 holte der Bagger, der vom 6. April bis 29. Dezember

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23 Einen Antrag an den Rat, er möge das Projekt betr. Ausbau des Hafens an der

Grasortseite nunmehr vorlegen, beschloß der B.-A. 1910 Dez. 29.

arbeitete, hier am Westhafen und vor dem neuen Bollwerk 120.560 Kubikmeter

Boden, vorwiegend Sand und Ton, heraus, die zur Aufhöhung und damit zur

Schaffung von Lagerplätzen an der Ostseite des neuen Westhafens dienten.

Außerdem wurden die Ackerstücke Nr. 2679 hinter der Insel aus der Pacht

genommen und dem Gebiet des Westhafens zugelegt (B.-A.-S. v. 1. Okt. 1909). An

der Westseite des alten Hafens wurden noch im Jahre 1908 17.000 Quadratmeter

mit Sand überkarrt. Der Lauf der Köppernitz wurde verlegt, um eine bessere Spülung

zu erreichen. Das neue Bollwerk wurde, nachdem zu diesem Behuf eine

Dampframme angeschafft worden war, um die Mitte des Jahres 1909 in Angriff

genommen. Dasselbe ist gegenüber dem Baumhause um zirka 23 Meter zurückgelegt,

so daß die Hafeneinfahrt hier eine erhebliche Verbreiterung erfährt. Die neue

Betonkaimauer wird sich auf eine Länge von 400 Metern von dem großen

Gehrcke'schen Holzschuppen bis zur äußersten Spitze - etwa der Stelle der früheren

Damenbadeanstalt - erstrecken, wo sie später mit der Kaimauer des Westhafens

zusammentreffen wird. Bis Mitte Oktober dieses Jahres (1910) waren von der Mauer

zirka 300 Meter fertiggestellt und bereits mit Steigleitern, Scheuerleisten und

Anbindepfählen versehen. Im neuen Westhafen konnten nach einem Bericht des M.

T. vom 19. Okt. bereits gegen 30 Segler und Dampfer ihre Ladungen löschen,

obwohl hier noch kein Bollwerk vorhanden war. Mit dem Legen desselben wurde

Okt. 31 begonnen, und zwar wurde zunächst die ca. 100 Meter lange Strecke vom

Ausgange des Hafens nach dem Otto'schen Sägewerk zu in Angriff genommen. Die

Gesamtlänge der Kaimauer am Westhafen wird ebenfalls ca. 400 Meter betragen.

Mit der Entfernung des alten, aus Pfählen bestehenden Bollwerks, das bisher die

Hafeneinfahrt vom Koggennoor trennte, ist im Juli 1910 angefangen. Die Arbeiten

daran dauern noch fort, da das Herausziehen der starken Pfähle sich ziemlich

schwierig gestaltet.

„Gemäß Beschluß von Rat und Bürgerausschuß sind," so heißt es im Bericht über

die Verwaltung der Stadt im Jahre 1909, „in Übereinstimmung mit den Gleis- und

Rangierverhältnissen der Eisenbahn die Westseite des alten Hafens (Koppelseite)

für den Holz- und Granitverkehr, die Halbinsel zwischen dem Alten und Neuen Hafen

für den Kohlenverkehr, die Ostseite des Neuen Hafens für den See-Export,

insbesondere für Getreide und Salze bestimmt. Leider hat sich aber für die

Herrichtung einer mechanischen Kohlenentladevorrichtung noch keine Einigung

erzielen lassen."

Nun, im kommenden Jahre 1911 wird auch dies Projekt in die Tat umgesetzt

werden, freilich nicht in Übereinstimmung mit dem Dreiteilungsplan.

Über ein Jahr lang hat diese Angelegenheit Rat und Bürgerausschuß unablässig in

Spannung erhalten. 1909 Sept. 3 gelangte sie zum ersten Mal im B.-A. zur

Verhandlung. „Das Hafenamt wünscht," so heißt es in dem Bericht über diese

Sitzung, „mit der Kohlenfirma H. Podeus hierselbst einen Vertrag über die

dreißigjährige Vermietung von Terrain an der Westseite des neuen Hafens für die

Kohlenlagerung und Herstellung einer mechanischen Kohlenentladung

abzuschließen. Zur Herstellung der nötigen Schienengeleise nebst Drehscheibe wird

die außeretatmäßige Bewilligung von 50.000 Mark gefordert. Der Ausschuß

überweist die Angelegenheit der Etatkommission."

Okt. 26 erklärte dann der B.-A., daß er der ganzen Einrichtung wohlwollend

gegenüberstehe, den dafür ausersehenen Platz jedoch nicht für geeignet halte. Er

ersuche den Rat, einen andern Platz vorzuschlagen, entweder an der Westseite des

neuen Westhafens oder an dem zu erbauenden Osthafen.

Und nun begann der Streit um die Platzfrage, der ein rundes Jahr lang heftig auf und

nieder wogte. Nahezu in allen seinen Sitzungen hat er den Bürgerausschuß

beschäftigt und ebenso oft sicher den Rat; Gutachten wurden von den

verschiedensten Seiten eingeholt; das Ministerium wurde angerufen, - alles

vergeblich; der Kampf tobte weiter. Am 15. Nov. dieses Jahres endlich schloß man

Frieden. Das Resultat war, daß die Dreiteilung des Hafens aufgegeben und für den

Entladeplatz die Ostseite des neuen Hafens bestimmt ward. Das Hafenamt wurde

ermächtigt, auf Grund der vorgelegten Bedingungen mit den Unternehmern, den

Firmen H. Podeus, Fr. Hansen, Carow & Moll und H. Schleeff, welche eine

Gesellschaft mit beschränkter Haftung gebildet haben, den Vertrag abzuschließen.

Nach diesen Bedingungen erstreckt sich der vermietete Platz vom Bollwerk des

Podeusschen Kohlenlagerplatzes bis zum früheren, jetzt (an dieser Stelle)

zugeschütteten Mühlenbach. Die Mietszeit läuft vom 1. April 1911 ab auf 20 Jahre,

jedoch ist die Stadt berechtigt, nach Ablauf von 12 Jahren die ganze Anlage, welche

jetzt auf Kosten der Unternehmer errichtet wird, nach dem Sachwerte auf Grund

einer Taxe zu übernehmen.

Erwähnt sei noch, da bei den Baggerarbeiten an verschiedenen Stellen des Hafens,

beim Alten Schweden, auf der Poelertorsweide sowie beim Eingange des Alten

Hafens eine ganze Reihe zum Teil höchst interessanter Stücke aus den

verschiedenen Jahrhunderten ans Tageslicht gefördert wurden.

Aus vorgeschichtlicher Zeit stammen eine nicht unbeträchtliche Anzahl Beile und

Messer aus Stein, meist vorzüglich erhalten, drei Knochennadeln und auch wohl die

zahlreichen Geweihbruchstücke.

Mehrere Stücke davon sind von Prof. Beltz in der Zeitschrift des Heimatbundes

besprochen und abgebildet worden. - Dem Mittelalter gehören an: ein Zinnkrug, ein

Kommendel (d. h. eine kleinere Schale) aus Zinn, ein Bruchstück eines bronzenen

Leuchters, auch wohl zwei Tongefäße und eine zierlich mit Eisen beschlagene

hölzerne Messerscheide. - Dem sechzehnten Jahrhundert sind zwei Löffel, ein

Messerheft mit Jahreszahl (1561), ein Zinnbecher mit eingelöteter Medaille und

vermutlich auch ein Teil eines Instruments aus Bronze zuzuschreiben, wegen

dessen Bestimmung die Verwaltungen unserer bedeutendsten Museen umsonst

befragt worden sind. Neueren Datums endlich sind ein großer Bronzegrapen und

eine Anzahl Kanonenkugeln. Alle diese Sachen sind vom Rat dem Museum

überwiesen worden.

Die Wismarsche Flotte bestand am 1. Jan. 1910 aus 28 Fahrzeugen, nämlich aus 21

Dampfern und sieben Seglern. Von den Seedampfern fuhren 10 unter

Korrespondenz der Firma H. Podeus; je 1 unter Korrespondenz der Schiffsmakler

Carl Tiede und Ragnar Nilsson und der Dampfschiffsgesellschaft Warnow G.m.b.H.,

7 Dampfer fuhren unter Korrespondenz ihrer Kapitäne, unter ihnen 1 Seedampfer;

die übrigen wurden zur Küstenschiffahrt benutzt bzw. vermitteln den

Passagierverkehr zwischen Wismar und Wendorf, Poel usw. Der Dampfer „Walfisch"

ist Eigentum der Stadt Wismar; er versieht, wie schon erwähnt, im Sommer die

Dienste eines Schleppers und wird im Winter als Eisbrecher benutzt. Von den sieben

Seglern diente ein Gaffelschoner für größere Fahrten, fünf andere nur zur

Küstenfahrt; einer ist ein Fischerkutter.

Die Dampfer „Arendsee" (früher Amrum) und „Seeadler" (früher Ditmarsia) wurden,

um das hier noch anzumerken, im Herbst 1907 erworben. Ersterer, von Kapt.

Schmidt angekauft, traf Okt. 5 hier ein, um am nächsten Tage seine erste

Vergnügungsreise in See zu machen; letzterer, Eigentum des Kapt. Mewes, kam

Nov. 14 zum ersten Mal mit Gütern hier an. Beide Dampfer vermitteln seither außer

dem Güterverkehr an bestimmten Tagen den Passagierverkehr zwischen hier und

Boltenhagen, Arendsee usw. Eine regelmäßige Dampfschiffverbindung zwischen

dem letztgenannten Orte und hier wurde übrigens schon im Sommer 1905 eröffnet.

Dieselbe geschah durch den Hamburger Dampfer „Varuna", war indessen nur von

kurzer Dauer, da die „Varuna" bald in Zahlungsschwierigkeiten geriet. Sie wurde

später als „Seeräuberschiff' in Kopenhagen beschlagnahmt und im Zwangswege

versteigert.

Für den Passagierverkehr zwischen Wismar und der Insel Poel, der bisher durch

den „Poel" vermittelt ward, haben die Besitzer des letzteren, Gebrüder Steinhagen,

bei der Neptunwerft in Rostock in diesem Herbst einen Salondampfer in Auftrag

gegeben. Derselbe wird aus Eisen gebaut, erhält im Vorder- und Achterschiff

Kajüten und ist zur Aufnahme von zirka 300 Personen bestimmt.

Leider ist die Handelsflotte Wismars zu Ende dieses Jahres (1910) von einem

empfindlichen Verlust betroffen worden. Die Reederei H. Podeus hat sechs ihrer

Schiffe an die Firma F. W. Fischer - Rostock verkauft; es sind dies die Dampfer

„Franziska Podeus", „Wilhelm Behrens", „Georg Mahn", „Elise Podeus", „Herzog

Johann Albrecht" und „Marie Gartz". Die Übernahme erfolgte Ende Oktober d. Js.

Über den Hafenverkehr gebe ich die Ausführungen des Berichts über die Verwaltung

der Stadt im Jahre 1909 wieder. Es sind, so heißt es darin, 224.458 Tonnen (zu

1000 kg) eingeführt und 81.292 Tonnen ausgeführt. Die Einfuhr des Jahres 1909 ist

die größte, die unser Hafen bisher gesehen hat, aber auch die Ausfuhr übertrifft,

abgesehen von 1908, alle früheren Jahre. Bei der Einfuhr steht nach wie vor

Englische Kohle mit 136.628 Tonnen weit voran und weist eine Steigerung von fast

10% gegen die Vorjahre auf. In den Jahren 1900, 1901 und 1903 wurden davon

rund 80.000 Tonnen eingeführt, 1902 100.000 Tonnen, 1904 bis 1906 im

Durchschnitt 108.000 Tonnen, 1907 und 1908 je 127.000 Tonnen. Die Holzeinfuhr

von Schweden und Finnland, die der Menge nach an zweiter Stelle steht, ist etwas

zurückgegangen, von 54.478 Tonnen auf 52.923. Der vorjährige Stand war schon in

den Jahren 1900-1902 und 1907 erreicht, erheblich übertroffen in den Jahren 1904

und 1905 mit 70.218 und 66.963 Tonnen, wogegen in den Jahren 1903 und 1906

nur eine Einfuhr von 48.926 und 42.841 Tonnen zu verzeichnen war.

Hinzuzurechnen ist jedoch noch die Holzeinfuhr aus dem deutschen Zollgebiete und

den Vereinigten Staaten, die ganz bedeutenden Schwankungen unterliegt. Während

sie aus dem Zollgebiete früher nie an 1.000 Tonnen hinanreichte, hat sie 1907:

4.600, 1908: 1.927, 1909: 4.134 Tonnen betragen. Aus den Vereinigten Staaten sind

1907: 538, 1908: 1.386, 1909: 3.869 Tonnen eingeführt, eine Einfuhr, die in den

Jahren 1900, 1901 und 1904 mit über 4.000 und 5.000 Tonnen in den Schatten

gestellt wird. In weitem Abstande folgt dann die Einfuhr von Granit, die im Jahre

1905 14.627, im Jahre 1908 13.160 Tonnen erreichte, 1909 aber auf 8.609 Tonnen

und damit nicht unbedeutend auch gegen die Jahre 1906 und 1907 mit 9.331 und

9.515 Tonnen zurückgegangen ist. Von 1900 bis 1904 betrug die niedrigste Einfuhr

dieses Artikels 4.739, die höchste 7.502 Tonnen. - Aus dem deutschen Zollgebiete

sind im Jahre 1909 12.839 (1908: 8.334) Tonnen eingeführt, hauptsächlich Holz,

Getreide und Stückgüter.

An der Spitze der Ausfuhr stehen Getreide und Hülsenfrüchte mit 47.240 (1908:

58.898) T., dazu noch Ölsaaten mit 1.149 (3130) Tonnen. Die Ausfuhr von Zucker ist

mit fast 15.000 Tonnen ziemlich die gleiche geblieben wie im Vorjahre, die an Salzen

mit nicht ganz 17.000 (über 20.000) Tonnen etwas geringer geworden. Ausgeführt

sind in das Deutsche Zollgebiet 14.690 (13.701) Tonnen, nach Schweden 17.793

(19.918), nach Dänemark 13.604 (12.822), nach Belgien 15.740 (13900), nach den

Niederlanden 8.143 (6.093), nach Gr.-Britannien 7.834 (15.549) Tonnen.

Die Gesamtein- und ausfuhr des Jahres 1910 bezifferte sich auf 321.900 Tonnen

(Einfuhr 226.015, Ausfuhr 95.885)Z4, mithin noch reichlich 16.000 Tonnen mehr wie

im Vorjahre.

Die Zahl der im Jahre 1909 angekommenen Schiffe betrug 727, davon 300 Dampfer

und 427 Segler; die der ausgegangenen 734, nämlich 300 Dampfer und 434 Segler.

Im letzten Jahre (1910) kamen 755 (309 + 446) Schiffe an und gingen 747

(316+431) ab; insgesamt also eine Zunahme von 41 Schiffen gegen das Vorjahr.

In der Bucht ist zunächst die neue Badeanstalt am Grasort zu erwähnen.

Die Beguhlsche Badeanstalt - etwa hinter dem jetzigen Bootshause des Ruderklubs

- bestand bis Ende 1904. Der Weg zu ihr führte zuletzt von der Fischerstraße aus

am Damm des Neuen Hafens entlang; wann das Fährboot einging, in dem früher der

alte Hartwig (an einem, hinter dem Baumhause nach drüben gespannten Tau)

„äwerhalte" habe ich leider nicht notiert. 1905 erwarb die Stadt die Badeanstalt, und

man beschloß nun, sie künftig am Grasort aufzubauen. Da der Ausführung sich

jedoch Schwierigkeiten entgegenstellten, so schlug der Rat vor, sie für diesmal

wieder an der alten Stelle aufzuschlagen, womit der B.A. sich Juni 8 einverstanden

erklärte.

24 Für die vorausgehenden Jahre stellen sich die Daten, wie folgt (in Tonnen):

Einfuhr Ausfuhr zusammen

1901: 161.083 53.828 214.866

1902: 178.560 50.094 228.654

1903: 154.639 49.982 204.621

1904: 206.754 64.042 270.796

1905: 208.477 62.915 271.392

1906: 189.371 66.149 255.520

1907: 211.293 75.255 286.548

1908: 209.600 96.213 305.813

1909: 224.458 81.292 305.750

Im Jahre 1906 wurde sie dann nach dem Grasort hinausgelegt. Bei den für ihre

Herstellung erforderlichen Baggerarbeiten stieß man - was beiläufig erwähnt werden

mag - auf ein in unmittelbarer Nähe des Fahrwassers liegendes Wrack eines alten

Schiffes. Mächtige Eichenbalken und - Bohlen, welche wohl den Boden des Schiffes

gebildet hatten, wurden unter erheblichen Schwierigkeiten durch den Bagger zu

Tage gefördert. Anscheinend waren es die Überreste eines Schiffes, welches in den

Kriegszeiten am Ende des 17. Jahrhunderts - vermutlich 1675 durch die Dänen - zur

Sperrung der Hafeneinfahrt dort versenkt wurde.

Der Weg zu der neuen Badeanstalt ging in diesem ersten Jahre gleichfalls von der

Fischerstraße aus an der Seeseite des neuen Hafens entlang; über den Mühlenbach

und den Trägergraben wurden April 1906 Brücken geschlagen. Im folgenden Jahre

1907 mußte der Weg dann jedoch wegen der oben besprochenen

Elevatierungsarbeiten auf dem neuen Hafengelände verlegt werden. Der durch

Wegweiser kenntlich gemachte neue Zugang führte oder führt vielmehr noch durch

den Trägergang vor dem Poelertor (zwischen den Häusern Poelerstraße Nr. 28 und

30). Außerdem wurde 1907 eine regelmäßige Verbindung nach der Badeanstalt

mittelst der Motorbote „Irene" und „Ilse" eingerichtet. Von dem Seebad Wendorf ist

früher schon gesprochen worden.

Die „Alten Schweden" -Köpfe wurden im Frühjahr 1903 durch zwei in der

Eisengießerei von F. Crull & Co. angefertigte eiserne ersetzt, nachdem der aus der

östlichen Seite des Fahrwassers stehende im Herbst 1902 Havarie gehabt hatte. Der

auf der Fahrt nach Lübeck begriffene finnische Seeleichter „Alsa" lief Okt. 30 beim

Ausweichen vor dem gleichfalls ausgehenden Segler „Pauline" mit dem Achterende

gegen den Kopf des alten braven Wächters der Einfahrt und ruinierte ihn derart, daß

eine Wiederherstellung unmöglich war. Der verschont gebliebene Kopf auf der

westlichen Seite wurde dem Museum überwiesen.25

Der Walfisch ging Mai 1905 durch Vertrag mit dem - im Auftrage des

Finanzministeriums handelnden - Großherzoglichen Amt in das Eigentum der Stadt

Wismar über, die ihn 1907/08 durch eine zirka 100 Meter lange und bis zu 4 Meter

hohe Mauer befestigen ließ. Die hierfür verwandten Felsen wurden bei der Insel

aufgefischt. Bei den Befestigungsarbeiten wurde ein eisernes Geschoß aufgefunden,

das wohl noch aus der Zeit stammte, wo der Walfisch als Festung diente. Dasselbe

wurde an der Ostseite wieder mit eingemauert.

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25 Die Köpfe an den beiden Eingängen zum „Alten Schweden" - Restaurant sind

Nachbildungen der alten.

Im Jahre 1907 erhielt der Walfisch auch das von den Fischern schon lange

gewünschte Leuchtfeuer. Dasselbe besteht in einer Petroleumlampe mit 28tägiger

Brenndauer.

Juni 1909 ließ die Gemeinnützige Gesellschaft auf dem Walfisch eine Schutzhütte

errichten, um Ausflüglern bei eintretendem Regen Unterkunft zu gewähren;

außerdem einen Kochherd zur Benutzung für die Ausflügler und eine Badehütte.

Gleichzeitig ließ das Hafenamt den bisher nur für kleine Boote verwendbaren

Anlegesteg soweit verlängern, daß auch die Motorboote dort anlegen können.

Auf der Insel Poel wurde 1909/10 beim Schwarzen Busch von dem Bauunternehmer

Fanter ein Kurhaus erbaut, das 25 Fremdenzimmer, einen großen Speisesaal,

Veranda u. a. enthält. Die Eröffnung geschah zu Pfingsten 1910. Der Weg zum

Schwarzen Busch wurde bereits 1908 auf Veranlassung des Poeler Badevereins mit

Bäumen bepflanzt.

Auch Gastwirt Völter hat auf seinem Grundstück ein neues zweistöckiges

Logierhaus aufführen lassen, das im Frühling 1910 eingeweiht wurde. Die Zahl der

Fremden, die als Badegäste auf Poel weilten, betrug im Jahre 1909 bereits 876.

Über die Frequenz im Jahre 1910 habe ich leider nichts notiert.

Oberortsvorsteher von Poel ist seit dem Tode Gustav Lembke's (gest. 1905 März 17)

Gutspächter Steinhagen - Kaltenhof.

Zwischen Hafen und Poelertor ist noch die im Jahre 1906 angelegte neue Straße zu

dem, bis dahin nur vom Poelertor aus zugänglichen Güterbahnhofe zu erwähnen.

Sie führt ziemlich parallel mit der Wasserstraße vom Neuen Hafen (Zufahrt durch die

Fischerstraße) auf den Güterbahnhof zu, der somit jetzt von der Ost- und Westseite

erreicht werden kann. Das zur Linken dieses Weges belegene Terrain, früher

Lagerplatz der Firma H. Podeus, Säge- und Hobelwerk (seit 1901 April Wismarsche

Hobelwerke A. G.), wurde dem Gebiet des Güterbahnhofs bereits im Jahre 1905

zugelegt, nachdem es beträchtlich aufgehöht war.

Vor dem Poelertor ist zunächst der Neubau des ebengenannten Sägeund

Hobelwerks anzuführen, das 1901 Juni 19 durch eine Feuersbrunst, wie sie in dem

Umfange seit längerer Zeit nicht in unserer Stadt gewütet hatte, völlig eingeäschert

war. Leider erforderte das Brandunglück auch ein Menschenleben. Das neue, teils

massiv, teils aus starkem Wellblech aufgeführte Gebäude wurde Ende Oktober 1901

in Benutzung genommen.

Die Straße vor dem Poelertor ist fast ganz ausgebaut; es sind dort seit 1900

zwischen den Bahngeleisen und Oevelgünne einige 30 neue Häuser entstanden.

Auch auf dem ehemaligen Gehöft des Fischers Frank (gleich links hinter dem

Mühlenbache; vgl. B.a.W.V. pag. 127) erheben sich Neubauten. Weiter hinaus, an

der linken Seite des hohen Dammes, sind im Jahre 1909 drei, vor Ahrenshof (rechts

vom Wege) schon ein Jahr früher zwei Häuslereien erbaut, zu denen 1910 noch eine

dritte hinzugekommen ist. Dem ganzen Straßenzuge, bisher mit „vor dem Poelertor",

„Poeler Damm" etc. bezeichnet, wurde 1909 Juli der Name „Poelerstraße" beigelegt;

dieselbe erstreckt sich vom Eisenbahnübergang vor dem Poelertor bis zur Eisernen

Hand.

Mit Gasbeleuchtung wurde die Straße bis Oevelgünne 1903 versehen. Das Projekt

eines neuen Verbindungsweges zwischen den Vorstädten vor dem Poeler- und

Altwismartor beschäftigt Rat und Bürgerausschuß seit 1909. Ein bestimmter

Beschluß ist darüber bisher nicht gefaßt.

Die Chaussee Wismar-Poel wurde 1906/08 erbaut. Wesentlich verändert durch sie

ist das Stück hinter der (1899 errichteten) Haack'schen Ziegelei, der sogenannte

Redentiner Hohlweg, dessen hohe Böschungen fast ganz abgetragen werden

mußten, um hier die Steigung zu vermindern.

Der als Ausflugsort von Wismar vielbesuchte Krabbenkrug hat sich den verbesserten

Verkehrsverhältnissen ebenfalls angepaßt. Das Lokal wurde 1908 durch einen

geschmackvollen Saalanbau vergrößert, und im Garten sind neben den früher schon

vorhandenen neue Sitzplätze entstanden. Die Gastwirtschaft, in der übrigens, dem

Namen zum Trotz, die Krabben längst eine ebenso große Rarität geworden sind, wie

anderswo, wurde im Jahre 1876 eröffnet. Ihr Begründer, der vor drei Jahren (Febr.

1908) im 87. Jahre verstorbene ehemalige Fischer Joachim Bernier gehörte in seiner

Art noch zu den Originalen: mit seinem prächtigen Charakterkopf, im Munde die bei

aller Arbeit nie ausgehende kurze Pfeife, war er so recht das Prototyp eines Alten

von de Waterkant.

Das Gut Müggenburg mit Ziegelei ist seit 1903 Eigentum der Vereinsbank in

Wismar.

Lenken wir unsere Schritte zurück zum Bahnhof. Von Interesse mag hier noch eine

Notiz über den vor nunmehr 64 Jahren in Angriff genommenen Bahnbau nach

Kleinen sein. In der von Ottomar Enking (im M. T. 1903) veröffentlichten I. I. D.

Meese'schen Chronik heißt es darüber: Anno 1846 den ersten Mai ward der erste

Anfang der Erdarbeiten zur Eisenbahn von Wismar auf das Dorf Klein nach

Schwerin, auf dem so genannten Platten-Kamp beim Mühlenteich in Angriff

genommen. Die Direktion der Eisenbahn, wozu der Herr Senator Erdmann in

Wismar zum Mitdirektor erwählt worden, hatte solchen von den Hund'schen Erben

für 10.000 Reichsthaler gekauft, und von den Arbeitern mit Schiebkarren und später

auch mit Wagen auf Eisenschienen Tag und Nacht ohne Unterbrechung bis auf 31/2

Fuß über den Wasserstand des Mühlenteichs zur Erhöhung des Planums der

Eisenbahn abgetragen. Von Wismar bis Klein arbeiteten den ganzen Sommer bis

zum Winter 1.500 Menschen mit reger Thätigkeit, und kann man wohl annehmen,

daß Wismar wöchentlich an 4.000 Rthlr. von diesen Leuten, welche ihren Bedarf an

Lebensmitteln etc. von hier nahmen, bezogen hat. Auch wurden viele Ladungen

Holz, Eisenschienen, Steinkohlen, Kalk u. mehrere Sachen für dieselben gelöscht,

welches täglich vielen Arbeitern Verdienst gab. Es war ein Mangel an Arbeitern,

denn alle gingen zur Eisenbahn, da solche einen täglichen Verdienst bis zu 32

Schilling auf den Mann gab, und zwar bei so genannten Schichtarbeiten.), so suchen

wir den Eingang zu ihm an der alten Stelle - links vor dem Poelertor auf der Insel

zwischen den Geleisen - vergeblich. Zwar die Straße ist hier noch vorhanden; auch

das Gebäude (das jetzt zur Eilgüterabfertigung dient) ist wesentlich das alte

geblieben; der Eingang für den Personenverkehr ist jedoch an der

Lindengartenpromenade von der Mühlengrube her, denn wir haben seit 1908 Nov.

einen „neuen" Bahnhof!

„Die Bahnhofsanlage in Wismar genügt", so schrieb das M. T. unterm 19. Mai 1908,
„den Anforderungen der Jetztzeit nicht mehr. Einmal ist der Zugang zum Bahnhof
über das Schienengeleise vor dem Poelertor leicht Störungen unterworfen, dann
müssen wegen des gesteigerten Bahnverkehrs auch neue Schienengeleise
geschaffen werden. Deshalb will man den Zugang zum Bahnhof verlegen. Dies
geschieht durch Anlage eines Tunnels, dessen Eingang bei der Bahnhofstr. liegt. An
der Stadtseite wird ein Vorempfangsgebäude errichtet, in dem sich Gepäckannahme
und Fahrkartenschalter befinden. Von dem Vorempfangsgebäude geht man auf
einer Treppe in den Tunnel, steigt nach Passieren desselben auf einer Treppe
empor und tritt in eine große Bogenhalle, an die sich der überdachte Bahnsteig an
beide Seiten anschließt. Das Gepäck wird in einer besonderen Anlage mit Maschinerie
durch den Tunnel befördert. Am Bahnsteig werden Dienst- und Nebengebäude
errichtet. Das Vorempfangsgebäude wird einstöckig im Ziegelrohbau mit
Mansardendach aufgeführt und mit Ziegeln gedeckt, ebenso das Dienstgebäude am Bahnsteig."

Damit ist das Bild des neuen Bahnhofs so ziemlich gezeichnet. Schön ist er nicht
geworden; man könnte beinahe sagen, im Gegenteil. Erwähnt mag noch sein, daß
die neue Überdachung der Einfahrtshalle das alte Schutzdach des Rostocker
Friedrich-Franz-Bahnhofes ist, das dort Juni 1907 abgebrochen und hier im Juli
desselben Jahres - wo man mit den Vorarbeiten für den Bahnhofsumbau bereits
begonnen hatte - neu wieder aufgestellt wurde.

Die Eröffnung des Tunnels, dessen Bau übrigens wegen des immer wieder
eindringenden Wassers große Schwierigkeiten bereitete, fand 1908 Nov. 15 statt;
gleichzeitig wurde auch auf dem hiesigen Bahnhof die Bahnsteigsperre eingeführt.
Das zwischen dem alten Empfangsgebäude und der neuen Halle errichtete, den
Wartesaal 1. und 2. Klasse enthaltende Gebäude wurde zwar ziemlich gleichzeitig
mit den übrigen Bauten in Angriff genommen, blieb dann jedoch noch längere Zeit
unvollendet, wie es hieß, weil keine Mittel mehr dafür vorhanden waren. Es ist erst
Ende 1909 dem Betrieb übergeben; die Restauration in dem neuen Wartesaal wurde
am ersten Weihnachtstage d. Js. eröffnet. Die früheren Räumlichkeiten der 1. und 2.
Klasse bilden jetzt den Wartesaal 3. und 4. Klasse, während der Raum der früheren
3. und 4. Klasse Verwaltungszwecken dient.
Ein fliegender Buchhändler etablierte sich noch auf dem alten Bahnhof 1906 April.
Ein automatischer Fernsprecher wurde Juni 1907 auf dem Bahnhofsperron
aufgestellt.

Die Ausflugskarten nach Kleinen, Moidentin, Steinhausen und Neukloster datieren in
der heutigen Form vom Jahre 1909. Vordem trat der ermäßigte Preis nur ein, wenn
gleichzeitig 5 Fahrkarten gelöst wurden.

Die Haltestelle Moidentin (oder, wie es in der amtlichen Bekanntmachung der
Generaldirektion zuerst hieß, „auf der Brusenbecker Feldmark") wurde gleichzeitig
mit der Eröffnung des Restaurants in Brusenbeck Mai 1901 eingerichtet; der so
genannte Kaffeezug nach dort verkehrt seit Sommer 1902.

Das Eisenbahnunglück bei der Ziegelei Stülow auf der Strecke Wismar-Doberan, bei
dem zwei Bahnbeamte den Tod fanden, ereignete sich 1908 Aug. 12; das noch
folgenschwerere bei Bützow (wo der Hamburger Schnellzug mit dem Stettiner
Personenzuge zusammenstieß) 1902 Juli 5.

Nicht unerwähnt soll hier bleiben, daß der Güterverkehr auf dem Wismarschen
Bahnhofe im Jahre 1909 den sämtlicher anderer mecklenburgischer Orte, auch
Rostocks, erheblich überstieg. Der Versand betrug 176.742 Tonnen (ä 1000 kg), der
Empfang 184.808 Tonnen; in Rostock nur 133.850 bzw. 159.076 Tonnen. Und doch...
schön ist der neue Bahnhof, wie schon einmal bemerkt, nicht geworden. Auch der
Zugang zu ihm bzw. der Abgang von ihm kann nicht gerade mit diesem Epitheton
belegt werden, mag man ihn nun durch die Hundestraße oder durch die
Mühlengrube nehmen. Dafür ist aber durch den Bahnhofsneubau der Lindengarten
ein Stück kleiner geworden: von den zu Anfang der 80er Jahre geschaffenen
Anlagen, für die die Bahnverwaltung das (ihr gehörige) Terrain leihweise
hergegeben hatte, mußte ein Teil wieder entfernt werden.

Auch sonst hat sich im Lindengarten allerlei verändert, nicht immer zu seinem
Vorteil. Aug. 1903 -just zu der Zeit, wo die Hundertjahrfeier die Stadt in
Feststimmung hielt - trug man die alte Stadtmauer längs der Bauhofsstraße mit den
davor liegenden Anlagen ab „Wiederum fällt," so schreibt unterm 27. Aug. d. Js. der
Berichterstatter des M. T., „ein Stück vom alten Wismar!" Und - so möchte ich in
diesem Falle wenigstens hinzufügen - ohne Grund und ohne jeden Zweck! - Ein vom
Rat hier später (im Voranschlag für das Jahr 1906) projektiertes Gitter, das 350 Mark
kosten sollte, hielt der B.-A. für überflüssig.

Ein Vorschlag, den die Gemeinnützige Gesellschaft im Jahre 1905 machte, den
unschönen Anblick der Hinterfronten des 1897 aufgeführten Häuserblocks links vom
Wasserturm durch einen hübschen Vorbau - entweder eine Restaurationsveranda
oder eine Wandelhalle - zu verdecken, wurde von der Stadtverwaltung abgelehnt,
weil man an dieser Stelle hoch gewachsene Bäume anpflanzen wolle. Bis heute ist
dies nicht geschehen; doch scheint man die Wände jetzt mit Epheu beranken zu wollen.

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Teil 2

Wismarer Wochenkalender