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Abriß der Geschichte Wismars bis zur Revolution Von Dr. F. Techen Druck und Verlag der Eberhardt'schen Hof- und Ratsbuchdruckerei Wismar. 1922. Übersicht Gründung und Erweiterung . . . Seite 3—5 Die Stadt Wismar ist 1229 zuerst bezeugt,
während sie 1222 noch nicht bestanden — 4 — verbindet, von ihrem Hauptteil abgetrennt war.
Der Markt, bis an die westliche Daß die Neustadt in ihrer Entwickelung hinter
der Altstadt zurückstand, ist noch — 5 — Gegründet war die Stadt, um darin und von dort
aus bürgerliches Gewerbe zu Nach Kirchbergs Chronik verlegte 1256 Herr
Johann von Meklenburg seinen erheben. Der über die Trennung von Stadt und Burg stand voran. Sonst klagte er. daß Wismar die Hochzeitsfeier seines ältesten Sohnes nicht innerhalb seiner Mauern zugelassen habe, und wollte auch den Ankauf von Dorsteen und Dargetzow durch Wismar nicht gelten lassen. Unter Vermittlung Lübecks kam 1300 eine Sühne dahin zu Stande, daß die Burg gegen eine Zahlung von 6000 Mark Lüb. an die Stadt abgetreten ward und diese ihren Landesherren einen Platz zwischen St. Marien und St. Georgen zu Errichtung eines Hofes einräumte, der nicht be- -- 6 -- festigt werden und in dem weder Verbrecher Schutz finden noch Bürger der städtischen Gerichtsbarkeit entzogen werden sollten. Um dieselbe Zeit, wo Herr Johann seinen Wohnsitz nach Wismar verlegte, schlichtete dies einen Streit zwischen seinen Nachbarstädten Lübeck und Rostock (1256). An der Urkunde darüber hängt das älteste Siegel der Stadt, das wir kennen. Drei Jahre später vereinigten sich Lübeck, Rostock und Wismar zu einem Bunde gegen Seeräuber, ein Bund, der öfter erneuert und ausgestaltet, für die Bildung der Deutschen Hanse wichtig ward. Zwei Entwickelungsreihen sind in dieser zusammengetroffen, die Verbindungen oder Hansen der Deutschen Kaufleute im Auslande und die Bündnisse Lübecks mit seinen Nachbarstädten, den Städten an der südlichen Ostseeküste (meist mit Lübischem Recht bewidmet) und mit Wisby. Als die Städte 1356 die Angelegenheiten des Deutschen Kaufmanns zu Brügge ordneten und bald darauf über sein Verhalten zu Flandern bestimmten, war die Deutsche Hanse fertig, wie auch zuerst 1358 von Städten der Deutschen Hanse die Rede ist. Eine besondere Beteiligung Wismarscher Bürger an den Kaufmannshansen im Auslande tritt nicht hervor, wenn auch Handelsverbindungen mit Brügge, London und namentlich mit Bergen bestanden haben. Dagegen ist Wismar kein unwichtiges Glied in den Städteverbindungen gewesen, und seine Ratssendeboten haben mit wenig Ausnahmen selbst in späterer Zelt die Städtetage bezogen. Von den 40 Hansetagen, die von 1535 bis 1621 abgehalten sind, hat es 32 beschickt, den letzten jedoch von 1629 nicht mehr besenden können. Dabei ist ihm freilich seine nahe Nachbarschaft zu Lübeck zu Statten gekommen, wie auch seine Lage inmitten der verbundenen Städte der Anlaß gewesen ist, daß, namentlich in der Frühzeit, mancher Tag nach Wismar berufen ward. Auch seinen geldlichen Verpflichtungen ist Wismar trotz eigner Nöte überraschend pünktlich nachgekommen. Innerhalb des Wendischen Drittels folgten Sich in fester Rangordnung Lübeck, Hamburg, — 7 — Rostock, Stralsund, Wismar und Lüneburg, wobei jedoch zeitweise Lüneburg und Wismar um den Platz stritten. Bei der ersten Verkehrssperre, die die Städte 1284 und zwar über Norwegen und mit gutem Erfolge verhängten, hat Wismar, nach seinem Berichte an die Westfälischen und Süderseeischen Städte zu urteilen, in erster Linie gestanden. Es wirkte auch hervorragend mit, um Lübeck an Stelle Wisbys zu setzen, wann in Streitigkeiten des Deutschen Kaufmanns in Nowgorod das endgültige Urteil zu sprechen war. Von den Städtebünden von 1308 und 1310, die nach dem Lübecker Chronisten Detmar große Dinge bezweckten, hatte Lübeck sich ferngehalten oder nur unter Vorbehalt sich daran beteiligt. Es handelte sich um Abwehr von Angriffen, die von Seiten der niedersächsischen Fürsten befürchtet wurden. Beschlossen ward dieser Angriff auf einem großen Hoftage, den König Erich von Dänemark in Rostock hatte halten wollen, vor dem aber diese Stadt ihre Tore gesperrt hatte, obgleich sie damals dem Dänenkönige unterstand. Der erste Ansturm richtete sich gegen Wismar. Dies wird in den Chroniken fälschlich darauf zurückgeführt, daß Wismar die Hochzeit seines Landesherrn oder dessen Tochter — die Berichte weichen darin von einander ab — nicht hätte in der Stadt feiern lassen wollen. Es ist das eine Uebertragung früherer Geschehnisse auf diese Zeit. Den wahren Grund kennen wir nicht. Genug, nach einigen Monaten mußte sich die Stadt, nur von Rostock tatkräftig unterstützt, während Lübeck wenigstens mit Geld half, in die Gewalt ihres Landesherrn geben und mit ihm Frieden machen. Sie mußte auf Rückzahlung von Darlehen verzichten und die ihr verpfändeten und verfallenen Mühlen, die Vogtei und den Zoll ohne Entgelt zurückgeben, sechs Judenfamilien zu gleichem Recht wieder aufnehmen, wie sie der Landesherr und seine Vorfahren dort gehabt hatten, in der Gerichtsbarkeit über die landesherrlichen Beamten Zugeständnisse machen und durfte ihren Helfern — 8 — nur mit Einem Koggen und Einer Snicke (einer Art kleines Schiff), außerdem allein innerhalb deren Mauern und Landwehren helfen. Nach der Sühne forderte Herr Heinrich noch, daß Wismar ihm den von den Rostockern niedergerissenen Fürstenhof wieder aufbaue, und erbaute, da das abgelehnt ward, sich an der Stadtmauer einen neuen Hof mit Ausgang auf den Weberkamp. Neben der Pforte in der Mauer (wohl in der Gegend der Bürgerschule, doch mehr nach dem Meklenburger Tore hin) errichtete er einen Turm. Ein Jahr später als Wismar mußte sich Rostock den Fürsten fügen. Stralsund und Greifswald hielten sich besser. Den neuen befestigten Hof brachte Wismar wieder an sich und riß ihn nieder, als Heinrich 1329 jung verstorben war und nur unmündige Kinder hinterlassen hatte. Es konnte das um so leichter, als es (ebenso, wie noch etwa 100 Jahre später) in der vormundschaftlichen Regierung vertreten und diese auf seine Geldhülfe angewiesen war. Seinen Landesherrn räumte es den Fürstenhof zwischen St. Marien und St. Georgen unter den alten Bedingungen wieder ein. Die Wiedergewinnung der verlorenen Gerechtsame erforderte längere Zeit. Erst 1373 erwarb die Stadt Vogtei, Gericht und Zoll als Pfand, um sie bis 1879 oder 1863 zu behalten. Die Münze war ihr schon 1359 wieder verpfändet worden, worauf hin Wismar bis 1854 geprägt hat. Zuerst sind nur die damals allein üblichen kleinen Silbermünzen, von 1506 bis 1674 Taler, von 1585 bis 1743 Goldstücke, zuletzt nur noch kupferne Dreilinge geschlagen worden. Von 1379 an bis 1550 hat die Stadt mit Lübeck, Hamburg und Lüneburg zusammen den Münzverein der vier Städte gebildet. Die Gruben- und die Kütermühle (diese vor dem Meklenburger Tor) kaufte sie 1371 wieder an sich. Wohl um die Uebergriffe, die er sich in Bezug auf das Kirchengut erlaubt hatte, zu sühnen, schenkte Herr Heinrich 1323 dem Bischofe von Ratzeburg das Patronatsrecht über St. Nikolai samt dem Pfarrhofe und begründete das damit, daß der -- 9 -- Bischof in der Hauptstadt seines Sprengels eine Wohnung haben müsse. Zugleich übertrug er ihm das Patronat über die Wismarschen Schulen, unbekümmert darum, daß es 1279 von seiner Mutter und seinen Oheimen an den Rat abgetreten war. Natürlich verteidigte der Rat seine älteren Rechte und setzte auch durch, daß der Bischof 1331 seinen Ansprüchen auf die Schulen entsagte. Auch wünschte er weder seinen Diözesan noch überhaupt Nichtbürger als Einwohner. Darum willkürte er erst, daß bei Verlust von Gut und Leben kein Bürger ein Grundstück, das unter Stadtrecht läge, an Fremde, sie seien geistlich oder weltlich, ohne Zustimmung des ganzen Rates veräußern dürfe; danach verbanden sich 1330 die Ratmannen eidlich, niemals zu dulden, daß ein Bischof oder eine geistliche Bruderschaft oder ein Geistlicher in der Stadt eine Wohnung kaufe oder sonst erwerbe, und legten ihren Nachfolgern im Amte die gleiche Verpflichtung auf. In der Tat hat niemals ein Bischof in Wismar gewohnt. Die Klöster Doberan, Cismar, Neukloster und der Orden der Deutschherren zu Livland, denen 1312—1330 Höfe in der Stadt überlassen wurden, mußten diese unter Lübischem Rechte belassen und sich verpflichten, weder zum Nachteil der Stadt zu bauen, noch Herren, Ritter oder Verdächtige zu herbergen und dereinst nur an Bürger zu verkaufen. Die durch die Ereignisse des Jahres 1311 abgerissene Verbindung mit den Wendischen Städten ist erst seit 1321 allmählich wieder geknüpft worden. Erst 1350 ist wieder eine Versammlung von Ratssendeboten der Städte Stralsund, Rostock und Wismar bezeugt, ein Städtebündnis ohne Teilnahme von Fürsten zuerst 1352 wieder zwischen Lübeck, Rostock, Stralsund, Wismar und Stettin abgeschlossen worden. Daß die Städte 1356 die Angelegenheiten des Brüggischen Kontors ordneten, ist oben erwähnt worden. 1353 und 1354 half Wismar seinem Landesherrn und verbündeten Städten eine Reihe Raubburgen brechen. Gelegentlich des Kampfes zwischen König Waldemar von — 10 — Dänemark und den Holsteinischen Grafen, in den auch Herzog Albrecht von Meklenburg eingriff, nahmen die Wismarschen den Dänischen Kriegshauptmann Peter Dene gefangen, als er ein Livisches Schiff im Hafen plünderte. Am Jahrestage des Ereignisses (1358 Juli 2) verehrte der Rat bis ins 16. Jahrhundert hinein jährlich den Pfarrern und Klöstern Rheinwein und ließ wahrscheinlich auch Almosen austeilen. Die Dominikaner aber verzeichneten es in einer Inschrift im Chor ihrer Kirche. Peter Dene glückte es übrigens sich bald zu befreien, während ein Teil seiner Genossen noch im August 1360 gefangen war. An den beiden hansischen Kriegen gegen König Waldemar von Dänemark, dem unglücklich verlaufenden von 1362 wie dem durch den Stralsunder Frieden von 1370 ruhmvoll beendeten, nahm Wismar teil, ohne besonders darin hervorzutreten. Als einige Zeit darauf Kaiser Karl IV. den Norden besuchte, vielleicht um über die künftige Regelung der Thronfolge in Dänemark zu verhandeln, nahm er bei seiner Heimreise seinen Weg über Lübeck und Wismar. Nach dem Bericht des Stadtschreibers hätte er für die gastliche Aufnahme, die er hier fand (1375 Okt. 31), den Ratmannen mehr Dank gesagt als den Lübeckern. Er ward mit großem Gepränge eingeholt und eine große Strecke Wegs von den Ratmannen geleitet. Kaiser Karl hatte Waldemar nicht mehr am Leben gefunden. Dessen Sohn Christoph war vor ihm gestorben und ebenso seine Tochter Ingeburg, die an den Herzog Heinrich von Meklenburg vermählt gewesen war. Für ihren unmündigen Sohn Albrecht machte der Großvater Albrecht Ansprüche auf den Dänischen Thron. Andere Ansprüche erhob die noch lebende jüngere Tochter Waldemars Margarete für sich und ihren Sohn Olaf von Norwegen. Die Hansestädte, ohne deren Einwilligung gemäß dem Stralsunder Frieden der Reichsrat nach des Königs Tode keinen Nachfolger anzunehmen befugt war, hielten sich zurück. Sie wünschten offenbar nicht, daß ein Meklenburgischer — 11 — Herzog wie auf dem Thron Schwedens so auch auf dem Dänemarks säße. Der Reichsrat entschied sich aber für Margaretens fünfjährigen Lohn. Zehn Jahre später fielen die Schwedischen Großen von dem Meklenburger Albrecht ab und gingen, da Olaf bald darauf starb, zu seiner Mutter Margarete über, die nunmehr die drei nordischen Reiche unter ihrem Szepter vereinigte. In dem um die Krone entbrannten Kriege fiel Albrecht im Februar 1389 in die Hand seiner Gegnerin. Bei Meklenburgs Bemühungen, seinen Landesherrn, der Albrecht durch den Tod seines Vaters und seines älteren Bruders geworden war, zu befreien, hatten die Seestädte mindestens für Beförderung der Krieger über See und für die Verbindungen zu sorgen. Sie öffneten, nachdem sie sich mit den Gliedern des Fürstenhauses und den Ständen verbunden hatten, im Frühjahr 1391 den Vitalienbrüdern ihre Häfen. Daraus, wie aus dem Kriege überhaupt erwuchsen ihnen zwar Gewinn aus der Beute, aber auch Nachteile und Schwierigkeiten in Menge. Ihre Bürger wurden nicht nur von der Schonenfahrt und dem Handel mit den nordischen Reichen ausgeschlossen, sondern auch in Flandern, Holland und England und von den Preußischen, Livischen, ja sogar von den Wendischen Städten bedroht oder für Schaden in Anspruch genommen. Nur weil sie dem Verbande der Wendischen Städte unentbehrlich waren, halfen diese ihnen schließlich durch. In Bergen, das 1393 von den Vitalienbrüdern überfallen und geplündert war, waren die von Rostock und Wismar noch 1410 nicht wieder zu vollem Rechte zugelassen. Als Margaretens Nachfolger Erich um Schleswigs willen mit den Grafen von Holstein in Krieg geraten war, traten die Wendischen Städte, um Erich nicht übermächtig werden zu lassen und ihre gefährdeten Privilegien zu verteidigen, auf die Seite der Holsteiner. Sie beteiligten sich 1426 an der Belagerung Flensburgs, schlugen sich 1427 mit den Dänen im Sunde und suchten 1428 vergeblich den Hafen von Kopenhagen durch Schiffs- — 12 — Versenkung zu sperren. Während sich Stralsund und Rostock in den folgenden Jahren zurückzogen, hielt Wismar an der Seite Lübecks, Hamburgs und Lüneburgs bis zum Frieden von Wordingborg 1435 aus. Dadurch ward den Wendischen Städten die Befreiung von dem kürzlich eingeführten Sundzolle gewonnen, während die übrigen hansischen Städte davon nicht völlig befreit wurden. Unter der Salzflotte, die nach der unglücklichen Schlacht im Sunde den Dänen in die Hände fiel, befanden sich 12 Wismarsche Schiffe. Auf die unheilvollen Folgen dieses Ereignisses wird nachher zurückzukommen sein. In dem Kriege König Christians II. von Dänemark wider Lübeck und dessen Genossen, die ihm nicht hatten den Willen tun wollen, ihren Verkehr mit Schweden abzubrechen, überfiel er 1511 das wehrlose Wismar. Dies war damals so wie so im Niedergange und konnte deshalb und wegen innerer Zwistigkeiten auch nicht in dem Kriege Lübecks, Danzigs und der Wendischen Städte wider ihn mithelfen, einem Kriege, der ihm 1523 seine Krone kostete. In die Grafenfehde ward Wismar wie Rostock mehr als durch seine hansischen Verbindungen durch die Thronkandidatur seines Landesherrn Herzog Albrechts hineingezogen und durch ihn gehindert an dem billigen Frieden, den Lübeck 1536 erlangte, teilzunehmen. Im folgenden Jahre mußten die Meklenburgischen Städte, von ihrem Herzog im Stich gelassen, ihren Frieden mit Dänemark teuer erkaufen. Der Erwerb der Bürger beruhte seit dem 14. Jahrhundert hauptsächlich auf Brauerei, Handel, Schiffahrt. Handwerk und Ackerbau. Die Brauerei ward von einer großen Anzahl erbgesessener Bürger — 1464 brauten ihrer 182 — betrieben. Wie oft jeder brauen und wieviel Malz er verbrauen durfte, ward von Obrigkeit wegen bestimmt. Um 1360 durfte jeder noch zweimal in der Woche, von 1399 bis 1418 nur noch einmal, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts 14 mal im Jahre, später noch weniger oft brauen. Lange nicht jeder nutzte --- 13 — das voll aus. Im Jahre 1400 durften je 126 Scheffel, später bis 180 Scheffel Malz verbraut werden. Das Bräu Bier kann man auf 30 Tonnen von rund 100 Litern schätzen. Im Braujahr 1464/5 werden etwa 42 500 Tonnen gebraut sein, nach jetzigen Anschauungen nicht sehr viel, aber mit modernem Maßstabe darf man nicht messen. Von 1464, wahrscheinlich aber schon von früher her ging die Zahl der Brauer ständig zurück. 1615 brauten noch 119, 1668 und 1703 85, 1727 60, 1765 15, 1774 8. Jetzt braut niemand mehr. Gebraut ward obergäriges Bier. Unter den Handwerksbetrieben stand im Mittelalter die Wollenweberei weit voran. Noch 1481 gab es 30 Wollenweber, und es wurden von 1481 bis 1490 durchschnittlich 2320 Laken im Jahre gewebt, wovon ein Teil nach Livland ausgeführt ward. Die Zahlen der Meister und der angefertigten Laken nahmen aber, mindestens von dieser Zeit an, ständig ab. Von 1571 bis 1580 wurden nur noch jährlich 919 Laken verfertigt. Die im 16. Jahrhundert versuchte Einführung der Feintuchweberei gedieh nicht; etwas besser glückte es den Raschmachern im 17. Jahrhundert, während das eigentliche Wollenweberhandwerk gänzlich verfiel. Neben den Wollenwebern hatten die Böttcher guten Verdienst, solange Brauer und Schonenfahrer ihnen Nahrung zu geben vermochten. Den Handel begünstigte man nicht, soweit Verbraucher und Erzeuger unmittelbar in Beziehung treten oder er Mangel oder Verteuerung des eignen Bedarfs, z. B. in Korn oder Wolle, hervorrufen konnte. Er wird sich wesentlich auf die Ausfuhr des Biers und die Einfuhr und den Vertrieb des Herings aus Schonen, des Stockfisches aus Bergen, des Französischen Salzes und Flandrischer Tuche beschränkt haben. Hierin werden auch meist die eignen Schiffe ihre Beschäftigung gefunden haben. Die Ausstattung der Stadt mit Land war anfangs recht dürftig gewesen. Aber seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert und das fol- — 14 — gende Jahrhundert hindurch wurden eine ganze Anzahl Dörfer der Feldmark einverleibt und meist gelegt, vor dem Altwismartor: Alt-Wismar (zu unbekannter Zeit), Dargetzow, Dorsteen, der Cessiner Werder; vor dem Meklenburger Tor: Cessin, Steffin, Damhusen; vor dem Lübschen Tor: Krukow; vor dem Pöler Tor: Vinekendorp, Rikwerstorp und Cismerstorp. Die Flurnamen Krukower Feld, Dorpstede (von Cismerstorp) und Hofstede (des Cessiner Hofes) erinnern an einzelne davon. Etwa die Hälfte des Landes erwarb die Stadt unmittelbar, die andere Hälfte kauften einzelne Bürger. Seit dem 14. Jahrhundert waren der Acker und die Wiesen der Stadt, soweit sie nicht für den Marstall bewirtschaftet oder den Ratmannen zugewiesen wurden, in 377 1/2 Lose eingeteilt, die alle sieben Jahre unterdie erbgesessenen Bürger verlost wurden. Im dreißigjährigen Kriege mußte der Lottacker verkauft werden. Das vorbehaltene Rückkaufsrecht hat nicht ausgeübt werden können. Noch aber hält die Bezeichnung vieler Ackerstücke als Lott und die darauf liegende Abgabe des Lottguldens die Erinnerung an diese Verhältnisse wach. Der Acker der Bürger lag in Morgen, wovon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts ein Grundgeld (anfänglich Ackerakzise) zu zahlen ist. Obwohl Lott und Morgen Größenbezeichnungen sind, (wobei man gewöhnlich das Lott zu drei oder vier Morgen berechnet) ist der Flächeninhalt der einzelnen sehr verschieden. Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überwog der Kleinbetrieb durch die Bauleute. Der Wohlstand und gute Erwerb der Bürger im 14. Jahrhundert offenbart sich noch gegenwärtig in den erhaltenen Zeugnissen damaliger Bautätigkeit, namentlich in den großartigen Kirchenbauten. St. Marien ist fast ganz im 14. Jahrhundert gebaut. Die unteren Teile des Turms werden dem Ausgange des 13. Jahrhunderts zugeschrieben. der Chorumganq den ersten Jahrzehnten des folgenden. Von den später erst den Langseiten vorgelegten — 15 — Kapellen weist eine inschriftlich die Jahreszahl 1339 auf. Gleichzeitig übernahm Johann Grote die Fertigstellung des Hochschiffs. Chor und Hauptaltar sind Laetare 1353 geweiht worden. In dem oberen Geschosse der Sakristei ist 1390 Messe gelesen worden. Die südliche Halle wird 1414 als Neuer Bau bezeichnet. Die Turmspitze brannte 1539 in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli in Folge Blitzschlags ab, den darauf neu errichteten Dachreiter aber hat ein Unwetter am 4. Januar 1661 herabgestürzt. Bei St. Nikolai hat der Bau des 14. Jahrhunderts dem jetzigen um 1380 vom Chor aus begonnenen Platz machen müssen. Im Jahre 1386 ward mit Hinrik van Bremen wegen der Vollendung des von ihm angefangenen Chorbaus abgeschlossen. Im Jahre 1403 Mai 27 sind Chor und Hochaltar geweiht, zwischen 1406 und 1415 ist der Chor bedacht worden. Danach sind erst 1434 die nördliche Abseite und Halle, 1437 die südliche samt der Halle, 1439 das Hochschiff begonnen, 1459 aber die Kirche und fünf Kapellen geweiht und gleich daraus Kirche und Abseiten eingewölbt worden. Die oberen Stockwerke des Turms sind 1485 und 1487 gebaut worden. Der schlanke Helm, der bis zum 8. Dezember 1703, wo ein Sturmwind ihn umstieß, den Turm schmückte, muß vor 1508 fertig gewesen sein; mit Kupfer ist er 1563 gedeckt worden. Besonderes Verdienst um den Bau der Kirche, deren Werkmeister er war, wird dem Schmiede Peter Stolp zugeschrieben. Er starb 1456. Baumeister für die 1434, 1437 und 1439 begonnenen Teile war Herman von Münster; den Turm baute Hans Martens. Bemerkenswert ist, daß, während offensichtlich St. Marien für den Bau als Muster diente, die Hallen dem ersten Bauplan fremd waren. Man wird daraus zu schließen haben, daß auch St. Marien bis gegen 1380 keine Hallen hatte. Von St. Georgen gehört der Chor einer älteren Kirche aus dem 14. Jahrhundert an. Nach den Bauformen, die solchen an St. Manen gleichen, — 16 — muß er um das Jahr 1320 angesetzt werden. Der Neubau der Kirche ist 1404 vom Turm her angefangen worden, aber bald ins Stocken geraten und erst etwa 1440 von Herman von Münster neu aufgenommen worden. Dessen Anteil verraten die von St. Nikolai her bekannten Bauformen und sein Merk an einem Arkadenbogen. Sein Nachfolger im Bauen war gemäß einer Inschrift am Gewölbe der ebenfalls von St. Nikolai her bekannte Hans Martens, der 1497 starb. Der Turm ist in den Anfängen stecken geblieben, die Anlage der Sakristei aber erweist, daß man vor dem Ende des Jahrhunderts die Hoffnung, den Bau nach dem Plane Münsters zu vollenden, aufgegeben hatte. Die Mittel waren schon 1464 so knapp geworden, daß man damals um die Erlaubnis bat in Lübeck sammeln zu dürfen. Der Bischof von Ratzeburg hatte zu Förderung des Baus Ablaß verliehen. Die an die Sakristei anstoßende zierliche Kapelle, die an den Aufbau über der Sakristei von St. Marien anklingt, ist vielleicht von Herder Kempe begründet, dessen Vikarei darin 1394 bezeugt ist. Die Kirche Zum Heiligen Geiste wird im großen und ganzen dem 14. Jahrhunderte angehören. Ihr Altar (nicht jedoch das erhaltene, das im 16. Jahrhundert im Austausch aus St. Marien dorthin versetzt ward) ist 1326 geweiht worden. Von der Kirche der Grauen Mönche sind nur ganz verschwindende Ueberbleibsel erhalten. Sie wird dem 14. Jahrhunderte angehört haben und ist 1816 bis 1822 abgebrochen worden. Die letzten Ueberreste der Klostergebäude sind dem Neubau der Großen Stadtschule von 1892/3 zum Opfer gefallen. Von der Kirche der Schwarzen Mönche steht noch der von Martin Kremer gebaute, 1397 geweihte Chor. Die Kirche ward 1689 für ein Waisenhaus umgebaut, das 1692 eingeweiht ward und als solches diente, bis 1850 die Waisen der Bürgerschule weichen mußten. 1878 ward die Kirche abgerissen, das an ihrer Stelle von Brunswig erbaute Schulhaus aber 1880 bezogen. Der Erweiterungsbau am innern Hofe ist von Zeroch (1904). Von den Bau- — 17 — lichkeiten des Klosters, die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts Arme aufgenommen haben und seit lange Pfründnern Wohnung bieten, stehen noch einige Reste. Die schöne Kapelle Marien zur Weiden auf dem Kirchhofe von St. Marien wird etwa gleichzeitig mit dem Chorumgange dieser Kirche erbaut worden sein. Einstmals befanden sich Altäre und Vikareien der Banzkowschen Familie darin, wie auch der Hingerichtete Bürgermeister Banzkow dort begraben ist. Von der lauschig gelegenen Pfarre zu St. Marien ist das vorderste Haus (mit dem Totentanz) um 1500 erbaut worden, das zweite 1576, das dritte läßt sich nicht datieren. Das Archidiakonatshaus, das Haus des zweiten Pastors an St. Marien, wird um 1450 als Werkhaus der Kirche gebaut worden sein. Es ist 1885 wiederhergestellt worden. Die Alte Schule, die nach ihrer Erneuerung durch Hamann 1881 das Museum aufgenommen hat, ein Prachtbau gotischer Ziegelarchitektur, wird der zweiten Hälfte oder dem Ausgang des 14. Jahrhunderts zugeschrieben werden müssen. Man beachte die Gleichheit des Frieses der Rückseite mit dem am St. Marienturm. Bis es dem Musikdirektorhause zu Liebe gekürzt ward, dehnte sich das Gebäude weiter nach Osten aus. Es war das Schulhaus für die Kirchspiele von St. Marien und St. Georgen. Von dem Antoniterhause in der Papenstraße deuten uns noch Portal und Fries auf einen mittelalterlichen Bau. Von sonstigen öffentlichen Bauten aus dem Mittelalter ist wenig genug erhalten. Das 1817 bis 1819 teils neu erbaute, teils nur umgebaute Rathaus birgt bedeutende Reste von dem älteren nach dem Brande von 1350 entstandenen Bau, vor allem den schönen gewölbten Keller und die ehemals offene Gerichtshalle im Westen des Gebäudes, deren Formen leider bei der Umgestaltung des Archivs für die Stadtkasse arg entstellt sind. - 18 - Letzte Ueberbleibsel der alten mit reichen Friesen geschmückten Marktbuden aus dem 14. Jahrhundert sind in den Eckhäusern der Häuserreihe zwischen Hege und Markt nordwärts vom Salzfäßchen verborgen. Geringe Reste der alten Stadtmauer sind bei der Klosterkirche erhalten. Der Gefangenturm gehört dem Ende des 14. Jahrhunderts an, der Wasserturm wohl dem 15. Jahrhundert, das Große Wassertor seiner Mitte. Einigermaßen erhaltene mittelalterliche Giebel an Privathäusern sind ein halbes Dutzend übrig. Bemerkenswert vorzüglich die ehemals gleichgestalteten des Alten Schweden am Markt und des Wä-dekinschen Fremdenhofs in der Altwismarstraße, wohl der Zeit zwischen 1380 und 1400 zuzuschreiben. (Vgl. den Aufbau über der Sakristei von St. Marien). Das dem letztgenannten schräg gegenüber liegende Haus ist, wie ein Vergleich seiner Schmuckformen mit denen am Giebel der Südhalle von St. Nikolai zeigt, um 1440 gebaut worden. Ein zierlicher, noch in altem Rohbau erhaltener, doch nach späterem Geschmack veränderter Giebel befindet sich in der Dankwartsstraße, mehr entstellte in der untern Lübschen Straße. Stark unter Umbau hat der Giebel der Ratsapotheke gelitten. Von Privatbauten aus späterer Zeit ist in erster Linie die Kochsche Brauerei an der Ecke der Grube und der Schweinsbrücke zu nennen. Philipp Brandin hat das Haus 1571 für den Bürgermeister Schabbelt erbaut. Einiges Interesse hat auch das 1589 erbaute Haus an der Ecke der Schmiedestraße und der Schatterau. Malerisch wirkt die kommodenförmig gestaltete Löwenapotheke, neben der sich im Hintergrunde, von der Hege aus gesehen, der Turm von St. Nikolai prächtig abhebt. An späteren öffentlichen Bauwerken sind der Fürstenhof und die Wasserkunst besonderer Erwähnung wert. Jenen hat Herzog Johann Albrecht 1554. von einem nicht bekannten Meister umbauen und ausbauen lassen. In seinem Kerne ist er mittelalterlich. Seine „Wiederherstellung" durch Luckow - 19 - (1877 und 1878) hat nicht etwa die alten Formen bewahrt und erneuert, sondern einen Luckowschen Renaissancebau geschaffen. Ehemals Wohnstätte der Meklenburgischen Herzoge, war der Fürstenhof in der Schwedischen Zeit Sitz des Tribunals, des obersten Gerichtshofes für die Besitzungen Schwedens in Deutschland; 1879 ist das Amtsgericht dorthin übergesiedelt. Die Wasserkunst, von wo aus das von Metelstorf seit 1571 in die Stadt geleitete Wasser, später auch das vom Wasserturm aus vom Mühlenteich her hinaufgepumpte, bis 1897 in das Rohrnetz verteilt ward, ist 1602 von Heinrich Dammert aus Lübeck vollendet worden. Ob und wieweit dieser etwa einem ältern Entwurfe Brandins gefolgt ist, dürfte schwerlich auszumitteln sein. Die jetzige Gestalt hat ihr 1861 Heinrich Thormann gegeben. Das Magazinhaus (jetzt Kaserne) und das Zeughaus hat die Schwedische Regierung am Ende des 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts bauen lassen. Das Theater von Heinrich Thormann ist 1842 fertig geworden. Die Leitung der städtischen Angelegenheiten hat von jeher in Händen des Rates gelegen. Schon 1241 begegnen in einer Urkunde bürgend ein Bürgermeister und zwei Ratmannen als Zeugen, dazu der fürstliche Vogt und sechs Ratmannen. Das älteste Stadtbuch beginnt (um 1250): bi der tit, dat her Thitmar van Bucowc unde her Radolf de Brese spreken der stades wort to der Wissemare unde her Marquart de smith unde her Arnolt Mule unde her Heinrich van Dortmunde unde her Heinric van Copercn des rades plagen .... Die das Wort der Stadt sprechen, sind natürlich die Bürgermeister, die andern vier Ratmannen. Vermutlich hat in ältester Zeit der Rat aus 2 Bürgermeistern und 10 Ratmannen bestanden, wovon in gewissem Wechsel 1 oder 2 Bürgermeister und 5 oder 4 Ratmannen die laufenden Geschäfte besorgten. Am Ende des 13. Jahrhunderts und bis 1308 sind bis zu 31 Ratmannen neben einander nachweisbar, wie man eine ähnlich große Zahl damals auch in den benachbarten Städten antrifft. - 20 - Später, sicher seit 1344, von wo an bis 1510
der Bestand des Rates Jahr für Jahr - 21 - beck abtreten und den alten Herren weichen
mußten. Von den Aemtern sind in - 22 - im Kaufe des Hopfens und der Kohlen ohne
Einmengung von Hopfen- und |
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