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Abriß der Geschichte Wismars bis zur Revolution

Von Dr. F. Techen

Druck und Verlag der Eberhardt'schen Hof- und Ratsbuchdruckerei Wismar. 1922.

Übersicht

Gründung und Erweiterung . . . Seite 3—5
Fürstliche Residenz und Mauerbau . „ 5—6
Verbindung mit denWendischenStädten,
Verhältnis zur Hanse , . . . „ 6—7
Kampf mit den Landesherren..... 7—8
Verhältnis zum Bischöfe von Ratzeburg,
Schulpatronllt, Klosterhöfe ... „ 8—9
Anteil an den hansischen Kriegen und
dem Kriege um die Schwedische Krone „ 9—12
Erwerb der Bürger, Ausbildung des
Stadtfeldes.......... 12—14
Bauten............ 14---19
Verfassung und Umwälzungen . . „ 19—28
Kirche und Schule...... „ 28—31
Vom dreißigjährigen Kriege bis zum
Frieden von Frederiksborg ... „ 31—34
Niedergang der Stadt, siebenjähriger
Krieg.......... „ 34—35
Abtretung an Meklenburg und 19. Jahrhundert 35—36
Krieg und Revolution..... „ 38—40
 

Die Stadt Wismar ist 1229 zuerst bezeugt, während sie 1222 noch nicht bestanden
hat. Ihren Namen hat sie von der Wissemaraa, dem Bache, der zum Mühlenteiche
aufgestaut ist und der vor dem Pöler Tor in die Ostsee fällt. Deshalb heißt sie früher
stets de stat to der Wissemer (oder Wismer), später noch de Wismer. Der Bach
selbst wird nach dem Dorfe Wismar benannt gewesen sein, das zwischen dem
Soldatenkirchhof und dem Mühlenteiche in der Gegend lag, wo sich der
Pulverschuppen befindet. Von dem Dorfe haben wir weiter keine Kunde. Die Namen
Altwismartor und Altwismarstraße deuten noch jetzt darauf hin.
Wismar wird von Lübeck aus unter Begünstigung Heinrich Burwis, Herrn von
Meklenburg, gegründet sein. Seine ersten Bewohner stammten zumeist aus den
Meklenburgischen Landen, daneben zu einem beträchtlichen Teile aus
Niedersachsen und Friesland, Westfalen, Holstein und Lauenburg, zu einem
geringeren vom Niederrhein, aus Holland, Flandern und aus den Marken. Das die
Stadt planmäßig gegründet ist, erweist die Regelmäßigkeit ihrer Straßenzüge, die
natürlich dem Gelände angepaßt sind. Anfänglich war ihr Umfang auf die beiden
Kirchspiele von St. Marien und St. Nikolai beschränkt. Eine Linie, vom Ziegenmarkt
durch die Speicherstraße, über den Heil. Geist auf den Fürstenhof zu. durch
Kellerstraße, Grüne Straße, Kleinschmiedestraße auf die Windpforte zu gezogen,
zeigt ihre Grenzen nach Westen und Südwesten an. Die Stadt bildete ein Eirund,
dessen Spitzen nach Norden und Süden wiesen und wovon das nördliche Drittel
durch die Grube, einen künstlichen Wasserlauf, der Mühlenteich und inneren Hafen
 

— 4 —

verbindet, von ihrem Hauptteil abgetrennt war. Der Markt, bis an die westliche
Häuserreihe der Hege und die nördliche der Altwismarstraße reichend (deren
westlicher Teil erst später Hinter dem Rathause benannt ward), lag im südlichen
Drittel unfern der hart an die Grenze der Stadt gerückten Marienkirche, der Kirche des Rates.
Sehr bald, jedesfalls vor 1250, hatte sich das Bedürfnis nach einer Erweiterung der
Stadt herausgestellt und hatte man es erfüllt. Das älteste Stadtbuch, um 1250
eingerichtet, wahrscheinlich sogar einige Jahre früher, nennt die Neustadt schon auf
seinen ersten Blättern. Diese umfaßte das Kirchspiel von St. Georgen und ward
nach Westen und Südwesten hin der Altstadt angeschlossen. Das Hospital zum
Heiligen Geiste entstand auf der Scheide zwischen Alt- und Neustadt, Lübeck zu, an
der wichtigsten Verkehrsstraße. Das Aussätzigenhaus von St. Georgen, vorher
außerhalb der Stadt belegen, verschwand. Seine, wahrscheinlich höchst
bescheidene, Kapelle ward in eine dritte Pfarrkirche umgewandelt und neben dem
Ritter Georg dem Patronate des Bischofs Martin unterstellt. Man scheute sich
vermutlich die altgeweihte Statte zu verweltlichen. Ein neues Aussätzigenhaus unter
dem Schutze St. Jakobs, des Patrons der Pilger, ward weiter nach Westen hinaus errichtet.

Daß die Neustadt in ihrer Entwickelung hinter der Altstadt zurückstand, ist noch
lange wahrnehmbar, ganz unverkennbar aber in den Namen der Straßen und
Oertlichkeiten, die im ältesten Stadtbuche begegnen. Abgesehen von den Namen,
die der Alt- und der Neustadt gemeinsam sind (Lübsche Straße. Dankwartsstraße,
Meklenburger Straße) treffen wir dort keinen einzigen der Neustadt eignen
Straßennamen, oft aber den Namen Neustadt, der damals natürlich noch den
ganzen Stadtteil umfaßte und erst später (zu unbekannter Zeit) auf die eine Straße
beschränkt ward, die jetzt so heißt. Ihr unterer Teil hieß früher die Heil. GeistesGrube.
In der Baustraße hatten sich die Bauleute (Ackerbürger) in größerer Zahl angesiedelt.
 

— 5 —

Gegründet war die Stadt, um darin und von dort aus bürgerliches Gewerbe zu
betreiben: Handwerk, Schiffahrt und Handel. Sicher diente sie in den ersten
Jahrzehnten ihres Bestehens auch den Kolonisten des Ostens als Durchgangsstelle
und Ausgangspunkt ihrer Fahrt, ebenso für die Kreuzfahrer, die Preußen und Livland
unterwerfen halfen. Erinnert sei an die Züge Burwis, Heinrichs des Pilgers und
vielleicht auch Johanns von Meklenburg nach Livland. Ebenso wird Heinrich der
Pilger wahrscheinlich von Wismar aus seine Fahrt angetreten haben. Damit in
Zusammenhang steht, daß den Rigischen in Meklenburg die gleichen Freiheiten verliehen
wurden, die die Lübecker genossen, und daß dem Deutschen Orden
Grundstücke in Wismar zugeeignet wurden. Der Grabstein des Ritters Adam,
ehemals in der Kirche des Schwarzen Klosters, jetzt in St. Georgen, erinnert an diese Dinge.

Nach Kirchbergs Chronik verlegte 1256 Herr Johann von Meklenburg seinen
Wohnsitz nach Wismar. Die Urkunden bestätigen das, zeugen aber für das folgende
Jahr. Die Burg ward auf dem Weberkampe, wahrscheinlich in der Gegend der
Eisengießerei erbaut. Während der langen Abwesenheit Heinrichs des Pilgers und
der Kämpfe um die Regentschaft ließ der Rat. auf einer Willensäußerung des
abwesenden Herrn fußend, die Stadt ummauern und zwischen Stadt und Burg einen
Graben ziehen. Das und anderes, was er als nicht zu duldende Eigenmächtigkeit
ansah, ward für den endlich 1298 heimgekehrten Fürsten ein Anlaß Vorwürfe zu

erheben. Der über die Trennung von Stadt und Burg stand voran. Sonst klagte er.

daß Wismar die Hochzeitsfeier seines ältesten Sohnes nicht innerhalb seiner

Mauern zugelassen habe, und wollte auch den Ankauf von Dorsteen und Dargetzow

durch Wismar nicht gelten lassen. Unter Vermittlung Lübecks kam 1300 eine Sühne

dahin zu Stande, daß die Burg gegen eine Zahlung von 6000 Mark Lüb. an die Stadt

abgetreten ward und diese ihren Landesherren einen Platz zwischen St. Marien und

St. Georgen zu Errichtung eines Hofes einräumte, der nicht be-

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festigt werden und in dem weder Verbrecher Schutz finden noch Bürger der

städtischen Gerichtsbarkeit entzogen werden sollten.

Um dieselbe Zeit, wo Herr Johann seinen Wohnsitz nach Wismar verlegte,

schlichtete dies einen Streit zwischen seinen Nachbarstädten Lübeck und Rostock

(1256). An der Urkunde darüber hängt das älteste Siegel der Stadt, das wir kennen.

Drei Jahre später vereinigten sich Lübeck, Rostock und Wismar zu einem Bunde

gegen Seeräuber, ein Bund, der öfter erneuert und ausgestaltet, für die Bildung der

Deutschen Hanse wichtig ward. Zwei Entwickelungsreihen sind in dieser zusammengetroffen,

die Verbindungen oder Hansen der Deutschen Kaufleute im Auslande und

die Bündnisse Lübecks mit seinen Nachbarstädten, den Städten an der südlichen

Ostseeküste (meist mit Lübischem Recht bewidmet) und mit Wisby. Als die Städte

1356 die Angelegenheiten des Deutschen Kaufmanns zu Brügge ordneten und bald

darauf über sein Verhalten zu Flandern bestimmten, war die Deutsche Hanse fertig,

wie auch zuerst 1358 von Städten der Deutschen Hanse die Rede ist.

Eine besondere Beteiligung Wismarscher Bürger an den Kaufmannshansen im

Auslande tritt nicht hervor, wenn auch Handelsverbindungen mit Brügge, London

und namentlich mit Bergen bestanden haben. Dagegen ist Wismar kein unwichtiges

Glied in den Städteverbindungen gewesen, und seine Ratssendeboten haben mit

wenig Ausnahmen selbst in späterer Zelt die Städtetage bezogen. Von den 40

Hansetagen, die von 1535 bis 1621 abgehalten sind, hat es 32 beschickt, den

letzten jedoch von 1629 nicht mehr besenden können. Dabei ist ihm freilich seine

nahe Nachbarschaft zu Lübeck zu Statten gekommen, wie auch seine Lage inmitten

der verbundenen Städte der Anlaß gewesen ist, daß, namentlich in der Frühzeit,

mancher Tag nach Wismar berufen ward. Auch seinen geldlichen Verpflichtungen ist

Wismar trotz eigner Nöte überraschend pünktlich nachgekommen. Innerhalb des

Wendischen Drittels folgten Sich in fester Rangordnung Lübeck, Hamburg,

— 7 —

Rostock, Stralsund, Wismar und Lüneburg, wobei jedoch zeitweise Lüneburg und

Wismar um den Platz stritten.

Bei der ersten Verkehrssperre, die die Städte 1284 und zwar über Norwegen und mit

gutem Erfolge verhängten, hat Wismar, nach seinem Berichte an die Westfälischen

und Süderseeischen Städte zu urteilen, in erster Linie gestanden. Es wirkte auch

hervorragend mit, um Lübeck an Stelle Wisbys zu setzen, wann in Streitigkeiten des

Deutschen Kaufmanns in Nowgorod das endgültige Urteil zu sprechen war.

Von den Städtebünden von 1308 und 1310, die nach dem Lübecker Chronisten

Detmar große Dinge bezweckten, hatte Lübeck sich ferngehalten oder nur unter

Vorbehalt sich daran beteiligt. Es handelte sich um Abwehr von Angriffen, die von

Seiten der niedersächsischen Fürsten befürchtet wurden. Beschlossen ward dieser

Angriff auf einem großen Hoftage, den König Erich von Dänemark in Rostock hatte

halten wollen, vor dem aber diese Stadt ihre Tore gesperrt hatte, obgleich sie

damals dem Dänenkönige unterstand. Der erste Ansturm richtete sich gegen

Wismar. Dies wird in den Chroniken fälschlich darauf zurückgeführt, daß Wismar die

Hochzeit seines Landesherrn oder dessen Tochter — die Berichte weichen darin von

einander ab — nicht hätte in der Stadt feiern lassen wollen. Es ist das eine

Uebertragung früherer Geschehnisse auf diese Zeit. Den wahren Grund kennen wir

nicht. Genug, nach einigen Monaten mußte sich die Stadt, nur von Rostock tatkräftig

unterstützt, während Lübeck wenigstens mit Geld half, in die Gewalt ihres

Landesherrn geben und mit ihm Frieden machen. Sie mußte auf Rückzahlung von

Darlehen verzichten und die ihr verpfändeten und verfallenen Mühlen, die Vogtei und

den Zoll ohne Entgelt zurückgeben, sechs Judenfamilien zu gleichem Recht wieder

aufnehmen, wie sie der Landesherr und seine Vorfahren dort gehabt hatten, in der

Gerichtsbarkeit über die landesherrlichen Beamten Zugeständnisse machen und

durfte ihren Helfern

— 8 —

nur mit Einem Koggen und Einer Snicke (einer Art kleines Schiff), außerdem allein

innerhalb deren Mauern und Landwehren helfen. Nach der Sühne forderte Herr

Heinrich noch, daß Wismar ihm den von den Rostockern niedergerissenen

Fürstenhof wieder aufbaue, und erbaute, da das abgelehnt ward, sich an der

Stadtmauer einen neuen Hof mit Ausgang auf den Weberkamp. Neben der Pforte in

der Mauer (wohl in der Gegend der Bürgerschule, doch mehr nach dem

Meklenburger Tore hin) errichtete er einen Turm. Ein Jahr später als Wismar mußte

sich Rostock den Fürsten fügen. Stralsund und Greifswald hielten sich besser.

Den neuen befestigten Hof brachte Wismar wieder an sich und riß ihn nieder, als

Heinrich 1329 jung verstorben war und nur unmündige Kinder hinterlassen hatte. Es

konnte das um so leichter, als es (ebenso, wie noch etwa 100 Jahre später) in der

vormundschaftlichen Regierung vertreten und diese auf seine Geldhülfe angewiesen

war. Seinen Landesherrn räumte es den Fürstenhof zwischen St. Marien und St.

Georgen unter den alten Bedingungen wieder ein. Die Wiedergewinnung der

verlorenen Gerechtsame erforderte längere Zeit. Erst 1373 erwarb die Stadt Vogtei,

Gericht und Zoll als Pfand, um sie bis 1879 oder 1863 zu behalten. Die Münze war

ihr schon 1359 wieder verpfändet worden, worauf hin Wismar bis 1854 geprägt hat.

Zuerst sind nur die damals allein üblichen kleinen Silbermünzen, von 1506 bis 1674

Taler, von 1585 bis 1743 Goldstücke, zuletzt nur noch kupferne Dreilinge

geschlagen worden. Von 1379 an bis 1550 hat die Stadt mit Lübeck, Hamburg und

Lüneburg zusammen den Münzverein der vier Städte gebildet. Die Gruben- und die

Kütermühle (diese vor dem Meklenburger Tor) kaufte sie 1371 wieder an sich.

Wohl um die Uebergriffe, die er sich in Bezug auf das Kirchengut erlaubt hatte, zu

sühnen, schenkte Herr Heinrich 1323 dem Bischofe von Ratzeburg das

Patronatsrecht über St. Nikolai samt dem Pfarrhofe und begründete das damit, daß

der

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Bischof in der Hauptstadt seines Sprengels eine Wohnung haben müsse. Zugleich

übertrug er ihm das Patronat über die Wismarschen Schulen, unbekümmert darum,

daß es 1279 von seiner Mutter und seinen Oheimen an den Rat abgetreten war.

Natürlich verteidigte der Rat seine älteren Rechte und setzte auch durch, daß der

Bischof 1331 seinen Ansprüchen auf die Schulen entsagte. Auch wünschte er weder

seinen Diözesan noch überhaupt Nichtbürger als Einwohner. Darum willkürte er erst,

daß bei Verlust von Gut und Leben kein Bürger ein Grundstück, das unter Stadtrecht

läge, an Fremde, sie seien geistlich oder weltlich, ohne Zustimmung des ganzen

Rates veräußern dürfe; danach verbanden sich 1330 die Ratmannen eidlich, niemals

zu dulden, daß ein Bischof oder eine geistliche Bruderschaft oder ein Geistlicher in

der Stadt eine Wohnung kaufe oder sonst erwerbe, und legten ihren Nachfolgern im

Amte die gleiche Verpflichtung auf. In der Tat hat niemals ein Bischof in Wismar

gewohnt. Die Klöster Doberan, Cismar, Neukloster und der Orden der

Deutschherren zu Livland, denen 1312—1330 Höfe in der Stadt überlassen wurden,

mußten diese unter Lübischem Rechte belassen und sich verpflichten, weder zum

Nachteil der Stadt zu bauen, noch Herren, Ritter oder Verdächtige zu herbergen und

dereinst nur an Bürger zu verkaufen.

Die durch die Ereignisse des Jahres 1311 abgerissene Verbindung mit den

Wendischen Städten ist erst seit 1321 allmählich wieder geknüpft worden. Erst 1350

ist wieder eine Versammlung von Ratssendeboten der Städte Stralsund, Rostock

und Wismar bezeugt, ein Städtebündnis ohne Teilnahme von Fürsten zuerst 1352

wieder zwischen Lübeck, Rostock, Stralsund, Wismar und Stettin abgeschlossen

worden. Daß die Städte 1356 die Angelegenheiten des Brüggischen Kontors

ordneten, ist oben erwähnt worden. 1353 und 1354 half Wismar seinem Landesherrn

und verbündeten Städten eine Reihe Raubburgen brechen. Gelegentlich des

Kampfes zwischen König Waldemar von

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Dänemark und den Holsteinischen Grafen, in den auch Herzog Albrecht von

Meklenburg eingriff, nahmen die Wismarschen den Dänischen Kriegshauptmann

Peter Dene gefangen, als er ein Livisches Schiff im Hafen plünderte. Am Jahrestage

des Ereignisses (1358 Juli 2) verehrte der Rat bis ins 16. Jahrhundert hinein jährlich

den Pfarrern und Klöstern Rheinwein und ließ wahrscheinlich auch Almosen

austeilen. Die Dominikaner aber verzeichneten es in einer Inschrift im Chor ihrer

Kirche. Peter Dene glückte es übrigens sich bald zu befreien, während ein Teil

seiner Genossen noch im August 1360 gefangen war.

An den beiden hansischen Kriegen gegen König Waldemar von Dänemark, dem

unglücklich verlaufenden von 1362 wie dem durch den Stralsunder Frieden von 1370

ruhmvoll beendeten, nahm Wismar teil, ohne besonders darin hervorzutreten. Als

einige Zeit darauf Kaiser Karl IV. den Norden besuchte, vielleicht um über die

künftige Regelung der Thronfolge in Dänemark zu verhandeln, nahm er bei seiner

Heimreise seinen Weg über Lübeck und Wismar. Nach dem Bericht des

Stadtschreibers hätte er für die gastliche Aufnahme, die er hier fand (1375 Okt. 31),

den Ratmannen mehr Dank gesagt als den Lübeckern. Er ward mit großem

Gepränge eingeholt und eine große Strecke Wegs von den Ratmannen geleitet.

Kaiser Karl hatte Waldemar nicht mehr am Leben gefunden. Dessen Sohn Christoph

war vor ihm gestorben und ebenso seine Tochter Ingeburg, die an den Herzog

Heinrich von Meklenburg vermählt gewesen war. Für ihren unmündigen Sohn

Albrecht machte der Großvater Albrecht Ansprüche auf den Dänischen Thron.

Andere Ansprüche erhob die noch lebende jüngere Tochter Waldemars Margarete

für sich und ihren Sohn Olaf von Norwegen. Die Hansestädte, ohne deren Einwilligung

gemäß dem Stralsunder Frieden der Reichsrat nach des Königs Tode keinen

Nachfolger anzunehmen befugt war, hielten sich zurück. Sie wünschten offenbar

nicht, daß ein Meklenburgischer

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Herzog wie auf dem Thron Schwedens so auch auf dem Dänemarks säße. Der

Reichsrat entschied sich aber für Margaretens fünfjährigen Lohn. Zehn Jahre später

fielen die Schwedischen Großen von dem Meklenburger Albrecht ab und gingen, da

Olaf bald darauf starb, zu seiner Mutter Margarete über, die nunmehr die drei

nordischen Reiche unter ihrem Szepter vereinigte. In dem um die Krone entbrannten

Kriege fiel Albrecht im Februar 1389 in die Hand seiner Gegnerin. Bei Meklenburgs

Bemühungen, seinen Landesherrn, der Albrecht durch den Tod seines Vaters und

seines älteren Bruders geworden war, zu befreien, hatten die Seestädte mindestens

für Beförderung der Krieger über See und für die Verbindungen zu sorgen. Sie

öffneten, nachdem sie sich mit den Gliedern des Fürstenhauses und den Ständen

verbunden hatten, im Frühjahr 1391 den Vitalienbrüdern ihre Häfen. Daraus, wie aus

dem Kriege überhaupt erwuchsen ihnen zwar Gewinn aus der Beute, aber auch

Nachteile und Schwierigkeiten in Menge. Ihre Bürger wurden nicht nur von der

Schonenfahrt und dem Handel mit den nordischen Reichen ausgeschlossen,

sondern auch in Flandern, Holland und England und von den Preußischen,

Livischen, ja sogar von den Wendischen Städten bedroht oder für Schaden in

Anspruch genommen. Nur weil sie dem Verbande der Wendischen Städte unentbehrlich

waren, halfen diese ihnen schließlich durch. In Bergen, das 1393 von den

Vitalienbrüdern überfallen und geplündert war, waren die von Rostock und Wismar

noch 1410 nicht wieder zu vollem Rechte zugelassen.

Als Margaretens Nachfolger Erich um Schleswigs willen mit den Grafen von Holstein

in Krieg geraten war, traten die Wendischen Städte, um Erich nicht übermächtig

werden zu lassen und ihre gefährdeten Privilegien zu verteidigen, auf die Seite der

Holsteiner. Sie beteiligten sich 1426 an der Belagerung Flensburgs, schlugen sich

1427 mit den Dänen im Sunde und suchten 1428 vergeblich den Hafen von

Kopenhagen durch Schiffs-

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Versenkung zu sperren. Während sich Stralsund und Rostock in den folgenden

Jahren zurückzogen, hielt Wismar an der Seite Lübecks, Hamburgs und Lüneburgs

bis zum Frieden von Wordingborg 1435 aus. Dadurch ward den Wendischen

Städten die Befreiung von dem kürzlich eingeführten Sundzolle gewonnen, während

die übrigen hansischen Städte davon nicht völlig befreit wurden. Unter der Salzflotte,

die nach der unglücklichen Schlacht im Sunde den Dänen in die Hände fiel,

befanden sich 12 Wismarsche Schiffe. Auf die unheilvollen Folgen dieses

Ereignisses wird nachher zurückzukommen sein.

In dem Kriege König Christians II. von Dänemark wider Lübeck und dessen

Genossen, die ihm nicht hatten den Willen tun wollen, ihren Verkehr mit Schweden

abzubrechen, überfiel er 1511 das wehrlose Wismar. Dies war damals so wie so im

Niedergange und konnte deshalb und wegen innerer Zwistigkeiten auch nicht in dem

Kriege Lübecks, Danzigs und der Wendischen Städte wider ihn mithelfen, einem

Kriege, der ihm 1523 seine Krone kostete. In die Grafenfehde ward Wismar wie

Rostock mehr als durch seine hansischen Verbindungen durch die Thronkandidatur

seines Landesherrn Herzog Albrechts hineingezogen und durch ihn gehindert an

dem billigen Frieden, den Lübeck 1536 erlangte, teilzunehmen. Im folgenden Jahre

mußten die Meklenburgischen Städte, von ihrem Herzog im Stich gelassen, ihren

Frieden mit Dänemark teuer erkaufen.

Der Erwerb der Bürger beruhte seit dem 14. Jahrhundert hauptsächlich auf Brauerei,

Handel, Schiffahrt. Handwerk und Ackerbau. Die Brauerei ward von einer großen

Anzahl erbgesessener Bürger — 1464 brauten ihrer 182 — betrieben. Wie oft jeder

brauen und wieviel Malz er verbrauen durfte, ward von Obrigkeit wegen bestimmt.

Um 1360 durfte jeder noch zweimal in der Woche, von 1399 bis 1418 nur noch

einmal, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts 14 mal im Jahre, später noch

weniger oft brauen. Lange nicht jeder nutzte

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das voll aus. Im Jahre 1400 durften je 126 Scheffel, später bis 180 Scheffel Malz

verbraut werden. Das Bräu Bier kann man auf 30 Tonnen von rund 100 Litern

schätzen. Im Braujahr 1464/5 werden etwa 42 500 Tonnen gebraut sein, nach

jetzigen Anschauungen nicht sehr viel, aber mit modernem Maßstabe darf man nicht

messen. Von 1464, wahrscheinlich aber schon von früher her ging die Zahl der

Brauer ständig zurück. 1615 brauten noch 119, 1668 und 1703 85, 1727 60, 1765

15, 1774 8. Jetzt braut niemand mehr. Gebraut ward obergäriges Bier.

Unter den Handwerksbetrieben stand im Mittelalter die Wollenweberei weit voran.

Noch 1481 gab es 30 Wollenweber, und es wurden von 1481 bis 1490

durchschnittlich 2320 Laken im Jahre gewebt, wovon ein Teil nach Livland

ausgeführt ward. Die Zahlen der Meister und der angefertigten Laken nahmen aber,

mindestens von dieser Zeit an, ständig ab. Von 1571 bis 1580 wurden nur noch jährlich

919 Laken verfertigt. Die im 16. Jahrhundert versuchte Einführung der

Feintuchweberei gedieh nicht; etwas besser glückte es den Raschmachern im 17.

Jahrhundert, während das eigentliche Wollenweberhandwerk gänzlich verfiel. Neben

den Wollenwebern hatten die Böttcher guten Verdienst, solange Brauer und

Schonenfahrer ihnen Nahrung zu geben vermochten.

Den Handel begünstigte man nicht, soweit Verbraucher und Erzeuger unmittelbar in

Beziehung treten oder er Mangel oder Verteuerung des eignen Bedarfs, z. B. in Korn

oder Wolle, hervorrufen konnte. Er wird sich wesentlich auf die Ausfuhr des Biers

und die Einfuhr und den Vertrieb des Herings aus Schonen, des Stockfisches aus

Bergen, des Französischen Salzes und Flandrischer Tuche beschränkt haben.

Hierin werden auch meist die eignen Schiffe ihre Beschäftigung gefunden haben.

Die Ausstattung der Stadt mit Land war anfangs recht dürftig gewesen. Aber seit der

zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert und das fol-

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gende Jahrhundert hindurch wurden eine ganze Anzahl Dörfer der Feldmark

einverleibt und meist gelegt, vor dem Altwismartor: Alt-Wismar (zu unbekannter

Zeit), Dargetzow, Dorsteen, der Cessiner Werder; vor dem Meklenburger Tor:

Cessin, Steffin, Damhusen; vor dem Lübschen Tor: Krukow; vor dem Pöler Tor:

Vinekendorp, Rikwerstorp und Cismerstorp. Die Flurnamen Krukower Feld,

Dorpstede (von Cismerstorp) und Hofstede (des Cessiner Hofes) erinnern an

einzelne davon. Etwa die Hälfte des Landes erwarb die Stadt unmittelbar, die andere

Hälfte kauften einzelne Bürger. Seit dem 14. Jahrhundert waren der Acker und die

Wiesen der Stadt, soweit sie nicht für den Marstall bewirtschaftet oder den Ratmannen

zugewiesen wurden, in 377 1/2 Lose eingeteilt, die alle sieben Jahre unter

die erbgesessenen Bürger verlost wurden. Im dreißigjährigen Kriege mußte der

Lottacker verkauft werden. Das vorbehaltene Rückkaufsrecht hat nicht ausgeübt

werden können. Noch aber hält die Bezeichnung vieler Ackerstücke als Lott und die

darauf liegende Abgabe des Lottguldens die Erinnerung an diese Verhältnisse wach.

Der Acker der Bürger lag in Morgen, wovon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts ein

Grundgeld (anfänglich Ackerakzise) zu zahlen ist. Obwohl Lott und Morgen

Größenbezeichnungen sind, (wobei man gewöhnlich das Lott zu drei oder vier

Morgen berechnet) ist der Flächeninhalt der einzelnen sehr verschieden. Noch in der

ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überwog der Kleinbetrieb durch die Bauleute.

Der Wohlstand und gute Erwerb der Bürger im 14. Jahrhundert offenbart sich noch

gegenwärtig in den erhaltenen Zeugnissen damaliger Bautätigkeit, namentlich in den

großartigen Kirchenbauten.

St. Marien ist fast ganz im 14. Jahrhundert gebaut. Die unteren Teile des Turms

werden dem Ausgange des 13. Jahrhunderts zugeschrieben. der Chorumganq den

ersten Jahrzehnten des folgenden. Von den später erst den Langseiten vorgelegten

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Kapellen weist eine inschriftlich die Jahreszahl 1339 auf. Gleichzeitig übernahm

Johann Grote die Fertigstellung des Hochschiffs. Chor und Hauptaltar sind Laetare

1353 geweiht worden. In dem oberen Geschosse der Sakristei ist 1390 Messe

gelesen worden. Die südliche Halle wird 1414 als Neuer Bau bezeichnet. Die

Turmspitze brannte 1539 in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli in Folge Blitzschlags

ab, den darauf neu errichteten Dachreiter aber hat ein Unwetter am 4. Januar 1661

herabgestürzt.

Bei St. Nikolai hat der Bau des 14. Jahrhunderts dem jetzigen um 1380 vom Chor

aus begonnenen Platz machen müssen. Im Jahre 1386 ward mit Hinrik van Bremen

wegen der Vollendung des von ihm angefangenen Chorbaus abgeschlossen. Im

Jahre 1403 Mai 27 sind Chor und Hochaltar geweiht, zwischen 1406 und 1415 ist

der Chor bedacht worden. Danach sind erst 1434 die nördliche Abseite und Halle,

1437 die südliche samt der Halle, 1439 das Hochschiff begonnen, 1459 aber die

Kirche und fünf Kapellen geweiht und gleich daraus Kirche und Abseiten eingewölbt

worden. Die oberen Stockwerke des Turms sind 1485 und 1487 gebaut worden. Der

schlanke Helm, der bis zum 8. Dezember 1703, wo ein Sturmwind ihn umstieß, den

Turm schmückte, muß vor 1508 fertig gewesen sein; mit Kupfer ist er 1563 gedeckt

worden. Besonderes Verdienst um den Bau der Kirche, deren Werkmeister er war,

wird dem Schmiede Peter Stolp zugeschrieben. Er starb 1456. Baumeister für die

1434, 1437 und 1439 begonnenen Teile war Herman von Münster; den Turm baute

Hans Martens. Bemerkenswert ist, daß, während offensichtlich St. Marien für den

Bau als Muster diente, die Hallen dem ersten Bauplan fremd waren. Man wird

daraus zu schließen haben, daß auch St. Marien bis gegen 1380 keine Hallen hatte.

Von St. Georgen gehört der Chor einer älteren Kirche aus dem 14. Jahrhundert an.

Nach den Bauformen, die solchen an St. Manen gleichen,

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muß er um das Jahr 1320 angesetzt werden. Der Neubau der Kirche ist 1404 vom

Turm her angefangen worden, aber bald ins Stocken geraten und erst etwa 1440

von Herman von Münster neu aufgenommen worden. Dessen Anteil verraten die von

St. Nikolai her bekannten Bauformen und sein Merk an einem Arkadenbogen. Sein

Nachfolger im Bauen war gemäß einer Inschrift am Gewölbe der ebenfalls von St.

Nikolai her bekannte Hans Martens, der 1497 starb. Der Turm ist in den Anfängen

stecken geblieben, die Anlage der Sakristei aber erweist, daß man vor dem Ende

des Jahrhunderts die Hoffnung, den Bau nach dem Plane Münsters zu vollenden,

aufgegeben hatte. Die Mittel waren schon 1464 so knapp geworden, daß man

damals um die Erlaubnis bat in Lübeck sammeln zu dürfen. Der Bischof von

Ratzeburg hatte zu Förderung des Baus Ablaß verliehen. Die an die Sakristei

anstoßende zierliche Kapelle, die an den Aufbau über der Sakristei von St. Marien

anklingt, ist vielleicht von Herder Kempe begründet, dessen Vikarei darin 1394

bezeugt ist.

Die Kirche Zum Heiligen Geiste wird im großen und ganzen dem 14. Jahrhunderte

angehören. Ihr Altar (nicht jedoch das erhaltene, das im 16. Jahrhundert im

Austausch aus St. Marien dorthin versetzt ward) ist 1326 geweiht worden.

Von der Kirche der Grauen Mönche sind nur ganz verschwindende Ueberbleibsel

erhalten. Sie wird dem 14. Jahrhunderte angehört haben und ist 1816 bis 1822

abgebrochen worden. Die letzten Ueberreste der Klostergebäude sind dem Neubau

der Großen Stadtschule von 1892/3 zum Opfer gefallen.

Von der Kirche der Schwarzen Mönche steht noch der von Martin Kremer gebaute,

1397 geweihte Chor. Die Kirche ward 1689 für ein Waisenhaus umgebaut, das 1692

eingeweiht ward und als solches diente, bis 1850 die Waisen der Bürgerschule

weichen mußten. 1878 ward die Kirche abgerissen, das an ihrer Stelle von Brunswig

erbaute Schulhaus aber 1880 bezogen. Der Erweiterungsbau am innern Hofe ist von

Zeroch (1904). Von den Bau-

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lichkeiten des Klosters, die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts Arme aufgenommen

haben und seit lange Pfründnern Wohnung bieten, stehen noch einige Reste.

Die schöne Kapelle Marien zur Weiden auf dem Kirchhofe von St. Marien wird etwa

gleichzeitig mit dem Chorumgange dieser Kirche erbaut worden sein. Einstmals

befanden sich Altäre und Vikareien der Banzkowschen Familie darin, wie auch der

Hingerichtete Bürgermeister Banzkow dort begraben ist.

Von der lauschig gelegenen Pfarre zu St. Marien ist das vorderste Haus (mit dem

Totentanz) um 1500 erbaut worden, das zweite 1576, das dritte läßt sich nicht

datieren.

Das Archidiakonatshaus, das Haus des zweiten Pastors an St. Marien, wird um 1450

als Werkhaus der Kirche gebaut worden sein. Es ist 1885 wiederhergestellt worden.

Die Alte Schule, die nach ihrer Erneuerung durch Hamann 1881 das Museum

aufgenommen hat, ein Prachtbau gotischer Ziegelarchitektur, wird der zweiten Hälfte

oder dem Ausgang des 14. Jahrhunderts zugeschrieben werden müssen. Man

beachte die Gleichheit des Frieses der Rückseite mit dem am St. Marienturm. Bis es

dem Musikdirektorhause zu Liebe gekürzt ward, dehnte sich das Gebäude weiter

nach Osten aus. Es war das Schulhaus für die Kirchspiele von St. Marien und St.

Georgen.

Von dem Antoniterhause in der Papenstraße deuten uns noch Portal und Fries auf

einen mittelalterlichen Bau.

Von sonstigen öffentlichen Bauten aus dem Mittelalter ist wenig genug erhalten. Das

1817 bis 1819 teils neu erbaute, teils nur umgebaute Rathaus birgt bedeutende

Reste von dem älteren nach dem Brande von 1350 entstandenen Bau, vor allem den

schönen gewölbten Keller und die ehemals offene Gerichtshalle im Westen des

Gebäudes, deren Formen leider bei der Umgestaltung des Archivs für die

Stadtkasse arg entstellt sind.

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Letzte Ueberbleibsel der alten mit reichen Friesen geschmückten Marktbuden aus

dem 14. Jahrhundert sind in den Eckhäusern der Häuserreihe zwischen Hege und

Markt nordwärts vom Salzfäßchen verborgen.

Geringe Reste der alten Stadtmauer sind bei der Klosterkirche erhalten. Der

Gefangenturm gehört dem Ende des 14. Jahrhunderts an, der Wasserturm wohl

dem 15. Jahrhundert, das Große Wassertor seiner Mitte.

Einigermaßen erhaltene mittelalterliche Giebel an Privathäusern sind ein halbes

Dutzend übrig. Bemerkenswert vorzüglich die ehemals gleichgestalteten des Alten

Schweden am Markt und des Wä-dekinschen Fremdenhofs in der Altwismarstraße,

wohl der Zeit zwischen 1380 und 1400 zuzuschreiben. (Vgl. den Aufbau über der

Sakristei von St. Marien). Das dem letztgenannten schräg gegenüber liegende Haus

ist, wie ein Vergleich seiner Schmuckformen mit denen am Giebel der Südhalle von

St. Nikolai zeigt, um 1440 gebaut worden. Ein zierlicher, noch in altem Rohbau

erhaltener, doch nach späterem Geschmack veränderter Giebel befindet sich in der

Dankwartsstraße, mehr entstellte in der untern Lübschen Straße. Stark unter Umbau

hat der Giebel der Ratsapotheke gelitten.

Von Privatbauten aus späterer Zeit ist in erster Linie die Kochsche Brauerei an der

Ecke der Grube und der Schweinsbrücke zu nennen. Philipp Brandin hat das Haus

1571 für den Bürgermeister Schabbelt erbaut. Einiges Interesse hat auch das 1589

erbaute Haus an der Ecke der Schmiedestraße und der Schatterau. Malerisch wirkt

die kommodenförmig gestaltete Löwenapotheke, neben der sich im Hintergrunde,

von der Hege aus gesehen, der Turm von St. Nikolai prächtig abhebt.

An späteren öffentlichen Bauwerken sind der Fürstenhof und die Wasserkunst

besonderer Erwähnung wert. Jenen hat Herzog Johann Albrecht 1554. von einem

nicht bekannten Meister umbauen und ausbauen lassen. In seinem Kerne ist er

mittelalterlich. Seine „Wiederherstellung" durch Luckow

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(1877 und 1878) hat nicht etwa die alten Formen bewahrt und erneuert, sondern

einen Luckowschen Renaissancebau geschaffen. Ehemals Wohnstätte der

Meklenburgischen Herzoge, war der Fürstenhof in der Schwedischen Zeit Sitz des

Tribunals, des obersten Gerichtshofes für die Besitzungen Schwedens in

Deutschland; 1879 ist das Amtsgericht dorthin übergesiedelt. Die Wasserkunst, von

wo aus das von Metelstorf seit 1571 in die Stadt geleitete Wasser, später auch das

vom Wasserturm aus vom Mühlenteich her hinaufgepumpte, bis 1897 in das

Rohrnetz verteilt ward, ist 1602 von Heinrich Dammert aus Lübeck vollendet worden.

Ob und wieweit dieser etwa einem ältern Entwurfe Brandins gefolgt ist, dürfte

schwerlich auszumitteln sein. Die jetzige Gestalt hat ihr 1861 Heinrich Thormann

gegeben. Das Magazinhaus (jetzt Kaserne) und das Zeughaus hat die Schwedische

Regierung am Ende des 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts bauen lassen.

Das Theater von Heinrich Thormann ist 1842 fertig geworden.

Die Leitung der städtischen Angelegenheiten hat von jeher in Händen des Rates

gelegen. Schon 1241 begegnen in einer Urkunde bürgend ein Bürgermeister und

zwei Ratmannen als Zeugen, dazu der fürstliche Vogt und sechs Ratmannen. Das

älteste Stadtbuch beginnt (um 1250):

bi der tit, dat her Thitmar van Bucowc unde her Radolf de Brese spreken der stades

wort to der Wissemare unde her Marquart de smith unde her Arnolt Mule unde her

Heinrich van Dortmunde unde her Heinric van Copercn des rades plagen ....

Die das Wort der Stadt sprechen, sind natürlich die Bürgermeister, die andern vier

Ratmannen. Vermutlich hat in ältester Zeit der Rat aus 2 Bürgermeistern und 10

Ratmannen bestanden, wovon in gewissem Wechsel 1 oder 2 Bürgermeister und 5

oder 4 Ratmannen die laufenden Geschäfte besorgten. Am Ende des 13.

Jahrhunderts und bis 1308 sind bis zu 31 Ratmannen neben einander nachweisbar,

wie man eine ähnlich große Zahl damals auch in den benachbarten Städten antrifft.

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Später, sicher seit 1344, von wo an bis 1510 der Bestand des Rates Jahr für Jahr
aufgezeichnet vorliegt, gehörten ihm regelmäßig etwa 24 Personen an, von denen 3
oder 4 Bürgermeister zu sein pflegten. Noch 1581 zählte der Rat 21 Mitglieder, von
1675 bis 1829 12 oder 13. Der Rat, dessen Mitglieder ihm von jeher auf Lebenszeit
angehörten, ward in drei Gruppen geteilt, die der eingetretenen, der gebliebenen und
der ausgeschiedenen Herren, an der Spitze jeder Gruppe 1 oder 2 Bürgermeister.
Der Wechsel fand zu Himmelfahrt statt. Die Geschäfte lagen den ersten beiden
Gruppen (denen der neuen Ratmannen) auf, während die dritte (die der alten) ein
Jahr lang davon frei war und nur zu wichtigen Dingen wie zu Willküren, Rentenverkäufen,
Verträgen zugezogen ward. Die Ratsämter der Kämmerer, der
Richteherrren, der Weinherren, der Weddeherren (zuständig für Polizei und Gewerbesachen)
usw. wurden aus den Reihen der neuen mit je zwei Ratmannen
besetzt. Wann die Umsetzung zur reinen Form geworden ist, wird nicht leicht
auszumachen sein. Bei stärkerem Ersatz durch Zuwahl wurden die neu erwählten
Ratmannen über alle drei Gruppen verteilt. Umsetzung wie Zuwahl neuer Mitglieder
an Stelle verstorbener war nach Lübischem Rechte, dessen sich Wismar
wahrscheinlich von Anfang an erfreute, ausschließlich Sache des Rates.
Ursprünglich waren auch Handwerker ratsfähig, nach 1323 aber fehlt jede Spur, daß
ein Handwerker in den Rat gelangt sei. Dem entspricht die Erscheinung, daß 1379
die Handwerker aus der Papagojen-Gesellschaft, der Gesellschaft der Brauer und
Kaufleute, austreten mußten.
Zweimal ist der Rat während des Mittelalters gestürzt worden, das erste Mal in
Anschluß an eine Umwälzung in Lübeck, wobei aufsässige Bürger und Handwerker
erst 1410 mit in den Rat eindrangen, dann, wahrscheinlich seit Himmelfahrt 1411,
allein sich des Ratstuhls bemächtigten und die alten Ratmannen hinausdrängten.
Sie behielten die Herrschaft, bis sie 1416 nach Herstellung des rechtmäßigen Rates zu Lü-
 

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beck abtreten und den alten Herren weichen mußten. Von den Aemtern sind in
dieser Zeit ein Wollenweber, ein Schmied, ein Böttcher, ein Krämer und ein
Knochenhauer nachweisbar. Die Ratsämter wurden statt mit zwei mit drei Ratmannen besetzt.
Als 1427 die Nachricht von der Niederlage im Sunde und dem Verlust der Baienflotte
(der Salzschiffe, die ihre Ladung in der Bai von Bourgneuf südlich der Loire
eingenommen hatten) nach Wismar kam, entstand eine ungeheure Aufregung. Der
Rat ließ sich durch das allgemeine Geschrei über Verrat einschüchtern und der alte
Bürgermeister Banzkow übergab dem Wollenweber Klaus Jesup, dem Führer der
aufsässigen Menge, die Torschlüssel, damit er für die Sicherheit der angeblich
gefährdeten Stadt sorge. Klaus Jesup war schon bei der früheren Umwälzung von
1411 bis 1413 Bürgermeister gewesen. Er verstand mit Hülfe untergeordneter Leute
wie des Bäckers Hans Hamborch, des Schuhmachers Bantekow und des Krugwirts
Hinrik Tideman die Bewegung in Gang zu halten und zu leiten, den Rat aber in
Furcht zu setzen und ihm ein Zugeständnis nach dem andern abzuringen. Aus der
erbgesessenen Bürgerschaft treffen wir an seiner Seite Evert Groteek, auch er
Bürgermeister 1413 und 1415, gemäßigter und einflußloser. Zu Verhandlungen mit
dem Rate ward ein Ausschuß von sechsunddreißig, davon 24 Bürger und 12
Werkmeister von den Aemtern, erwählt. Dieser verlangte Erlaß der Eide, die 1417
wohl nicht nur den Knochenhauern auferlegt waren. Abschaffung der vom Hansetage
1418 beschlossenen Bestimmungen, die künftigem Aufruhr hatten vorbeugen
sollen, mehr Entgegenkommen bei Anliegen der Bürger, Hinzuziehen derselben zu
Verhandlungen in wichtigen Angelegenheiten, bessere Bestellung der Wachen, Untersuchung
der im Kriege vorgekommenen Versäumnisse, auf wirtschaftlichem
Gebiete Versagung des Geleits an Schuldner von Bürgern, Herabsetzung der jüngst
eingeführten Bierakzise, Regelung des Brauens zu Gunsten der Kleinen, größere Freiheit
 

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im Kaufe des Hopfens und der Kohlen ohne Einmengung von Hopfen- und
Kohlenmessern. Die Bäcker insbesondere waren dem Bürgermeister Banzkow
darum gram, weil er sie genötigt hatte nach Gewicht und zu bestimmten Preisen zu backen.

Theil 2

Wismarer Wochenkalender